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0 28.04.2026
GERSCHEDE. Vermutlich würde es noch nicht einmal für ein Paar seidener Strümpfe reichen, wenn man sämtliche Blätter der Maulbeerhecke im Gerschermannweg 26 den Seidenraupen zum Fraß vorwerfen würde. Die Hecke ist ein Relikt aus den Anfangsjahren der Gimkenhof-Siedlung in Gerschede. Alfred Giepen hat die Maulbeeren, die etwa 1938 vor sein Elternhaus gepflanzt wurden, bis heute gehegt und gepflegt. Blättert man in alten Zeitungen, fällt auf, dass die Seidenraupenzucht seit 1936 einen Aufschwung erlebte. Was zunächst abwegig klingt, bekommt vor dem Hintergrund eines aufziehenden Krieges Sinn: Die Raupen sollten die Seide für Fallschirme spinnen. Überall im Ruhrgebiet (aber nicht nur da) wurden Maulbeerbäume gepflanzt.
Alfred Giepen (geboren in den letzten Kriegsjahren) erinnert sich: „Die Siedler wurden aufgefordert, diese Maulbeerhecken zu pflanzen.“ Die Blätter wurden an Seidenraupen verfüttert. „Man wollte Seide gewinnen, um Fallschirme für die Luftwaffe zu machen“, so Giepen. „Jeder in der Straße hatte eine solche Hecke.“ Bevor die Bemühungen Früchte bzw. Blätter tragen konnten, mussten aus den Stecklingen erstmal große Sträucher mit genügend Blättern heranwachsen. Dafür brauchte es ungefähr drei Jahre. Die Raupenzucht in Siedlungen, Kleingärten und auf Schulhöfen wurde vom Reichskriegsministerium gefördert. Das NS-Regime hatte das ganze Deutsche Reich zur Seidenraupenzucht aufgerufen.
Das ganze Reich? 
Sicher!
Denn um ein Kilo Seide herzustellen, braucht man
Der Vorteil von Seide: Sie ist sehr reißfest, wasserabweisend, schimmelresistent und schnell trocknend.
In der Festschrift „50 Jahre Siedlergemeinschaft Gerschede e.V.“ steht unter der Überschrift „Seide aus Gerschede?“
folgendes zu lesen: „Im Januar 1939 erging von der Stadt Essen die Aufforderung, die Vorgärten gärtnerisch anzulegen und als Straßenbegrenzung wurden vor den Doppelhausreihen Maulbeerhecken gepflanzt. Den Anordnungen des für die Gartenbepflanzung z„Im Januar 1939 erging von der Stadt Essen die Aufforderung, die Vorgärten gärtnerisch anzulegen und als Straßenbegrenzung wurden vor den Doppelhausreihen Maulbeerhecken gepflanzt. Den Anordnungen des für die Gartenbepflanzung zuständigen Herrn Tepaß sei Folge zu leisten.“
Doch die Zucht von Seidenraupen ist weitaus komplizierter als das Halten einer Sau oder von Hühnern. So müssen die Tiere in einem geschützten Raum untergebracht sein, in
welchem die Temperatur reguliert werden kann. Rund einen Monat dauert es, bis sich die aus den Eiern geschlüpften winzigen Raupen auf rund 9 cm Länge groß gefressen
haben. Während dieser Zeit müssen sie permanent betreut werden. Das Futter muss immer frisch gepflückt sein, welke Blätter werden verschmäht. Dreimal täglich wird gefüttert.
Die Raupen sind anfällig für Krankheiten. Deshalb muss ihr Behälter sauber gehalten werden. Kot und Reste nach jeder Häutung müssen entfernt werden.
Nach etwa vier Wochen spinnt sich die Raupe in einen Kokon ein und die Metamorphose zum Nachtfalter beginnt.
Nach rund drei Wochen zerstört der Falter die Spitze des Kokons und kriecht heraus. Direkt nach dem Schlüpfen beginnt die Paarung. Das Weibchen legt 300 bis 500 Eier ab und stirbt dann. Die Männchen sind dann schon tot. (Quelle: Brockhaus Konversations-Lexikon 1895)
Doch man lässt nur so viele Falter schlüpfen, wie zur Weiterzucht gebraucht werden. Damit der Kokon als Ganzes erhalten bleibt und kein Loch durch das Schlüpfen des Schmetterlings entsteht, wird er vor dem Schlüpfen in kochendes Wasser getaucht oder mit heißen Dampf besprüht. Dann erfolgt das Abwickeln des seidenen Fadens.
Das klingt nach viel Arbeit. Häufig wurden Schulen damit betreut. In der August-Nummer 1940 der nationalsozialistischen Zeitschrift für Schüler „Hilf mit!“ wird ein Artikel „Wir helfen mit. Seidenraupenzucht in einer Dorfschule“ abgedruckt, in dem es u.a. heißt: „Überall in Deutschland sind Lehrer und Schüler an einem neuen, gemeinsamen Werk. Sie haben sich
Maulbeerpflanzungen eingerichtet und züchten Seidenraupen. In diesem Bericht erzählen wir euch aus dem Leben einer Dorfschule, die sich schon vor Ausbruch dieses Krieges an die Arbeit machte. Die Jungen und Mädel sind mit Feuereifer bei der Sache. Sie helfen mit an der Heimatfront.“ 1938 betrieben in Köln 66 Schulen Gärten mit Maulbeerbäumen. (Quelle: www.jugend1918-1945.de)
Im Netz findet man aus der Zeit Schulchroniken zum Beispiel der Möllhovenschule, der Schlossschule, der Richthofenschule (Neerfeldschule / Walter-Pleitgen-Schule) und Dellwig I. (Reuenbergschule). In den Chroniken liest man hier und da Hinweise auf Kartoffelkäfersuchaktionen, Hinweise auf die Zucht und Pflege von Seidenraupen fehlen dort.
Der Gerscheder Berthold Prochaska (gest. 2020) berichtete allerdings: Die Seidenraupenzucht ging auch nach Kriegsende weiter. „Eine Bestätigung hierfür ist der Besuch einer Schulklasse der Möllhovenschule bei Josef Tepaß im Neuwiedweg. 1953 fand der Besuch mit Lehrerin Josefine Schlaf statt.“
Herr Tepaß erzählte den Schülern ausführlich von den Raupen, die in großen Gestellen hinter Glas lebten, in denen Äste der Maulbeerpflanze hingen, und deren Blätter von den Seidenraupen verspeist wurden.“ (Borbecker Beiträge 2/2013)
Übrigens: Schon Friedrich der Große war an Seidenproduktion interessiert. Damals gab der Preußische Staat viel Geld für die Einfuhr von Seidenstoffen aus, da höhere Mi-
litärs Wert auf prachtvolle Orden legten, die an luxuriösen Seidenbändern baumelten. Der Hochadel trug aufwändig gearbeitete Kleidung, ebenfalls aus Seide. Seidentapeten waren „in“ auf Herrensitzen und Schlössern. Da lag es für den Alten Fritz nahe, es mit den nimmersatten Raupen selber zu probieren. Also ließ er die Seidenraupenzucht und die Spinnerei von Rohseide staatlich fördern. Hösus
Zu den Bildern:
In den Kleinanzeigen der Essener Volks-Zeitung findet man zwischen 1938 und 1940 einige Anzeigen, in denen Seidenraupen-Eier oder ganze Zuchtanlagen angeboten werden.
Wo es Geschäfte zu machen gibt, sind Betrüger nicht weit. Ein falscher „Reichsseidenbauinspektor“ wanderte wegen Betrugs ein Jahr ins Zuchthaus. Quelle: EVZ

Bild oben: Die Blätter der Weißen Maulbeere (Morbus alba) sollten an die Seidenraupen verfüttert werden. Vor dem Haus von Alfred Giepen (Foto) steht noch
eine Hecke aus der Anfangszeit der Gimkenhof-Siedlung.
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