Die Geschichte vom doppelten Meisterwimpel

Rot-Weisse Exponate im Deutschen Fußballmuseum

0 23.04.2021

„Jetzt kommt er an einen Platz, wo er hingehört“, kommentierte eine gerührte Teilnehmerin die Auktion für Raritäten 2009 im Deutschen Sport- & Olympiamuseum in Köln. Gemeint war die „Heimkehr“ des RWE-Wimpels, den der damalige Rot-Weiss-Spielführer August Gottschalk dem Kapitän des 1. FC Kaiserslautern Fritz Walter vor dem Meisterschaftsfinale 1955 in Hannover überreicht hatte. Rund ein halbes Jahrhundert nach diesem geschichtsträchtigen Ereignis, das den größten Erfolg der Vereinsgeschichte symbolisiert, konnte das Pendant zum Lauterer Wimpel erfolgreich an die Hafenstraße zurückgeholt werden. Wie war das möglich?

Roland Sauskat vom AWO Fan-Projekt Essen, der im Namen des Vereins an der Versteigerung teilnahm, berichtet: „Nach der Finalniederlage gegen RWE waren die Spieler des 1. FC Kaiserslautern ziemlich sauer und fühlten sich benachteiligt. In dieser Stimmung warf Fritz Walter den RWE-Wimpel in die Ecke des Lauterer Mannschaftsbusses, wo ihn der Busfahrer auffand.“

Was war passiert?

In der 70. Minute des Final-Krimis kam es bei einem Zweikampf zwischen Penny Islacker mit Weltmeister Horst Eckel zu einer schweren Verletzung am linken Knie des Essener Stürmers. Kaum in der Lage aufzutreten, schlich der bis dahin zweifache Endspieltorschütze den Rest des Spiels über den Platz und musste immer wieder behandelt werden. Eine Auswechslung ließ das Regelwerk damals nicht zu. Dann die 85. Minute vor 80.000 Zuschauern im Niedersachsenstadion. Helmut Rahn hatte wieder einen Angriff gegen Kaiserslautern eingeleitet, sein Schuss prallte an Werner Kohlmeyer ab, Berni Termath erwischte den Ball, setzte sich auf der rechten Seite gegen den Nationalverteidiger durch und flankte vor das Tor. Penny Islacker humpelte durch den Lauterer Strafraum und sah die Flanke auf sich zukommen. Doch wie die Lederkugel annehmen, wenn das Knie so höllisch schmerzt?

Mannschaftskollege Helmut Rahn beschrieb die nun folgende Szene später so: „Wie ein fliegender Fisch flitzte Islacker durch die Luft und beförderte den Ball mit dem Kopf über die Linie.“ Kaiserslautern reklamierte zwar Abseits, doch Schiedsrichter und Linienrichter erkannten beide sofort das Tor an.

Auch für die NRZ war die Situation eindeutig. Sie schrieb in großen Lettern: „Islacker stand nicht abseits“ und der Torschütze selbst schätzte die entscheidende Szene wie folgt ein: „Ich meine, ich war nicht abseits. Als der Berni Termath am Ball war, rief ich laut „Berni“, um ihn auf mich aufmerksam zu machen. Baßler stand dabei in meiner Nähe, zwischen dem Tor und mir. Als Berni zur Flanke ansetzte lief ich vor. Ich musste mich gehörig strecken, um den Ball zu erreichen.“ Zum 4:3! Zur Meisterschaft!

Von der Kellerbar ins Deutsche Fußballmuseum

Doch der Lauterer Frust über die dritten Endspielniederlage (1948: 1:2 gegen 1. FC Nürnberg; 1954: 1:5 gegen Hannover 96) im fünften Finalspiel (Deutscher Meister 1950: 2:1 gegen Preußen Münster und 1953: 4:1 gegen VfB Stuttgart) war so groß, dass sie den Essener Wimpel vergaßen. Beim nächsten Auswärtsspiel fragte der Busfahrer Fritz Walter, was damit geschehen sollte. „Den könne`se sich nehme`, den wolle ma nich me seh`n“, war die spontane Antwort enttäuschten Kaiserslauterer Kapitäns. Und so schmückte der Endspielwimpel über ein halbes Jahrhundert lang eine Kellerbar. Nach dem Tod des Busfahrers gab dessen Familie den Wimpel für die Sport-Auktion frei. Mit einer Vollmacht der Sparkasse Essen ausgestattet, gelang es, im Bieterverfahren unter der maximal zugesagten Summe von 3000,-€ zu bleiben und ihn zurück an die Hafenstraße zu holen.

Rot-Weiss Essen ist durch dieses Engagement der einzige Verein, der die Endspielwimpel beider Finalteilnehmer besitzt. Als Leihgabe hängen sie nebeneinander im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund.

RWE- Ein wichtiger Teil der deutschen Fußballgeschichte

Dort befinden sich seit der Eröffnung 2015 wichtige Exponate aus der rot-weissen Vereinsgeschichte. „Ich habe dafür gesorgt, dass RWE angemessen vertreten ist“, sagte Manuel Neukirchner 2016 der Funke-Medien-Gruppe und erklärte: „Rot-Weiss ist ein wichtiger Teil der deutschen Fußballgeschichte und hat viele Spuren hinterlassen.“ Manuel Neukirchner muss es wissen: Er ist Essener, bekennender RWE-Fan und Direktor des Deutschen Fußballmuseums. Und so unterstützte RWE natürlich dieses Anliegen. In einem Leihvertrag wurde festgehalten, dass ausgesuchte Exponate der rot-weissen Vereinsgeschichte bis zum Ende des Jahres 2024 hier verbleiben können.

RWE-Schatzkammer im Deutschen Fußballmuseum

Die wichtigsten von rund 20 RWE-Exponaten befinden sich direkt hinter der mit WM- und EM-Pokalen bestückten DFB-Schatzkammer des Museums. Daran schließt sich nämlich ein Gang zur Fußball- und Vereinsgeschichte an, in der RWE in zwei gegenüberliegenden Vitrinen aus der erfolgreichsten Zeit seiner Vereinsgeschichte vertreten ist.

  • Als erstes sticht die bekannte, einen Bergmann zeigende Skulptur „Kurze Fuffzehn" des Bildhauers Fritz Petsch (1893-1981) ins Auge. RWE lieh das Original unter der Bedingung aus, dass das Deutsche Fußballmuseum (DFM) eine Kopie zur Verfügung stellt, die unsere Georg-Melches-Initiative im Freiluftmuseum „Kleine Gruga“ auf dem Seitenstreifen der Zufahrtsstraße zum Stadion präsentieren kann. Das DFM willigte ein und übergab 2015 bei einer Veranstaltung im Folkwang-Museum die Kopie an RWE.
  • Der legendäre und jahrzehntelange Geschäftsstellenleiter Paul Nikelski fertigte zur Amerikareise 1954 einen Wandteppich an, der ebenfalls im Deutschen Fußballmuseum zu sehen ist. Bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1989 hing der Teppich in seinem Arbeitszimmer, das sich in der Haupttribüne des Georg-Melches-Stadion befand. Aktuell ist er direkt neben der Skulptur "Kurze Fuffzehn" im DFM zu sehen.
  • Das Plakat vom DFB-Pokalfinale 1953 in der gegenüberliegenden Vitrine des Deutschen Fußball Museum, stellt dagegen nur eine Reproduktion des Originals dar. Das Original hängt an heimischer Stätte im VIP-Bereich „Zeche Hafenstraße" des Stadion Essen.
  • Direkt daneben befindet sich im DFM der Endspielball von 1955 mit den Unterschriften der RWE-Spieler und den beiden Wimpeln vom 1. FC Kaiserlautern und von Rot-Weiss Essen. Für alle Besucher ein besonderer Anblick, denn wahrscheinlich hat kein Verein der seit 1903 ausgetragenen Endspiele beide Wimpel eines DFB-Finales.

Georg Schrepper

August Gottschalk und Fritz Walter beim Wimpeltausch vor dem Endspiel zur Deutschen Meisterschaft 1955 (unten in Farbe). In der Mitte Schiedsrichter Meißner (Nürnberg). Mitte: der RWE-Endspielwimpel, rechts: der Endspielball 1955

Bild unten: Rot-Weiss Essen - Deutscher Fußball-Meister 1955: Köchling, Islacker, Termath, Jahnel, Gottschalk, Rahn, Grewer, Trainer Szepan, Wewers, Jänisch, Röhrig, Herkenrath

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