Bacchus-Beerdigungen in Essen-Dellwig

1 14.02.2024

Für die Beerdigung des Bacchus in Dellwig ist eine ausführliche Beschreibung erhalten geblieben. Der Essener Heimatdichter Hermann Hagedorn, geboren auf dem Reuenberg in Dellwig, hat diesen Brauch der Reuenberger Pohlbürger ausgeschmückt und in Reimform festgehalten. Die Plattdeutsche Gemeinschaft der Reuenberger Pohlbürger („Gemeinschopp Reumberger Pohlbürger“) wurde am 6. Oktober 1940 in der Gaststätte Kalmund gegründet, zum Protektor ernannte man Dr. Hermann Hagedorn, Mitglied der NSDAP. Der Verein nutzte ihn angeblich als Schutzschild gegen Vereinnahmungsversuche der Nazis. Mitglieder konnten nur Plattdeutsch sprechende alteingesessene Reuenberger Bürger werden. Bei ihren Umzügen trugen die Pohlbürger ein blaues Hemd, ein rotes Halstuch und eine selbstgefertigte Narrenkappe. Ihr Erkennungsgruß hieß „Holl Pohl“.

Hermann Hagedorn wurde durch diesen Gruß zu einem Pohlbürgerlied angeregt. Übersetzt bedeutet der Spruch so viel wie „Halte Pohl“ – bleib bei der Stange!“ Oder: „Holl fass watt’e hass. Wä sick söwers oppgäw, dä es verloren.“  - „Halte fest, was du hast. Wir sich selbst aufgibt, der ist verloren!“ Name und Vereinsziel der Reuenberger Pohlbürger waren nicht neu. Schon im Stiftungslied des Pohlbörger-Vereins Essen-Mitte (gegründet am 02.10.1908) gab es den Refrain „Holt Pohl!“ Der Begriff Pohlbürger stammt aus dem mittelalterlichen Stadtrecht und bezeichnete Personen, die zwar das Bürgerrecht besaßen, aber nicht im städtischen Rechtsbezirk ansässig waren. Sie wohnten außerhalb der Stadtmauern innerhalb der durch Palisaden (Pfähle) und Gräben abgegrenzten  Außenbezirke. In Bad Honnef gibt es den Karnevalsverein „Halt Pol“. Der Gruß bedeutet hier wie auf dem Reuenberg „Halte die Stange“ im Sinne von „Haltet zusammen“. Das erinnert an die Wendung „bei der Stange bleiben“.

Es war allgemein üblich, den „Bacchus“ in eine Schubkarre zu legen und mit lautem Gesang und unter Einsatz ohrenbetäubender Schlaginstrumente durch die Gemeinde zu ziehen. In Dellwig zog man von Kneipe zu Kneipe, von Haus zu Haus. In manchen Gegenden war der Bacchus eine Art „Hanswurst“. Vor allem am Niederrhein pflegten die kleinen Leute in der Nacht auf Aschermittwoch, ausgerüstet mit Stangen, an denen Würste hingen, singend und johlend über die Wege und Felder zu laufen. Von den Bauern ließen sie sich Speck und Würste reichen und tranken dazu viel Schnaps.

Das Vergraben oder Verbrennen sollte signalisieren, dass mit dem „Sündenbock“ Bacchus sämtliche Vergehen und Sünden vergeben seien, die in der Karnevalszeit gegangen worden waren. In der fiktiven Darstellung des historischen Bacchuszuges einer „Karnevalsgesellschaft 1834“, über die nichts weiter bekannt ist, vermischt Hermann Hagedorn in Reimform mehrere Brauchtumsstränge. Bei ihm gibt es neben dem figürlichen Strohpuppen-Bacchus auch das Motiv der an Stangen herumgetragenen Würste. Darauf deutet die Überschrift „Holl de Woss fass“ („Halt die Wurst fest!“) hin.

Nach Hagedorn lief die Bacchus-Beerdigung in Dellwig folgendermaßen ab: Mitglieder der Karnevalsgesellschaft von 1834 versammelten sich in der Gastwirtschaft Nothoff am Reuenberg, tranken dort einige Schnäpse, maskierten sich, setzten sich Narrenkappen auf, legten den „Bacchus“ (bei Hagedorn ist es ein „Hibbenbuck“- ein Ziegenbock) in eine Schubkarre und zogen los, mit bunten Klatschen mächtig Lärm erzeugend. Bei Hagedorn heißt es: „Sö dronken fief, so dronken sess. Dann möken sö sick op’n Wegg.“ („Sie tranken fünf, sie tranken sechs. Dann machten sie sich auf den Weg“). Man zog durchs Dorf von Kneipe zu Kneipe. Vor jeder Station fragte der Vorsänger den Bacchus, dabei stets den Namen der jeweiligen Kneipe nennend, vor der man gerade stand: „Büsse al bi . . . gewäss?“ („Bist du schon bei . . . gewesen?“) und die Truppe antwortete: „Oewerall mä doe noch nech!“ („Überall, nur da noch nicht!“)

Danach ging es von Nothoff zur Gastwirtschaft von Johann Hagedorn in der Dornstraße (heute Bergheimer Straße), von dort führte der Weg durch Steenkamps Kamp zur Wirtschaft von Nette Peters im oberen Bereich des Möllhoven, danach – begleitet von einer zunehmenden Zahl an Schaulustigen (Hagedorn: „Metlööpers hadd’n sö genug, de Blagen kretten öm de Wedde!“ („Mitläufer hatten sie genug, die Kinder krähten um die Wette!“) –  durch die Beckermannschen Wiesen nach Dellwig zur Kneipe von Franz Eggebrecht an der Ecke Donnerstraße/Kraienbruch (später Haus Knotte) und wenige Meter weiter zur Gastwirtschaft von Heinrich Köther an der Ecke Donnerstraße/Reuenberg. Weiter zog man über die Donnerstraße zum Bahnhof Dellwig, um bei „Baas“ Sandgathe einzukehren.

Auf dem Rückweg machte man Halt bei den Dellwiger Rübenbauern, verspeiste dort reichlich Speck und Würste und dann ging es mit der Schubkarre und dem „Bacchus“ mühsam den Reuenberg hoch. Bei Bauer Rose in der Steinstraße (heute Gerscheder Straße) wurde der „Bacchus“ unter lauten Geschrei und Gejohle in die Rübengrube geworfen. Dazu sangen die Männer: „Bacchus wird begrawen, in den deipen Grawen!“ („Bacchus wird begraben, in dem tiefen Graben!“) Zum Schluss landete man wieder bei Nothoff, wo je nach körperlicher Verfassung noch lange fröhlich weitergezecht und gesungen wurde. (FJG)

Quellen:
Werdener Stadtarchiv: Zeitungsausschnitte und Anzeigen.

Körner, Andreas: Reuenberger Pohlbürger, in: Borbecker Beiträge 2/2021.
Fritzen, Johannes: Alte Fastnachtsbräuche in der Essener Gegend. In: Essener Beiträge 46 (1928].

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Kommentare

Kommentar von Michael Guthmann |

Ein schöner Einblick in die nähere Geschichte und Brauchtum in Essen-Borbeck/Dellwig. Vor fast 50 Jahren durfte ich im Don Bosco Club in Borbeck an einer "Bacchus-Beerdigung" teilnehmen. Eine schöne Erinnerung, in doppelter Hinsicht.
Danke.

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