Auch Borbecker Spuren auf Zollverein

Aktuelle Ausstellung zu Adel an Rhein und Ruhr

0 05.01.2022

BORBECK / ESSEN. „Eine Klasse für sich. Adel an Rhein und Ruhr“ - so heißt der beziehungsreiche Titel der Sonderausstellung des Ruhr-Museums, die am 13. Dezember 2021 gestartet ist. Bis zum 24.04.2022 gibt sie zum ersten Mal einen Überblick zur Geschichte des Adels an Rhein und Ruhr. So lange funkelt es golden aus unzähligen Vitrinen, zwischen rohem Beton in effektvolles Halbdunkel getaucht. Vor allem zum Schutz der kostbaren Exponate vom frühen Mittelalter bis in die Gegenwart, die mehr als ein ganzes Jahrtausend Geschichte illustrieren. Und viele Spuren führen auch nach Borbeck ...

„Eine Klasse für sich“

Es ist die Geschichte einer besonderen „Klasse“, die in der Tat meist lieber unter sich bleiben wollte. Die Rede ist vom Adel, der sich spätestens seit den Karolingern im frühen Mittelalter herausbildete. Die in Krieg und Verwaltung erfahrenen kleinen und großen Lehnsmannen gründeten weitzweigte Familien, die Land, Gut und Geld sammelten und wieder verloren. Freilich ist genug vorhanden, dass sich in der Ausstellung zeigen lässt: Die über 800 teils noch nie zu sehenden Kulturschätze und Objekte stammen aus rund 160 Museen, Archiven, Bibliotheken und Privatsammlungen, sie umfassen das ganze Spektrum der Kunst- und Kulturgeschichte und kommen zusammen allein auf einen Versicherungswert von knapp 30 Millionen Euro. Viele adelige Familien stellten aus ihrem bis heute erhaltenen Familienbesitz bislang nicht zugängliche Exponate zur Verfügung: Bilder ihrer Vorfahren, Gemälde, wertvolles Silber- und Porzellangeschirr, Glaspokale und Sammlerstücke, Urkunden, Stammbäume und illustrierte Bücher, die Einblicke in das Leben einer anderen Welt geben.

Charakterkopf links: Kaiser Friedrich I. Barbarossa aus dem Prämonstratenser-Chorherrenstift Cappenberg (Bronze vergoldet, um 1156/71), Karte der Herrschaften um das Stift Essen, Köln 1608, rechts: Friedrich Leopold von Fürstenberg (1823-1901), dahinter Schloss Borbeck mit der alten Vorburg, gemalt um 1830, Archiv Schloss Hugenpoet.

1000 Jahre Ruhrgeschichte

Denn wer zum Werden der Rhein-Ruhr-Region allein die Industriegeschichte im Blick hätte, wäre auf dem Holzweg: Neben einer Vielzahl kleinteiliger Herrschaften bestanden auch große Herzogtümer, Grafschaften, geistliche Territorien und Städte. Hohe und niedere Feudalherren gingen sich in ihren Rivalitäten hier in vielfältigen Fehden ans Leder. Oder sie regelten den Streit um Macht und Einfluss friedlicher - durch Erbe und Heirat. Insgesamt gilt das spätere Ruhrgebiet als einer der burgenreichsten Breitengrade in ganz Europa. Frühe Motten, hölzerne Wehrbauten, wurden über die Jahrhunderte zu prächtigen Schlössern und Herrenhäusern ausgebaut, prunkten mit luxuriöser Hofkultur und prachtvollen Gärten. Noch heute sind von einst über 400 Adelssitzen rund die Hälfte erhalten. Das betrifft auch das ehemalige Stift Essen: Eingekeilt zwischen mächtigen Territorien, suchten die Fürstäbtissinnen hier ihre Eigenständigkeit zu bewahren. Dazu sicherten sie mit befestigten Plätzen die Grenzen und auch die Übergänge an der alten Emscher. Heute sind diese Orte vielfach vollständig eingeebnet, doch die Namen ihrer aus niederen Ministerialen aufgestiegenen adeligen Besitzer existieren bis heute.

„Eine Klasse für sich. Adel an Rhein und Ruhr“ - so heißt der beziehungsreiche Titel der Sonderausstellung des Ruhr Museums, die am 13. Dezember 2021 gestartet ist. Bis zum 24.04.2022 gibt sie zum ersten Mal einen Überblick zur Geschichte des Adels an Rhein und Ruhr vom frühen Mittelalter bis in die Gegenwart. So lange funkelt es golden aus unzähligen Vitrinen, zwischen rohem Beton in effektvolles Halbdunkel getaucht. Vor allem zum Schutz der kostbaren Exponate, die mehr als ein ganzes Jahrtausend Geschichte illustrieren. Und viele Spuren führen auch nach Borbeck ...

Von Fürsten und von Ruhrbaronen

Selbst als die adeligen Vorrechte schwanden, als Napoleon durch Europa fegte und der neue bürgerliche Wohlstand aufschloss - die einflussreichen Familien früherer Jahrhunderte verschwanden nicht. Sie fanden neue Aufgaben in Militär und Verwaltung, gründeten caritative Stiftungen, wurden zunehmend selbst zu erfolgreichen Unternehmern. Die neuen „Schlotbarone“ der Industriemagnaten taten es ihnen gleich: Auch die Superreichen ihrer Zeit schmückten sich mit den Accessoires des alten Adels – ebenfalls eine „Klasse für sich“.

Dies alles erzählt diese Ausstellung: Sie zeigt Wohnkultur, Möbelstücke und Sammlungen, Kindheit und Erziehung, Heiratspolitik, Fest und Musik, Jagd und Begräbnis, aber auch die Rolle der vielen Bediensteten, ohne die das adelige Leben nicht möglich gewesen wäre. Dabei wird der Bogen bis in die heutige Zeit geschlagen: Zum aktuellen Selbstverständnis des Adels berichtet etwa an einer der Videostationen Maximilian Freiherr von Fürstenberg von Schloss Hugenpoet, dessen Vorfahren einst auf Schloss Borbeck saßen und der aus dem großen Archiv der Familie eine Vielzahl von Exponaten zur Verfügung stellte. Und natürlich schmückt ein ganzseitiges Bild der ehemaligen Residenz der Fürstäbtissinnen auch das im Katalog abgedruckte Grußwort von Oberbürgermeister Thomas Kufen.

Audioguide und Begleitprogramm

Zur Ausstellung ist zum Download eine kostenlose Audioguide-APP mit 26 Stationen erschienen, die durch die Sonderausstellung führt und alle wichtigen Fragen rund um den Museumsbesuch beantwortet. Während der Laufzeit der Ausstellung im Ruhr Museum läuft ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Vorträgen, einem Filmabend, Exkursionen und Workshops für Erwachsene und für Kinder, dazu Veranstaltungen für Lehrende, Führungen für Schulklassen sowie verschiedene Angebote für Familien und Kinder.

CB

Sonderausstellung „Eine Klasse für sich. Adel an Rhein und Ruhr“
Ruhr Museum, 12-Meter-Ebene, bis 24. April 2022
Öffnungszeiten: Montag–Sonntag 10–18 Uhr
Preise: Eintritt 7 €, ermäßigt 4 €, unter 18 Jahren frei, Schüler*innen und Student*innen unter 25 Jahren frei
Internet: https://ruhrmuseum.de/

Unten: Schloss und Dorf Borbeck, Willem (Wilhelmus) Troost, um 1790, Archiv Schloss Hugenpoet. Troost (1684-1752), stammte aus Amsterdam und wurde 1712 Hofmaler in Düsseldorf. 1716-1728 war er in Köln tätig, in Duisburg 1728-1731 und schuf in Essen zwei Portraits von Fürstäbtissin Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach, die er sechsmal kopierte. 1733-1735 arbeitete er in Kleve, 1735 in Haarlem und 1745-1752 in Amsterdam. Links im Bild das Schloss mit dem damaligen Baumpark, von der Gartenseite aus gesehen, rechts im Bild: Dorf Borbeck und die alte Dionysiuskirche mit dem erhöhten gotischen Chor.

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