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0 23.02.2026
BORBECK. Seit 1984 veranstaltet der Borbecker Bürger- und Verkehrsverein die Maienmahlzeit, auf der Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens über aktuelle Themen der Zeit einen Vortrag halten. Im Mai 1993 war die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth Ehrengast der 10. Borbecker Maienmahlzeit.
Bei ihrer Ankunft in Borbeck wirbelte sie ganz schön viel Staub auf. Erst im zweiten Versuch gelang es dem Piloten, den Hubschrauber auf dem Gelände des Mädchengymnasiums aufzusetzen. Von dort wurde der Ehrengast in einer gepanzerten Limousine zur Dampfbierbrauerei kutschiert, wo sie von Dr. Jürgen Marsch, Vorsitzender des Borbecker Bürger- und Verkehrsvereins, freundlich begrüßt wurde. Er freue sich, so Dr. Marsch, mit Frau Süssmuth eine Politikerin begrüßen zu können, die ein offenes Wort zu gesellschaftlichen Fragen nicht scheue. Seine Erwartung und die der über 300 Zuhörer wurde nicht enttäuscht.
In ihrem Vortrag „Die Frau in Staat, Gesellschaft und Politik“ fand Rita Süssmuth klare Worte zu den Herausforderungen in Staat und Gesellschaft. Gleich zu Beginn forderte sie in Gesellschaft und Politik mehr Mut zu Reformen und Bereitschaft zu Veränderung. Sie warnte vor einer Entfremdung zwischen Politikern und Bürgern, die immer dann entstehe, wenn die Bürger nicht genug auf anstehende Probleme, wie zum Beispiel die Wiedervereinigung, vorbereitet werden. Die Schwierigkeiten müssten klar benannt werden, denn – so Süssmuth – „die Wahrheit in Scheiben ist tödlich.“

Auch zum Thema Asylrecht nahm Rita Süssmuth Stellung. Das Grundrecht auf Asyl dürfe nicht aufgegeben werden. Man müsse aber – hier werden Bezüge zur aktuellen Diskussion deutlich – die Zuwanderung steuern. Man dürfe die „Schleusen“ nicht beliebig offen halten. Ein frühes Bekenntnis zu Deutschland als Einwanderungsland. Ihre Ausführungen zur Pflegeversicherung, Lohnnebenkosten, Sicherung von Arbeitsplätzen und Sozialhilfe endeten in der Forderung, dass das ganze System durch Bündelung der sozialen Leistungen und durch den Abbau von Bürokratie durchschaubar gemacht werden müsse.
Abschließend richtete Rita Süssmuth einen optimistischen Blick nach vorn. Sie nannte aber auch die Voraussetzungen, unter denen ein Wandel nur möglich sei: „Wir brauchen die Solidarität, das Engagement und den Sachverstand aller. Sonst verschlafen wir die Zukunft.“
Aus heutiger Sicht ist erstaunlich, wie weit Rita Süssmuth in der Wahrnehmung bestimmter Herausforderungen und Entwicklungen ihrer Zeit voraus war. Misst man ihre Ausführungen in ihrem Vortrag von 1993 auf der Borbecker Maienmahlzeit an ihrer politischen Biografie, sind einige Grundlinien unübersehbar. Als erste Frauenministerin und seit 1988 Bundestagspräsidentin dachte und handelte sie moderner und unabhängiger als viele, nicht nur in ihrer Partei. Sie war Mitbegründerin eines modernen Familien- und Frauenbildes. Sie war eine frühe (konservative) Feministin, die keiner Auseinandersetzung aus dem Wege ging. Sie kannte keine Tabuthemen (Abtreibung, Homosexualität). Sie passte in keine Schublade, machte als Frauenrechtlerin Karriere in einer konservativen Partei und kämpfte als Katholikin für die Rechte von Schwulen und Lesben.
In der CDU war sie seit 1981 aktiv. Als Kanzler Kohl sie 1985 bat, in der Nachfolge von Heiner Geißler das Ministerium für Jugend, Familie und Gesundheit zu übernehmen, nahm sie die Herausforderung trotz großer Bedenken an. 1986 erweiterte sie ihr Ministerium um die Abteilung „Frauenpolitik“, Markstein der institutionellen Frauenpolitik der Bundesrepublik. Spätestens seit dem Bremer Parteitag von 1989 war ihr Verhältnis zu Helmut Kohl zerrüttet. Sie gehörte zu denen, die Kohls Abwahl als CDU-Chef erreichen wollten.

Rita Süssmuth, CDU-Wahlplakat 1998/99 (Ausschnitt), Konrad-Adenauer-Stiftung, CC BY-SA 3.0 de
Das Amt der Bundestagspräsidentin hatte sie zehn Jahre inne. In dieser Zeit hat sie Amt gegen enorme Widerstände politisiert und emanzipiert. Sie trug als Bauherrin Verantwortung für die Renovierung des Parlamentsgebäudes in Berlin. Sie gehörte zu den Befürwortern von Christos Reichstagverhüllung. Bis 1992 blieb sie Mitglied des Deutschen Bundestags, den sie einmal als „Werkstatt der Demokratie“ bezeichnete. 1998 übernahm Rita Süssmuth in der ersten rot-grünen Regierung auf Bundesebene eine neue Aufgabe. Sie wurde gegen den Willen ihrer Partei, die die Mitarbeit in dem Gremium verweigerte, Vorsitzende in der von Kanzler Schröder initiierten Zuwanderungskommission.
In den Kämpfen, die Rita Süssmuth ausgefochten hat, trat sie vehement für die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe ein. Sie warnte vor einer Stigmatisierung von Aidskranken und getreu ihrer Maxime „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“ kämpfte sie für die Enttabuisierung und Prävention von HIV/Aids. Ihre Drogenpolitik stand unter dem Motto „Milde für Süchtige und Härte gegen Dealer“. Sie hat nicht alles erreicht, was sie wollte. Aber, so sagte sie einmal, es lohnt sich dranzubleiben, getreu der Maxime „Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“
In den öffentlichen Nachrufen werden ihr Weitsicht, Tatkraft, Mut und Herzenswärme attestiert, außerdem fachliche Kompetenz, politische Integrität, Dialogfähigkeit und gesellschaftlicher Gestaltungswille. Für Rita Süssmuth hieß träumen „Neues zu denken“. In ihrem unermüdlichen Einsatz für soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit war sie war eine Visionärin. Nicht alle ihrer Träume sind in Erfüllung gegangen. Doch einige Träume wurden wahr und haben die Wirklichkeit in der Bundesrepublik geprägt.
Rita Süssmuth hat Weichen für die Zukunft gestellt. Sie war eine unerschrockene und unbeirrbare Wegbereiterin mit Weitsicht. Schon 2020, noch vor den großen aktuellen Krisen und Kriegen, gab sie in ihrem letzten Buch, einem Brief an die Enkel, den Titel: „Überlasst die Welt nicht den Wahnsinnigen.“ Noch mit 85 Jahren veröffentlichte sie eine Streitschrift mit dem Titel „Parität jetzt!“, eine Anleitung zum Handeln und Kämpfen für die gleiche Teilhabe von Frauen und Männern in allen Ämtern.
Am 1. Februar 2026 ist Rita Süssmuth gestorben, nachdem sie im Juni 2024 eine Brustkrebserkrankung öffentlich gemacht hatte. Bundespräsident Walter Steinmeier hat für Rita Süssmuth einen Trauerstaatsakt am 24. Februar in Berlin angeordnet.
Franz Josef Gründges
Quellen:
Christiane Schlötzer: Konservativ, katholisch, emanzipiert. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 26, Montag, 2. Februar 2026, S. 5.
Artikel von Ulrich Lota, in: Borbecker Nachrichten Nr. 22 / 03.06.1993, Fotos: Wolfgang Filz.

Rita Süssmuth im Bundestag, 2021. Bild von Stella v. Saldern im Auftrag des Deutschen Bundestages, Bild oben: Bertelsmann Stiftung / CC-BY-SA 3.0 (DE)
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