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0 05.05.2026
BORBECK. Rund um den 8. Mai wird in vielen Staaten der Jahrestag des Kriegsendes 1945 begangen. An diesem Tag endete das von den Nationalsozialisten geplante Völkermorden mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, die 1939 Polen überfallen hatte. Mehr als 100 Millionen Soldaten kämpften in den sechs Jahren des bislang größten Krieges der Menschheitsgeschichte auf allen Seiten, 60 Länder waren daran beteiligt, nach Schätzungen wurden über 65 Millionen Menschen getötet.
Im Ruhrgebiet lief dafür die deutsche Waffenproduktion auf Hochtouren: Im seit der Kaiserzeit „Kanonenstadt“ genannten Essen war es vor allem das riesige Krupp-Gelände zwischen Innenstadt und Borbeck, das von der Aufrüstung profitierte, Schwerpunkt der Kriegswirtschaft wurde und pausenlos für Rüstungs-Nachschub sorgte. Während des Krieges hielt der eng in die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik eingebundene Krupp-Konzern vor allem die Rohstoff-, Artillerie- und Panzer-Produktion mit rund 70.000 ausländischen Zivilarbeitern, 5.000 KZ-Häftlingen und 23.000 Kriegsgefangenen aufrecht, die gegen die insgesamt 55 Luftangriffe auf das Werksgelände völlig ohne Schutz blieben. Auch die im Umfeld von „Hitlers Waffenschmiede" lebende Zivilbevölkerung war den 1943 beginnenden Bombenangriffen ausgesetzt, die den verbrecherischen Krieg schließlich beenden sollten.
Die ungeheure Gewalt, die in die Welt getragen worden war, kam nun auch zuhause an. Daran erinnert Franz Josef Gründges, der zahlreiche Quellen dazu zusammengestellt hat:
Vorbemerkung
Beinahe täglich wird uns über die Medien aktuelles Kriegsgeschehen ins Haus gebracht. Nur wenige von uns kommen unmittelbar und persönlich mit Krieg in Berührung. Das ist gut so und wird hoffentlich auch so bleiben.
Der Verfasser dieses Aufsatzes, Jahrgang 1944, hat nur insofern mit Krieg zu tun, als er nicht in Essen, der luftgefährdeten Heimatsstadt der Eltern, sondern im fernen Swinemünde auf die Welt gekommen ist, von wo die Familie Ende des Jahres 1944 vor der Roten Armee ins Siegerland flüchtete. Dass die Entscheidung, Essen zu verlassen, eine überlebenswichtige Entscheidung war, wird dadurch dokumentiert, dass im gleichen Jahr, genau am 25. Oktober 1944, das Elternhaus des Vaters im Weidkamp gegenüber der katholischen Schule Vogelheim II durch einen Volltreffer völlig zerstört wurde.
Die menschliche Phantasie reicht nicht aus, um sich das Ausmaß des Schreckens und des Leids vorzustellen, das die Menschen während des Zweiten Weltkriegs zu erdulden hatten, in einer Zeit, in der der Tod zum Mitbewohner wurde. Über den Krieg und seine Auswirkungen ist viel geschrieben worden. Es gibt schreckliche Bilder, etwa im Bildband von Jörg Friedrich „Brandstätten. Der Anblick des Bombenkriegs“. Im vorliegenden Aufsatz richtet sich der Blick im Wesentlichen auf den Essener Stadtteil Borbeck und auf die Großangriffe britischer Bomber in den Jahren 1943 und 1944. Dazu werden unterschiedliche Quellen herangezogen. Sie bedürfen keiner Interpretation. Sie sprechen für sich.
Die Strategie des britischen Bombardements setzte ab Februar 1942 in erster Linie auf Angriffe auf dichtbebaute urbane Gebiete, um dadurch die Moral der Zivilbevölkerung, insbesondere die der Industriearbeiterschaft zu brechen. Der Auftrag lautete, die Moral des deutschen Volkes bis zu dem Punkt zu unterminieren, an dem seine Fähigkeit zum Widerstand final geschwunden ist. Anfang des Jahres 1943 nahmen die Luftangriffe auf das Ruhrgebiet an Intensität und Zerstörungskraft von Mal zu Mal zu. Die so genannte „Battle of the Ruhr“ der britischen Royal Air Force unter Arthur T. Harris, dem Chef des Bomber Command, begann in der Nacht vom 5./6. März 1943 mit einem schweren Luftangriff auf Essen. Zielpunkt des Angriffs war der südliche Bereich des Werksgeländes von Krupp.
Nach der Angriffsnacht standen fast 70.000 Menschen obdachlos auf der Straße, fast 8.000 Gebäude waren zerstört oder stark beschädigt. 479 Menschen kamen bei dem Angriff ums Leben. Der zweite schwere Luftangriff galt erneut der Kruppschen Hauptverwaltung. Am 12. März wurden auch die am Stadtrand von Essen liegenden Wohn- und Industrieviertel wie Borbeck, Bergeborbeck und Dellwig sowie benachbarte Gemeinden und Städte wie Bottrop und Duisburg bombardiert. Bilanz: 169 Tote in Essen, 30 Tote in Bottrop. Beim nächsten Großangriff auf Essen am 26. März 1944 gab es 550 Tote, 73 Menschen kamen in Borbeck ums Leben. 7.000 Wohnungen, 2 Krankenhäuser, 4 Kirchen und 6 Schulen wurden zerstört. Luftaufnahmen zeigen ein Areal der Zerstörung von 0,6 Quadratkilometern bei Krupp und von zwanzig Quadratkilometern in der Stadt vom Hauptbahnhof bis Altenessen.
Es dauerte mehr als zwei Jahre, ehe die britischen und amerikanischen Luftangriffe bis zur Perfektion gereift waren und ihre volle Wirkung entfalteten. Ab Mitte 1944 konnte die deutsche Luftabwehr die Vernichtungswaffen aus Leuchtbomben, phosphorversetzten Stabbrandbomben und Spreng- und Minenbomben nicht mehr hinreichend unschädlich machen. Besonders gefürchtet war die 4000-Pfund-Luftmine „Cookie“, auch „Wohnblockknacker“ oder „Backofen“ genannt. Hauptvernichtungswaffe war die vierpfündige Stabbrandbombe.
Am 13. Oktober 1944 erhielt die Royal Air Force den Befehl zur Durchführung der „Operation Hurricane“. Der Zweck der Operation bestand darin, die Überlegenheit der Alliierten Luftstreitkräfte und ihre Zerstörungskraft gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung zu demonstrieren. Die sogenannte Zweite Ruhrschlacht im Herbst 1944 erreichte im Rahmen dieser Operation am 23. und 25. Oktober ihren Höhepunkt in Essen. In der Nacht vom 23. auf den 24. sowie am 25. Oktober 1944 war die Stadt das Ziel von etwa 1800 britischen Flugzeugen. Die Bomber warfen in den zwei Tagen mehr als eine Million Stabbrandbomben ab. Die gesamte Abwurfmenge der Spreng- und Brandmunition betrug 8200 Tonnen. Insgesamt forderte der Doppelschlag 1.163 Tote.
Mit den Angriffen sollte Krupp als Rüstungsbetrieb völlig ausgeschaltet werden. Allerdings zeigte sich Krupp als Hauptadressat der Materialschlacht im Unterschied zur Stadt Essen und dem Stadtteil Borbeck überraschend resistent, wie Nobert Krüger in seiner Darstellung der Luftangriffe auf Essen nachgewiesen hat. Der vergleichsweise gute Zustand der Krupp-Werke im Zentrum Essens in Borbeck ist wohl mit dem relativ geringen Zerstörungsrad und der zügigen Reparatur der Anlagen zu erklären. In einem Interview zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten des Jahres 2001 sprach Ernst Schmidt von etwa 1.000 Kriegstoten in Borbeck, darunter mindestens 170 Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Fremdarbeiter. Insgesamt kosteten die Großangriffe auf das Ruhrgebiet im Herbst 1944 15.000 Menschen das Leben. Von 60 Monaten Bombenkrieg wurde Essen in 39 Monaten aus der Luft angegriffen. |Quelle: Historisches Portal Essen]. Das sind die nackten Zahlen.

Die Abbildung vom zerstörten Gelände des 1929 erbauten Borbecker Hüttenwerks der Friedr. Krupp AG, Luftaufnahme vom 28. Oktober 1944, stammt wie die folgenden Aufnahmen aus: THE UNITED STATES STRATEGIC BOMBING SURVEY FRIEDRICH KRUPP AG, BORBECK PLANT ESSEN, GERMANY, MUNITIONS DIVISION, Dates of Survey: 25 April to 3 May 1945, First Edition 8, October 1945, Second Edition January 1947. Das U.S. Strategic Bombing Survey wurde auf Anordnung Präsident Roosevelts am 3.11.1944 durch das US-Kriegsministerium eingerichtet.
Aus dem Rundbrief von Kaplan Ewald Tott von St. Michael Essen-Dellwig vom März 1943 an seine Kolpingbrüder über die Ereignisse vom 12./13. März 1943:
„Liebe Freunde! Die Überschrift ist zwar geblieben, doch will sich heute dieser Gruß nicht in die alt gewohnte Form des Tagebuches kleiden lassen. Zu mannigfaltig stürmten die Ereignisse auf uns ein und ließen dazu noch die spärlichen Unterlagen in irgendeinem Winkel versinken, aus dem sie nicht mehr zur Hand sind. Die schneller eilenden Boten des Radios und des Familienbriefes werden Euch schon erzählt haben von den schweren Ereignissen, die in den vergangenen Wochen über unsere Heimat hereinbrachen. Meine Freunde, Ihr wisst als kampfgewohnte Soldaten, dass große Siege nicht ohne Rückschläge und Opfer errungen werden können. Unsere Heimat hat ihren Anteil dazu beigesteuert, als in bisher nicht gekannten Mengen die Bomben und Feuerbrände auf uns herunterprasselten. Am 5. März ging es vom Segeroth über die Innenstadt auf Essen-Ost und Steele zu, am 12. März brauste die wilde Jagd von Bottrop her über unser Gebiet nach Berge und Essen-West.
Wieviel schwere Bomben in unserem Gebiet allein niedersausten, vermag ich nicht zu zählen. Wenn ich den Blick durch das Fenster richte, ragen gerade vor mir im Felde neben Hagedorn 2 Krater auf, stumme Zeugen schwerster Wucht, die sich hier austobte. Von Hagedorn bis Wessling wurden alle Häuser baufällig. Alois wohnt jetzt auf der Prosperstraße, Hermann Franke auf dem Donnerberg 115, Josef Pomp bei Berkemeier. Ein ähnliches Bild findet sich in der Gleisstraße, auf dem Reuenberg, am Weidkamp und in Vogelheim. Aus der Familie vom Friseur Hansen und ebenso aus der Familie Rose aus der Gärtnerei fanden 15 den Tod. Sonst sind hier alle wohlbehalten. In ganz Essen gab es an beiden Tagen 691 Tote. Ich schreibe es Euch so ausführlich, damit Ihr ein klares Bild habt, das Euch zugleich die Möglichkeit gibt, den wilden Gerüchten entgegenzutreten, die leider immer wieder in unsinniger Übertreibung aufkommen. Unsere Kirche hat wieder einmal alle Fensterverkleidung verloren, dazu wurde diesmal leider auch die Orgel stark mitgenommen.
Was mag der tiefere Sinn von all diesem Geschehen sein? Das Aschenkreuz, das so viele spöttelnd nicht mehr auf ihrer Stirn tragen wollten, hat eine grausige Hand unverwischbar auf das Antlitz unserer Stadt gezeichnet. Wir beugen uns als Christen unter Gottes geheimnisschweres Walten. Wir sehen darin den aufrüttelnden Mahnruf: Tuet Buße, denn das Reich Gottes ist nahe gerückt. Wir nehmen es als Anlass zum flehentlichen Bittruf: Herr, erbarme dich unseres Volkes! Wir wissen uns aber auch in dieser Stunde geborgen in der Vatergüte Gottes. Wir zagen nicht in der Heimat, wie ich auch von Euch zuversichtlich hoffe, dass gerade Ihr als Christen und echte Kolpingsöhne in mannhaftem Glauben an Gottes Vorsehung Euch bewährt. Viele aus unserem Soldatenkreis haben mir in diesen vergangenen Wochen geschrieben. Ich bedauere es sehr, dass ich nicht in der Lage war und bin, jedem einzelnen auch mit persönlichem Handschreiben zu antworten.“ [Ewald Tott, Rundbrief vom März 1943 an die Kolpingbrüder].
Aus der Pfarrchronik von St. Dionysius über die Angriffe am 12. März 1943:
„12.3.: Fliegerangriff auf Essen, viel Zerstörung und viele Tote. In Borbeck 16 Tote in der Stolbergstraße. (…) Viele verlassen Borbeck, vor allem ins Schwabenland.“ [Pfarrchronik, in: Borbecker Beiträge 1/1995, S. 9].
Aus den Aufzeichnungen von P. Wüst über die Angriffe am 9. Januar, 12. März und 3. April 1943:
„Bisher war der Stadtteil Borbeck der Bombengefahr noch ziemlich entgangen. Die Stadtteile waren schon arg zugerichtet. Aber die Gefahr kam auch für Borbeck immer näher. In der Nacht des 9. Januar bekam das Exerzitienhaus die ersten, größeren Verwundungen. Türen und Türen und Fenster wurden aus den Rahmen geworfen, einige hundert Fensterscheiben wurden zertrümmert. Decken und Wände beschädigt. Die Verdunklung wurde zum größten Teil vernichtet. Noch in der Nacht mussten alle Patienten, soweit sie dazu fähig waren, zum Reinigen der Zimmer, Säle und Treppen herangezogen werden. Die Fenster wurden mit Pappe vernagelt. Dann gab es Kaffee und Butterbrote, und um 3 Uhr konnten wieder alle die Betten aufsuchen. In den nächsten Tagen wurde Glas herbeigeschafft, und bald waren wieder alle Fenster mit Glas versehen.
Am 12. März erwischte uns wieder das Unheil. Dieselben Schäden, aber mit größeren Ausmaßen. Die altbewährte Methode wurde wieder angewandt, und nach einigen Tagen waren die Schäden bis auf die Schönheitsfehler wieder behoben.
Am 3. April kam eine neue Auflage. An die 800 Scheiben waren zertrümmert. Tagelang mussten die Schreiner, die Glaser, das Personal und die arbeitsfähigen Patienten arbeiten, bis wir wieder etwas behaglich wohnen konnten. Alle halfen gerne mit, denn keiner wollte im kranken Zustand das Krankenhaus verlassen. In den Privatwohnungen sah es meistens nicht viel besser aus. Ein jeder musste sich mit den Tatsachen abfinden; ändern konnte man nichts." [Wüst, Geschichtliche Aufzeichnungen, S. 5].
Aus dem Betriebsbericht von Krupp für die Jahre 1942/43 zum Panzerbau am Weidkamp über den Angriff am 12. März 1943:
„Bei den am 12. März 1943, die in ganz Essen große Schäden verursachten (allein in Borbeck kamen 150 Menschen ums Leben, darunter 82 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter), brannten große Teile des Holzdaches ab, die Außenwände wurden erneut zerstört, die Trafostation wurde durch eine Bombe beschädigt, die Ölrückkühlanlage für die Warmbehandlung und die Büro- und Waschbaracken gingen in Flammen auf. Zielpunkt des Großangriffs war zunächst das südliche Kruppgelände, dann verlagerte sich die Abwurfzone nach Borbeck. Augenzeugenberichten zufolge war der nahe gelegene Brauk um Bottroper Straße und Heegstraße ein einziges Flammenmeer. Zusätzlich wird im Betriebsbericht erwähnt, dass nah dem schweren Angriff am 12. März 1943 von den 867 angelernten ausländischen Arbeitskräften (Facharbeiter) 783 abgezogen wurden, von denen nur etwa 90 Arbeiter zurückkamen.“ [Gründges, Siedlung Brauk, S. 84 und 86].
Aus der Pfarrchronik über die Angriffe am 25. und 26. Juli 1943:
„25.7.: Fliegerangriff auf Borbeck (…), 5 Tote am Weidkamp. Exerzitienhaus hat große Schäden, die wieder ausgebessert werden können. Auf dem Friedhof 5 Bombentrichter. Krankenhaus und Kirche haben Dach- u. Fensterschäden (…).“ [Pfarrchronik, in: Borbecker Beiträge 1/1995, S. 9].
Aus den Aufzeichnungen von P. Wüst über die Angriffe am 26. Juli 1943:
„26. Juli: In der Nacht kam die große Prüfung für das Exerzitienhaus. In den vorhergehenden Wochen war es uns gelungen, durch Beseitigung der Brandbomben Brände zu verhindern. In einer Nacht z.B. konnten wir noch während des Angriffs 7 Brandbomben entfernen, obschon an drei Stellen der Brand schon bedenkliche Ausmaße angenommen hatte. Am 26. Juli aber wurde unser Haus derart mit Bomben eingedeckt, dass wir des Brandes nicht mehr Herr werden konnten. Fast zwei Stunden lang sind wir gegen das Feuer kämpfend nur schrittweise zurückgewichen. Ein Patient des Hauses, ein Ingenieur von Krupp, hatte schon nach der ersten halben Stunde den Befehl gegeben, es dürfe niemand mehr die Treppe hinauf, weil es lebensgefährlich sei. Da und dort war nämlich die dünne Decke des Obergeschosses schon eingestürzt, und die brennenden Dachsparren bedrohten das ganze Treppenhaus. Ich musste dem Herrn klar machen, dass er hier nichts zu sagen habe. Ein kleiner Stamm von Freiwilligen hielt durch, und so konnten wir die Möglichkeit schaffen, dass alle Möbel und Betten etc. in den Park geschafft und so gerettet werden konnten. Es befand sich auch nicht mehr ein Stück Möbel im ganzen Gebäude. Nur der Geldschrank im Zimmer des P. Rektor, in dem auch das Allerheiligste aufbewahrt wurde, behauptete seine Stellung. An der Rettung der Möbel und des ganzen Inventars beteiligten sich alle Schwestern, auch die des Philippusstiftes, das Personal, die Patienten und französische Kriegsgefangene, die in der nahen Schule untergebracht waren.
Der ganze Park war mit Möbeln, Betten etc. angefüllt. Als die ersten Möbel zum Park gebracht wurden, wurde eine Wache aufgestellt, die Ausgänge wurden besetzt, und so ist auch nicht ein Teil abhandengekommen. Die Löscharbeiten im Haus gingen weiter. Leider waren die Arbeiten riesenhaft erschwert durch den vollständigen Mangel an Licht und Wasser. Infolge der Hitze hatte sich ein gewaltiger Sturm erhoben, der das Feuer immer weiter fortpflanzte. Wir mussten uns darauf beschränken, das Feuer vom ersten Stockwerk fernzuhalten.
Auch das wäre uns nicht gelungen, wenn nicht im letzten Augenblick ein Löschzug der auswärtigen Feuerwehr gekommen wäre. Woher kam die Rettung in höchster Not. Nachdem der Brand fast zwei Stunden gewütet hatte, verließ ich das Haus und versuchte, irgendwo Hilfe zu finden. Weil ganz Bergeborbeck und viele Teile der Stadt Essen brannten, war von dort keine Hilfe zu erwarten. Da musste schon Gott selber helfen. Kaum hatte ich die Straße betreten, da brauste vom Germaniaplatz ein Feuerwehrauto heran, das, wie wir später erfuhren, Order hatte, nach der Stadtmitte zu fahren. Ich stellte mich ihm in den Weg, schwenkte mit der Taschenlampe und brachte den Wagen zum Stehen. Der Kommandant sprang ab, ich schilderte ihm in wenigen Worten den Ernst der Situation: Krankenhaus! Über 100 Kranke! Zunächst glaubte er, seinen ersten Befehl ausführen zu müssen, ließ sich dann aber erweichen. Der Wagen fuhr zur Brandstelle. Da kein Wasser vorhanden war, musste das Wasser per Schlauch aus dem Brandweiher beim Borbecker Bahnhof herangepumpt werden. Das war die Rettung. Das Feuer konnte zwischen dem Kapellenflügel und der alten Villa eingedämmt werden. Der ganze Kapellenflügel wurde noch unter Wasser gestellt, damit sich in den Holzdecken kein Feuer mehr bilden konnte. Inzwischen war es 3 Uhr morgens geworden.
Das Bild der Zerstörung, das sich uns am andern Morgen darbot, war grauenhaft. Das ganze Dach und der oberste Stock waren vollständig ausgebrannt, ausgenommen die alte Villa. Sie war unversehrt geblieben. Die dünne Decke des Obergeschosses war eingestürzt und auch die Wände – besonders die Zwischenwände waren stark mitgenommen. Auf dem Boden des obersten Stockwerks lag der Schutt meterhoch.
Der größte Verlust war die Vernichtung unserer schönen Kapelle. Sie war der Mittelpunkt und der Glanzpunkt des ganzen Hauses gewesen und nun eine Ruine. Das war das schwerste Opfer, das Gott von uns gefordert hatte. Leider waren in der Kapelle auch wertvolle Sachen ein Opfer der Flammen geworden. Der Hochaltar, der Sakristeischrank, die schöne Kommunionbank, die beiden Seitenaltäre konnten, da sie mit dem Boden und den Wänden zu fest verankert waren, nicht schnell genug herausgeschafft werden. Auch die Bänke mussten wir dem Feuer überlassen, weil alle angeschraubt waren. Das große, wertvolle Harmonium konnte nicht den Weg über die zu schmale Treppe nehmen und musste geopfert werden. Das war wohl die schwerste Nacht meines Lebens.“ [Wüst, Geschichtliche Aufzeichnungen, S. 6 und 7].

Zahl der auf dem Borbecker Werk beschäftigten Arbeiter, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, aus: THE UNITED STATES STRATEGIC BOMBING SURVEY FRIEDRICH KRUPP AG, BORBECK PLANT ESSEN, GERMANY, MUNITIONS DIVISION, Dates of Survey: 25 April to 3 May 1945, First Edition 8, October 1945, Second Edition January 1947.
Aus der Chronik der Richthofenschule Essen-Frintrop über den Fliegerangriff am 26. März 1944
„In den Spätabendstunden des Sonntags (26.III.) erfolgte ein feindlicher Großangriff auf unsere Heimat, der auch in Frintrop Todesopfer forderte u. große Sachschäden verursachte. Das Schulgebäude erlitt in Auswirkung einer an der Kühlstraße niedergegangenen Mine schwere Schäden am Dach, an Decken u. Wänden, Holzwerk und Fensterglas. Eine Brandbombe schlug durch das Dach in die Wohnung des Hausmeisters Nickelmann. Obgleich sofort entdeckt u. gelöscht, hatte sie in der Wohnung doch schon große Schäden verursacht. Weitere Brandkanister fielen vor dem Schulgebäude auf den Bürgersteig, in die Schulmauer sowie den Schulgarten. Rundherum war der Himmel gerötet von den wütenden Bränden.“ [Chronik der Richthofenschule (Neerfeldschule), verfasst von Rektor Johannes Pesch].
Aus der Pfarrchronik von St. Dionysius über den Angriff am 25 und 26. März 1944:
„25./26.3: Fliegerangriff auf Borbeck. 10. Tote in der Klopstockstraße, darunter der Organist Franz Pothmann mit Frau und Sohn. Pothmann war 34 Jahre Organist, 25 Jahre Dirigent des Kirchenchores, hat das (…) komponiert und das Dionysiuslied. (…) Krankenhaus u. Handarbeitsschule haben große Schäden. Die Vicarie an der Germaniastraße ist völlig ausgebrannt.“ [Pfarrchronik, in: Borbecker Beiträge 1/1995, S. 9].
Aus dem Buch „Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945“ von Jörg Friedrich
„Die sogenannte Zweite Ruhrschlacht im Herbst 1944 erreicht in Essen den Gipfel am 23. Und 25. Oktober. Die Krupp-Werke wurden mit 1305 Spreng- und 10 000 Brandbomben zugedeckt. Das Stadtgebiet indes belegten 1826 Bomber in den zwei Tagen mit einem Vielfachen, mit einer Million Stabbrandbomben. Die Gesamtabwurfmenge der Spreng- und Brandmunition betrug 8200 Tonnen, weit über das Doppelte des großen Hamburgangriffs.“ [Friedrich, Der Brand, S. 297].
Aus der Chronik der Schule Essen-Dellwig I (Schäferdiekschule) über die Großangriffe am 23. und 25. Oktober 1944
„Die Fronten brechen zusammen, die Heimat wird immer mehr in Grund u. Boden bombardiert, aber die politischen Machthaber denken nicht an eine Beendigung des sinnlosen Mordens u. Zerstörens, des immer weiter im sich greifenden Elends u. Verderbens. In ihrer Unfähigkeit wollen sie das ganze Volk ins Verderben reißen. Fast Nacht für Nacht schwerste Bombenangriffe. Am schlimmsten sind der Nachtangriff vom 23. Okt. u. der Tagesangriff vom 25. Okt. 44. Essen wird ein ungeheurer Trümmerhaufen.“ [Chronik der Schule Essen-Dellwig I, ab 1939 Schäferdiekschule, verfasst von Rektor Josef Hill].
Johannes Wielgoß über die Schäden am Haus der Salesianer durch den Großangriff am 25. Oktober 1944
„Ein weiterer Großangriff auf Essen am 25. Oktober 1944 zerstörte den linken Teil des Gebäudes vollständig und hinterließ auch Schäden an anderen Gebäudeteilen, die aber noch bewohnbar blieben. Da die Flak Ende Juli abgezogen war und das Haus nun leer stand, wies die NSDAP etwa 50 bombengeschädigte Personen in das Gebäude ein.“ [Johannes Wielgoß: Das Haus der Salesianer Don-Boscos in Essen-Borbeck von der Gründung bis zum II. Vatikanischen Konzil, Rom 2015].

Fotoaufnahmen waren verboten - dennoch entstand dieses Bild mit den Schäden an der heutigen Heinrich Brauns-Straße mit Blick auf die St. Dionysiuskirche, die noch nicht getroffen ist.
Aus der Pfarrchronik von St. Dionysius Essen-Borbeck über die Angriffe vom 23. und 25. Oktober 1944:
„22.10.: Wegen dauernder Luftgefahr wird in Zukunft der Gottesdienst recht kurz gehalten. Nach Einleitungslied gleich die Verkündigungen. Wenn Vollalarm einsetzt, wird hl. Messe unterbrochen u. 5 Minuten nach Vorwarnung fortgesetzt.
23.10.: Nachtangriff auf Borbeck. Viele Brandbomben, die Scheune am Pfarrheim brennt aus. Eine Reihe Toter, vor allem Ecke Borbecker- und Fürstäbtissinstraße. Kirche hat erneut Schäden. Brand im Pfarrhaus kann gelöscht werden. Auf dem Kirchplatz ist ein Blindgänger niedergegangen. (…).
25.10.: Der Pastor wird 60 Jahre alt. Nachmittags großer Fliegerangriff auf Borbeck. Der Pastor steht bereit, die Kinder im Krankenhaus zu taufen. Da setzt Alarm ein: Schwer ziehen die Flieger über Borbeck weg. (…) hageln die Bomben. Die Kirche wird von 2 Bomben getroffen, eine vor dem Marienaltar, die andere vor dem Josef-Altar. Gewölbe und Dachstuhl stürzen ein und begraben alles unter den Trümmern. Das Allerheiligste wird nachher vom Pastor unter Beihilfe der (…) aus dem Tabernakel geholt und zunächst im Keller des Pfarrhauses, dann im Bunker des Krankenhauses sichergestellt. Die Kirche ist zerstört, der Turm steht noch, ebenso die Chorwand. In den Seitenwänden klaffen Löcher, der Grund der Verwüstung, Paramente (…) wenn auch beschädigt, aus dem Schutt der Sakristei gerettet. - Im Krankenhaus gehen ebenfalls 2 Bomben nieder (…) sämtliche Türen und Fenster sind herausgerissen (…). Die Handarbeitsschule u. der Kindergarten sind durch eine Bombe bis auf den Keller zerstört. In der Kapelle ist der Tabernakel umgestürzt. (…) Der Pastor tauft am Abend im Luftschutzbunker 12 Kinder. – Marienheim ist zerbombt. Die Oberin hat das Allerheiligste gerettet u. in den Keller des Exerzitienhauses gebracht. – Das Exerzitienhaus hat den Seitenflügel verloren, die Kapelle ist zerstört. – Die Häuser Hülsmannstraße 14 u. 16 sind baufällig und müssen geräumt werden. – In der Umgebung der Kirche und des Krankenhauses sind 20 schwere Bombentrichter. – In der Gemeinde viele Häuser zerstört. – 41 Tote, vor allem in dem Bunker hinter dem Gymnasium und auf Zeche Neukölln. (…) – Der Gottesdienst ist vorläufig im Luftschutzbunker des Krankenhauses. (…).“ [Pfarrchronik, in: Borbecker Beiträge 1/1995, S. 10].
Aus dem Buch von Klaus Lindemann zur Geschichte des Gymnasiums Borbeck seit der Kaiserzeit über die Angriffe am 9. Januar 1943 und am 25. Oktober 1944:
„Am 9. Januar 1943 (…) wird das Schulgebäude an der Prinzenstraße erstmal bei einem Bombenangriff getroffen. Über die Schäden berichtet Direktor Vollmann am gleichen Tag an den Oberpräsidenten der Rheinprovinz in Düsseldorf: ‘Völlig zerstört ist die Aula mit Dach, die Dachmitte des alten Baus. Einstweilen wird wohl noch nicht benutzt werden können: der Zeichensaal, das Lehrerzimmer, die Turnhalle, und zwar in Folge von Wasserschäden.‘
Ist es beim ersten Mal vornehmlich der Aulaflügel, der in Mitleidenschaft gezogen wird, so trifft das Schulgebäude anderthalb Jahre nach seiner Schließung noch ein viel schwererer Schaden. Am 25. Oktober 1944 zerstört es ein weiterer Luftangriff so gründlich, dass vom 1901 Hauptteil lediglich einige Außenmauern – so die Giebelwand über dem Eingang – übrig bleiben. Nur der solide Anbau des Architekten Ludwig Becker aus dem Jahr 1927 übersteht, wenn auch stark beschädigt, den Zweiten Weltkrieg. Bei dem Luftangriff wird auch der Ende 1943, Anfang 1944 errichtete Luftschutz-„Selbsthilfestollen Prinzenstraße“ am Rande des oberen Sportplatzes, der eine „Lehmboden-Deckung von fünf bis sechs Metern“ aufweist und in „bergmännischer Türstockzimmerung“ ausgeführt ist, seitlich getroffen und zum Einsturz gebracht. 31 Tote und sechs Schwerverletzte sind zu beklagen.“ [Lindemann, Gymnasium Borbeck, S. 44].
Zusammengebrochen und ausgebrannt: Sicht auf die Häuser rund um St. Dionysius in Borbeck-Mitte.
Aus den Aufzeichnungen von P. Wüst über den Angriff vom 25. Oktober 1944:
„Schon am 23. Oktober hatte Essen-West und auch Borbeck einen schweren Bombenangriff überstanden. Wenn auch die gewöhnlichen Schäden ein erhöhtes Maß angenommen hatten, so waren wir doch dankbar, wieder einmal dem Schlimmsten entgangen zu sein. Am 25. Oktober 15.00 Uhr begann die Rosenkranzandacht in unserer Kapelle. Die arbeitsfähigen Männer setzten Scheiben ein. Wir hatten hinterlassen, dass man uns in die Kapelle Nachricht bringen sollte, falls irgendein Luftalarm erfolgen sollte. Letztere Vorsicht war notwendig, weil am 23. Oktober die Sirenen außer Betrieb gesetzt worden waren. Kurz vor dem sakramentalen Segen kam eine weltliche Pflegerin in die Kapelle, lächelte und kniete sich hin. Später erfuhren wir, dass sie von den Männern auf dem Hofe beauftragt worden war, uns zu warnen, da die Sirenen von weitem zu hören waren. Im Augenblick, da ich die Monstranz ergriff, um den Segen zu geben, ging eine Bombe in der Nähe nieder. Ein tolles Geklirr von Scheiben, Gläsern, Porzellan. Alles stürzte aus der Kapelle. Ich stellte das Allerheiligste zurück und gab die ersten Anweisungen. Leider war es zu spät, den Bunker aufzusuchen, nur Sr. Olivia hatte es noch gewagt. So kam es, dass alle, die in der Andacht gewesen waren, unseren Luftschutzraum aufsuchen mussten, der keine Sicherheit bieten konnte. Ungefähr 50 Personen, meistens Frauen und Mädchen, knieten dort auf engstem Raum zusammen. Ich selbst nahm meinen alten Platz ein neben der Christ-König-Statue, zwischen Spülküche und Brotstübchen. Schon während alles nach unten flüchtete, gingen über Borbeck die Bomben nieder. Es war der erste große Tagesangriff, der den Stadtteil Borbeck zum Ziel hatte.
Was sich in der Zeit von 15.30 bis 16.00 Uhr abspielte, spottet jeder Beschreibung. Kaum hatte ich meinen Platz eingenommen, fiel die erste Bombe auf den Mittelweg im Obstgarten. Türen und Fenster in meiner nächsten Nähe wurden herausgeschleudert. Dann folgte ein Einschlag nach dem anderen. Ein solches Geheul in der Luft hatte ich noch nicht wahrgenommen. Die Einschläge verursachten einen Höllenlärm. Ich gab den 50 in meiner Nähe weilenden Schwestern, Frauen und Mädchen die Absolution. Eine Hoffnung auf Rettung bestand nicht mehr. Da auf einmal ein Heulen wie aus der Hölle und ohrenbetäubendes Grollen und Krachen, der ganze Bau zitterte in seinen Fundamenten, minutenlange Finsternis. Das konnte nur das Ende bedeuten. Ich nahm sofort die Verbindung mit denen im Luftschutzraum auf. Gott sei Dank, dort war nichts passiert. Nur einige Stücke waren aus der Decke herausgebrochen. Noch 10 Minuten Aufruhr in der Luft, als ob das Weltende da wäre, und dann … Ruhe. Nur noch das Weinen der Verängstigten hörte ich. Ich kletterte über Trümmer ins Freie. Ich hätte aufjubeln mögen: Die alte Villa stand noch, wenigstens die Außenmauern – und auch der Kapellenflügelstand noch. Ich rannte weiter, und da versagten die Beine, das Herz stockte …
Das Exerzitienhaus war ein gewaltiger Schutthaufen. Bis zur ersten Etage türmten sich die Steinmassen, Zementblöcke und Schuttberge. Der Erker links war stehengeblieben, aber bis zu den Zimmern aufgerissen. Die gewaltige Zementtreppe war an vielen Stellen gebrochen und drohte mit jedem Augenblick in die Tiefe zu stürzen. Auch rechts war der ganze Flügel incl. Treppe zusammengestürzt. Nur die Toiletten waren erhalten geblieben. Die Steinblöcke waren bis über die Küche hinaus geschleudert worden. Etwas Trostloseres konnte man sich kaum vorstellen. – Ich drehte mich um und nun sah ich etwas von dem, was sich in Borbeck zugetragen. Das Marienheim brannte lichterloh, die Pfarrkirche war eine Ruine, das Kinderheim zwischen dem Pfarrhaus und dem Philippusstift war spurlos verschwunden, das Philippusstift war verheerend zugerichtet. Nur noch im Bunker konnten Kranke untergebracht werden. Gewaltige Trichter, in die Luft ragende Eisenschienen der Elektrischen sperrten jeden Verkehr auf der Hülsmannstraße.
Ähnlich war das Bild in ganz Borbeck. Ich machte zunächst eine Kletterpartie durch die Räume des noch stehengebliebenen Teils des Hauses. Ein Bild der schlimmsten Verwüstung. An die 20 Wände waren eingestürzt, darunter auch die hohen Wände im alten Treppenhaus. Fast sämtliche Türen und Fenster herausgerissen. Der ganze Verputz von den Decken herunter. Überall lag der Schutt einen halben Meter hoch. Nur die frühere Klausur der Schwestern, das Zimmer über der Spülküche, konnte als Wohnraum notdürftig hergerichtet werden. So wurde der ganze Betrieb in die Kellerräume verlegt. Auch die Küche, die bis auf die Fenster heil geblieben war, und der daneben liegende kleine Speisesaal konnten in Betrieb genommen werden. Nach Feststellung der Kleidungsstücke, die den Kranken bei dem Einsturz der Krankenzimmer verlorengegangen waren, wurden die Kranken alle entlassen. Weil ich nicht wusste, ob alle Kranken den eingestürzten Bau schon vor der Katastrophe verlassen hatten, hatte ich sofort die Polizei verständigt, das Nötige zu veranlassen. Eine Kolonne S.H.D. (Sicherheitsdienst) rückte an. Aus dem Luftschutzraum, der in der Kreuzwegkapelle eingerichtet war, wurde ein Familienvater, Herr Kalima aus Dellwig, herausgeholt. Er lebte noch einige Sekunden. Mit ihm waren noch ein Deutscher (Jungmann) und drei Ausländer in diesem Raum zurückgeblieben, weil sie erst einige Tage zuvor operiert worden waren und den Weg zum Bunker nicht machen konnten, teilweise auch nicht wollten. Der deutsche Junge war unversehrt. Von den drei Ausländern hatte ich nach der Katastrophe zwei oder drei über den Hof laufen sehen und hielt sie darum für gerettet. Erst nach Wochen kamen die Polen und suchten ihren Leo Pronk. Dadurch reifte in uns die Gewissheit, dass auch unter den Trümmern Menschen den Tod gefunden hatten. Schon hier darf eingefügt oder nachgeholt werden, dass wir zwei Jahre später beim Aufräumen der Trümmer den Polen Leo fanden. (….). Außer diesen Toten hatten wir noch ein drittes Opfer zu beklagen. Es war ein altes Fräulein über 80 Jahren. Sie war so krank, dass sie keinen Transport vertragen konnte und immer in ihrem Zimmer in der ersten Etage blieb. Gleich nach der Katastrophe fanden wir die Leiche in den Trümmern. Damit war die Tätigkeit der S.H.D. beendet.“ [Wüst, Geschichtliche Aufzeichnungen, S. 11-13].

Bilder der Zerstörung auf dem Krupp-Gelände, aus: THE UNITED STATES STRATEGIC BOMBING SURVEY FRIEDRICH KRUPP A G, BORBECK PLANT ESSEN, GERMANY, MUNITIONS DIVISION, Dates of Survey: 25 April to 3 May 1945, First Edition 8, October 1945, Second Edition January 1947.
Aus dem Betriebsbericht von Krupp für die Jahre 1943/44 zum Panzerbau am Weidkamp über die Angriffe am 23. und 25. Oktober 1944:
„Bei den Angriffen am 23. Und 25. Oktober 1944 gab es insgesamt 10 Sprengbombentreffer im Betrieb und 14 Sprengbombentreffer im Gelände. Dabei wurde das Dach des Betriebes fast zur Hälfte abgedeckt und die Wände wurden stark beschädigt. Beim Angriff am 25. Oktober 1944 kamen zwei Deutsche und drei Ausländer ums Leben. Der Berichterstatter gibt an, dass ‘nach Energiezuleitung und Beseitigung des Schutts‘ die Produktion in kleinerem Umfang wieder aufgenommen werden konnte.“ [Gründges, Siedlung Brauk, S. 86].
Bilanz des Krieges. Aus: Essen. Geschichte einer Stadt:
„Das gesamte Stadtgebiet war zu sechzig Prozent zerstört, der Bereich der Altstadt sogar zu 93 Prozent. In einem Durchmesser von fünf Kilometern taten sich in der Innenstadt nur Trümmer und Ruinen auf. Von den 185.300 Wohnungen in Essen waren 64.000 total zerstört und 36.000 schwer beschädigt. Lediglich 6.300 Wohnungen überstanden den Krieg unversehrt. Am Ende der Nazi-Diktatur blieben 15,5 Millionen Kubikmeter Schutt zurück. Nur noch 285.000 Menschen lebten im April 1945 in Essen, vor dem Krieg waren es über 666.000 gewesen. Nach einer amtlichen Bilanz starben 6.384 Essener bei den Luftangriffen, 18.864 wurden als Angehörige der Wehrmacht zu Kriegsopfern.“ [Geschichte einer Stadt, S. 469].
Franz Josef Gründges
Quellen
Klaus Lindemann: „Dies Haus, ein Denkmal wahrer Bürgertugend“. Das Gymnasium Borbeck seit der Kaiserzeit. Klartext Verlag, Essen 2005. – P. Johannes Wüst: Geschichtliche Aufzeichnungen über das Exerzitienhaus Essen 1941 bis 1949. Maschinengetipptes Manuskript (Archiv Gründges). – Auszüge aus der Pfarrchronik von St. Dionysius (1939-1945). In: Borbecker Beiträge 1/199. – Franz Josef Gründges: Borbeck im Spannungsfeld von Stadtentwicklung, Rüstungswirtschaft, Umweltpolitik und Bürgerengagement. Die Siedlung Brauk und das Panzerbaugelände. In: Essener Beiträge 125,/126. Band (2012/2013), S. 57-210. – Dokumente zum Kolpingverein Dellwig (Archiv von F.J. Gründges). – Ulrich Borsdorf u. Ruhrlandmuseum (Hrsg.): Essen. Geschichte einer Stadt, Pomp-Verlag, Bottrop und Essen 2002. – Jörg Friedrich: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945. Propyläen Verlag, München, 4. Auflage 2002. – Jörg Friedrich: Brandstätten. Der Anblick des Bombenkriegs, Propyläen Verlag, München 2003. – Norbert Krüger: Die Luftangriffe auf Essen 1940-1945, in: Essener Beiträge, Bd. 113, 2001, (Hrsg.) Historischer Verein für Stadt und Stift Essen, Essen 2002.
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