Einwohnerzahlen: Mal vier oder mal vierzig

Bevölkerung in Deutschland hat sich in den vergangenen beiden Jahrhunderten vervierfacht

1 23.11.2021

DEUTSCHLAND / BORBECK. Die Zahl der Einwohner Deutschlands hat sich innerhalb der letzten 200 Jahre mehr als vervierfacht. Lebten zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik knapp 20 Millionen Menschen, so sind es heute mehr als 83 Millionen. Das meldet heute das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden.

Nach der aktuellen Untersuchung zur historischen Bevölkerungsentwicklung verlief die Entwicklung in einzelnen Großregionen sehr unterschiedlich (vgl. Abbildung oben: Regionale Bevölkerungsentwicklung von 1816 bis 2020, Datenquelle: Statistisches Reichsamt, Statistisches Bundesamt, Berechnungen: BiB). Das stärkste Wachstum verzeichnete demnach der Westen Deutschlands: In den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland leben heute 29,3 Millionen Menschen und damit sechsmal mehr als Anfang des 19. Jahrhunderts (4,9 Millionen). Im Süden (Bayern und Baden-Württemberg) wuchs die Bevölkerungszahl von 5,7 auf 24,2 Millionen um das Vierfache. Norddeutschland, bestehend aus den heutigen Bundesländern Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen sowie Bremen, blieb trotz eines starken Zuwachses von 3,0 auf 13,4 Millionen Einwohner über die gesamte Zeitspanne die Region mit der geringsten Einwohnerzahl. In den neuen Bundesländern mit Berlin, zwischen 1850 und 1920 lange Zeit die Region mit der höchsten Bevölkerungszahl, verlief die Entwicklung der Bevölkerungsgröße bis zum Zweiten Weltkrieg nahezu parallel zur Region West. Erst mit der deutschen Teilung und der Gründung der DDR nahm die Einwohnerzahl von 20,5 auf nunmehr 16,1 Millionen ab.

Blick auf Borbeck

Solche Zahlen aus der großen Welt der Statistik verführen natürlich auch zu einem genaueren Blick auf unseren Breitengrad – speziell nach Borbeck. Denn das bäuerliche Idyll zwischen Ruhr und Emscher startete vor 200 Jahren in eine Entwicklung, die ein vierfaches Bevölkerungswachstum im angegebenen Zeitraum gleich zehnfach erlebt hat. Als Preußen 1802 von Stadt- und Stiftsgebiet Essen Besitz nahm, war es hier tatsächlich noch ziemlich übersichtlich: Der Canton Essen bestand aus den Munizipalitäten Essen, Altenessen, Borbeck und Steele. Zur Mairie (Bürgermeisterei) Borbeck gehörten das Kirchdorf Borbeck und die Bauerschaften Bedingrade, Möllhoven, Frintrop, Dellwig, Gerschede, Vogelheim, Bocholt, Lippern, Lirich und der Dreibauerschaft Altendorf, Holsterhausen und Frohnhausen. Borbeck zählt 488 Einwohner, das ganze Borbecker Quartier gerade mal 2.054.

In 50 Jahren größer als Essen

Doch ab dieser Zeit startet die Landgemeinde heftig durch: Zechen werden abgeteuft, erstmals geht es mit dem Schacht Franz bei Schönebeck hier überhaupt in den Tiefbau. 1849 sind 7.825 Einwohner in der Bürgermeisterei ansässig, 1851 über 10.000, 1852 über 11.500 und an der Wiege der Schwerindustrie werden immer mehr Arbeitskräfte gebraucht. Innerhalb von fünf Jahrzehnten hat sich jetzt schon die Bevölkerung mehr als verachtfacht: Nach der Topographisch-Statistischen Beschreibung und Verwaltungsübersicht des 1859 neu gebildeten Kreises Essen zählt die Wohnbevölkerung des Kirchdorfs Borbeck mit den umliegenden zwölf Bauerschaften Bocholt, Vogelheim, Gerschede, Schönebeck, Bedingrade, Frintrop, Lippern, Lirich, Dellwig mit der Dreibauerschaft Altendorf, Frohnhausen, Holsterhausen insgesamt 17.196 Einwohner - sogar 31 mehr als die Bürgermeisterei Essen selbst.
Abbildung: Bevölkerung in Borbeck 1802-1933 / eig. Zusammenstellung

Starke Verluste 1874

Dabei bleibt es nicht. Auch wenn 1860 über Tausend Bergleute nach Süd-Russland in die Ukraine weggelockt werden und 1861 die westlichsten Gemeindegebiete Lirich und Lippern mit über 4.500 Einwohnern zu Oberhausen geschlagen werden, boomt die Region weiter: Zechen, Zinkhütte und Maschinenbau wachsen, zudem ist Borbeck mit gleich zwei Bahnhöfen in Bergeborbeck und Dellwig an das Eisenbahnnetz angeschlossen - noch früher als Essen. 1861 leben im Kirchdorf Borbeck 2.097 Einwohner in 431 Haushalten, 18.133 in der gesamten Bürgermeisterei, zehn Jahre später sind es bereits 27.314 (1871). Einen starker Bevölkerungsverlust bringt 1874 die Abtrennung der ehemaligen Dreibauerschaft Altendorf, Frohnhausen und Holsterhausen, die mit knapp 20.500 Einwohnern zur Bürgermeisterei Altendorf zusammengeschlossen wird.

Vergebliche Mühen: Borbeck wird keine Stadt

Der Bevölkerungsverlust wird in den nächsten zwei Jahrzehnten schnell wieder wettgemacht: 1895 zählt die Landgemeinde Borbeck 34.625 Einwohner - damit ist sie schon lange erheblich größer als manche preußische Stadt. 1897 stellt sie den Antrag auf Verleihung der Rheinischen Städteordnung - vergeblich. 1900 sind es bereits 48.617 und 1906 wird mit über 60.000 Einwohnern ein zweiter Anlauf unternommen – ebenfalls aussichtslos. 1912 lebten 72.241 Einwohner in 5.919 Haushalten, sogar noch 3.929 Stück Vieh werden gezählt. 1915 wird die Bürgermeisterei Borbeck schließlich als größte Landgemeinde Preußens mit fast 78.000 Einwohnern zur Stadt Essen eingemeindet und verliert seine kommunale Selbständigkeit. In 200 Jahren ist die Einwohnerdichte von Groß-Borbeck jetzt um das Vierzigfache gestiegen. 1926 wird ein Stand von 78.158 erreicht, 1933 sind es über 80.000.


Abbildung: Bevölkerung nach Alter in den Stadtbezirken und Stadtteilen am 30.09.2021, Amt für Statistik, Stadtforschung und Wahlen (Auszug aus Download-Liste)

Der Stand heute im Stadtbezirk IV

Dabei ist es im Wesentlichen bis heute geblieben: Nach Angaben des Amts für Statistik, Stadtforschung und Wahlen weist der Stadtbezirk IV derzeit knapp 83.000 Einwohner auf (82.986) – dass 6.061 Einwohner in Vogelheim leben, darf man an dieser Stelle sicher mal dazuzählen. Im offiziellen Stadtbezirk sind 13.158 unter 18 Jahren alt, 19.270 im Alter von 65 oder älter.

Hochrechnungen bis 2030

Nach den Hochrechnungen der Statistiker weist der Stadtbezirk IV allerdings derzeit den höchsten Bevölkerungsverlust auf. Bis 2030 werde die Bevölkerungszahl auf 81.700 Personen fallen, vor allem durch einen im Vergleich hohen Sterbefallüberschuss, heißt es. Dabei weisen die Wanderungsbewegungen tatsächlich viel Bewegung auf: Rund 34.900 werden von außerhalb Essens zuwandern, rund 37.500 fortziehen, so die Prognosen. Aus anderen Stadtbezirken kommen 29.500, dagegen verlassen 25.600 den Stadtbezirk, um in einen anderen zu ziehen. Trotz Zuzügen von außen und von Essen werde die Bevölkerungszahl insgesamt nicht ausgeglichen werden. Würden allerdings alle geplanten Neubautätigkeiten bis 2030 realisiert, könne sich die Bevölkerungszahl auf rund 83.100 erhöhen, so die Forscher. Zur Erinnerung: 200 Jahre zuvor waren es gut 80.000 Einwohner weniger ...

Quellen:
Bevölkerung in Deutschland hat sich in den vergangenen beiden Jahrhunderten vervierfacht, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) Wiesbaden, PRESSEMITTEILUNG VOM 23.11.202
Ein Blick auf ... Menschen in Essen. Bevölkerungsbewegungen 2018 bis 2020, 3/2021, Amt für Statistik, Stadtforschung und Wahlen
Vorausberechnung der Bevölkerung der Stadt Essen 2020, 2025 und 2030, Amt für Statistik, Stadtforschung und Wahlen, Juli 2019


Abbildung: Vorausberechnung der Bevölkerung der Stadt Essen 2020, 2025 und 2030, Amt für Statistik, Stadtforschung und Wahlen, Juli 2019, S. 84

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Kommentare

Kommentar von Anna Bartmann-Hill |

Danke für die Informationen über den Stadtteil. Nach 40 Jahren habe ich die Grundlagen unseres Bezirkes vermittelt bekommen!
Nach Emscherumbau und Hafen-Neugestaltung wird Bredeney ganz neidisch sein!
Weiter so.

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