Sankt Martin reitet wieder

Eine alte Tradition auch in unseren Stadtteilen

0 03.11.2023

BORBECK. Immer wieder wird in diesen Tagen nachgefragt: Wo ist der nächste Martinszug? Egal, in welcher Sprache und Kultur man ursprünglich zuhause ist - Martin verbindet und seine Geschichte fasziniert bis heute. Vor allem in vielen Regionen Deutschlands ist bis heute vielfältiges Martinsbrauchtum verbreitet: Martinszüge mit Pferd und Laternen rund um den 11. November, Süßigkeiten und Gänsebraten machten das Brauchtum um den Heiligen 2018 zum immateriellen Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Was aber hat es mit dem legendären Reitersmann auf sich, dessen Spuren man inzwischen auf 2.500 Kilometern durch Europa folgen kann?

Vom Soldat zum Bischof

Viele heutige Länder auf dem Kontinent hat Martin von Tours vor 1700 Jahren selbst bereist. Denn dafür, dass er vor so langer Zeit lebte, ist recht gut dokumentiert, wie sein Leben verlaufen ist. Geboren wurde er um das Jahr 316/17 in Sabaria (heute Szombathely) im heutigen Ungarn, war Soldat, Priester, Einsiedler und Bischof. Der Sohn eines Offiziers trat als 15-Jähriger in Pavia (Italien) bei der berittenen kaiserlichen Leibgarde in die römische Armee ein, gehörte zu einer in Gallien eingesetzten Kavallerie-Eliteeinheit und war in Worms stationiert.

Der Legende nach spielte sich 334 in Amiens (Frankreich) dann jene Szene ab, die alljährlich bei den Martinszügen eine Rolle spielt: In einem strengen Winter begegnete der achtzehnjährige Gardeoffizier einem armen, unbekleideten Bettler, der um Hilfe bat. Martin teilte mit dem Schwert seinen Mantel und gab dem Frierenden eine Hälfte. In der Nacht sah er im Traum Christus bekleidet mit dem Mantelstück und sein Leben änderte sich: Martin ließ sich taufen. Er wurde Priester, zog sich als Einsiedler zurück, gründete 361 mit dem Kloster Ligugé das erste Kloster im westlichen Abendland und wurde 371 vom Volk zum Bischof von Tours ausgerufen. Damit verbunden ist die Erzählung, dass Martin sich in einem Gänsestall versteckte, um so diesem Amt zu entgehen. Doch das Geschnatter des Federviehs – so die Legende - verriet ihn.

Am 4. Juli 372 wurde Martin zum Bischof geweiht. Und er ging die Sache sehr konsequent an: Er unternahm zahlreiche Missionsreisen durch das ganze Land und sein Ruf verbreitete sich schnell. Man schreib ihm Wundertaten und Wunderheilungen zu – so 386 in Trier – aber auch einen großen Gerechtigkeitssinn. Er setzte sich ganz persönlich für Gefangene ein, traf sogar mit den römischen Kaisern Valentinian I. und Maximus zusammen, um Todesurteile und die Einmischung des Staates in kirchliche Angelegenheiten zu verhindern. Über 25 Jahre lang war er so unterwegs und gründete zahlreiche Kirchen und Klöster. Am 8. November 397, im Alter von etwa 81 Jahren, starb Martin auf einer Predigtreise und wurde am 11. November in Tours unter ungeheurer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt.

St. Martin: Wichtiger Jahrestermin

Auf seine Zeitgenossen und spätere Generationen hinterließ Martins Leben nachhaltigen Eindruck: Im Jahr 480 wurde der 11. November zu seinem Gedenktag erklärt. Aus der Kapelle über seinem Grab entstand mit der Abtei St. Martin eine prächtige Basilika und die meistbesuchte Wallfahrtsstätte - nach Rom. Der Frankenkönig Chlodwig (481-511) machte Martin zum Schutzherrn der fränkischen Könige und „Nationalheiligen“ seines Reiches. Der legendäre Soldatenmantel (lateinisch: „capella“) wurde zum Reichsheiligtum, das auf allen königlichen Reisen in einem eigenen Zelt mitgeführt und von speziellen Geistlichen bewahrt wurde. Noch heute findet sich der Name in der Bezeichnung für eine kleine Kirche – auch das Wort „Kaplan“ steht damit im Zusammenhang.

Durch die Ausweitung des Frankenreiches kam die Verehrung von Martin sehr früh auch bis in unsere Region. Ab dem Mittelalter war der Martinstag ein sehr wichtiges Datum im Kalender: Sein Gedenktag am 11. November galt früher als Winteranfang und Tag der Zins- und Pachtzahlungen. Zu den fälligen Naturalabgaben gehörte damals auch die Martinsgans als Höhepunkt eines üppigen Festtagsessens: Denn zudem war es der letzte Tag vor dem damals noch üblichen vierzigtägigen Adventsfasten. Da in der Nacht vor dem Fasten, der Fastnacht, ausgiebig gefeiert wurde, entstanden in der bäuerlichen Gesellschaft verschiedene Bräuche, die sich über Jahrhunderte hielten. Vor gut 150 Jahren wandelten sich diese Bräuche vor allem zwischen Rhein, Maas und dem Eifelvorland: Hunderte lokale Sankt Martins-Vereine und -Komitees organisierten die Feste zu Ehren des Heiligen und seiner vorbildhaften Mantelteilung und es entstand eine überall ähnliche Form, die noch heute üblich ist.

Martin von Tours ist der erste Heilige überhaupt, der kein Märtyrer ist. Seine charismatische Wunderkraft machte ihn zum Bekenner. Durch seine vielen Klostergründungen gilt der tausendfache Namensgeber für Kirchen weltweit als Mönchsvater, er ist Schutzpatron Frankreichs und der Slowakei, Landespatron des Burgenlandes in Österreich und Patron der Bistümer Mainz und Rottenburg-Stuttgart. Sein Leben macht ihn zum Schutzheiligen der Reisenden und der Armen und Bettler sowie der Reiter, aber auch der Flüchtlinge, Gefangenen und der Soldaten.

Martinszüge bei uns im Überblick:

Samstag, 4. November - Martinszug in Essen-Frintrop
Er wurde schon einmal mit bis 6.000 Teilnehmern als einer der größten in Deutschland bezeichnet: Der Bürger- und Verkehrsverein Frintrop (BVV) startet den 56. Frintroper Martinszug um 17.30 Uhr am Frintroper Markt über die Seestraße, Helmstraße, Glockenstraße, den Höhenweg, die Frintroper Straße und die Schlossstraße zum großen Martinsfeuer mit Martinsspiel am Donnerberg. Mit dem Verkauf von Losen werden die großen Kosten finanziert. Als Gewinne gibt es Gutscheine, die bei Frintroper Gewerbetreibenden eingelöst werden können. Der allererste Frintroper Martinszug zog im Jahr 1926 durch die Straßen.

Samstag, 4. November - Martinszug Gemeinde Herz Mariä, Altenessen
Beginn 17 Uhr, Start vor der Kirche an der Heßlerstraße 233.

Mittwoch, 8. November - Martinszug in Dellwig
Der Martinszug in St. Michael findet am, um 17 Uhr statt. Los geht es von der Kirche aus durch Dellwigs Straßen. Anschließend sorgt die KjG für Speis und Trank.

Freitag, 10. November - St.-Martins-Umzug in Vogelheim
Der Zug startet um 17:30 Uhr durch Vogelheim, Start an der Stadthafenschule (Veranstalter: ev. Kirchengemeinde Borbeck-Vogelheim)

Freitag, 10. November - Martinszug Gemeinde St. Mariä Himmelfahrt, Altendorf
Beginn um 17 Uhr in der Kirche, Ehrenzeller Straße 45, mit einem Martinsspiel der Kita St. Anna, anschließend zieht der Zug zum Niederfeldsee und zurück auf den Kirchhof. Dort Abschluss mit Verlosung, warmen Getränken, Imbiss und mehr.

Sonntag, 12. November - Martinszug Gemeinde St. Johann Baptist, Altenessen
Beginn 17 Uhr, Start auf dem Johanniskirchplatz/Karlsplatz.

Europäischer Martinsweg: Europäische Martinswege gehen inzwischen durch Frankreich, Ungarn, Italien, England, Kroatien und Slowenien. Denn seit einigen Jahren entsteht auf Initiative des Europarats ein europäisches Netz von Pilgerwegen, die ähnlich wie die Jakobswege nach Santiago de Compostela in Nordspanien durch ganz Europa führen, an den populären Heiligen der Mantelteilung erinnern wollen und seinen Geburtsort im heute ungarischen Szombathely (Steinamanger) mit dem französischen Tours verbinden.

Die Hauptroute der „Via sancti Martini“ verläuft von Ungarn aus nach Slowenien, über Venedig nach Mailand, durchs Aosta-Tal und überquert beim Kleinen Sankt Bernhard die Alpen Richtung Lyon und endet der Weg in Tours. Die Route berührt damit eine Reihe von Orten, an denen Martin laut historisch gut gesicherten Erkenntnissen auch gewesen ist.

Ein zweiter Weg durch Österreich, Deutschland, Luxemburg und Frankreich wird Mittelroute genannt. Für die Strecke durch die Bistümer Freiburg, Speyer, Mainz und Trier wurde im November 2016 das letzte durch Deutschland führende Teilstück zwischen Trier und Luxemburg eröffnet. Hinzu kommen zwei weitere Routen: Die eine führt in Süd-Nord-Richtung vom spanischen Saragossa durch die Pyrenäen nach Tours, die andere verbindet als Nord-Süd-Tour das niederländische Utrecht mit der Stadt an der Loire. Erkennbar sind alle Wege an bordeauxroten Tafeln mit einem gelben Kreuz und dem Signet des Europarates. Das Wegenetz umfasst rund 2.500 Kilometer.

cb

Mehr im Internet: http://www.martinstradition.de, https://martin-von-tours.de/de/, www.saintmartindetours.eu, www.martinuswege.eu, Karte der Martinswege: http://www.vianovis.net/martinusweg/datagis/pdf/karte-via-sancti-martini-21-mars-2015.pdf

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