Zusammenhalt und Gemeinsinn: Was wirklich wichtig ist

NRW-Minister Karl-Josef Laumann war Gast bei der 37. Borbecker Maienmahlzeit

0 12.05.2023

BORBECK. Rund 120 Gäste, dazu zahlreiche Mitwirkende – die 37. Borbecker Maienmahlzeit des Borbecker Bürger- und Verkehrsvereins (BBVV) am Donnerstag, 11. Mai 2023, in der Dampfbierbrauerei an der Heinrich Brauns-Straße sah alle Generationen. Die mit großem Applaus bedachten Schülerinnen und Schüler der Chor- und Orchesterensembles der Borbecker Gymnasien schauten von der Bühne in einen gut gefüllten Saal, der jährliche Preis für besonderes Engagement in Borbeck war diesmal mit einer neuen Auszeichnung für die Jugend verbunden. Und der diesjährige Ehrengast, NRW-Minister Karl-Josef Laumann, der aus Düsseldorf anreiste, sprach in seinem mit Spannung erwarteten Vortrag zum Thema „Politisches Kerngeschäft: Arbeit, Gesundheit und Soziales – Aktuelle Herausforderungen und Perspektiven.“

Die Coronakrise habe deutlich gezeigt, wie verletzlich unsere Gesellschaft sei, erklärte der Minister. Auch wenn die getroffenen Maßnahmen für viele eine wirkliche Zumutung gewesen seien, sei man in Deutschland und NRW zwar „ganz gut durchgekommen“, doch gleich in die nächsten Herausforderungen geraten: Abhängigkeiten von Lieferketten hätten sich mit dem Krieg in der Ukraine noch einmal verschärft, innerhalb weniger Monate sei dadurch vor allem die Frage der Versorgung mit Energie in den Vordergrund getreten - und sicher werde sie nie wieder so billig zu haben sein, erklärte Laumann. Alle Folgen belasteten die Bürger mit einer hohen Inflationsrate und hohen Preisen, aber auch die Landeshaushalte sehr stark. Die Belastungen für die Städte und Kommunen, auch in der Versorgung der Flüchtlinge, seien überall spürbar. „Aber trotzdem sage ich an dieser Stelle - auch wenn es uns schwerfällt: Wer vor Putins Krieg flieht, der hat, finde ich schon, einen guten Grund, bei uns vernünftig aufgenommen zu werden. Dazu müssen wir dann auch stehen“, so der Minister zu spontanem Beifall.

NRW: Stark durch Industrie und Gewerbe

Gleichwohl müsse gerade NRW ein starkes Industrieland mit einer weiterhin starken gewerblichen Wirtschaft bleiben, erklärte Laumann mit Blick auf die gestiegenen Energiepreise – gerade für die besonderes energieintensive Wirtschaft in NRW. „Wir werden nicht nur von Logistik und Dienstleistungen leben können. Darum will ich schon klar sagen, dass die Bundesregierung zur Frage des Industriestroms in der Bundesrepublik relativ schnell eine Lösung finden muss, denn es macht uns schon Sorgen. Wenn der Strom dreimal so teuer ist wie in anderen europäischen Ländern, dann hat das erhebliche Auswirkungen auf die Frage unseres Wohlstands, unserer Arbeitsplätze und auf die Frage, wie wir hier leben können.“ Gerade als Arbeitsminister setze er auf ein gutes Lohnniveau, das zugleich eine stabile Sicherung der sozialen Sicherungssysteme garantiere. Der Klimawandel sei Fakt – „kein vernünftiger Mensch kann das auch leugnen“ – und am Ziel der Klimaneutralität sei festzuhalten. Dennoch sei er überzeugt, dass in Nordrhein-Westfalen auch weiterhin Stahl produziert werden müsse. Auf Beschluss der NRW-Regierung sei darum die größte Förderung der Landesgeschichte nicht ohne Grund an Thyssen Krupp gegangen, das allein für etwa 9 Prozent der Emissionen in Nordrhein-Westfalen verantwortlich sei. „Und ich bin überzeugt, dass wir es schaffen, auch relativ schnell „grünen Stahl“ zu machen, der eben auch klimaneutral ist.“

Sorgen bereite ihm die Stimmung in weiten Teilen der Wirtschaft, berichtete der CDU-Minister von Begegnungen mit Vertretern der Autozulieferer, die vor allem in Südwestfalen für 200.000 Arbeitsplätze stünden: „Ich habe in meinem Leben noch nie ein Treffen mit Wirtschaftsbossen gehabt, das so schwierig, demotivierend und depressiv war.“ Im Blick auf klimagerechteres Wirtschaften und Produktionen plädierte er indessen für Zurückhaltung der Politik. Er sei sehr dafür, dass Deutschland auf dem Weg in die Klimaneutralität sehr entschiedener vorangehen und die Politik dafür Ziele und zeitliche Rahmenbedingungen setzen müsse: „Aber ich verstehe manchmal nicht, warum Politik die Techniken vorgibt, mit denen man das erreichen will. Das sollte man der Wirtschaft und Wissenschaft überlassen und nicht politisch regeln.“ Darum halte er auch die Entscheidung des Europaparlaments in der Frage des Verbrenners für falsch.

Sein Skript legte er gleich zu Beginn zur Seite: Minister Karl-Josef Laumann sprach 45 Minuten über Themen aus dem Maschinenraum der Sozialpolitik

Mehr Arbeitsplätze für mehr Arbeit

Ganz in den Mittelpunkt seiner Rede stellte der Arbeitsminister das drängende Problem des überall spürbaren Fachkräfte- und Arbeitskräfte-Mangels. Kitas und Pflegeheime könnten sehr wohl gebaut werden, erklärte er, ausgebildete pädagogische Mitarbeitende und Pflegekräfte aber gebe es nicht. Auch in fast in allen Schulbereichen habe der Lehrermangel zugenommen - und das angesichts von 100.000 neuen schulpflichtigen Kinder in Nordrhein-Westfalen allein in den letzten vier Jahren. „Also da bin ich ja auch manchmal sehr verwundert: Jahrelang hatten wir die Debatte, wir haben zu wenig Kinder - jetzt sind viele Kinder da und das ist auch ein Problem. Nicht nur wenn man sich unseren Altersaufbau ansieht: Kinder sind aus meiner Sicht ein größter Glücksfall für unser Land Nordrhein-Westfalen“, so Laumann.

Auch mit Blick auf die Bevölkerungsentwicklung insgesamt: Den in Altersruhe gehenden Generationen stünden weit weniger junge Menschen gegenüber, die in den Erwerb gingen, rechnete er vor. Darum sei die jetzige Arbeitsplatzsituation dringend zu verbessern: „Ich glaube nicht, dass es eine Gesellschaft aushält, wenn trotz Fachkräftemangel so viele Menschen ohne Arbeit sind.“ Junge und Langzeitarbeitslose also besser in Arbeit zu bringen, Menschen aus den Übergangssystemen der Berufsschule, aber auch oft gut ausgebildete Behinderte, auf die Betriebe noch nicht ausreichend eingerichtet seien – dies alles seien seine Ansprüche an die Arbeitsverwaltung: „Da brauchden wir einen klaren Mentalitätswandel." Zudem sei die bislang restriktive Berufsanerkennung für Zuwanderer dringend zu überprüfen, gerade auch im Blick auf eine größere Attraktivität der pflegerischen Berufe, die eine weit höhere Anerkennung und fairen Lohn verdienten, forderte Laumann, und verteidigte die von ihm stark forcierte Einrichtung von Pflegekammern.

Auch müsse sich die Wirtschaft auf erheblich flexiblere Arbeitszeitmodelle verständigen, die an die Lebenswirklichkeit der Menschen, ihre privaten und familiären Interessen angepasst seien. Gerade Corona habe gezeigt, dass die Arbeitswelt in vielen Bereichen sehr viele neue Möglichkeiten biete. „Doch grundsätzlich glaube ich nicht, dass wir mit weniger Arbeit die Herausforderungen von Klimaneutralität und vielen andere Fragen beantworten können“, meinte Karl-Josef Laumann. Arbeit sei für ihn ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Lebens und man brauche eine Aufgabe, die nicht zuletzt auch dem Gemeinwesen diene. Zu ihm gehöre auch das, was mit einem Stadtteil verbinde, was Heimat finden lasse. „Dann ist auch wichtig, sich dafür ehrenamtlich zu engagieren - in den Kirchen, Sportvereinen, kulturelle Vereinen oder Umweltorganisationen.“ Wo auch immer das geschehe, müsse dies der Staat unterstützen und habe Politik dafür zu sorgen, dass das Ehrenamt gute Rahmenbedingungen habe: „Dann sieht man auch so etwas wie heute Abend, mit Menschen aus unterschiedlichen Generationen, die sich im Bürger- und Verkehrsverein in Borbeck engagieren“, schloss Karl-Josef Laumann seine Rede zu großem Beifall. „Sie hat uns gezeigt, was wirklich wichtig ist“, erklärte und dankte die BBVV-Vorsitzende Susanne Asche: „Zusammenhalt und Gemeinsinn, das hat uns sehr gut getan!“


Die „Buchmacherinnen" des MGB mit dem langjährigen BBVV-Geschäftsführer Franz Josef Gründges

Auszeichnungen für besonderes soziales Engagement

Erneut auf dem Programm es Abends, bei dem die Gastronomie der Dampfbierbrauerei ein traditionelles Menü servierte, stand auch wieder die Verleihung des Ehrenpreises „Hand in Hand“ für Verdienste um Miteinander und Füreinander in Borbeck. Der BBVV hatte ihn 2023 den Initiativen zuerkannt, die sich mit Mahlzeiten für Junge, Senioren und Bedürftige im Stadtbezirk einsetzen: Ausgezeichnet wurden das Projekt „Borbecker Mahl-Zeit“ (Mittagstisch für Bedürftige) mit Thomas Hartung (Kreuzer), Zug um Zug mit Frank Kampmann und die Flotten Socken mit Margarete Roderig. Gut aufgelegt, ließ sich Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen nicht nehmen, selbst mit kleinen Interviews den Initiatoren und Mitstreitern für ihren Einsatz zu danken. Erstmals ergänzt wurde in diesem Jahr der Ehrenpreis „Hand in Hand“ auch um einen Jugendpreis für besonderes soziales Engagement junger Menschen. Er ging an das Don-Bosco-Gymnasium, das just vor 10 Jahren das Schulprogramm durch einen „Tag des sozialen Engagements“ erweitert hatte. Schulseelsorgerin Simone Honecker und die Klassensprecher der drei Klassen der Jahrgangsstufe 6 stellten das Projekt vor.

Mit einem besonderen Auftritt präsentierten die Schülerinnen des Mädchengymnasiums Borbeck (MGB) eloquent und selbstbewusst ihr Buchprojekt. Das JUNIOR-Schülerunternehmen brachte kürzlich mit „Palmos Abenteuer“ ein Kinderbuch zum Thema Artensterben heraus, für das Grafikdesignerin Jana Ollech, selbst ehemalige MGB-Schülerin, die Zeichnungen und Grafiken besteuerte. Blumen gab es auch für die musikalischen Beiträge der zahlreichen jungen Künstler an diesem Maiabend: Der „Wüstenchor“ und das Vokalensemble „The Unknowns“ des Gymnasiums Borbeck (GymBo) mit ihrem Lehrer Nico Zöller-Pittelkau ernteten viel Applaus, virtuos agierte zudem das Bläserensemble des Don-Bosco-Gymnasiums mit Melissa Kase und Jakob Lerch. Professionelle Spitzenklasse bot nicht zuletzt erneut das Duo Taras Makhno mit seinem Bajan / Akkordeon (Ukraine / Folkwang Universität der Künste) und Margarita Cherenkova mit ihrem modernen Saxophon (Musikhochschule Münster). Und wie immer gehörte am Schluss das Steigerlied dazu – just im März diesen Jahres erst bundesweit zum Immateriellen Kulturerbe erklärt.

Susanne Asche und der Wüstenchor des Gymnasiums Borbeck

Ehrung durch OB Thomas Kufen: Der Jugendpreis "Hand in Hand" für das Don Bosco-Gymnasium (DBG)


Schulleiter Lars Schnor und der GymBo-Wüstenchor


Palmo - das Buchprojekt der jungen Unternehmerinnen des MGB


BBVV-Vorstand und Beirat mit Festredener Minister Karl-Josef Laumann


Ein Schloßstropfen für den Ehrengast


Gewohnt virtuos: Das Duo Margarita Cheenkova und Taras Makhno


Ehrung mit der Auszeichnung "Hand in Hand": Die Preisträger 2023 mit OB Thomas Kufen

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