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0 11.05.2025
BORBECK. „Ist doch klar, wohin die erste Auslandsreise des neuen Papstes führt!“, meinte dieser Tage ein lieber Kollege. „Schließlich haben wir in Unterfrintrop das Papst-Leo-Haus!“ Was erst mal seltsam klingt, ist allerdings tatsächlich gar nicht so weit hergeholt.
Der gerade frisch gewählte Papst Leo XIV., der sich mit Namen, Wappen und auch bereits in seinen ersten Äußerungen auf zentrale Themen seines Namensvorgängers bezieht, war zwar noch nicht hier, aber würde in der Geschichte der Region auf viele Zeugnisse treffen, die ihn mit dem „Arbeiterpapst“ Leo XIII. verbinden. Er war von 1878 bis 1903 im Amt und ging als politischer Papst in die Geschichte ein. Für die katholischen Christen auf dem boomenden schwerindustriell geprägten Breitengrad an der Ruhr hatte sein Pontifikat eine besondere Bedeutung – das schlug sich in manchen fast vergessenen Spuren nieder.
Seiner Amtszeit war im 1871 gegründeten Deutschen Kaiserreich eine massive Auseinandersetzung mit dem Staat Bismarcks vorausgegangen: Der „Kulturkampf“ prägte 16 Jahre lang das innenpolitische Klima. Die Katholische Kirche stand unter starkem Druck, es gab Enteignungen, fast alle Ordensgemeinschaften wurden verboten und mussten das Land verlassen, die zahlreichen Verbände, politische Bewegungen, als „Rote Kapläne" bezeichnete Arbeiterpriester wurden bespitzelt und drangsaliert. Jahrelang war etwa auch die Borbecker Urpfarre St. Dionysius ohne Pfarrer und wurde von außen verwaltet, weil sich die Gemeinde strikt gegen staatliche Auflagen auflehnte.
Papst Leo XIII. setzte dem Streit ein Ende, sorgte für einen Ausgleich zwischen dem preußisch dominierten Staat und dem Vatikan und erklärte 1887 den Kulturkampf für beendet. Der neuen Freiheit folgte nun eine außergewöhnliche große Solidarisierung aller katholischen Strömungen und des weit verzweigten Verbandswesens: Die vor allem im Ruhrgebiet seit der Jahrhundertmitte gestartete christlich-soziale Bewegung startete neu durch und die politische Organisation nahm einen großen Aufschwung in der später staatstragenden Zentrumspartei, die auch von großen Teilen der Geistlichkeit stark unterstützt wurde. Arbeitervereine, der Volksverein für das katholische Deutschland und christliche Gewerkschaften konnten sich jetzt voll entwickeln und eine große organisatorische, publizistische und propagandistische Wirkung entfalten.
Schon Sozialreformer wie Adolph Kolping oder der Arbeiterbischof von Ketteler – auf sie beriefen sich etwa die Katholischen Gesellenvereine und die Arbeitervereine – hatten auf die vielfach katastrophalen sozialen Verhältnisse hingewiesen und auf die sogenannte „Soziale Frage“ ganz praktisch reagiert. Ihr Eintreten für Selbsthilfe, Bildung und eigene politische Einflussnahme, die vor den staatlichen Zwangsmaßnahmen bereits zu einer ersten Blüte geführt hatte, erfuhr jetzt unerwartet allerhöchste Bestätigung.
Papst Leo XIII. veröffentlichte 1891 seine Enzyklika „Rerum novarum“, prangerte die Ausbeutung der Arbeiter an, wies auf ihre Verelendung hin, antwortete damit auf die Herausforderungen der Industriellen Revolution und wurde mit Mitbegründer der Katholischen Soziallehre. Nie zuvor hatte es eine solche allerhöchste kirchliche Stellungnahme zur Arbeiterfrage gegeben, solch grundsätzliche Äußerungen zu Eigentum, Kapital, gerechter Arbeit, den Verpflichtungen des Staates und vielen anderen Fragen.

Gerade in den Regionen, in denen die katholische Sozialbewegung jahrelang unterdrückt worden war, löste das päpstliche Lehrschreiben große Begeisterung aus. Die im Ruhrgebiet durchstartende Christliche Gewerkschaftsbewegung wuchs in den folgenden zwei Jahrzehnten auf über 350.000 Mitglieder, der „Volksverein für das katholische Deutschland“ als übergeordnete Organisation auf über 800.000.
Allein der 1909 gegründete Westdeutsche Verband der Arbeiter- und Knappenvereine repräsentierte 1913 mit 220.000 Mitgliedern in 1.219 Vereinen etwa ein Drittel der katholischen Industriearbeiterschaft. Arbeitersekretariate entstanden, Massendemonstrationen und Streiks markierten ihre neu gefundene Stärke, eigene Versicherungen und Sozialeinrichtungen sorgten für die Mitglieder. Ihr maßgeblicher Inspirator und aktiver Förderer kam aus Borbeck: Vikar Dr. Heinrich Brauns, Kaplan an St. Dionysius, gründete nicht nur selbst Vereine, sondern wurde über den Volksverein in Mönchengladbach schließlich Arbeitsminister in mehreren Regierungen in Berlin.
Kein Wunder, das Leo XIII., der 25 Jahre im Amt sein sollte, gerade hier eine besonders große Fangemeinde versammelte – nicht zuletzt um den Katholischen St. Marien-Knappenverein Borbeck. Seit 1861 hatte er sich in der große Pfarrei St. Dionysius organisiert und im Bereich der politischen Gemeinde Borbeck zur „gegenseitigen Unterstützung in Notfällen“ Ableger in Bergeborbeck (St. Mariä Rosenkranz), Dellwig (St. Michael), Frintrop (St. Josef, mit Knappenverein und Arbeiterverein) gegründet. Die geistlichen Präsides in St. Dionysius waren Vikar Pauli (1861-1866), Vikar Schüller (1866-1883), Vikar Kurtz 1883-1885 und Vikar Hensgen (1885-1895) und 1883 schloss sich der Borbecker Verein mit 35 weiteren Vereinen zum „Katholischen Knappenbund für Rheinland und Westfalen“ zusammen.
1895 wurde der neue Präses Vikar Heinrich Brauns in den siebenköpfigen Ehrenrat des neugegründeten „Gewerkverein christlicher Bergarbeiter“ gewählt, trat im ganzen Ruhrgebiet, im Siegerland und bei den Generalversammlungen des Verbandes als Redner auf und regte 1895 die Gründung einer Filialkirche in Schönebeck an. Auf seine Initiative gründete der Borbecker Knappenverein 1896 eine Sparkasse, richtete in der Pfarrei eine „Diskutierschule“ ein. Brauns folgten die Vikare Scharte (bis 1902) und Müller im Amt.
Die Satzung des Borbecker Vereins spiegelten die Forderungen der Enzyklika „Rerum novarum“ Papst Leos XIII. von 1891 wider, die den im Jahr zuvor auch durch einen Hirtenbrief der Fuldaer Bischofskonferenz des preußischen Episkopates empfohlenen Arbeitervereinen insgesamt einen Aufschwung gab. Zu den Wohlfahrtseinrichtungen des Vereins gehörte die Zentral-Sterbekasse „Leo“, die vom Kassierer verwaltet wurde, der Zentrale in Köln angeschlossen war und den Hinterbliebenen verstorbener Knappen das Sterbegeld sicherte.
Religiöse und sozialpolitische Vorträge mit eigenem Lichtbilderprojektor, die Pflege von Knappschaftstraditionen, eine eigene Gesangsabteilung für bergmännisches Liedgut und Familienfeste prägten das Leben des in fünf Bezirke gegliederten Vereins (Philipp Hülsebusch am Weidkamp, Bücking in der Schloßstr., Flora auf dem Möllhoven, In der Weide auf der Essener Str., Kallenberg und Lindemann auf der Hochstraße). 1909 zählte er 368 Mitglieder, von ihnen waren 84 Prozent im „Gewerkverein christlicher Bergarbeiter“ organisiert. 1910 stiftete der Verein zu seinem 50-jährigen Bestehen als Zeichen der Verehrung seiner Patronin die heute noch bestehende Lourdesgrotte an der Außenmauer der Dionysius-Kirche.

Links: Der „Arbeiterbischof" Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811-1877), auf den sich bis heute die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) bezieht, Papst Leo XIII. (1810-1903) und der Begründer der Katholischen Gesellenvereine Adolph Kolping (1813-1865), Denkmal vor der Minoritenkirche in Köln, das in kleinerer Form früher auch an St. Dionysius stand)
Dabei blieb die katholische Arbeiterbewegung in Borbeck kein Einzelfall: 1911 zählten die katholischen Arbeiter- und Knappenvereine der Erzdiözese Köln 66.000 Mitglieder, 172.000 im Westdeutschen Verband und über 300.000 im neu gegründeten Kartellverband katholischer Arbeitervereine West-, Süd- und Ostdeutschlands. Und viele Veröffentlichungen des Borbecker Kirchenblattes machten in diesen Jahrzehnten deutlich, dass die Enzyklika und die Rolle von Papst Leo XIII. auch unter seinen Nachfolgern Pius X. 1903 bis 1914 und dem „Friedenspapst Benedikt XV. (19014-22) nicht vergessen wurde.
Auch örtliche Kirchenbauten bewahren noch Spuren des Leo-Papstes: Joseph Legrand, Pfarrer an St. Dionysius, regte in Bergeborbeck an der 1847 errichteten Strecke der Köln-Mindener Eisenbahn die Errichtung eines Pfarrektorates St. Maria-Rosenkranz an. Der 1877 gegründete Kirchbauverein unter dem Patronat des Hl. Josef konnte 1887 endlich Vollzug melden: Männer, Frauen und Pfarrjugend hatten in der Freizeit Steine „gekloppt“ und Material herbeigeschafft, um zwischen den Zechen Carolus-Magnus, Emscher, Emil, Amalie und Wolfsbank, dem Eisen- und Hochofenwerk „Phönix“, Zinkhütte und Borbecker Maschinenfabrik ein prächtiges Gotteshaus zu errichten.
Die Urkunde des eingemauerten Grundsteins lautet: „Im Jahre des Heils 1887 unter dem segensreichen Pontifikat Leo XIII., unter dem glorreichen Regiment Wilhelm I., als der hochwürdigste Herr Erzbischof Philippus III. die Kölner Erzdiözese mit Liebe und Sorgfalt leitet, am 17. Juli ist der Grundstein zu diesem Gotteshaus gelegt worden. Mögen die sich erhebenden Mauern zur Himmelsleiter werden für alle, die ein Scherflein dazu beitragen. Möge diese Stätte, ehemals ein Schafstall, nun Christi Schafstall geworden, allen, die hier eintreten, werden zur Pforte des Himmels.“ Am 15. Oktober 1894, sechs Jahre nach der vorläufigen Einsegnung wurde die Kirche durch den Kölner Weihbischof Schmitz konsekriert und am 24. Februar 1895 wurde die Pfarre St. Maria-Rosenkranz selbständige Pfarrei.
Auch in Unterfrintrop regten sich Kirchbaupläne: In der Pfarrei St. Josef verfolgte seit dem 21. Juli 1903 der „Leokirchbauverein“ die Gründung einer Filialkirche - ein Tag vor der Gründung des Vereins war der seit 20.2.1878 regierende Papst Leo XIII. gestorben. 1908 freute sich Kaplan Staab, Präses des Vereins, über die Einsegnung einer bis zu 1.200 Besucher fassenden ersten Notkirche durch den Borbecker Pfarrer Tönnissen. Am 21. Oktober 1909 erhielt der Kirchplatz der Herz-Jesu-Pfarre den Namen Leoplatz und das Verbindungsstück von der Kirche zur Unterstraße den Namen Leostraße. 1914 wurde das Rektorat Herz-Jesu in Unterfrintrop zur selbständigen Pfarre erhoben und schon bald entfaltete sich ein reges Pfarrei- und Vereinsleben.
Die von Papst Leo XIII. propagierte Herz-Jesu-Verehrung wurde mit dem Patronat der Kirche unmittelbar aufgegriffen: Am 11. Juni 1899 hatte er die gesamte Menschheit dem Herzen Jesu geweiht. 1913 fand die erste eigene Fronleichnamsprozession in der Gemeinde statt und das Rektorat wurde am 1.10.1914 mit 6.500 Pfarrangehörigen selbständige Pfarrei. Aus ihr sollte allein zwischen 1922 und 1939 über 30 geistliche Berufungen hervorgehen. 1928 eröffnete das neuerbaute Herz-Jesu-Stift mit Kindergarten, Nähschule und Altersheim für 20 Personen. Der Bau der neuen Herz-Jesu-Kirche erfolgte 1953 unter Pfarrer Josef Esser (1901-1955). Der erste Gottesdienst fand am 8. Dezember 1953 statt und 1954 nahm der Kölner Weihbischof die Konsekration der Kirche vor.
2008 feierte die Pfarrgemeinde Herz-Jesu mit zahlreichen Gästen unter dem Motto „100 Jahre und neue Wege“ Geburtstag und Abschied zugleich und wechselte in die Großpfarre St. Josef zurück. Am 13. September fand der letzte Gottesdienst in der Herz-Jesu-Kirche statt und nur wenige Wochen später, am 30. Oktober 2008, wurde das Kirchengebäude abgerissen. Das Turmkreuz fand einen neuen Standort auf dem Leoplatz.
cb

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