Karneval in Essen: Zur Geschichte des närrischen Treibens

0 09.02.2024

Über den Karneval oder die Fastnacht gibt es in den einschlägigen Foren eine Fülle von Informationen. Die folgende Darstellung beschränkt sich daher auf einen kurzen historischen Abriss und auf allgemeine Informationen zum Karneval im Essener Raum. Ein kurzer Rückgriff auf den Ursprung des weltweiten Karnevals sei vorab gestattet. „Kein Getreide wird in diesen Tagen gemahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt und der Sklave an seines Herrn Seite.“ Dieser Spruch findet sich in einer Inschrift aus Mesopotamien aus dem 3. Jahrtausend vor Christus und bezieht sich auf ein siebentägiges exzessives Fest zu Ehren eines Gottes. In ihm ist das Gleichheitsprinzip angesprochen, das noch im heutigen Karneval unter den Närrinnen und Narren gebräuchlich ist.

Die Römer praktizierten während der „Saturnalien“ Mitte März kurzzeitig den Bruch mit gesellschaftlichen Normen und sozialen Schranken. Während dieses kultischen Festes zu Ehren des Dionysius, der in Rom den Beinamen Bacchus trug, führten die Bacchantinnen und Bacchanten vermutlich unter Drogeneinfluss ekstatische (religiöse) Tänze auf. Öffentliche Hinrichtungen wurden verschoben, es kam zum Rollentausch zwischen Sklaven und Herren. Wie schon in Mesopotamien war das Fest auch in Rom mit wüsten Gelagen und Orgien der Sinneslust verbunden.

Das war auch im Mittelalter so. Für die Kirchenoberen waren die mit dem Fastnachtstreiben verbundenen ausschweifenden Exzesse Teufelswerk. Sie wurden während der Fastnacht stillschweigend geduldet, doch nach Beginn der Fastenzeit am Aschermittwoch mit harten Strafen belegt. Damit wollte man zum Ausdruck bringen, dass das Reich des Teufels vergänglich sei. Der Begriff Karneval geht vermutlich auf die altgriechischen Feiern zu Ehren des Gottes Dionysius zurück. Nach der griechischen Mythologie wurde der Gott während des dreitägigen Festes Ende Februar in einer Karre in die Stadt Hellas geschoben. Die Herleitung des Begriffs „Karneval“ vom lateinischen „carrus navalis“ ist ebenso wie die scherzhafte volksetymologische Auslegung umstritten.

Karneval in Essen

Bestimmend für den Essener Karneval in jüngerer Zeit ist das Festkomitee Essener Karneval e.V., ein Zusammenschluss der Essener Karnevalsgesellschaften, gegründet im November 1934 im Hotel Vereinshaus. Gründungsvereine waren die Essener Prinzengarde, Fidelio, Essener Funken, Essener Stadtgarde, Große Altendorfer Karnevalsgesellschaft und Buschkante. Zum 1. Vorsitzenden und Präsidenten wurde Willi Webels gewählt, 1. Schriftführer war Artur Koch, 1. Kassierer August Eberhard. Der Zweck der Zusammenarbeit sollte in der Förderung und Erhaltung des karnevalistischen Geistes und der Förderung des heimatlichen Brauchtums bestehen, nach dem Motto „Allen Wohl und niemand weh“. Die erste Sitzung fand im Januar 1935 im Städtischen Saalbau Essen statt. Neun Gesellschaften nahmen daran teil. 1939 gehörten der Chronik des Festkomitees zufolge (verfasst von Günter Hollmann) bereits 16 Gesellschaften der Gemeinschaft an.

Über die Entwicklung des Karnevals in der NS-Zeit und im Krieg schweigt die Chronik. Es gibt lediglich den lapidaren Eintrag: „Durch den Ausbruch des Krieges wird dem Frohsinn ein jähes Ende gesetzt und das gesamte Vereinswesen stillgelegt. Der Krieg und seine Folgeerscheinungen klingen nur sehr langsam aus.“ Die Nationalsozialisten ließen den Karneval weitgehend unangetastet. Die Jecken passten sich den herrschenden Bedingungen an, sie beugten sich der NS-Forderung nach einem „deutschen Karneval“ mit „volkstümlichem Brauchtum“. Im sogenannten „Stromlinien-Karneval“ war für regimekritische Zugwagen kein Platz. Der Karneval war letztlich wie alle anderen Lebensbereiche gleichgeschaltet. Vor einem totalen Verbot schreckten die Nazis aus Furcht vor Kritik aus der Bevölkerung zurück.

1951 fand im Essener Saalbau unter der Leitung von Willi Webels die erste Nachkriegssitzung des Festkomitees statt, das sich einige Jahre später (1957) in „Festausschuss Essener Karneval e.V.“ umbenannte. 1957 gab es den ersten Essener Rosenmontagszug. Wegen der großen Anteilnahme der Essener Bevölkerung kam der Chronist zu dem Schluss, dass in Essen „eine ausgeprägte karnevalistische Tradition“ herrsche. Weiteres über den Karneval in Essen ist in der Chronik des Festkomitees nachzulesen. [Quelle: Homepage des Festkomitees, Chronik des Festkomitees]. Dass der Karneval auch für politisch-ideologische Zwecke entfremdet wurde, zeigt ein Beispiel aus Essen. Am Rosenmontagszug der Gänsereiter in Freisenbruch im Jahre 2019 nahmen auch „Steeler Jungs“, eine Gruppe aus Neonazi und rechten Hooligans mit Verbindung zur Rockerszene, mit einem eigenen Wagen teil. Die Sprüche, zum Beispiel „Schützt euch vor den Zecken. Helau“, und die mitgeführten Symbole wie Thors Hammer hatten eindeutig rechtsradikalen Charakter. Dem Veranstalter blieb nur mehr übrig, sich nachträglich von dem Wagen der „Steeler Jungs“ zu distanzieren. Am 3. September 2023 feiert das Festkomitee im GOP Varieté Theater Essen sein 88-jähriges Bestehen.

Hoppeditz- und Bacchus-Brauchtum

Nicht nur zum Essener Karneval gehört ein festes Brauchtum, zum Beispiel der Beerdigung des Bacchus und das Hoppeditz-Erwachen. Die Bacchus-Beerdigung markiert das Ende der Karnevalszeit und den Beginn der Fastenzeit. Zu diesem Brauch gehörte es, eine mannshohe Puppe aus Stroh oder alten Klamotten je nach Region zu verbrennen, symbolisch zu ertränken oder zu begraben. Die Figur, die als Sündenbock für Fehltritte und Sünden in der Session herhalten musste, nannte man in Köln „Nubbel“. Dort wurde auf die Frage, wer schuld daran sei, dass man zu viel getrunken habe, geantwortet: „Dat wor der Nubbel.“ [Im Kölner Dialekt steht Nubbel für „niemand“]. Die Beerdigungsvarianten sind regional unterschiedlich.

Weit verbreitet ist auch das „Hoppeditz-Erwachen“. Pünktlich zum Beginn der Karnevalssession am 11.11. um 11.00 Uhr pflegt der Hoppeditz zu erwachen. In Borbeck fand der Brauch lange Jahre auf dem Borbecker Platz unterhalb der Pfarrkirche St. Dionysius auf dem Alten Borbecker Markt statt. Der Hoppeditz, ein Mitglied der Karnevalsgesellschaft, erhob sich aus einem sargähnlichen Gebilde und hielt eine launige, mit Anspielungen versetzte Rede an das karnevalistische Volk. Das erste Hoppeditz-Erwachen in Borbeck führte 1970 der Karnevalsverein „Klein aff“ durch. In anderen Gegenden konnte der Schauplatz durchaus wechseln. So zum Beispiel in Essen-Mitte, wo man 2006 auf Grund eines Protests der dortigen Geschäftsleute aus dem City-Center in das Einkaufscenter Limbecker Platz umziehen musste.

Andere Bräuche haben sich im Essener Raum zum Teil bis heute erhalten, wenn auch aus verschiedenen Gründen in veränderten Formen. Das gilt für das „Gänsereiten“ in Freisenbruch, bei dem Reiter des dortigen Gänsereiter-Clubs versuchen, einer zwischen Bäumen aufgehängten Gänseattrappe den Kopf abzuschlagen, um die Würde eines Gänsereiterkönigs zu erlangen. Ähnliches gilt für das Hahneköppen, das die 1862 gegründete älteste Essener Fastnachtsgesellschaft „Hahnekopp“ lange Zeit an lebenden Hähnen praktizierte. Seit 2005 verwendet sie aus Gründen des Tierschutzes einen Hahn aus Gummi, dem mit einem Holzschwert der Kopf abgeschlagen wird. (FJG)

Quellen:

Fritzen, Johannes: Alte Fastnachtsbräuche in der Essener Gegend. In: Essener Beiträge 46 (1928].
Werdener Stadtarchiv: Zeitungsausschnitte und Anzeigen.
Hollmann, Günter: Erinnerungen – http://www.klein-aff-essen.de

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