Am Anfang stand Pioniergeist

Das Hans-Gipmann-Haus feiert am Freitag, 5. Dezember, den 40. Geburtstag

0 02.12.2025

DELLWIG/GERSCHEDE. Ganz sicher war Hans Gipmann in der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre und im folgenden Jahrzehnt viel unterwegs. Der in Till-Moyland im Kreis Kleve geborene und viele Jahre für die Post tätige Sozialdemokrat gehörte schließlich zu den Personen, die die in Schutt und Asche liegende Nachkriegs-AWO im Borbecker Bereich wieder auferstehen ließen. Und dafür musste er gewiss trotz Kriegsverletzung (WW1) richtig viele Kilometer machen. Und genauso wahrscheinlich ist es, dass der Mann, der schon seit 1920 mit seiner Familie mit fünf Kindern in Gerschede lebte, auch häufig an der Pausmühlenschule (Hilfsschule Gerschede/später Katholische Hilfsschule) vorbeikam.

Viele Ideen wird er im Kopf gehabt haben, und eine Menge Zukunftsvisionen noch dazu. Doch dass das Schulgebäude einmal ein Bürgerhaus werden und noch dazu seinen Namen tragen würde, das hat er sich damals auf seinem Drahtesel sicher nicht gedacht. 1985 war noch in weiter Ferne – doch für uns schon längst wieder Vergangenheit. Am kommenden Freitag, ab 15 Uhr, feiert das Hans-Gipmann-Haus der AWO an den Gerscheder Weiden 9 ab 15 Uhr sein Winterfest und seinen 40. Geburtstag.

Buchstäblich den Fuß in die Tür für die AWO, den setzte in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre der AWO Ortsverein (OV) Dellwig. Dabei war das Haus ein alter Kasten. Schon 20 (!) Jahre vorher hatte die Schulverwaltung beschlossen, die Pausmühlenschule wegen umfassendem Sanierungsstau an den Weidkamp 272 zu verlegen. Das Backsteinhaus in Gerschede fristete ein Dasein als Lager für Schulmöbel. Ulrich Schulte-Wieschen, heute Vorsitzender im OV Dellwig, berichtet: „Die Möbel sollten raus und das hatte man im Stadtteil natürlich mitbekommen. Und da der Ortsverein Dellwig händeringend Räumlichkeiten suchte, bemühte man sich mit Nachdruck um das Gebäude.“

Neben der Leiterin des Seniorenclubs Heidi Hamacher oder OV-Kollegen Erwald Kaminski war eine der zentralen Personen damals Helga Iwer, jahrzehntelang Ratsfrau, zwischendurch Vorsitzende im Sozialausschuss und – last but not least – Vorstandsmitglied in Dellwig und im Essener AWO Kreisverband. Sie rannte beim damaligen AWO Geschäftsführer Horst Radtke in Sachen alte Pausmühlenschule offene Türen ein und gemeinsam leisteten sie die notwendige Überzeugungsarbeit. Das war rund um 1983. Der AWO Ortsverein durfte fortan die ungeliebte ehemalige Schule nutzen, genauer gesagt den Keller. Eigentümer blieb die Stadt, dies ist bis heute so. Doch im Keller blieb man nicht lange.

Ob sich jeder Dellwiger Ehrenamtliche der AWO darüber gefreut hat, in die alte Schule zu ziehen, ist nicht überliefert. Dass aber der eine oder andere Mensch mit Weitblick angesichts des Sanierungsstaus im avisierten Clubraum, der Küche und den Örtlichkeiten insgeheim bisschen geseufzt hat, da kann man sich fast sicher sein. Aber die Nachkriegsgeneration war Anpacken und Improvisation gewohnt. Mit Helga Iwer mittendrin „rockten“ die Ehrenamtlichen innerhalb kurzer Zeit in Eigenregie den neuen Stammsitz, konnten sich in den ersten Räumlichkeiten entfalten. Und trafen mit ihren Angeboten wie Seniorenclub, Gymnastik oder Fußpflege die Bedürfnisse vor Ort wie die Faust aufs Auge.

„Der Ortsverein war Pionier. Das war eine unglaublich dynamische und bewegte Zeit, AWO pur mit gemeinsamem Anpacken, Unterstützen und Solidarität untereinander“, erinnert sich Wilhelm Dibow. Er steht als erster hauptamtlicher Hausleiter für die nächste Phase in der Entwicklung des HGH, des Übergangs vom ehrenamtlich getragenen Betrieb hin zur Professionalisierung. Ein richtiges Bürgerhaus der AWO sollte es werden, das hatten Radtke, Iwer und andere hinter den Kulissen eingestielt. „Die Angebote des OVs schlugen so ein, dass man das nicht mehr allein ehrenamtlich stemmen konnte. Und dann bin ich als junger Sozialarbeiter im Juni 1985 nach Dellwig gekommen. Man konnte etwas aufbauen und das hat mich unheimlich gereizt. Ich durfte mit den Ehrenamtlichen den Übergang gestalten, eine wunderbare Zeit“, erinnert sich Wilhelm Dibow an die Geburtsstunden des dann auch Hans-Gipmann-Haus genannten Gebäudes.

Schnell wurde der Focus erweitert. „Die Seniorenarbeit lief wie am Schnürchen, wir haben dann auch andere Altersgruppen angesprochen. Das Jugendwerk stieg mit ein, und dann kam die Familienbildung. Da ,explodierte‘ das Haus förmlich, es gab einen Kurs nach dem nächsten“, berichtet Wilhelm Dibow, der diese Aufbauarbeit insgesamt zehn Jahre lang leistete. Nach einem Dachstuhlbrand 1987 bekam man an den Gerscheder Weiden dann eine Hausmeisterwohnung, die Ferdinand Stinnen bezog. „Da konnte man noch mehr anbieten, in Randzeiten oder an den Wochenenden“, erinnert sich der erste Hausleiter. 1995 nahm er sein Wissen um Familienbildung mit und wechselte in die AWO Zentrale. Die nächste Phase begann.

Und die ist ganz eng verknüpft mit dem Namen der neuen Leiterin Dörte Camara, im Stadtteil und drumherum vielen Menschen ein Begriff. Sie zog ein Netz von Kontakten rund ums Hans-Gipmann-Haus und verankerte es noch stärker im Umfeld, baute den Aspekt der Familienbildung weiter aus, forcierte die Zusammenarbeit mit Institutionen wie der Kraienbruchschule, einer Grundschule, oder dem Bürger- und Verkehrsverein Essen-Dellwig/Gerschede. Sie vertiefte zudem auch die interkulturelle Arbeit. Zusammen mit der benachbarten AWO Kita Levinstraße wurde man 2006 eines der ersten Familienzentren in NRW.

2022 übernahm die Hausleitung Kristina Hegenberg. Menschen jeden Alters kommen heute ins Hans-Gipmann-Haus. Kinder und Jugendliche werden in fast jeder Altersgruppe bedient, von der Krabbelgruppe über Spielgruppen (zwölf Monate bis drei Jahre), „Kidz Sportz“ (drei bis sechs Jahre), Kindertanzen oder dem zwei Mal wöchentlichen „Gipmanntreff“ (elf bis 14 Jahre). Ein Flohmarkt für Kindersachen ist ein Dauerbrenner. Daneben gibt es viele Angebote für Familien und auch Ältere. Heute kann man im HGH Yoga, Zumba oder Thai Chi/Qi-Gong betreiben, Sprachen erlernen, sich fit machen lassen für den Umgang mit digitaler Technik und vieles mehr. Das HGH ist aus dem Stadtteil und dem Bezirk nicht mehr wegzudenken. Markus Grenz

Zu den Bildern: Das Team des Hans-Gipmann-Hauses im Jahr 2025. Foto oben: Grenz/AWO Essen

Das Hans-Gipmann-Haus an den Gerscheder Weiden 9 ist eine Institution im Stadtteil und darüber hinaus. Foto im Text: Grenz/AWO Essen

Christina Hegenberg übernahm im Jahr 2022 die Hausleitung. Foto unten: Grenz/AWO Essen

Zurück

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 1 und 8.