Vor 70 Jahren: Rot-Weiss Essen gewinnt den DFB-Pokal

„Ein glänzender Pokal – Elf glänzende Gesichter“

0 29.04.2023

„Ein glänzender Pokal – Elf glänzende Gesichter“ ... - So lautete nur eine der vielen Schlagzeilen zum ersten nationalen Titelerfolg von Rot-Weiss Essen. Am 1. Mai 1953 gewann die Mannschaft von der Hafenstraße im ersten Endspiel nach dem Zweiten Weltkrieg den DFB-Pokal. Vor 42.000 Zuschauern im Düsseldorfer Rheinstadion setzten sich die Essener gegen Alemannia Aachen 2:1 (1:0) durch und wurde zum ersten „echten“ DFB-Pokalsieger, denn zuvor (1935-1943) hieß der Wettbewerb noch „Tschammer-Pokal“. Auch die übergebende Trophäe war noch aus der Nazi-Zeit, das Hakenkreuz lediglich durch das DFB-Logo ersetzt. Der heute bekannte Pokal wurde erst 1964 zum ersten Mal dem Finalsieger überreicht.

Das Plakat zum ersten DFB-Pokalendspiel am 1. Mai 1953 in Düsseldorf und der damals ausgespielte Pokal.

Finale auf Augenhöhe

Bei drückender Hitze standen sich mit RWE und Alemannia Aachen zwei Klubs aus der Oberliga West gegenüber. Beide Teams hatten vier Gegner auf dem Weg ins Finale aus dem Weg räumen müssen und dabei für Furore gesorgt. Essen vor allem mit einem 6:1 über den HSV im Viertelfinale, Aachen im Achtelfinale mit einem 2:0 im Wiederholungsspiel über den ersten Nachkriegsmeister 1. FC Nürnberg. Und so wollten sich 42.000 Zuschauer im Rheinstadion die Premiere des DFB-Pokalfinals nicht entgehen lassen. Vienna Wien, letzter Pokalsieger (1943) bis dahin, stellte die Trophäe, die einer antiken Blumenvase glich, wieder zur Verfügung.

Es sollte sich ein echter Pokalfight entwickeln, über den die WAZ in ihrem Vorbericht titelte: „Rot-Weiss Essen fühlt sich gegen Alemannia Aachen nicht ganz sicher“. In dem Artikel hieß es über die Domstädter: „Alemannia ist eine typische Pokalmannschaft: hart, einsatzfreudig, mit einem Gemisch von exzellenten Technikern und rücksichtslosen Draufgängern. Zurzeit ist Aachen in ausgezeichneter Form.“ Die Favoritenrolle schien damit vergeben, zumal bei RWE der Einsatz einiger Spieler verletzungsbedingt infrage stand. RWE-Gründer Georg Melches meinte diplomatisch: „Der Bessere soll gewinnen.“

Die Essener Fans hatten Busse organisiert, waren in Privatwagen und mit der Bahn angereist, um ihren RWE zu unterstützen. Wer fehlte, war die DFB-Spitze um Präsident Peco Bauwens, die einen Trip zum englischen FA-Cup-Finale im Londoner Wembley-Stadion dem Pokalendspiel des eigenen Verbandes vorzog. Die über 40.000 Zuschauer interessierte das wenig. Sie stimmten schon vor Spielbeginn ihre Anfeuerungsgesänge an und sorgten für eine prickelnde Pokalatmosphäre. Erst zwei Stunden vor dem Anpfiff machte sich auch der rot-weiße Mannschaftstross auf den Weg ins Düsseldorfer Rheinstadion. Eine Stunde vor dem Anstoß kam der Omnibus mit der Essener Mannschaft an. Dem Spielbericht von WAZ-Reporter Ludger Ströter zufolge schien es sich mehr um einen Familienausflug zu handeln: „Die Spieler stiegen mit ihren Frauen aus, lachend und offensichtlich bester Laune. Gemächlich schlenderten sie ins Stadion, setzten sich auf eine Bank und schauten ihrer B-Jugend zu. Trainer Hohmann und Spielausschussvorsitzender Georg Melches gesellten sich zu ihnen. Als die Zeit zum Umkleiden gekommen war, verschwanden sie in der Kabine.“

Einlauf auf dem Platz: August Gottschalk führt seine Mannschaft zum Endspiel ins Düsseldorfer Rheinstadion. Hinter ihm laufen Fritz Herkenrath und Heinz Wewers.

Ein packender Spielverlauf

Umso ernsthafter bestritten die Rot-Weissen dann aber ihr Match und kamen zu vielen Strafraumszenen. Einen 40-Meter-Pass von Willi Köchling schoss Penny Islacker in der 33. Minute endlich zum verdienten 1:0 ins Aachener Netz. Der knappe Rückstand zur Halbzeit war für die Kaiserstädter schmeichelhaft. „Es ist nicht übertrieben. Zur Pause hätte Rot-Weiß gut und gerne 3:0 führen können“, schrieb die WAZ.

Die zweite Hälfte begann so, wie die erste geendet hatte. RWE drängte auf ein weiteres Tor, das ihnen in der 51. Minute auch gelang. August Gottschalk passte von der Außenlinie zu „Boss“ Rahn, der in seiner unnachahmlichen Art gleich drei Mann aussteigen ließ und den Ball aus Mittelstürmerposition ins linke Toreck knallte. Eine Vorentscheidung schien gefallen zu sein, zumal RWE in der ersten Halbzeit bereits so viele gute Chancen gehabt hatte, dass es auch zu einer 3:0-Führung gereicht hätte. Doch urplötzlich war die Begegnung wieder völlig offen. Jupp Derwall, der spätere Bundestrainer, zog in der 56. Minute aus 25 Meter ab und ließ Fritz Herkenrath mit einem platzierten Schuss unter die Latte keine Abwehrmöglichkeit. Noch waren 34 Minuten zu spielen. Die Aachener berannten nun das Essener Tor, sahen sich aber gleichzeitig immer wieder gefährlichen Kontern ausgesetzt. Mit Glück und Geschick konnten die Essener am Ende das insgesamt verdiente 2:1 über die Zeit bringen und sich als erste deutsche Mannschaft nach dem Krieg in die Pokalsiegerliste eintragen.


Spielführer August Gottschalk mit dem DFB-Pokal

Rot-Weiss Essen — Alemannia Aachen 2:1 (1:0)

Freitag, 1.5.1953

RW Essen: Herkenrath – Göbel, Köchling – Jahnel, Wewers, Wientjes – Rahn, Islacker, Gottschalk, Abromeit, Termath

Aachen: Heinrichs – Metzen, Coenen – Pfeiffer, Jansen, Richter – Hartmann, Gawell, G. Schmidt, Derwall, J. Schmidt

Tore: 1:0 Islacker (33.), 2:0 Rahn (51.)‚ 2:1 Derwall (56.) – SR: Reinhardt (Stuttgart)

Pokalübergabe ohne DFB-Spitze

Anschließend überreichten DFB-Pressewart Alfred Ries und der Spielausschussvorsitzende Hans Körfer den „Pott“ an RWE-Kapitän August Gottschalk. Vergessen hat man die Abwesenheit der DFB-Spitze bis heute nicht. Die kurzen Ansprachen der DFB-Repräsentanten gingen dann auch im Jubel der Rot-Weiss Freunde unter, die nach dem Schlusspfiff das Spielfeld stürmten, Fahnen schwenkten, Transparente entrollten und immer wieder sangen: „Aber eins, aber eins, das bleibt besteh’n, der Rot-Weiss Essen wird nicht untergeh’n.“

Das Schlusswort nach einem mitreißenden Finale gehörte RWE-Trainer Karl Hohmann, 1934 als Spieler bei der WM in Italien dabei, und nun erster DFB-Pokalsiegertrainer: „Nachdem uns die Aachener mit ihrem 4:1 Sieg auf dem Tivoli die letzten Aussichten auf den zweiten Tabellenplatz und damit auf die Endrunde nahmen, haben wir uns konzentriert auf das Pokalendspiel vorbereitet. Meine Mannschaft gab mir damals das Versprechen, den Pokal nach Essen zu holen. Ich glaube, dass beide Mannschaften dazu beigetragen haben, dass der Pokal wieder populär wird.“ Wie recht er hatte, zeigt sich an der von Jahr für Jahr zunehmenden Popularität des DFB-Vereinspokals, der seit 1985 immer im Berliner Olympiastadion ausgetragen wird. In der Chronik dieses Wettbewerbs als DFB-Pokal steht der Name von Rot-Weiss Essen dabei für immer ganz am Anfang.

Finanziell machte sich das im ersten Jahr allerdings noch nicht bemerkbar. Die offizielle Abrechnung des Pokalendspiels durch den Fußballverband Niederrhein ergab nach Abzug der Ausgaben einen Gewinn von jeweils 12.024,15 DM für die beiden Endspielteilnehmer und den DFB.

Georg Schrepper


Plakat zum Spiel, rechts: Stolz wurde der DFB-Pokal 1953 auch in der „kurzen fuffzehn“ präsentiert.

 

 

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