Nikolausabend - wie Hermann Hagedorn ihn erlebte

Aus dem Plattdeutschen übertragen von Franz Josef Gründges

0 04.12.2025

Niklausowend

„Lustig, lustig, tralleralala. Nun ist Nikolausabend da…“

Dät songen wi hogedütsch, on dät ha’n falschen Ton vö mi. Ick mugg dät lied ga nech häwen.

Wenn dän Niklausowend kom, dann pocken Zettken* on ick ons an’e Hand on västommen. Vö’t Köckenfenster stonn dä Moone, on öwer dän dubbelten Padiesappelboom geestern dän Schnee. Ick wüss mich nech dä erennern, dat’t Niklausowend al es nech geschne’et hä. Wenn’t an dän Tagg nech schne’en, dann woch dän Owend ewen solange, büs dat’t schne’en.

On dann kom Niklaus. Met dä Schneeflocken weihen hä so lisam op’e Äre heronner. Meässtens achter Stenkamps Büschken. Wolles ok en’e Botterblaumenwiesche vö Beckermanns Hoff. Zettken on ick kannten dä Pläcke ganz genau, wo dän Schömmel dä Beene op’e Äre satt, wenn hä sick van’n Hemmel ni’e leit. Awer kieken druffen wi nech. Dät soogen wi ok en. An dän Owend muchen wi schön en’e Köcke sitten on op öm wachen.

On do sooten wi Jo’e vö Jo’e on wochen op öm on gloffen an öm. On wenn alles Irdische en ons onnergegohen wo, dann hören wi dät Klöcksken klengeln. Wi hören dät ömmer al ’n Enne befüe. Wenn wi ok en’e Köcke sooten, wi stonnen ja met onse Hatte onner dä Sti’e, wo dän Hemmel oppen gong on wo dän Schömmel heronner schwewen. On wenn sick dät witte Hälsken bewegen, dann stowen dä Schneeflocken, on dann gong dät Klöcksken. On dann duren ’t ok bloss noch’n Oogenblick, dann bond Niklaus dän Schömmel an dän Wenterbierenboom on gong heemlich öm’t Hus. Dät soogen wi ganz genau…nu bousen hä an’n li’eg Beafätt on nun woss ’n witt Gesich vö onse Köckenfenster ut dä Schneeflocken her.

Nu wo dän Oogenblick gekommen, wo wi’t ganze Joe drop wachen de’en. Awer dät hä dän „hilligen Mann“ nech dauen drüffen, dat hä eemol en onse Köcke kom. Denn nu soogen wi sine Schauhen on ok dät fiene Stemmken kom ons so bekannt vü’e. On as ick Zettken frogen, af öt noch an Niklaus glöff, on as öt mi so aankeck on no’ne Wiele sagg, et glöff noch dran, do wossen wi beide, dat nun onsen Glowen ’n Stott gekregen ha, on dat onse Paradies onnergegohen wo. Awer ömmer, wenn mi ganz wat Schönes befüe steht, höe ick dät Klöcksken büs op düsen Dagg.

*Zettken ist Hagedorns ältere Schwester Elisabeth.

Nikolausabend

„Lustig, lustig, tralleralala, nun ist Nikolausabend da…“

Das sangen wir hochdeutsch, und das hatte einen falschen Ton für mich. Ich konnte das Lied gar nicht leiden.

Wenn der Nikolausabend kam, dann nahmen Zettken und ich uns an die Hand und verstummten. Vor dem Küchenfenster stand der Mond, und über dem doppelten Paradiesapfelbaum geisterte der Schnee. Ich wüsste mich nicht zu erinnern, dass es am Nikolausabend nicht geschneit hätte. Wenn es am diesem Tag nicht schneite, dann wartete der Abend eben solange, bis dass es schneite.

Und dann kam Nikolaus. Mit den Schneeflocken schwebte er ganz sacht auf die Erde herunter. Meistens hinter Steenkamps Büschchen. Manchmal auch in die Butterblumenwiese vor Beckermanns Hof. Zettken und ich kannten die Stelle ganz genau, wo der Schimmel die Beine auf die Erde setzte, wenn er sich vom Himmel niederließ. Aber gucken durften wir nicht. Das sahen wir auch ein. An diesem Abend mussten wir schön brav in der Küche sitzen und auf ihn warten.

Und da saßen wir Jahr für Jahr und warteten auf ihn und glaubten an ihn. Und wenn alles Irdische in uns untergegangen war, dann hörten wir das Glöckchen klingeln. Wir hörten das immer schon ein wenig früher. Wenn wir auch in der Küche saßen, so standen wir ja mit unseren Herzen unter der Stelle, wo der Himmel sich öffnete und wo der Schimmel herunterschwebte. Und wenn sich das weiße Hälschen bewegte, dann stoben die Schneeflocken und dann ging das Glöckchen. Und dann dauerte es nur noch einen kleinen Augenblick, dann band Nikolaus den Schimmel am Winterbirnbaum fest und ging heimlich ums Haus. Das sahen wir ganz genau. Nun klopfte er an ein leeres Bierfass. Und dann wuchs ein weißes Gesicht vor unserem Küchenfenster aus den Schneeflocken heraus.

Jetzt war der Augenblick gekommen, auf den wir das ganze Jahr gewartet hatten. Aber eines hätte der „heilige Mann“ nicht tun dürfen; dass er einmal in unsere Küche gekommen ist. Denn da sahen wir seine Schuhe und auch das feine Stimmchen kam uns so bekannt vor. Und als ich Zettken fragte, ob es noch an den Nikolaus glaubt, und als es mich so ausschaute und nach einer Weile sagte, dass es noch dran glaubt, da wussten wir beide, dass nun unser Glaube einen Stoß bekommen hatte und dass unser Paradies untergegangen war. Aber immer, wenn mir ganz was Schönes bevorsteht, höre ich das Glöckchen bis auf den heutigen Tag.

Die Geschichte des Dellwiger Heimatdichters Hermann Hagedorn übertrug Franz Josef Gründges ins Hochdeutesche.

Der Zeitungausschnitt stammt aus der Essener Volkszeitung im Jahre 1884, Hagedorns Geburtsjahr. Auf dem Gabentisch lagen Bücher, Schultaschen etc.

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