Borbeck: Die verhinderte Großstadt

0 17.05.2026

BORBECK. Ein Zufallsfund - vor 125 Jahren stand es in der Berliner Illustrierten Zeitung, von 1891 bis 1945 die auflagenstärkste deutsche Zeitschrift ihrer Zeit und sogar die zweitverbreitetste Illustrierte weltweit: Eine Menge Städte in Deutschland waren weitaus und deutlich kleiner als die größten Dörfer. Wie im 10. Jg., Nr. 44 vom 3. November 1901 berichtet, war die Bürgermeisterei Borbeck Spitzenreiter im Deutschen Reich:

„Die kleinste Stadt des deutschen Reichs ist Hauenstein bei Waldshut in Baden, die nur 191 Einwohner zählt. Es folgen Zavelstein bei Calm in Württemberg mit 293, Fürstenberg bei Villingen in Baden mit 304, Fürstenberg in Waldeck mit 321, Berneck in Württemberg mit 344, Lißberg in Oberhessen mit 347, Neufreistett bei Offenburg in Baden mit 364, Lagow in der Provinz Brandenburg mit 393 Einwohnern. Die frühere Residenzstadt Waldeck hat 483 Einwohner. Die größten Dörfer sind Borbeck im Ruhrkohlenrevier mit 47.217, Lichtenberg bei Berlin mit 43.372, Löbtau bei Dresden mit 33.807, Hamborn bei Ruhrort mit 32.598, Neu-Weißensee mit 31.944, Wilmersdorf mit 30.671, AItenessen mit 28.678, Buer mit 28.500, Neunkirchen mit 27.695 Einwohnern.“

Vom Dorf zur Industriegemeinde

Die damals größte Industriegemeinde Preußens damals hatte ein Jahrhundert hinter sich, dessen Dynamik man sich kaum noch vorstellen kann: Als sich Preußen 1802 das Stadt- und Stiftsgebiet von Essen einverleibte, wurden die Territorien mit damals insgesamt rund 20.000 Einwohnern säkularisiert und verstaatlicht, Fürstin Maria Cunegunda und die Stiftskapitel von Essen und Werden waren entschädigt und abgefunden worden.

Der Essener Canton bestand in der neuen Zentralverwaltung aus den Munizipalitäten Essen, Altenessen, Borbeck und Steele. 1802 zählte Borbeck 488 Einwohner, im ganzen Borbecker Quartier gab es 403 Feuerstellen und 2.054 Einwohner. Dazu gehörten das Kirchdorf Borbeck und die Bauerschaften Bedingrade, Möllhoven, Frintrop, Dellwig, Gerschede, Vogelheim, Bocholt, Lippern, Lirich und die 1807 der Bürgermeisterei Borbeck zugeschlagene Dreibauerschaft Altendorf, Holsterhausen und Frohnhausen, denen ein Maire vorstand. Es war der bisherige Rentmeister Philipp Jos. Chr. Leimgart, der seit 1802 Haus Berge gepachtet hatte und der von 1807 bis 1823 Bürgermeister war.

Borbeck größer als Essen

Knapp 50 Jahre später zeigte sich, wie sehr die Industrie (Zink-, Eisenhütte) inzwischen expandiert hatte: Population und Bebauung nahmen zu und die Bevölkerungszahlen für die Jahre 1850ff. belegen ein überaus starkes Wachstum der Gemeinde. 1849 waren 7.825 Einwohner in der Bürgermeisterei ansässig, 1851 waren es bereits 13.894. Nach der Topographisch-Statistischen Beschreibung und Verwaltungsübersicht des 1859 neu gebildeten Kreises Essen für das Jahr 1858 zählte die Wohnbevölkerung des Kirchdorfs Borbeck mit den umliegenden zwölf Bauerschaften Bocholt, Vogelheim, Gerschede, Schönebeck, Bedingrade, Frintrop, Lippern, Lirich, Dellwig mit der Dreibauerschaft Altendorf, Frohnhausen, Holsterhausen insgesamt 17.196 Einwohner - sogar 31 mehr als die Bürgermeisterei Essen selbst.

Damit war die Einwohnerzahl im Gebiet des Kreises Essen von 59.231 im Jahre 1857 auf 70.778 im Jahr angestiegen und besaß, wie die ALLGEMEINEN POLITISCHEN NACHRICHTEN 1859 feststellten, „auf dem verhältnismäßig beschränkten Gebiet von 3, 64 Quadratmeilen eine so starke Population, wie sie bei keinem Kreise des preußischen Staates von gleichem Umfang vorkommen wird“. (APN vom 16.Juli 1859)

Abtrennung von Lirich und Lippern 1861

1861 lebten im Kirchdorf Borbeck 2.097 Einwohner in 431 Haushalten und 18.133 in der gesamten Bürgermeisterei. Borbeck wies damit im Kreis Essen bis zur Wirtschaftskrise von 1857 die höchsten Steigerungsraten auf, wobei die Zuwanderer aus den benachbarten preußischen Gebieten, dem katholischen Münsterland und Ostwestfalen die größte Gruppe stellten. Doch wurden im selben Jahr die westlichsten Gemeindegebiete Lirich und Lippern mit 15 Prozent des Gemeindegebietes um die Gutehoffnungshütte zu Oberhausen geschlagen. Durch den Verlust von über 4.500 Einwohnern und einer Fläche von 881 Hektar fiel die Bevölkerungsentwicklung gegen die Vorjahre zurück, konnte sich jedoch in den folgenden zehn Jahren bis 1871 wieder um ein Drittel auf 27.314 Einwohner steigern - ein in absoluten Zahlen enormer Zuwachs, der noch im benachbarten, durch die Industrie inzwischen bevorzugten Altendorf überholt wurde.

Abtrennung des Dreibauerschaftsquartiers 1874

Die dortige Entwicklung führte 1874 erneut zu einer Abtrennung eines großen Teils der Bürgermeisterei: Das durch die Kruppschen Unternehmungen prosperierende Dreibauerschaftsquartier Altendorf, Frohnhausen und Holsterhausen wurde am 1.1.1874 von der Bürgermeisterei Borbeck mit knapp 20.500 Einwohnern (1826: 1420) und einer Fläche von fast 960 ha (Essen: 881 Hektar) zur neuen Bürgermeisterei Altendorf zusammengeschlossen. In der auf Altendorfer Gebiet liegenden Kruppschen Fabrik waren 1875 über 9.700 Arbeiter beschäftigt und auf Schacht Amalie arbeiteten zur selben Zeit 775 Bergleute. Die abgetrennten Zechen „Hagenbeck“ und „Helene & Amalie“ hatten zusammen ein Drittel der Bergarbeiter Borbecks beschäftigt und die Hälfte der dortigen Kohle gefördert. Damit entfielen für die Bürgermeisterei auch ein Großteil der Steuereinnahmen, die direkte Anbindung an die Kruppsche Gussstahlfabrik und 50 Prozent der Kohleförderung. Das riesige Firmengelände des größten gewerblichen Unternehmens des europäischen Festlands legte sich bald wie ein Puffer zwischen Stadt und Bürgermeisterei Borbeck.

Anträge auf Stadtrecht 1897 und 1906

Trotzdem wuchs Borbeck weiter: Bis 1895 stieg die Bevölkerung mit der Entwicklung der Großindustrie auf 34.625, damit war die Bürgermeisterei schon lange erheblich größer als manche preußische Stadt. 1897 stellte der Gemeinderat den ersten Antrag auf Verleihung der Rheinischen Städteordnung – vergeblich. Bis zur Jahrhundertwende stieg die Einwohnerzahl auf 48.617. Doch auch ein zweiter Antrag zur Stadtwerdung 1906 war angesichts der Interessenlage Essens zur fortschreitenden Eingemeindung der umliegenden Bürgermeistereien bei einer Bevölkerungszahl von über 60.000 aussichtslos.

1912 lebten in Borbeck 72.241 Einwohner in 5.919 registrierten Haushalten; 5.501 Gehöfte waren bewohnt, auf denen 3.929 Stück Vieh gehalten wurden. Die Verwaltung, die früher durch einen Bürgermeister mit einer beschränkten Anzahl von Beamten besorgt worden war, wuchs 1914 um zwei besoldete Beigeordnete, einen Bürodirektor, die Vorsteher der verschiedenen Verwaltungsbüros und bezog ein eigenes Gebäude. Nachdem die Essener Straßenbahn eine Linie nach Borbeck im Jahre 1893 eröffnet hatte, sah sich auch die Eisenbahn veranlasst, den Bahnhof zu erweitern und mit der Aufnahme einer direkten Verbindung nach Essen in Borbeck ein neues Bahnhofsgebäude zu bauen.

Eingemeindung nach Essen 1915

Doch konnte sich die Bürgermeisterei dem allgemeinen Sog der Eingemeindungen, der bei Borbeck vor allem durch den Wunsch der Stadt nach einem Hafen bestimmt war, nicht lange widersetzen. Die von Essen angestrebte Eingemeindung des nordöstlichen Gemeindeteils Vogelheim mit den Emscherschächten des Kölner Bergwerkvereins hätte für die Stadt zudem eine beträchtliche Einnahme bedeutet. Doch wollte sich Borbeck wollte sich nicht teilen lassen, da es sich als eine seit Jahrhunderten geschlossene politische Einheit fühlte. Der Gemeinde aber war es unmöglich, die vielen hier notwendigen infrastrukturellen Maßnahmen aus eigenen Mitteln zu lösen und verlangte 1912 die ganze Eingemeindung. In den schwierigen Verhandlungen mit der Stadt Essen versuchten die Borbecker Gemeindevertreter, das Maximum aus der Situation herauszuholen.

1915 wurde die Bürgermeisterei Borbeck als größte Landgemeinde Preußens mit fast 78.000 Einwohnern zur Stadt Essen eingemeindet und verlor seine kommunale Selbständigkeit. Obwohl sich die wirtschaftlichen Nachkriegskrisen und die Abwanderung von Industrie negativ auf die Bevölkerungszahlen des Essener Stadtteils Groß-Borbeck auswirkten, erreichten sie zehn Jahre später wieder das gleiche Niveau: 1926 zählte man 78.158 Einwohner, 1933 wurde ein Stand von über 80.000 erreicht - und dabei ist es im Wesentlichen bis heute geblieben: Rund um die ehemalige Residenz der Fürstäbtissinnen von Essen leben heute auf 27,5 km² fast genau 90.000 Einwohner.

Christof Beckmann

Literatur:
Christof Beckmann, Katholisches Vereinswesen im Ruhrgebiet. Das Beispiel Essen-Borbeck 1900-1933, Diss. masch., Münster 1990

Zurück

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 1 und 1.