Mariengrotte erinnert an Borbecker Bergbautradition

Am 1. Mai Eröffnung der Maiandachten

0 29.04.2022

BORBECK. In jedem Jahr um 1. Mai wird ein sehr spezielles Wahrzeichen von Borbeck zum besonderen Treffpunkt: Die Lourdes- oder Mariengrotte. Für die gesamte Pfarrei werden dort wieder am Sonntag, 1. Mai, um 15 Uhr die Maiandachten feierlich eröffnet - traditionell zum „Marienmonat Mai“. Viele solcher Bauwerke sind heute nicht mehr erhalten, doch in Borbeck-Mitte erinnert diese Grotte seit mittlerweile 111 Jahren nicht nur an eine lebendige örtliche Marienverehrung, sondern auch an die Zeit des Bergbaus und der Schwerindustrie in Borbeck.

Wie bis heute aus der schwarzen Widmungstafel in der Mariengrotte hervorgeht, wurde sie 1911 vom Katholischen St. Marien-Knappenverein zu seinem 50-jährigen Bestehen errichtet. Die Vereinigung, eine der ältesten Organsationen ihrer Art im Ruhrgebiet überhaupt, hatte sich seit ihrer Gründung 1861 bis zur Jahrhundertwende stark entwickelt. Dem ersten Präses Vikar Pauli, der das Amt von 1861 bis 1866 innehatte, folgte bis 1883 Vikar Schüller, der als Pfarrverweser die im Kulturkampf zwischen Staat und Kirche nicht besetzte Pfarre St. Dionysius leitete. Bis 1885 standen dem Verein Vikar Kurtz und sein Nachfolger Vikar Hensgen vor, der zehn Jahre im Amt war. 1888 schloss sich der Borbecker Knappenverein mit 35 weiteren Vereinen zum „Katholischen Knappenbund für Rheinland und Westfalen“ zusammen.

Heinrich Brauns kommt nach Borbeck

Mit dem Nachfolger von Vikar Hensgen als Präses der Borbecker Knappen nahm die politische Arbeit richtig Fahrt auf: Heinrich Brauns (1868-1939), durch sein Wirken für den „Volksverein für das katholische Deutschland“ und durch seine spätere Amtszeit als Reichsarbeitsminister (1920-1928) überregional bekannt geworden, nahm unmittelbar nach seiner Versetzung an die Pfarrei St. Dionysius Kontakt mit dem 1894 neu gegründeten „Gewerkverein christlicher Bergarbeiter“ in Essen auf. 1895 wurde Brauns in den siebenköpfigen Ehrenrat gewählt und trat bei den Generalversammlungen des Verbandes im ganzen Ruhrgebiet und Siegerland als Redner auf. Er galt als einer der von den Behörden in dieser Zeit argwöhnisch beobachteten sogenannten „Roten Kapläne“, die sich intensiv in Fragen der Arbeiterschaft engagierten: Der Regierungspräsident versuchte gar beim Kölner Erzbischof die Versetzung von Brauns aus dem Ruhrgebiet zu erwirken, weil er verdächtigt wurde, den Arbeitern „sozialistische Versprechungen“ zu machen.

Bei den Arbeitern selbst aber war Vikar Heinrich Brauns offensichtlich sehr geschätzt und beliebt. Sie kamen von weit her, um bei ihm die Beichte abzulegen, die er in der großen Bergarbeitergemeinde täglich hörte. 1895 übernahm er die von ihm angeregte Gründung einer Filialkirche in Borbeck-Schönebeck – heute St. Antonius Abbas - und entwarf eine Eingabe aller bei Krupp arbeitenden katholischen Arbeiter, nach der die örtlichen Ziegeleien die Bausteine zur Verfügung stellen sollten, die von Schönebeckern unentgeltlich angefahren wurden. Zudem leitete Brauns während seiner Borbecker Vikarszeit zudem die Marianische Männerkongregation, die von 1895-1900 einen starken Mitgliederzuwachs verzeichnen konnte.

Eigene Sparkasse und Diskutierschule

1896, wohl zum 35. Vereinsjubiläum, schaffte sich der Borbecker Knappenverein die bis heute erhaltene Vereinsfahne an, die von Heinrich Brauns geweiht wurde. Sie zeigt auf der Vorderseite über einer Ansicht der Borbecker Dionysiuskirche einen Bergmann in Arbeitstracht, der vor der auf einer Wolke stehenden Patronin Maria kniet. Das runde Medaillon ist umschrieben „1861 Katholischer Knappen Verein Borbeck 1896 - Glück auf!“. Im selben Jahr rief der Verein auf seine Initiative hin eine eigene Sparkasse ins Leben, in die 120 Sparer bis 1898 einen Betrag von 10.000 Mark einlegten. Als Präses Brauns feststellte, „daß die Arbeiter ihre Probleme nicht artikulieren konnten“, ließ er sich etwas einfallen. Um das zu ändern, richtete er in der Pfarrei eine „Diskutierschule“ ein, die sich einer großen Beliebtheit erfreute.

Doch seiner rastlosen Arbeit für die Arbeiter folgte bald ein physischer und psychischer Zusammenbruch: Oft musste Vikar Brauns in der Kirche die Zelebration abbrechen. Er wurde als „Privatgeistlicher“ für weitere Aufgaben freigestellt und wechselte in seine neue Aufgabe als Direktor des in Mönchengladbach ansässigen Volksvereins für das katholische Deutschland. Die ESSENER VOLKSZEITUNG notierte: „Die ganze Pfarrei, vor allem die gesamte Arbeiterschaft, sehe ihn nur ungern scheiden“ (EVZ Jg.1900, Nr.192 vom 22.8.). Sie behielten ihn aber in guter Erinnerung und schenkten ihm zum Abschied ein kostbar vergoldetes Kreuz mit der Inschrift „Imaginem crucifixi, quem verbo hic praecasti et exemplo, grati Tibi dedicant parochiae Borbeck catholici cives“ („Das Bild des Gekreuzigten, den Du hier in Wort und Beispiel verkündigt hast, widmen Dir die dankbaren katholischen Bürger der Pfarrei Borbeck“). In den folgenden Jahren suchte Brauns noch mehrfach seine alte Pfarrei auf und empfing oft selbst Besuche aus Borbeck.

Soziale Einrichtungen

Die Nachfolge von Heinrich Brauns traten als Präsiden des Knappenvereins die Vikare Scharte (bis 1902) und Vikar Wilhelm Müller an. Müller übernahm das Amt bis 1916 und bekannte in seinen Erinnerungen: „Es ist für mich ja etwas sehr Schweres, daß ich, noch ganz unerfahren mit dem Leben unseres Vereins, ja noch ganz unbekannt mit Land und Leuten gleich im Anfange meines priesterlichen Wirkens einen so stattlichen Verein leiten soll“. Als er nur wenige Wochen nach seinem Eintreffen in Borbeck in sein Präsesamt eingeführt wurde, wies ihn der Vorstand, der ihn an der Vikarie abholte, noch auf der Treppe zum Versammlungslokal darauf hin, dass er die Versammlung mit dem Bergmannsgruß „Glückauf“ begrüßen müsse. Aus seiner seitdem gewachsenen Hochachtung gegenüber den selbstbewussten und streikerprobten Arbeitern machte der damals noch unerfahrene junge Geistliche kein Hehl. Er setzte sich aber auch selbst tatkräftig ein: In seiner Amtszeit entstanden neue soziale Einrichtungen wie die Zentral-Sterbekasse „Leo“ und eine „Zentral-Krankengeld-Zuschusskasse“, die den Borbecker Knappenverein für Mitglieder sehr attraktiv machten. In seiner zum 50-jährigen Bestehen veröffentlichten Festschrift stellte Vikar Müller zudem ausdrücklich fest, dass während seiner Amtszeit bis 1911 noch kein verunglückter Bergmann ohne den Sakramentenempfang gestorben sei.

Einweihung der Mariengrotte 1911

Von Vikar Wilhelm Müller stammte nun auch die Anregung, zum Jubiläum der rund 400 Mitglieder zählenden Standesorganisation die Grotte zu Ehren der Schutzpatronin zu errichten. Die Baukosten kamen durch Sammlungen unter den Vereinsmitgliedern zusammen. Der Direktor des Bergwerk-Vereins „König Wilhelm“, Dr. Franz-Jakob Wüstenhöfer, erkundigte sich bei dem Verein, wie viele Mitglieder der Verein zählte und wie viele davon auf den Zechen des Bergwerk-Vereins „König Wilhelm“ (Wolfsbank, Neuköln und Christian Levin) arbeiteten. Da die meisten Vereinsmitglieder dort beschäftigt waren, überwies die Gesellschaft zur Jubelfeier einen Betrag von 500 Mark an die Gemeindesparkasse und stellte auch die Lampen für den Fackelzug zur Verfügung.

Die Einweihung am Samstag, 10. Juni 1911, geriet zu einem großen Volksfest: Vorgenommen wurde sie nach einem Fackelzug mit Wetterlampen zur Kirche von Dechant Wilhelm Tönnissen, der 1895-1911 als Pfarrer an St. Dionysius amtierte. Über 60 Brudervereine und alle Pfarrorganisationen erschienen zum Goldenen Jubelfest am Sonntag zur Messe und beteiligten sich an einem Festzug mit vier großen Motivwagen durch das fahnengeschmückte Borbeck. Musikalische Beiträge und eine Festrede von Dr. Heinrich Brauns beschlossen das Fest. Glückwünsche kamen von den aus der Borbecker Arbeiterbewegung hervorgegangenen Reichstagsmitgliedern, vom Kölner Kardinal, selbst von Kaiser Wilhelm II. aus Berlin.

„Festordnung zum goldenen Jubelfest

Samstag, den 10.Juni, abends 9 Uhr:
Fackelzug mit Wetterlampen zur Kirche, dort
Einweihung der Lourdesgruppe
unter Mitwirkung des M.-G.-V. Gregorius, Borbeck.
Die Einweihung nimmt Herr Dechant Tönnissen, der Protektor des Vereins vor.

Sonntag, den 11.Juni, morgens 9 1/2 Uhr:
Aufzug der auswärtigen Fahnenordnungen zur Kirche
dort um feierliches Hochamt. Vorher Dekorierung der Fahne.
Festpredigt des Herrn Dechanten.
Nachher um 11 Uhr im Vereinshaus
Dekorierung der goldenen und silbernen Jubilare.
4 Uhr Festzug mit über 60 Brudervereinen. 4 Wagen, die den
unterirdischen Betrieb darstellen, werden mitgeführt.
Darauf:
Fest-Versammlung im Vereinshaus: Festredner Herr Direktor Dr. Brauns, M.Gladbach.
Liedervorträge des Kirchenchors Cäcilia Borbeck. (Siehe Lieder Nr. 8 und 9.)
bei Bahrenberg. Festredner Herr Kaplan Sassen, Mülheim-Ruhr.
Liedervorträge der Gesangsabteilung des Brudervereins in Bottrop.
(Es kommen zum Vortrag: Des Sängers Sonntagsfeier v. Kreschmer.
Die Blumen Schottlands, arrangiert von Koch.)

Montag, den 12. Juni 1911, morgens 9 Uhr:
Feierliches Hochamt für verstorbene Mitglieder.
Nachmittags 4 Uhr:
Fest-Versammlung für die Frauen.
mit Festrede von Frl. Vildhaut, Lehrerin,
Essen, und Festspielen.
Abends 7 Uhr:
Gemütliche Zusammenkunft der Mitglieder.
Festspiele, gemeinschaftliche Lieder. Zum Schluß Tanz.

Die Musik wird an allen 3 Tagen ausgeführt von der Kapelle des
lothring. Infanterie-Regiments Nr. 159 in Mülheim (Ruhr), unter
persönlicher Leitung des königl. Obermusikmeisters Herr R. Lätsch.“

Nach dem Empfang der auswärtigen Vereine nahmen alle Teilnehmer Aufstellung auf der Nieder- und Rheinstraße und der Festzug passierte folgende Straßen: Niederstraße von der Bahnunterführung an der Mühlenstraße an, Markt-, Wilhelm-, Kirch-, Markt-, Recht- und Gerichtstraße zum „Vereinshaus“. Die Festwagen waren von Bergleuten in Grubenkleidern begleitet, die die zu ihrer Arbeit notwendigen Gezähstücke mitführten. Alle Bewohner Borbecks waren gebeten, zur Verschönerung des Festes die Häuser zu beflaggen.

Vom Festverlauf berichteten die Tageszeitungen ausführlich. Das Kirchenblatt vermerkte eine Woche später, dass ganz Borbeck im Zeichen des goldenen Jubelfestes des katholischen Knappenvereins gestanden habe: „Die Begeisterung und Teilnahme der Bevölkerung war derartig, daß das ganze Fest ein Volksfest genannt werde kann, in welchem die hohe Bedeutung des Bergbaues recht zur Geltung kam. Möge der Verein an innerer und äußerer Kraft immer mehr zunehmen, so daß er den Idealismus unserer Knappen ständig fördere. Dazu ein herzliches Glück auf!“ (Borbecker Kirchenblatt 1(1911),30 vom 18.6.)

Ausgeführt wurde das Bauwerk durch den Borbecker Stukkateurmeister Karl Frantzen, der sich damals in Anzeigen als Spezialist im „Grottenbau in allen Schlackenarten“ empfahl. Nachgebildet wurde die noch heute jährlich von Millionen Pilgern besuchte Felsengrotte von Lourdes in den Pyrenäen, wo kurz vor der Gründung des Borbecker Knappenvereins 1861 Marienerscheinungen ein weltweites Echo ausgelöst hatten. Bildhauer Kirsch aus Borbeck lieferte die für eine Lourdes-Madonna typische Figur, Kirchenmaler Fierlings aus Düsseldorf fasste sie farblich nach dem Muster der Erscheinungsberichte in Weiß und Blau.

Der Zahn der Zeit

Während von der Kirche nach den Bombenangriffen vor 70 Jahren nur ein Trümmerhaufen blieb, überlebte die Grotte wie durch ein Wunder fast unbeschadet. Doch an der fragilen Bauweise nagte zunehmend doch der Zahn der Zeit: Das typische Grottenbauwerk litt unter Wassereinbruch, wie eine vom Kirchenvorstand von St. Dionysius veranlasste Untersuchung deutlich machte.

Die am 18. Februar 2015 begonnenen Renovierungsarbeiten durch den Spezialbetrieb Schultheis aus Essen zielten auf eine Säuberung und Sicherung der aus Stahlbeton und Granulatmörtel errichteten Grotte. Die gesamte Außenfläche wurde mit einem speziellen und die Oberflächen schonenden Granulatstrahlverfahren gereinigt. Risse, die sich im Zuge der Reinigung zeigten, wurden mit Epoxitharz verklebt, weitere Beschädigungen im Innenbereich mit einem Spezialmörtel neu profiliert, gelockerte und herabgefallene Zapfen mit Edelstahlnadeln befestigt und mit Mörtel nachgearbeitet. Auch die ebenfalls durch Wettereinflüsse beschädigte Madonnenstatue unterzog man einer gründlichen Reinigung und Auffrischung, um das außergewöhnliche Bauwerk auch als Denkmal des starken kirchlichen Engagements für die Arbeiterschaft der Nachwelt zu erhalten.

Maiandachten im Marienmonat 2022: Der Monat Mai ist in besonderer Weise Maria, der Mutter Jesu, gewidmet. Für die gesamte Pfarrei findet die feierliche Eröffnung der Maiandachten am Sonntag, 1. Mai, um 15 Uhr an der Mariengrotte von St. Dionysius in Borbeck-Mitte statt. Maiandachten finden in der Pfarrei an folgenden Tagen jeweils um 18 Uhr statt: montags in St. Dionysius; dienstags in St. Maria Rosenkranz; mittwochs in St. Dionysius; donnerstags in St. Michael; freitags in St. Fronleichnam. Im Markushaus ist am 4., 11. und 18. Mai jeweils um 15 Uhr eine Maiandacht. Feierlicher Abschluss der Maiandachten ist am Dienstag, 31. Mai, um 18 Uhr in St. Maria Rosenkranz in Bergeborbeck.
CB

Quellen u.a.:
FESTSCHRIFT 125 JAHRE Katholischer St. Marien-Knappenverein Borbeck, 1986
FESTSCHRIFT zum goldenen Jubelfest der Marianischen Männerkongregation mit Apostolat zu Essen-Borbeck, 8.-10. Dezember 1917
PROGRAMM zum 25jährigen Jubelfest der Marianischen Jünglingskongregation, 10. und 17.Oktober 1924)
Müller Wilhelm, Einführung im Knappen-Verein Borbeck, 19. Okt. 1902
Beckmann Christof: Katholisches Vereinswesen im Ruhrgebiet. Das Beispiel Essen-Borbeck 1900-1933, Diss. masch. Münster 1990
Koerner, Andreas: Mariengrotte an St. Dionysius, in: Borbeck-Lexikon auf www.borbeck.de

Zurück

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 8 und 7.