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0 21.02.2026
BORBECK. Da tut sich was auf dem Kirchplatz im Herzen von Borbeck: Mancher wird bereits gesehen haben, dass dort in den letzten Tagen eine seit langem bestehende große Lücke geschlossen wurde. Denn im Jahr 2024 mussten rund um die Pfarrkirche St. Dionysius über ein Dutzend kranker Linden gefällt werden, die nun ersetzt sind. Auch auf der Südseite zum Marktplatz hin hatten Bauarbeiten auf dem Kirchplatz gezeigt, dass die Bäume nicht richtig wurzeln konnten und ihre Standfestigkeit verloren hatten. Grund dafür ist wahrscheinlich wohl auch der Untergrund an ihrem Standort. Denn nicht immer sah der Kirchplatz so aus wie heute - ein Blick zurück...
Alte Dionysus-Pfarrkirche in Borbeck 1862 / Lageplan, gezeichnet nach den Angaben des Bauunternehmers Joh. Heinr. Pothmann, vereinfachte Skizze
Wie die obige Skizze zeigt, steht die heutige Dionysiuskirche im Grunde Wand an Wand neben ihrer in Schwarz eingezeichneten Vorgängerin. Diese stand am Ort der wohl auf das 9. Jahrhundert zurückgehenden ersten Kirche und war zuletzt 1339 umgebaut worden. Doch 500 Jahre später war sie den Anforderungen der modernen Zeiten absolut nicht mehr gewachsen: Abertausende Menschen strömten in der beginnenden Industrialisierung auf der Suche nach Arbeit, Brot und Wohnung in die Bürgermeisterei.
Die einzige Kirche im weiten Umkreis war einfach zu klein. Bei den Gottesdiensten standen die Gläubigen bei jedem Wetter draußen auf dem engen Platz. Pfarrer Johann Joseph Legrand, seit 1840 im Amt, hatte es zwar früh kommen sehen. Geld hatte er aber keines. So ging er für die von ihm geplante radikale Lösung erstmal vor Gericht - gegen die Königliche Regierung in Berlin. Und er bekam Recht: Nach dem Urteil musste sich das Königreich Preußen als Rechtsnachfolger der Fürstäbtissinnen an den Neubaukosten beteiligen.

Die alte Dionysiuskirche, 1862 komplett abgerissen, das gesamte Mauerwerk von Alt-St.Dionysius kam wohl unter den Neubau und diente der Verbreiterung des Kirchbergs
Es war der Beginn einer Riesengeschichte, die Borbeck nun fast zwei volle Jahrzehnte lang in Atem hielt: Denn zwar lag auf dem Tisch von Pfarrer Legrand längst der Plan für die größte und modernste Kirche im weiten Umkreis überhaupt, geliefert vom späteren Kölner Dombaumeister Vinzenz Statz. Doch statt endlich mit dem Bau zu starten, gingen die Jahre mit viel Streit ins Land, mit gerichtlichen Auseinandersetzungen – vor allem in der Frage des Standorts, es gab Gutachten und Gegengutachten, mehrere Berliner Ministerien, Regierungs-Bauverwaltungen in Düsseldorf und Essen, schließlich auch die Erzbischöfliche Verwaltung in Köln schalteten sich ein und streckenweise sah es fast so aus, als ob das ganze Projekt scheitern würde. Aber Legrand hielt Stand - er setzte auf Biegen und Brechen das Projekt durch, zu dem sich ein Roman schreiben ließe.

So hatte sich das Pfarrer Johann Joseph Legrand (+1877) sicher vorgestellt: Eine große neue Dionysiuskirche, hier im Jahr 1931 bereits von viel hohem Baumgrün umgeben, links sein mit der Kirche neu erbautes Pfarrhaus, Scheunengebäude und sein Garten
Schließlich war alles getan: Der Friedhof um die alte Kirche war an den Germaniaplatz verlegt, die barock ausgestattete kleine Kirche Alt-St. Dionysius selbst war ausgeräumt und abgerissen, die neue innerhalb nur eines Jahres gebaut worden. Langsam wuchsen der vorgesetzte Westturm, zehn Pfeiler und die Seitenwände, zwölf gotische Maßwerkfenster, ein riesiges, 1.850 Quadratmeter großes Dach wird über dem eingewölbten gotischen Kreuzgewölbe gedeckt – exakt doppelt so groß wie das der alten Kirche.
Nach knapp 17 Monaten fehlen noch Turmhelm und gesamte Innenausstattung, aber Pfarrer Legrand kann auf keinen Bischof aus Köln warten. Von der Kanzel wird am 23. 12. 1863 die frohe Botschaft verkündet: „Künftigen Mittwoch wird, so Gott will, des Morgens um 10 Uhr der Umzug aus dieser in die neue Kirche stattfinden, wozu die Angeseßenen der Pfarrgemeinde so wie die unseres Rektorats, der auswärtigen Schulen mit den bekannten Herrn Lehrern eingeladen werden.“ Zu Weihnachten 1863 weiht Pfarrer Legrand das auf dem Schutt der alten Kirche errichtete Gotteshaus selbst ein.
Im Frühjahr 1864 gibt es einen interessanten Hinweis: „Die Bepflanzung des Platzes an der neuen katholischen Kirche zu Borbeck mit jungen Lindenbäumen soll im Wege der öffentlichen Submission verdungen werden", hieß es am 31. März in einer Anzeige des Kirchenvorstandes in der „Essener Zeitung". Der Submissionstermin wurde für den 8. April beim Wirt Knotte angesetzt. Und wenige Wochen später ist die große Attraktion perfekt: Am 7. Juni 1864 drängte sich bei bestem Wetter rund um die neue Kirche eine riesige Menschenmenge. Sechs Meister und Gesellen aus den Familien Marre, Mühlenberg, Bücking, Peters und Wittstamm kletterten in schwindelnder Höhe auf dem Turm herum und setzten ihm „in 200 Fuß Höhe“ ein „1200 Pfund schweres eisernes Kreuz“ auf die Spitze. Just als der Küster um 12 Uhr mittags zum Angelus läutete, entfaltete sich die am Kreuz angebrachte Fahne. Meister und Gesellen gaben 50 weithin schallende Schüsse ab und bekränzten das Kreuz am Nachmittag mit Eichenlaub, um den Feierabend im Gartenlokal Holdt feiernd zu beschließen, wie die Essener Zeitung am folgenden Tag berichtete.
Erst fünf Jahre nach der Grundsteinlegung, 1867, kommt endlich allerhöchster Besuch aus Köln. Die Gemeinde legt zuvor einen Fastentag ein, an allen Kirchtüren wird eine Kollekte gehalten. Am Samstag, 25. Mai, berichtet die Essener Zeitung, dass Erzbischof Paulus Kardinal Melchers (1814-1895), Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, nach Borbeck kommt, um Kirche und Altäre einzusegnen:
„Gestern Abend traf mit dem Abendzuge der Köln-Mindener Eisenbahn der Erzbischof Paulus in Berge-Borbeck ein, von wo aus derselbe von einer großen, feierlichen Prozession durch die mit Ehrenbogen und Laubgewinden festlich geschmückten Wege nach Borbeck geleitet wurde. Eine ungeheure Menschenmenge hatte sich zu dem Empfange des hohen Herrn eingefunden, der in Borbeck angekommen, über die versammelte Menge in der Kirche noch den Segen erteilte und dann in dem Pastoratsgebäude sein Absteige-Quartier nahm. Wir vernehmen, daß in der Pfarre Borbeck mit der Filialpfarre Oberhausen etwa 1404 Firmlinge sein werden, sowie daß der Herr Erzbischof die daselbst vor einigen Jahren neuerbaute Kirche einsegnen wird.“
Und bereits jetzt schon ist das Borbecker Kirchenschiff mit 42 Metern Länge wieder zu klein für den Andrang - sonntags werden vier Messen gehalten und wer zur Kommunion will, muss sich an die Anordnungen von der Kanzel halten, damit es halbwegs zügig geht. Das Ergebnis des Kraftaktes aber ist in der ganzen Region außergewöhnlich und setzt Maßstäbe. Die Pläne für die nächsten Kirchenbauten in Frintrop und Bergeborbeck sind bereits in Arbeit.

Der Borbeck Marktplatz 1939 mit der St. Dionysius-Kirche und der Gewerbe-Bank rechts: Sehr deutlich stehen hier die Lindenbäume mit breiten Kronen auf dem Kirchplatz. Unten: Zwei Aufnahmen aus unterschiedlichen Jahren aber zeigen, dass die Bäume wohl bereits schon früher ihre Schwierigkeiten auf dem Standort hatten, rechts sind zwei komplett abgestorben.

Spätestens seit dem Sommer des Jahres 1864 werden also Linden um die Dionysiuskirche herum gestanden haben – der erste schriftliche Nachweis über Bäume auf dem Kirchberg. Er wurde später mit Asphalt und Kantensteinen als Parkplatz ausgebaut. Dem Wurzelraum aber ließen diese Einbauten oft wenig Platz. Pfarrfest- und Weinfestbesucher wussten zudem um den Lindenruß, der nicht nur die Frisuren, sondern auch die aufwändige neue Pflasterung verunzierte. Dazu sorgten die im Herbst fallenden Blätter hin und wieder auch für Rutschpartien. Und nicht zuletzt stellten in den letzten Jahren stärkere Windböen Fragen zur Standsicherheit: Bauarbeiten hatten zuletzt gezeigt, dass die Wurzelballen sehr klein geblieben waren und die Wurzeln nicht sehr tief reichten.

Der Lageplan der heutigen Denkmalliste zeigt: der gesamte Kirchberg ist ein eingetragenes Bodendenkmal. Unter ihm befinden sich der alte Friedhof, die Fundamente der alten Dionysiuskirche und möglicher Vorgänger, vielleicht sogar noch früherer Bebauung. Die Standorte der Bäume finden sich hier ebenfalls eingezeichnet.
Bevor nun Gefahr im Verzug war, musste die Pfarrei handeln. Pfarrer Benedikt Ogrodowczyk und der Kirchenvorstand entschieden sich für eine große Lösung: Sie veranlassten Fällarbeiten und sorgten für einen besonderen Ersatz. Denn es wurden keine neuen Linden besorgt, sondern bereits stark aufgewachsene amerikanische Amberbäume (Liquidambar styraciflua), auch unter dem Namen „Seesternbäume“ bekannt. Sie sind für die flammende Farbenpracht ihrer ahornähnlichen Blätter und für ihren Duft geschätzt, sie werden seit dem Ende des 17. Jahrhunderts als Zierbäume angepflanzt, gelten als robust im Klimawandel und kommen auch mit größerer Trockenheit klar. Für die Bäume schrieb die Pfarrgemeinde „Baumpatenschaften“ in einer Spendenhöhe von 500,- und 900,- Euro aus. Einzelpersonen, aber auch Gruppen, konnten sich so gegen eine Baumpatenurkunde „ihren Baum“ sichern.
Auf den Zeitpunkt, zu dem die Bäume im Frühling ausschlagen werden, darf man nun gespannt sein. Wuchs und Farbe sind sicher schon von weitem ein Hingucker und schaffen einen ganz neuen Raumeindruck auf dem Kirchplatz. Wenn nun die Bäume fürs Auge und fürs Klima wirken bleiben sie zugleich aber auch das, was sie ursprünglich wahrscheinlich wohl sein sollten: Eine Erinnerung an die Säulenreihen der ersten Kirche am Platz, die dem großen neuen Gotteshaus vor 160 Jahren gewichen ist.
C. Beckmann
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