Kolpingsfamilie Borbeck feiert „160 plus 2“

Am Sonntag Jubiläum mit Messe in St. Dionysius und Treffen in der Dampfe

0 11.08.2022

BORBECK. Zweimal wurde es verschoben. Jetzt aber soll endlich gefeiert werden: Die Kolpingfamilie Essen-Borbeck begeht am Sonntag, 14. August 2022, ihr 160. Gründungsfest. Die Hl. Messe um 10 Uhr in St. Dionysius feiert der Kolping-Diözesanpräses Pfr. Martin Cudak. Anschließend geht es unter dem Motto „160 plus 2“ zum geselligen Teil mit kleinem Festakt in die Borbecker Dampfbierbrauerei. Mit dabei ist die sorgsam bewahrte dekorative Stiftungsurkunde, unter die „Gesellenvater“ Adolph Kolping 1860 eigenhändig seine schwungvolle Unterschrift setzte. Damit ist die Borbecker Kolpingfamilie nicht nur die älteste noch heute bestehende Gemeinschaft in der Pfarre St. Dionysius, sondern gehört auch gehört zu den ältesten bestehenden Kolpingsfamilien unter mehr als 9.000 in 60 Ländern weltweit.

Bild oben: 1949 wurde auf dem Kirchplatz an der Stelle des 1910 errichteten und im Krieg zerstörten Kolpingdenkmals ein neues Denkmal mit einer Bronzebüste Adolph Kolpings auf einer Stele aus Anröchter Dolomit eingeweiht, 1989 wurde es umgesetzt.

Borbecker Gründung erinnert an wilde Zeit

Der Termin des Stiftungsfestes trifft sich fast genau mit dem 160-Jährigen der Grundsteinlegung für die heutige Dionysiuskirche: Dazu bewegte sich am 8. August 1862 ein großer Festzug durch Borbeck. Und schon damals war der damalige Katholische Gesellenverein dabei, der sich den Ideen des berühmten Priesters und Sozialreformers Adolph Kolping verpflichtete. Zwei Jahre später berichtete die Essener Zeitung vom 8. Juni 1864, dass die „anerkannt tüchtigen Meister: Christian Marre, Heinrich Mühlenberg, Hermann Bücking, mit Hilfe ihrer Gesellen Heinrich Bücking, Joseph Wittstamm und Joseph Peters“ dem Hauptturm bei bestem Wetter mit einem 1200 Pfund schweren Kreuz die Krone aufsetzten: „Die mit vieler Gefahr verknüpfte Arbeit ist kunst- und fachgemäß ausgeführt und ohne irgendwelchen Unfall abgelaufen“, vermeldete der Korrespondent. Im Wind entfaltete sich die am Kreuz angebrachte Fahne, als der Küster die zwölfte Tagesstunde schlug. „Meister und Gesellen freuten sich selbst über ihre glücklich verrichtete gefährliche Arbeit, sie gaben dieser Freude Ausdruck in der Weise, daß sie von der höchsten Spitze des Thurmes circa 50 weithin schallende Schüsse abfeuerten, und nachmittags gegen 4 Uhr das Kreuz mit Guirlanden aus Eichenlaub in Form eines Kranzes schmückten. Unsern erwähnten tüchtigen Arbeitern wurde denn auch, wie sie es sehr wohl verdient hatten, nach vollbrachter Arbeit in dem Holt ́schen Garten-Lokale ein vergnügter Abend zutheil.“

Die Gründungszeit des Katholischen Gesellenvereins Borbeck waren „wilde Jahre“, in denen die alte Bürgermeisterei Borbeck ihren großen Aufbruch durchmachte: Die verschlafenen 12 Bauernschaften wurden von der Industrialisierung fast über Nacht überrollt, Industrie und Handwerk wuchsen, Tausende kamen, suchten Arbeit und Brot. So fiel auch hier die 1846 erstmals in Elberfeld verwirklichte Idee auf fruchtbaren Boden, mit der die durch die Industrie wurzellos gewordenen wandernden Handwerksgesellen eine neue Heimat finden sollten. Der junge Kaplan Adolph Kolping formte 1850 den Rheinischen Gesellenbund und seine neue Bewegung zog in die Welt: 1854 kam sie in die Schweiz, 1856 nach Nordamerika, ein Jahr später waren es über 150 Vereine mit 20.000 Mitgliedern, die in zahlreiche Länder weltweit ausschwärmten.

In Deutschlands „Wildem Westen“

Auch in Borbeck, der bald größten Landgemeinde Preußens, standen Kolpings Katholische Gesellenvereine für einen Gegenentwurf zu den teils chaotischen Verhältnissen. In Deutschlands „Wildem Westen“ sollte der Einzelne nicht in der Masse untergehen, sondern Heimat und Familie, Halt in der Gemeinschaft erfahren. Wo er einen sozialen Aufstieg schaffen wollte, bot man ihm Möglichkeiten für sein berufliches Fortkommen, auch in der Freizeit. Das neue Netzwerk verdankte sich sicher auch der besonderen Tatkraft des Ortspfarrers Johann Joseph Legrand, der 1855 für die Pfarrjugend zunächst den Aloisius-Jünglingsverein ins Leben rief. Ab 1860 richtete sich nun eine neue Organisation insbesondere an die im Handwerk tätigen Jugendlichen. Der Essener Gesellen-Verein, seit 1852 aktiv, hatte 1858/1859 mit einem Gesellenhospiz eine feste Plattform für die Ausbreitung des Verbandes in der Umgebung gegründet, in Steele griff die Idee 1854, in Werden 1856, im selben Jahr auch in Mülheim/Ruhr, später in Velbert (1864) und in Stoppenberg (1869).


links: Gründungs-Diplom von 1860, Zeitungsanzeige aus dem Gründungsjahr, unten Vikar Kurtz und der Vorstand, rechts die Schlosserfachabteilung 1890 mit einem damals noch seltenen Fahrrad, Modell des Kolpingdenkmals, 1910 vor dem damals noch stehenden Gasthaus Bahrenberg am Kirchplatz aufgestellt

Gründungsurkunde trägt Kolpings Unterschrift

Die bis heute erhaltene große Stiftungsurkunde mit Datum vom 11. November 1860 ist ein seltenes Zeugnis dieser Zeit: „Gott segne das ehrbare Handwerk“ lautet die von Engelsfiguren getragenen Devise auf dem „Diplom“. Der in gotischen Lettern und mit verzierten Großbuchstaben gestaltete Text gibt bekannt:

„Der katholische Gesellenverein zu Borbeck wurde gegründet am 11. Nov. 1860, in den allgemeinen Verband des Katholischen Gesellenvereins durch Beschluß des Central-Vorstandes zu Cöln am 26. Nov. 1860 aufgenommen und hat sich damit an die treue, gewissenhafte Befolgung der allgemeinen Statuten des Katholischen Gesellenvereins, wie solche nach vorhergehender Berathung durch den Central-Vorstand publiciert worden sind und publiciert werden verpflichtet.“

Unter der Abbildung des Hl. Josef und von 10 Zunftzeichen gerahmt, sind die Beweggründe und Ziele der Vereinigung eindeutig kennzeichnet:

„Gott zur höchsten Ehre, dem Handwerk zum segensreichen Aufblühen wurde unter dem Patronate des h. Nährvaters Joseph der katholische Gesellenverein gegründet. Sein Fundament ist der h. katholische Glaube, ehrenhafte, christliche Sitte der Mitglieder seine Würde, brüderliche Eintracht sein Ehrenzeichen, gegenseitige Hülfe in Noth und Bedrängnis besondere Liebespflicht, tüchtiges Schaffen und Wirken im Berufskreise das Ziel gegenseitiger Ermunterung. Ein christlicher und wackerer Gesellenstand soll und will durch Tugend und Fleiß einst in der Bürgerschaft sich einen ehrenwerthen Meisterstand erobern. Darum halten die Mitglieder des kath. Gesellenvereins die Religion heilig, die Sitte rein, die Ehre des Mannes und des Gewerbes hoch und reichen sich überall die brüderliche Hand, damit sich aufrichte, wer darnieder gesunken, und mutig stehen bleibe und weiterschreite, wer den Weg der guten Sitte und der Ehre betreten. Unter dem Segen Gottes, und unter dem Schutze des h. Nährvaters Joseph wachse und gedeihe der katholische Gesellenverein ! Der Central-Vorstand, K o l p i n g“.

Festzug von 1920 beim 60. Stiftungsfest, rechts unten: Das alte Kolpingdenkmal vor dem alten Pfarrhaus am Kirchplatz 1918

Kolping-Großfamilie in Groß-Borbeck

Früh schon gab es in Borbeck eigene Gruppierungen für Meister und Gesellen. Dazu traten nach dem Abklingen der Wirtschaftskrisen, der Streiks und des Kulturkampfs zwischen Staat katholischer Kirche auch Fachabteilungen für Schlosser (1890), später für Schreiner und für Anstreicher sowie eine eigene St. Martinus-Krankenkasse. Rund 200 Mitglieder, davon 100 aktive, zählte der Verein kurz vor der Jahrhundertwende. Ein ausgefeiltes und intensives Vortrags- und Unterrichtsprogramm bereitete mit Kursen im Deutschen, Rechnen und in Buchführung auf die Meisterprüfung vor, dazu gab es eine eigene Bibliothek und Lesezimmer im Vereinslokal Wegener am Borbecker Germaniaplatz. Und der Verein wuchs weiter: 1910 gehörten ihm insgesamt 213 Gesellen an, auch die Zahl der Ehrenmitglieder stieg von 260 auf 302.

Erstes Denkmal für Kolping

50 Jahre nach der Borbecker Gründung folgte in der Bürgermeisterei jetzt auch die Bildung eines eigenen Vereins für Frintrop (1910), zugleich wurde ein Gesellenverein in Bergeborbeck ins Leben gerufen. Ein vom Borbecker Verein 1910 selbst errichtetes großes Kolping-Denkmal auf dem Kirchplatz - eine Kopie des Kölner Denkmals vor der dortigen Minoritenkirche - zeigte den Gesellenvater mit einem Handwerker. Mit ihm demonstrierte der Verein so auch unübersehbar seine eigene Bedeutung in der Gemeinde. 1911 konstituierte sich sogar auch ein eigener eingetragener „Kolpinghausverein“ und man dachte durchaus groß: Das geplante Hospiz sollte u.a. Schlafräume für ca. 50 Gesellen enthalten, einen Unterrichts- bzw. Versammlungssaal, einen Speisesaal, Billardzimmer, Lesezimmer und Kegelbahn umfassen, doch wurde es nie verwirklicht, denn Inflation und Krieg zehrten das mit großem Einsatz zusammengetragene Vereinsvermögen fast wieder auf.

Nach dem Krieg: Zurück zur alten Stärke

Der I. Weltkrieg hatte einschneidende Folgen: Der Verein verlor 40-45 Mitglieder, Wirtschaftskrise und Ruhrbesetzung schwächten die Region. Dafür durften nun Lehrlinge an den Versammlungen teilnehmen. Erst nach Verpflichtung von 115 neuen Handwerksgesellen fand die örtliche Kolpingssache wieder langsam zurück zu alter Stärke: Zum 60. Stiftungsfest 1920 wurden wieder Handwerkergruppen für den Festzug gebildet, die in Berufskleidung bemannten und von Musikgruppen begleiteten Motivwagen standen für ein neues Selbstbewusstsein. 1923 pendelte sich der Mitgliederstand wieder bei 130-140 Aktiven ein, große Theaterstücke wurden wieder aufgeführt, man gründete eine Mandolinenabteilung und zur Bäckerfachabteilung trat 1931 eine neue Malerfachabteilung. 125 Mitglieder, 12 Ehrenmitglieder und 275 inaktive Mitglieder zählte der Verein damals, dessen Unterabteilungen auf der Generalversammlung alle einen eigenen Bericht abzugeben hatten - auch die Theater-, Musik-, Kegelabteilung und das Tambourkorps.

Auch außerhalb des Vereinslebens war der katholische Gesellenverein Essen-Borbeck gern gesehener Veranstalter von Festen für die Borbecker Bevölkerung. Beliebt waren seine Karnevals-, Nikolaus- und Weihnachtsfeiern, vor allem aber sein geschlossenes Auftreten bei Prozessionen, Wallfahrten, Katholikentagen und kirchlichen Großveranstaltungen. 1932 wurde die Gründung einer Schneiderfachabteilung und einer kaufmännischen Abteilung zunächst noch vertagt, doch konnte eine „lang bestellte + ersehnte goldene Seniorenkette“ angeschafft werden, in die die Namen aller Senioren seit der Gründung eingraviert waren. Diese Kette ist nach Kriegsende verschwunden, befindet sich aber heute vielleicht immer noch in der Familie eines früheren Vereinsmitgliedes - auch die alte Fahne und die Gründungsurkunde des Kolpingvereins Borbeck gerieten erst auf Umwegen und durch Zufall wieder in den Besitz des Vereins. 1933 trennte sich der Gesellenverein von 30 Mitgliedern und benannte sich in „Kolpingsfamilie“ um, die Arbeit und das öffentliche Auftreten wurde von den NS-Machthabern verboten. Im II. Weltkrieg ruhte jede Vereinstätigkeit in Borbeck - fast alle Mitglieder waren zum Kriegsdienst eingezogen.

Die Kolpingfamilie Borbeck auf Romfahrt im 100. Jubiläumsjahr 1960

Wiederaufbau nach dem Krieg

Nach dem Krieg war der Wiederaufbau für alle nicht leicht. Viele hatten in den ersten Jahren erst mal anderes zu tun und mussten zuerst ihr Überleben sichern. Doch für zahlreiche Menschen, die nach Essen zogen und hier Arbeit fanden, bot auch Kolping sofort wieder eine neue Heimat. Der 1934 ins Leben gerufenen Dellwiger Kolpingsfamlie folgte 1947 eine Gründung in Bedingrade, 1948 eine weitere in Schönebeck und 1952 in Vogelheim.

Schon 1949 wurde an der Stelle des kriegszerstörten Kolpingdenkmals ein neues mit einer Bronzebüste Adolph Kolpings auf einer Stele aus Anröchter Dolomit eingeweiht. Organisierte Hamsterfahrten unterstützten in den Hungerjahren bedürftige Mitglieder, eine eigene Musikband wurde gegründet, auch eine Kegelabteilung und zum 100. Gründungsfest 1960 ging es erneut mit einem großen Handwerkerzug wieder auf die Borbecker Straßen. Der ausschließlich nur Männern vorbehaltene Verband, der sich jahrzehntelang in der Gaststätte „Feldschlößchen“ an der Flurstraße traf, öffnete sich in den 1970er Jahren nun auch in Borbeck offiziell für Frauen und die Jungkolping-Vereinigung im Bezirk Borbeck spielte eine starke Rolle - auch im Stadtverband. Zahllose Vortragsabende, Wallfahrten, Reisen nach Rom bis Ungarn, Italien, Turin oder Polen, aber auch Exkursionen in der Region prägten die halbjährlich gedruckten Vereinsprogramme.

rechts: Festakt zum 150-jährigen Bestehen mit Kolping-Bundes- und Europapräses Ottmar Dillenburg am 13. Juni 2010 im Theatersaal des Don Bosco-Gymnasiums

Neue Initiativen wie die Familiensonntage strahlten in die ganze Gemeinde aus, auch Gesprächsforen und soziale Initiativen wie die Sammlung von „Maschinen für die 3. Welt“ oder die Organisation von Senioren-Werkwochen. Die Borbecker Kolpinger beteiligten sich Anfang der 1990er Jahre aktiv an der Gründung einer neuen Kolpingsfamilie in Balatonföldvár am ungarischen Plattensee (1994), sie initiierten die seit vielen Jahren laufenden Fastenessen in der Fastenzeit für Misereor und beteiligten sich am Borbecker Weihnachtsmarkttag. „Eine Kolpingsfamilie „verdient“ ihren Namen, wenn in ihren eigenen Reihen der Dienst am Menschen großgeschrieben wird“, erklärte der Kolping-Bundes- und Europapräses Ottmar Dillenburg am 13. Juni 2010 im Theatersaal des Don Bosco-Gymnasiums, als die Borbecker Kolpingsfamilie ihr letztes großes Jubiläum zu ihrem 150-jährigen Bestehen feiern konnte.

Das aktuelle Vorstandsteam mit Präses Pfr. Benedikt Ogrodowczyk von St. Dionysius (2.v.l.) vor dem Schaukasten mit der Prachtfahne im Dionysiushaus

Engagiert für die Nächsten weltweit

Neben Bildungsangeboten, Exkursionen und geselligen Veranstaltungen ist die Borbecker Kolpingfamilie auch in anderer Hinsicht der aus dem Handwerk stammenden Gründergeneration durchaus treu geblieben: Der sogenannte „Bastelkreis“ trifft sich fast das ganze Jahr über an Samstagnachmittagen und schreinert, malt und feilt für den Borbecker Weihnachtsmarkttag, auf dem die Kolpingfamilie von Beginn an vertreten ist. Viele schöne bunte Holzsachen und andere hergestellte Dinge wurden seitdem für den guten Zweck verkauft und viele Initiativen durch die geschickte Arbeit der Handwerker gefördert: Direkte Hilfe ging etwa an eine Schweinezucht in Togo, über das Hilfswerk Kolping International unterstützten die Borbecker Kleinbauern in Brasilien und an zahlreichen anderen Orten. Immer auch wird der Erlös auch für örtliche Projekte wie die Essener Tafel oder für Jugend- und Obdachlosenarbeit verwendet – ganz in der Tradition der Kolpingfamilien weltweit: „Bildungsförderung, Gemeinschaft, soziale Arbeit, Verantwortung und Solidarität gehören für die Kolpingbrüder und -schwestern seit jeher zusammen“, so die Verantwortlichen im Leitungsteam, das sich am Sonntag auf viele Festgäste freut.

CB

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Informationen zu Kolping: Das Kolpingwerk Deutschland mit Sitz in Köln zählt heute bundesweit mehr als 230.000 Mitgliedern in 2.350 Kolpingsfamilien, davon etwas 40.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der Kolpingjugend. Allein in NRW sind rund 100.000 Mitglieder in 800 Kolpingsfamilien organisiert. Das Internationale Kolpingwerk ist mit rund 500.000 Mitgliedern in 62 Ländern eines der großen Sozialwerken der Katholischen Kirche. Internet: www.kolping.de.

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