Kolping diskutierte Emscherumbau

Gigantisches Bauwerk unter unseren Füßen

0 06.11.2019

BORBECK. Staunen, interessiertes Nachfragen - rund 40 Besucher wollten wissen, was da seit Jahren unter unseren Füßen rumort: Dazu hatte die Kolpingfamilie Borbeck am Montag, 4. November, ins Dionysiushaus eingeladen. Viele Mitglieder aus dem Kolpingbezirk und weitere Gäste kamen, um Silke Wilts zu treffen, Abteilungsleiterin Infrastruktur und Veranstaltungen bei der in Essen ansässigen Emschergenossenschaft. Denn das 1899 „zum Wohle der Allgemeinheit und zum Nutzen seiner Mitglieder“ von Städten und Konzernen gegründete Unternehmen, das seitdem die gesamte Wasserhaltung der Region koordiniert, ist mit dem „Emscher-Umbau“ der Bauherr des wahrscheinlich größten unterirdischen Bauwerks unserer Zeit.

Vom Ruhrgebiet zum „Emscherland“

Und doch ist die Baustelle, die quer durch das ganze Ruhrgebiet gestreckt wird, bislang in unserer Region nur an wenigen Stellen zu sehen: Seit dem ersten Spatenstich 1992 verläuft sie unterirdisch, soll 2021 fertig sein und ist ein „Jahrhundertbauwerk“. Ziel des Projekts ist schlicht die Wiederherstellung eines ganzen Flusssystems, dass der schwerindustriellen Vergangenheit des „Ruhrgebiets“ zum Opfer fiel. Gemeint ist dabei nicht die Ruhr, die das Revier nur an seinem untersten südlichen Rand streift, sondern die in Holzwickede entspringende Emscher, das zentrale Gewässer für den Einzugsbereich von Millionen von Einwohnern. Ihr Pech: Sie mutierte durch Fabriken und Haushalte mit ihren zahllosen Zuflüssen zur reinen Abwasserkloake. Einst lebendige Wasserläufe erstarben zu offenen Dreckskanälen, die ihren undefinierbaren Inhalt in V-förmigen Betonrinnen Richtung Hauptkanal und dann in den Rhein beförderten.

Köttelbecken verschwinden

Einige dieser „Köttelbecken“ – einst natürliche Gewässer wie Berne, Boye, der Borbecker Mühlenbach oder der Läppkes Mühlenbach mit seinem zufließenden Hexbach - durchziehen auf dem Weg in die Emscher auch die ehemalige Landgemeinde Borbeck. „Als Kinder haben wir manchmal von einer Brücke aus auf die schwarze Brühe geguckt und wild spekuliert, was da an Gegenständen unter uns vorbeizog“, erinnerte sich Georg Paaßen wie viele der Besucher an die träge treibenden stinkenden Abwasserbäche. Sie sollen bald der Vergangenheit angehören. Dazu werden sämtliche Abwässer in ein Röhrensystem in den Untergrund verlegt, das mit großen Bohrschilden durch den Berg gegraben wird.

Ein unterirdischer Gigant

362 Kilometer von insgesamt rund 440 Kilometern sind so von den Mineuren bis Anfang 2019 bereits im Tunnelbau vorgetrieben und fertiggestellt worden, berichtete Silke Wilts mit zahlreichen Illustrationen. Eine bruchlose „Fortsetzung bergmännischer Traditionen“ der Region, unterstrich die Referentin in ihrer lebendigen Präsentation. Drei gigantische zentrale Pumpwerke stellen das benötigte Gefälle her, vier zentrale Kläranlagen reinigen die Abwässer und führen sie anschließend „einem ganz neuen alten Fluss“ zu: Denn die vom Abwasser entlastete Emscher wird das gereinigte Wasser sammeln und soll sich somit nach und nach wieder zu einem natürlichen Flusslauf entwickeln. Erreicht sei dies bereits auf 138 von insgesamt 340 Kilometern, an denen inzwischen 128 Kilometer Rad- und Fußwege entstanden, so Silke Wilts.

Eine neue Landschaft entstand

Die Umbaumaßnahmen berücksichtigten dabei schon heute Prognosen zum Klimawandel: Um bei Starkregenereignissen entstehenden Hochwässern vorzubeugen, entstanden Rückhaltebecken, aus denen das Wasser dosiert ins System zurückgegeben werden soll. Auch Deiche werden nach den Planungen der Emschergenossenschaft damit bleiben: Zum einen schützen sie die bereits vor der Industrialisierung tiefer liegenden großen Flächen, zum anderen die großen Bereiche des ehemaligen Reviers, deren in denen der Kohleabbau zu deutlichen Bergsenkungen führten. In diesen großen Polderflächen ist schon jetzt ein Absaufen nur durch dauerhafte Pumpenarbeit zu verhindern.

Lebensqualität verbessern

Das Emscher-Projekt, das mit mehr als 5 Milliarden Euro zu Buche schlagen wird, soll ökologische, aber auch wirtschaftliche und kulturelle Aspekte vereinen. „Die Renaturierung wird die Menschen zusammenführen“, zeigte sich Silke Wilts sicher: Ein „Zuwachs an Lebensqualität“ – nicht nur durch die Verbesserung des Stadtklimas, wie der Phönixsee in Dortmund bereits beweise. Zahlreiche Nachfragen, die auch viele technische Themen berührten, zeigten das große Interesse der Besucher an diesem gut besuchten Abend. Für die Kolpingfamilie Borbeck ein schöner Erfolg – und Referentin Silke Wilts war ein großer Applaus gewiss.

Grafik: Emschergenossenschaft

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