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0 11.07.2025
BORBECK. Ferien! Für alle Schülerinnen und Schüler, die noch ein paar Jahre auf ihrem Bildungsinstitut vor sich haben, ist das eine schöne Sache. Für alle, die sich jetzt in den letzten Wochen mit den Abiturklausuren und den (Nach-)Prüfungen herumgeschlagen haben, ist es sicher noch ungewohnt. Keine Ferien mehr? Nun werden sich die einen sofort in einen Job gestürzt haben, andere warten auf ein Freiwilliges Soziales Jahr oder haben schon ihre Zusagen von der Uni in der Tasche und machen sich auf Wohnungssuche in fremden Städten. Und vielleicht trauern sie auch ihren Jahren an der alten Penne schon ein bisschen hinterher. Vielleicht aber auch nicht.
Wer einst in die Fremde zog, um seine akademische Ausbildung zu perfektionieren, hatte damals - mehr noch als heute - eine sehr viel größere Distanz zum eigenen Heimatteich. Wo eine Bude finden, wo Anschluss? Wer sagt, welche Vorlesungen oder Seminare wirklich wichtig sind, gibt hilfreiche Tipps für den Alltag? Mit wem ziehe ich abends um den Block? Seit gut 200 Jahren suchten viele an den „Hohen Schulen“ des Landes darum in diversen studentischen Vereinigungen den Kontakt zu Gleichgesinnten. Ihre Mitglieder kamen entweder aus der gleichen regionalen Ecke oder passten von der fachlichen und religiösen Ausrichtung.
Diese studentischen Vereine und Verbindungen, die schon auf die „Nationen“ an den mittelalterlichen Universitäten zurückgingen und im 19. Jahrhundert wie Pilze aus dem Boden schossen, fühlten sich vielen unterschiedlichen Grundsätzen (Prinzipien) verpflichtet. Sie gründeten sich auf die Ideen der Aufklärung, des einigen Nationalstaates oder der konfessionell-spirituellen Herkunft, sie waren Brutstätten des Nationalismus und Schulen der Demokratie zugleich, dazu wissenschaftliche oder politische Kaderschmieden, konservative Adelclubs oder progressive Gesellschaftsveränderer. Sie hatten ihre Treffpunkte in bestimmten Lokalen, unterhielten später sogar eigene Häuser und sind insgesamt Spiegelbilder der Entwicklung eines hochspannenden Jahrhunderts. Burschenschaften, Landsmannschaften, Turner- und Sängerschaften, akademische Fecht- und Rudervereine, Corps und viele andere stehen für eine bunte Vielfalt, die bis heute erhalten ist. Sie waren und sind immer noch Netzwerke, wie sie auch in unseren Tagen oft gefragt sind.

Das Bild, das die in der Öffentlichkeit omnipräsenten Verbände abgaben, inspirierte spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auch die gymnasialen Vorstufen des Universitätsbetriebs. An vielen Pennen der Kaiserzeit, die etwas auf sich hielten, eiferten die noch nach Jahrgängen mit unterschiedlichen Mützen ausgestatteten Scholaren den „Großen“ an der Uni fleißig nach. Auch am Gymnasium Borbeck, das aus der 1873 errichteten „katholische Knaben-Mittelschule“ entstand. Sie wurde 1898 in eine „Katholische Knaben-Rectorat-Schule“ und 1901 nach einer Revision durch das königliche Provinzialschulkollegium zu einem Progymnasium in Entwicklung umgewandelt. Erster Leiter wurde Dr. Joseph Cüppers und 1905 erhielt das Progymnasium den Status einer Vollanstalt. Mit der Eingemeindung Borbecks im Kriegsjahr 1915 – vor 110 Jahren - bekam die Schule die Bezeichnung „Städtisches Gymnasium Essen-Borbeck“.
Aus diesen Jahren haben sich einige Bildzeugnisse erhalten, die zeigen, dass man sich auch hier an den Trends der Zeit orientierte: Zwischen 1907 und 1930 scheint es in Borbeck sehr normal gewesen zu sein, sich an der gymnasialen Schule in einer eigenen „Verbindung“ zusammenzuschließen und all das zu tun, was man an den Universitäten auch pflegte – freilich mit dem Unterschied, dass man sich nicht lebenslang an den Verein band, weil ihm meist keine lange Dauer beschieden war. Doch um sich von anderen zu unterscheiden, wählte man ebenfalls unterschiedliche Farben als Erkennungszeichen, legte sich ein entsprechendes eigenes behelmtes Wappen oder Logo zu und feierte Kommerse, an studentische Rituale angelehnte feuchtfröhliche Festveranstaltungen. Und man druckte Postkarten, die man in mehr oder weniger nüchternem Zustand von solchen Feiern auf die Reise schickte und von denen sich manche erhalten haben.

1907 wählte die Abiturientia mit den Farben Rot-Weiß-Gold ein sehr klassisches Motiv: In einem romanischen Rundbogen erscheint das noch frische Gymnasium mit der Vorderfront. Die Abiturientia 1911 machte es mit einer von Werner Langweg gestalteten Karte noch klassischer: Sie präsentierte eine griechische Tempelszene, geziert mit einem blau-weiß-goldenen Band und aufgelegtem Wappen mit „Zirkel“, einer aus Buchstaben gebildeten Abkürzung für „Vivat – floreat – crescat – Abiturientia“.

Im Kriegsjahr 1916 zeigen die „Einjährigen“ einen romantischen Fensterblick auf das Hauptgebäude und Lorbeerkranz, ein blau-weiß-rotes Farbenband und ein helmgekröntes Wappen, das neben dem Zirkel auch das Essener Stadtwappen und ein springendes Westfalenpferd trägt. 1918, in der letzten Phase des I. Weltkriegs, möchten die Einjährigen des Jahrgangs noch an einen Sieg der kaiserlichen Truppen glauben: Ein fliegender preußischer Adler trägt ein Schwert und Siegeskranz, das eichenlaubbekränzte Zirkelwappen ist schwarz-gold-rot.

In der Nachkriegszeit ist 1919 offensichtlich kein Profi mit der Vorlage für eine Postkarte beauftragt worden, sondern ein eigener Entwurf in den Druck gegangen: Er zeigt einen hornblasenden Herold oder Narr auf einer Zinne mit einem sehr rudimentär gezeichneten gold-weiß-blauen Farbenwappen. Ganz anders fünf Jahre später “Die 20 Borbecker Abiturienten” auf einem Holzschnitt von 1924, mit der Umschrift “Es kummt ein Schiff gefahren, gefüllt bis an sein Bord. Mit lauter schwarzen Pfaffen, die führen allen das Wort” – eine Anspielung auf ein bekanntes Kirchenlied und zugleich auf den starken kirchlichen Einfluss am Borbecker Gymnasium, aus dem viele Geistliche hervorgingen. Und so erscheinen auch gleich neun in geistlichen Gewändern gekleidete Gestalten auf einem Schiff, während andere gewählte Studienfächer wie Juristen offensichtlich etwas ratlos am Ufer stehen. Ein Jahr später erscheint die Karte deutlich reduzierter: Es gibt kein spöttisch-ironisches Motiv mehr, das auch angeeckt sein dürfte, sondern ein einfaches kleines Wappen mit Grün-Gold-Lila ziert die Karte von 1925.

1926 präsentiert sich die Postkarte erneut als Kunstwerk: Geschaffen wurde es nach einer Zeichnung des später berühmt gewordenen Otto Doppelfeld (1907-1979), später Direktor des Römisch-Germanischen Museums und Honorarprofessor an der Universität Köln. Kein Wunder, dass schon das Schriftband des 19-Jährigen einen gewissen Anspruch signalisierte: „O beatorum beata insula vale! Quae docuisti nos …“ – O lebe wohl Du glückliche Insel der Seligen, die Du uns neun Jahr gelehrt hast“… - so steht dort in Latein und Griechisch zu lesen. Es zeigt Oberprimaner auf einem Rhinozeros und einige Segelschiffe, die zu unterschiedlichen Berufsfeldern aufbrechen. Auch eine eigene Zeichnung ist die der Einjährigen vom Jahrgang 1930, wenn gleich sehr viel einfacher: Hier ist ein in Lila, Grün und Rot gehaltenes Helmwappen der einzige Schmuck. Der Zirkel aber dürfte mit seinem deutliche sichtbaren „B“ einen Hinweis auf „Borbeck“ geben.

Dass sich die Zeiten in den Jahren danach deutlich änderten, steht auf einem anderen Blatt. Denn die Gleichschaltung aller Jugendverbände durch die Nazis machte auch vor den Universitäten nicht halt. Ab 1935 wurden alle Studentenvereinigungen verboten – nur wenige konnten sich erst noch verweigern. Zahlreiche Mitläufer des Regimes kamen aus den akademischen Verbänden selbst, andererseits aber auch sehr viele Opfer und erst sehr langsam nahm ihre Arbeit nach dem Krieg wieder Fahrt auf.
Die größten stellen nach wie vor die konfessionell geprägten katholischen Verbände wie der Cartellverband katholischer deutscher Studentenverbindungen (CV), der mit der K.D.St.V. Nordmark auch am Dionysiuskirchplatz in Borbeck ein eigenes Studentenhaus unterhält. Der 1855 gegründete Unitas-Verband wissenschaftlicher katholischer Studentenvereine ist seit einigen Jahren durch die Unitas Ruhrania mit einem Haus im „Feldschlößchen“ an der Flurstraße in Borbeck vertreten. Dass sich dort zehn Jahre lang sogar ein Unitas-Studentinnenverein „Unitas Franziska Christine" gehalten hat, ist zwar inzwischen Geschichte. Aber auch sie halten in ihrem Lebensbund noch als Ehemalige über das Studium hinaus zusammen. Vom Gymnasium Borbeck ist ein Wiederaufleben der vorstudentischen Geselligkeit nach dem Krieg nicht mehr überliefert.
C. Beckmann
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