Am Sonntag: 396. Große Borbecker Prozession

Fromme Übung mit langer Tradition

0 04.05.2026

BORBECK. Am kommenden Sonntag, 10. Mai, zieht die Große Borbecker Prozession wieder durch die Straßen. Der Prozessionstag beginnt diesmal um 9:30 Uhr mit der Eucharistiefeier in St. Fronleichnam, Essen-Bochold. Anschließend zieht die Prozession über Wüstenhöferstr., Bocholder Str., Essingweg, Friedhof Dachstr./Essingweg (1. Segensstation), Dachstr., Kettelerstr., Haus St. Maria Immaculata (2. Segensstation), An St. Immakulata, Borbecker Str., Marktstr., Borbecker Platz und über den Dionysiuskirchplatz in die Pfarrkirche. Dort erfolgt der Schlusssegen.

Im und vor dem Diohaus gibt es dann Mittagessen und Begegnung. Herzlich sind alle Gläubigen der Pfarrei und Bannerabordnungen der Vereine und Verbände eingeladen. Anwohner des Prozessionsweges sind gebeten, die Straßen und Häuser zu schmücken. Fahnen sind über Hr. Kreul (Tel.: 680604) zu erhalten. Am Prozessionstag wird nur die Eucharistie um 9:30 Uhr in St. Fronleichnam gefeiert, alle übrigen Sonntagsmessen entfallen. Bei schlechtem Wetter wird die Eucharistie in St. Fronleichnam stattfinden und das Mittagessen dort vor Ort; die Prozession entfällt dann.

Besonderer Termin für einen besonderen Tag

Es ist die 396. Borbecker Prozession nach offizieller Zählung – die Corona-Jahre wurden von der Zählung ausgenommen. Und sie weist zumindest eine außergewöhnliche Besonderheit auf: Sie zieht nicht wie üblich am Fronleichnamstag, sondern an einem Sonntag durch die Gemeinde, ursprünglich am Sonntag vor Pfingsten. Daran hat man in Borbeck lange festgehalten. Heute ist es der vorletzte Sonntag vor dem Pfingstfest und damit der Sonntag vor Christi Himmelfahrt. Darin liegt ein innerer Zusammenhang. Doch der Reihe nach: Die „Große Borbecker Gottestracht“ geht in ihrer ursprünglichen Form auf die Anordnung einer Fürstäbtissin vom 26. Juni 1628 zurück. „Ihro Fürstliche Gnaden“ Maria Clara von Spaur, Pflaum und Vallier (1590-1644) befahl damals dem damaligen Borbecker Pastor Jacob Burrichter (1615-1636), die „Procession, wie von alters brauchlich gewesen ist, itzo wieder anstellen“ und am Sonntag abzuhalten.

1628: Kriegsnot in Essen und Borbeck

Es waren damals kriegerische Zeiten: Zehn Jahre zuvor hatte der Dreißigjährige Krieg begonnen, wechselnde Besatzer suchten das Stiftsgebiet heim. Im Jahr zuvor, 1627, hatte die energische Fürstäbtissin selbst, zugleich Äbtissin der Frauenstifte Nottuln und Metelen, 10 Kompanien Spanier zu Fuß und sechs Kompanien deutsche Kavallerie unter Kommando von Don Philipp de Sylva und Don Francesco de Medina in die Stadt einrücken lassen. Als daraufhin protestantische niederländische Truppen auf Essen vorrückten und sich die katholischen Truppen aus Essen wieder zurückzogen, flüchtete die Fürstin schleunigst nach Köln, den Stiftsschatz und die Kanzleiakten im Gepäck. Auch Borbeck wurde mehrmals geplündert, die kaiserlichen Soldaten brachen 1628 gar die Kirche auf und raubten die dort in der Sakristei deponierten Gelder der Armenstiftung. Keine einfachen Zeiten also, um schutzlos zu einer frommen Prozession durch das Kirchspiel zu ziehen.

Eine energische Frau

Maria Clara, eine Frau aus streng katholischem Südtiroler Adel, stammte aus einem Freiherrngeschlecht mit engen Beziehungen zum Haus Österreich - und war trotzdem vielen im Stiftskapitel nicht vornehm genug gewesen, das in der geforderten uradeligen Herkunft der Kandidatinnen höchste Ansprüche für das Amt stellte. Allerdings brachte Maria Clara andere Qualitäten mit: Sie hatte fünf Sprachen gelernt, war verwandt mit dem ehemaligen Fürstbischof von Brixen und wollte ihren Geschwistern auch sonst nicht nachstehen. Zwei Schwestern hinterließen bleibende Spuren als äußerst selbstbewusste Äbtissinnen im schwäbischen Buchau und in der Südtiroler Abtei Sonnenburg im Pustertal, drei Brüder machten Karriere im Kaiserlichen Heer der Liga. Maria Clara selbst hatte sich bei der hochpolitisch aufgeladenen Äbtissinnen-Wahl in Essen 1614 erst mit starker Unterstützung des Kaisers wie des Kölner Erzbistums gegen große Widerstände durchgesetzt und trat gegen die konkurrierenden protestantischen Gegnerinnen unter ihren Stiftsdamen mit klar gegenreformatorischen Zielen an. In der reformiert geprägten Stadt war sie daher alles andere als beliebt.

Maria Clara von Spur hat eine spannende Familiengeschichte: Die Familie mit dem Wappenspruch „Omnia suo tempore / Alles zu seiner Zeit“ wurde erst 1637 in der Person ihres Bruders Dominikus Vigilius von Spaur (Bild rechts) in den Grafenstand erhoben. Er machte Karriere in der Armee der kaiserlichen Liga, war 1621 in der von bayerischen Truppen besetzten Pfalz, wurde Rittmeister in einem Kavallerieregiment und nahm mit seiner Kürassierkompanie an der Schlacht bei Wiesloch teil. 1625/26 war er Obristleutnant in bayerischen Diensten und nahm Pfingsten 1626 an der blutigen Erstürmung von Hannoversch Münden teil. Dominikus Vigilius wurde Erbschenk von Tirol und war von 1636 bis 1647 Tiroler Landeshauptmann. Auch sein Bruder Ferdinand Ludwig von Spaur diente als Obristleutnant in der kaiserlichen Armee, traf 1638 in Essen ein, besetzte die Burg in Werden, erlebte dort Überfälle niederländischer Truppen und rückte nach Dortmund ab. 1640 meldete er seinem kaiserlichen Feldmarschall Melchior von Hatzfeldt den Tod seines Bruders Karl Christoph von Spaur, der durch einen Fähnrich ermordet worden war. 1645 soll Ferdinand Ludwig von Spaur bei der letzten großen Schlacht des Dreißigjährigen Krieges in Gefangenschaft geraten sein. Damals siegte ein schwedisch-protestantisches Heer über die Habsburgischen Truppen in der Schlacht bei Jankau südöstlich von Prag.

Ihre schwere Stellung im Verhältnis zur Stadt suchte Maria Clara offensichtlich im umliegenden katholischen Stiftsgebiet wettzumachen: 1615, bereits ein Jahr nach ihrem Amtsantritt, hatte sie den Kapuzinerorden ins Land gerufen, förderte ihn wie die bereits in der Stadt ansässigen Jesuiten und erließ 1616 und 1624 restriktive Religionsordnungen. In diese Maßnahmen gehörte wohl auch die Borbecker Prozession, die sie 1628 als Landesherrin anordnete. Damit dabei alles seine Ordnung haben sollte, gab sie zugleich zu Protokoll, „dass der Frohne gegen solche Zeit die Wege räumen, und aufsicht haben soll, damit keine disordnung gehalten, und ungepürende insolentz causirt werde“. Mit diesem Auftrag verband sie als weitere Anordnung: „... desgleichen sollen die Kirchmeister dem Pastorn ein Pferd bestellen, und nach vollendeter Procession Zwey Reichsthlr. für refection und zum zeyradt ein Reichsthlr. folgen lassen.“

Der Pastor hoch zu Pferd

Dass der Pastor für die Prozession mit der Monstranz in der Hand ein Pferd nutzen konnte, wird zumindest ihm entgegengekommen sein, denn es war für alle Beteiligten ein langer Weg: Bis zu sechs Stunden lang zog die Prozession durch das gesamte Kirchspiel - zuerst über Vogelheim, Bochold, den Möllhoven und Schönebeck nach Bedingrade. Nach der Pause zog die Gottestracht weiter nach Frintrop und über die heute zu Oberhausen gehörende Lipperheide, dann nach Dellwig und Gerschede zurück nach Borbeck. Schützen eskortierten das reich geschmückte „pastorale“ Reitpferd mit dem Allerheiligsten und schossen nach dem Segen an jeder Station eine Salve.

Dass – wie hin und wieder zu lesen - Maria Clara von Spaur mit ihren Hofdamen in prachtvoller Kutsche mitreiste und nach der Festlegung dieses eigenen Termins für Borbeck dadurch auch bei der Essener Fronleichnamsprozession teilnehmen konnte, ist wahrscheinlich eher zweifelhaft: Für ihre meisten Nachfolgerinnen bis zur Auflösung des Stiftes mag das gelten, doch sie selbst war ja bereits im Jahr vor ihrer Anordnung ins sichere Köln geflüchtet. Erst als sich das Kriegsglück wendete, kehrte sie 1629 im Schutz katholischer Truppen nochmals kurz nach Essen zurück – ein allerdings kurzes Zwischenspiel, das nur bis zum Eintreffen von verstärktem protestantischem Militär dauerte. Maria Clara begab sich nun ganz nach Köln, lebte im dortigen Kloster Mariengarten, gab aber die Ansprüche als Essener Äbtissin nicht auf. Am 14. Dezember 1644 starb sie in ihrem Exil. Soweit der Blick in diese Jahre, die nun bald vier Jahrhunderte zurückliegen.

Prozession als Politikum

Auch wenn seit 1628 durchgezählt wird: Die „Große Borbecker Gottestracht“ ist ganz sicher grundsätzlich älter. Dies zeigt bereits die Formulierung zur „Procession, wie von alters brauchlich gewesen ist“ - so steht es in der fürstlichen Anordnung von damals. Mit großer Wahrscheinlichkeit geht die fromme Übung somit nicht nur auf die Prozession zu Fronleichnam zurück, sondern wohl schon auf die weit verbreiteten Flurprozessionen, wie sie an den drei Bitt-Tagen vor Christi Himmelfahrt üblich waren - verbunden mit der Grenzbegehung der Gemeinden und der Bitte um gutes Wetter, das Gedeihen der Feldfrüchte und um eine gute Ernte, von der auch im damals bäuerlich geprägten Borbecker Stiftsgebiet das Überleben abhing.

Verbot im Kulturkampf

Die von Fürstin Maria Clara an ihrem speziellen Termin neu begründete Prozession wurde als öffentliches Glaubensbekenntnis später zu einem echten Politikum. Das zeigte sich in der Zeit des „Kulturkampfs“, der mitten in die Zeiten des großen Bevölkerungswachstums und in eine wichtige Phase im Ausbau der örtlichen Kirchenstrukturen fiel. Die staatlichen Maßnahmen gegen die Kirche wirkten sich auch in Borbeck aus: 1876 wurde die Prozession von den Behörden schlichtweg verboten; zugleich musste der Borbecker Pfarrer Johann Joseph Legrand (1796-1877) auf die anstehende feierliche Einweihung der zwei Jahre zuvor grundgelegten Kirche St. Josef in Frintrop verzichten – unbekannte Täter warfen zudem nachts alle zehn gestifteten Kirchenfenster ein. Erst ein Jahr später konnte für den 14. Oktober 1877 zur feierlichen Einweihung der Kirche geladen werden.

Prachtvolle Triumphstraßen

Als sich schließlich die auch in Borbeck spürbaren Auseinandersetzungen zwischen Staat und Kirche wieder legten und weitere neue Pfarrgemeinden auf dem Gebiet der alten Bürgermeisterei entstanden, übernahm die Prozession eine wichtige Rolle als verbindendes Moment unter den Gemeinden: Sie wurde zum äußeren Höhepunkt einer zunehmend demonstrativ öffentlich gezeigten Frömmigkeit, die vor allem die Verehrung der Eucharistie in den Vordergrund stellte. Ihr war ausdrücklich der unter Pfarrer Joseph Hammels (1868-1944) errichtete neue prächtige Hochaltar von St. Dionysius gewidmet, sie zeigte sich ebenso im Auftreten von Bruderschaften und neuen Andachten, Aufrufen zu stärkerem Kommunionempfang, der neuen Herz-Jesu- und Christ-König-Verehrung, zudem in großen Wallfahrten, die mit wachsender Beteiligung mit eigenen Eisenbahnzügen nach Hardenberg (Neviges) und Kevelaer führten.

Leitmotiv für den von Pfarrer Joseph Hammels (1868-1944) geplanten Altar in St. Dionysius war die Johanneische Vision des himmlischen Jerusalem (Apok. 21,2-22,3). Hammels war seit 1912 Pfarrer in Borbeck, wechselte 1922 nach St. Gereon in Köln und wurde dort 1924 Weihbischof, Domkapitular und 1931 Domdechant. Dem Borbecker Altar widmete die in München erschienene Monatsschrift „Die Christliche Kunst“ 1915/1916 einen ausführlichen Aufsatz mit vielen Abbildungen. Der Altar und die gesamte Innenausstattung fiel den Bomben 1944/45 zum Opfer.

Parallel dazu kam es zur Gründung Eucharistischer Ehrengarden, die 1894 ihren Anfang in Essen nahmen und vor allem dem Schutz und der Förderung der Prozessionen gewidmet waren. Schon 1896 folgten die Gründung und das erste Auftreten einer Garde in Borbeck, 1897 in St. Josef Frintrop, 1901 an St. Maria Rosenkranz und schließlich in den weiteren Gemeinden St. Antonius Schönebeck (1908), St. Michael Dellwig (1909) und Herz Jesu Unterfrintrop (1910). Dem 1921 gegründeten eigenen Borbecker Verband schloss sich 1922 eine weitere Ehrengarde in St. Fronleichnam Bochold an. Sie und alle Pfarrgruppierungen setzten mit dem kirchlichen Festtag dem prunkverliebten Wilhelminischen Kaiserreich die eigene, ausdrücklich katholische Variante entgegen und zeigten auch in der Weimarer Republik unübersehbar ihre Präsenz.

Sportlich-frommer Wettstreit

Überall konkurrierten bald zahlreiche neue Pfarrorganisationen und zahlreiche Komitees um die Ausstattung des Prozessionswegs, für dessen Ordnung gewählte Brudermeister die Verantwortung übernahmen. Mehrere „Fahnenvereine“ in den Nachbarschaften wetteiferten beim Schmücken der Segensaltäre und in der Begleitung eines möglichst prächtigen Prozessionszuges, die männliche Pfarrjugend baute riesige Ehrenbögen über den Straßen. Anzeigen örtlicher Geschäfte warben für zahlreiche „Fronleichnamsartikel“ wie Girlanden, Fahnen, Sprüchen, Schildern, Palmen oder Tragkissen, auf denen Erstkommunionkinder christliche Symbole trugen. Das prächtige Schmücken von Schaufenstern und übrigen Fenstern verstand sich von selbst und Militärkapellen sorgten für die musikalische Begleitung durch die „Triumphstraßen“. Zahlreiche vorbereitende Besprechungs- und Versammlungstermine sowie gedruckte Aufstellungsordnungen der verschiedenen Pfarrgruppen mit strengen Vorschriften zum Verhalten während der Prozession zeichnen das Bild einer hochorganisierten Veranstaltung. Ihr prächtiger Höhepunkt: Das sorgfältig inszenierte Schlussbild aller Teilnehmer zum eucharistischen Schluss-Segen auf dem Kirchplatz. 1921 schrieb der Korrespondent der Essener Volkszeitung, „kaum eine schönere Prozession in den größten Städten der Rheinprovinz oder Westfalens gesehen zu haben.“


Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war jedem klar: Die Zeiten ändern sich.


Die Große Prozession“ - der Schlusssegen vor der 1946 noch kriegszerstörten St.Dionysius-KIrche

100 Jahre später

Auch über ein Jahrhundert später wird von der Pfarrei St. Dionysius nun wieder zur Prozession eingeladen – freilich unter anderen Bedingungen. Nicht nur, was den Termin angeht oder die Kirche, in der die Messe zum Auftakt beginnt. Denn auch die Pfarrei und die Kirche selbst haben ihr Gesicht verändert. Der Weg der „Großen Borbecker Gottestracht“ von früher ist inzwischen deutlich kürzer als in ihrer Entstehungszeit, der einst fast verschwenderische Aufwand zeigt sich heute deutlich nüchterner. Trotzdem dürfen die Anwohner des Prozessionsweges ihre Häuser und Straßen auch 2026 gerne schmücken, teilte die Pfarrei in dieser Woche mit. Und zu Essen und zu Trinken gibt es nach dem Schlusssegen am Dionysiuskirchplatz auch.

C. Beckmann

Im Mittelpunkt des Prozessionsgeschehens: Die Monstranz, entworfen von dem Kölner Architekten Hermann Neuhaus B.D.A. und ausgeführt durch das Atelier des Hof- und Stiftsgoldschmieds August Witte in Aachen. Sie war vor rund 100 Jahren Teil der Neuausstattung von St. Dionysius und dient bis heute auch in der Anbetungskapelle der Kirche einem einzigen Zweck: In der Mitte der Monstranz ist das Altarsakrament, die runde Hostie, aufbewahrt - Zeichen für die lebendige Anwesenheit Christi. Sie wird bei der Prozession unter einem baldachinartigen „Himmel“ getragen und von der ganzen Gemeinde begleitet.

Zurück

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte rechnen Sie 8 plus 4.