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0 29.11.2025
Über drei Jahrzehnte war er Pfarrer an St. Dionysius: Am 1. Adventssonntag vor 65 Jahren, am 27. November 1960, starb der Stadtdechant, Erzbischöfliche Rat, Ehrendomherr und Domkapitular Johannes Brokamp im Alter von 76 Jahren im Philippusstift. Am 11. Mai 1977 wurde ein Teilstück der Borbecker Straße nach ihm benannt, die von der Stolbergstraße zur Legrandallee in Bochold führt – ein sicherer Beweis, dass die Erinnerung an ihn im Stadtteil und in der Stadt Essen noch lange anhielt.
Geboren wurde Johannes Brokamp am 25. Oktober 1884 in Elsdorf, Kreis Bergheim (Erft) und wuchs in der Kaiserzeit auf. Nach der Priesterweihe 1908 war er zunächst Kaplan in Mönchengladbach, der Zentrale des Volksvereins für das Katholische Deutschland. Hier wirkte seit 1905 Dr. Heinrich Brauns, der frühere Kaplan an St. Dionysius (Vikar 1895-1900), als Direktor der bedeutendsten Organisation des politischen und sozialen deutschen Katholizismus im Kaiserreich. Ab 1911 war Brokamp Kaplan in Geilenkirchen, wo er auch als Religionslehrer und Rektor am Ursulinen-Lyzeum tätig war, bis er 1924 zum Pfarrer in Baesweiler ernannt wurde. Am 18. August 1929 wurde er als Pfarrer von St. Dionysius und Nachfolger von Pfarrer Jakob Brock (* 1876 in Düren, + 1959 in Bad Hönningen) nach Essen-Borbeck versetzt. Brock war ab 1899 bis 1906 bereits Kaplan in Borbeck gewesen, kam 1922 als Pfarrer wieder zurück. Der eigenwillige streitbare Pfarrer sah sich in einen Finanzskandal in Borbeck verwickelt, musste auf Druck der erzbischöflichen Behörde in Köln 1929 sein Amt räumen und legte sich in seinen späteren Tätigkeiten als Pfarrer in Würselen und Wilich bei Krefeld standhaft mit den örtlichen Nazi-Organisationen an.
Auch Brokamp, der 1942 die Aufgabe des Dechanten von Borbeck übernahm, hatte mit dem Regime seine Schwierigkeiten. Doch klug und trickreich zog er sich und seine Pfarre immer wieder aus der Affäre. Er ging zwar demonstrativ zu Beerdigungen von geächteten Personen, verwickelte aber die nationalsozialistischen Behörden in zahlreiche Rechtsfragen, verhinderte die bevorstehende Enteignung der Salesianer durch geschickte Manöver, indem er Pfarrektorate einrichtete, umging Auflagen zum Bau des Bunkers unter der Kirche, um in ihr weiter Gottesdienste halten zu können, oder nahm unbotmäßige Seelsorger in seinem Pfarrbezirk in Schutz und zog sie aus der Schusslinie des Regimes.
Als sich im übermächtigen Klima der Angst niemand traute, die sterblichen Überreste des am 23. August 1942 im KZ Dachau gestorbenen Salesianer-Paters Theodor Hartz SDB zu bestatten, übernahm Brokamp Ende Oktober 1942 diese Aufgabe und feierte in St. Immakulata die Totenmesse mit einer kleinen Trauergemeinde. Das von ihm angelegte heimliche Kriegstagebuch der Pfarrei spricht Bände darüber, unter welchem Druck die große Pfarrei in dieser Zeit mit ihren Einrichtungen stand – nicht zuletzt spätestens in den Bombenhageln über Borbeck, die zur Aufrechterhaltung des kirchlichen Lebens zu viel Improvisation zwangen.
Um die Mitte des Jahres 1944 folgte er den Umquartierten nach Schwaben, die er dort im Auftrag des Erzbistums Köln zusammen mit Pfarr-Rektor P. Metzger vom St. Johannesstift seelsorglich betreute und nahm nach dem Krieg nach und nach den Wiederaufbau der Pfarrei und aller Einrichtungen vom Kindergarten bis zum Philippusstift und der völlig zerstörten St. Dionysiuskirche in Angriff. „Schwere Tage liegen hinter uns; der Krieg ist über unsere in den letzten Jahren so schwer geprüfte Heimatstadt hinweggerast“, schrieb er mit den katholischen Essener Geistlichen in einem gemeinsamen Hirtenwort, das am 29. April 1945 in allen Gemeinden als „priesterliches Wort in ernster Stunde" verlesen wurde. Gefragt sei jetzt ein neuer Geist „im ganzen öffentlichen Leben, das von christlichen Grundsätzen getragen sein muß, in der Beziehung der Völker zueinander, die in gegenseitiger Achtung das gemeinsame Wohl fördern und so den wahren Völkerfrieden begründen.“ 1952 trat Pfarrer Brokamp die Nachfolge des verstorbenen Essener Stadtdechanten Friedrich Uerlichs (1874-1952) an, der seit 1924 Pfarrer an St. Gertrud und Domkapitular in Köln war, und beging 1958 sein 50. Priesterjubiläum.
Der Ernennung zum Erzbischöfliche Rat folgte nicht nur die Berufung als Ehrendomherr am Kölner Dom. Auch die Bemühungen zur Errichtung des Bistums Essen verfolgte er aktiv mit und war mit seiner Borbecker Pfarrei an dessen Gründung wesentlich beteiligt. Im neuen Bistum wurde er Mitglied des Domkapitels und Vorsitzender des Caritasverbandes. In seiner Gemeinde St. Dionysius blieb er der „Pastor", doch begegnete man dem beliebten Seelsorger und der geachteten Persönlichkeit mit dem größten Respekt. Als sein Sterbetag kam, „schien Borbeck still zu stehen“, erinnerte sich Hans Werner Kreul, der an diesem Tag morgens um 6.30 Uhr Messdienerdienst in der Kirche übernommen hatte: „Küster Hoffmann überbrachte der Gemeinde und uns Messdienern die Nachricht und schickte uns nach Hause. Dann begann die Dionysiusglocke zu läuten. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Borbeck. Im Jugendheim wurde der Pastor am Mittwoch bis zu seiner Überführung zur Dionysiuskirche aufgebahrt.“
Nicht nur die katholischen Gläubigen zollten seinem langen Wirken in Borbeck ihre Anerkennung, wie die BORBECKER NACHRICHTEN damals schrieben: „Zur gleichen Stunde, da der Leichnam in die Kirche getragen wurde, erloschen in Borbecks Straßen alle festlichen Lichter. (…) Tausende säumten die Straßen lange bevor sich der Trauerzug von der Dionysiuskirche aus, über die Borbecker Straße, Prinzenstraße, Zielstraße zum Friedhof bewegte.“ Pastor Brokamp wurde auf der Priestergruft auf dem Friedhof an der Hülsmannstraße beigesetzt.
CB

Bilder vom Trauerzug bei der Beerdigung von Stadtdechant Johannes Brokamp. Die Straße für den Trauerzug, an dem das Domkapitel und der Bischof teilnhamen, war komplett gesperrt. Um besser sehen zu können, kletterten Kinder sogar auf die Friedhofsmauer, als der von der Eucharistischen Ehrengarde begleitete Wagen mit dem Sarg durch das Haupttor des Friedhofs an der Hülsmannstraße fuhr. (Bilder: Archiv Hans-Werner Kreul)

Quellen:
Franz Josef Gründges: Brokamp, Johannes - Pfarrer, Stadtdechant, Ehrendomherr, Domkapitular, in: https://www.borbeck.de/lexikon-details/brokamp-johannes.html
16.11.2020, Tausende säumten die Straßen als Pastor Brokamp beerdigt wurde, in: https://www.borbeck.de/blog-details/tausende-s%C3%A4umten-die-stra%C3%9Fen-als-pastor-brokamp-beerdigt-wurde.html
24.11.2020, Alle festlichen Lichter erloschen, als der Verstorbene in die Kirche getragen, Zum 60. Todestag von Pastor Johannes Brokamp an St. Dionysius Borbeck. Erinnerungen von Hans Werner Kreul, in: https://www.borbeck.de/index.php/nachrichten-details/zur-erinnerung-von-heinz-werner-kreul-aufgezeichne.html
22.11.2021, Früh übt sich: Kinderschützenfest im Marienheim, in: https://www.borbeck.de/index.php/blog-details/frueh-uebt-sich-kinderschuetzenfest-im-marienheim.html
23.10.2020, 1944: Die Bombennacht von Borbeck. Vor den kommenden Novembertagen ein Blick in alte Quellen, in: https://www.borbeck.de/nachrichten-details/1944-die-bombennacht-von-borbeck.html
P. Johannes Wielgoß SDB: Das Haus der Salesianer Don Boscos in Essen-Borbeck von der Gründung bis zum II. Vatikanischen Konzil, PICCOLA BIBLIOTECA dell'Istituto Storico Salesiano 26, Rom 2015.
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