75 Jahre Altendorfer Friedenskreuz

Gedenken am 3. Mai wird verschoben

0 29.04.2020

Mittwoch, 11. April 1945: Der Krieg ist aus in Essen. Großspurig hatten die Nazis, die 12 Jahre zuvor die Macht übernommen hatten, von einem „Kampf bis zum letzten Blutstropfen“ getönt. Anfang April noch hatte der stellvertretende Gauleiter Fritz Schleßmann die Stadt komplett räumen und die letzten Industrieanlagen restlos zerstören wollen. Die Bergleute von Zollverein verhinderten die Sprengung ihrer Zeche. Dafür jagen die Fanatiker in Steele die Ruhrbrücke in die Luft, richten Deserteure hin und lynchen Zwangsarbeiter - während die meisten der letzten Einwohner schon weiße Tücher raushängten. Als sich der Ruhrkessel der alliierten Streitkräfte schließt, wird die zerbombte Steinwüste Essen, die einstige „Waffenschmiede des Reichs", kaum mehr verteidigt.

Die Stadt Essen wird befreit

Nach vier Tagen ziehen Soldaten der 79. US-Division und der 17. US-Airborne Division von Karnap in die Stadt und verhaften am Vormittag den Nazi-Oberbürgermeister Just Dillgardt im Bredeneyer Rathaus. Sein Stellvertreter Dr. Dieter Russell wird kommissarisch als Stadtoberhaupt eingesetzt und das Bild des verhafteten Alfried Krupp von Bohlen und Halbach geht um die Welt. Am 12. April vermerkt die Pfarrchronik von St. Dionysius den Einmarsch der Amerikaner in Borbeck. Als sie auch Überruhr besetzen, ist der Krieg im ganzen Stadtgebiet vorbei. Am 29. April wird in den katholischen Kirchen ein gemeinsames Hirtenwort der Essener Geistlichen verlesen: „... Doch der Krieg ist noch nicht zu Ende; manches steht uns als Folge und Auswirkung des Krieges noch bevor. Wenn nicht alles täuscht, werden wir schweren Zeiten entgegengehen. ... Wir wollen aber der kommenden Neuordnung nicht tatenlos zusehen; wir sind bereit, am Wiederaufbau der zerstörten Werte, vor allem auch der seelischen Werte mitzuwirken...“.

Kapitulation am 8. Mai 1945

Am 30. April 1945 entzieht sich Adolf Hitler im umkämpften Berlin durch Selbstmord der Verantwortung, eine Woche später, am 7. Mai, folgt im alliierten Hauptquartier im französischen Reims die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reichs. Sie tritt am 8. Mai um 23 Uhr in Kraft - die oft so genannte „Stunde Null“ nach den jahrelangen verheerenden Luftangriffen, besonders in den letzten Kriegsmonaten, nach all den grausamen Verbrechen, dem Tod von 60 Millionen Menschen und der Ermordung von mehr als sechs Millionen europäischen Juden.

Zeichen gegen den Krieg

Schon bevor der Krieg damit offiziell beendet ist, wird bereits in Essen ein Zeichen gesetzt, das bis heute nachwirkt. Das „Altendorfer Friedenskreuz“ an der Nöggerathstraße ist das erste Anti-Kriegsdenkmal, das nach dem Zweiten Weltkrieg in der Stadt entsteht. Aufgerichtet wird es am 3. Mai 1945, dem früher gefeierten kirchlichen Fest „Kreuzauffindung“. Mit dabei sind damals befreite Kriegsgefangene aus der Sowjetunion, Zwangsarbeitern aus Polen, Frankreich und anderen Staaten, die unter unmenschlichen Bedingungen in Altendorf, Frohnhausen und Schönebeck untergebracht waren. Gemeinsam beten sie damals um den Frieden und gedenken der toten Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, die am 25. Oktober 1944 bei einem Bombenangriff in einem stillgelegten Luftschacht der Zeche Hagenbeck an der Clausiusstraße ums Leben kamen.

„Für die Opfer in schwerer Zeit“

Gezimmert wurde das Kreuz aus zwei Balken einer zerstörten Scheune des Herbrüggenhofs, die Rückseite des Querbalkens trug noch die Inschrift „Arnold Heinrich Schulte-Herbrüggen | Maria Katharina Deimerberg | Anno 1768“. Aus kupfernen Patronenhülsen fertigt der Initiator Bernhard Weber aus der Hirtsieferstraße eine Gedenktafel mit der Inschrift „ICH WILL, DASS IHR IN FRIEDEN LEBT. FÜR DIE OPFER IN SCHWERER ZEIT. 3. MAI 1945“. Das Kreuz steht an der Stelle eines bereits während der napoleonischen Zeit 1805 errichteten Kreuzes, das in der Nazi-Zeit verfallen war; das neue setzte man auf einen gemauerten Sockel und umgab es mit Sträuchern und mit Steinen, die über Verschütteten des Bombenkrieges lagen.

Die Nachbarn und die Gemeinde St. Clemens Hofbauer an der Bockmühle hielten das stille Mahnmal seit dem Ende des Krieges in Ehren: Fast 40 Jahre lang war es Ziel des Friedensgebetes, zu dem an jedem Karfreitag eingeladen wurde. Bis heute setzen benachbarte Familien die Tradition fort, es ist Station bei Fronleichnamsprozessionen und Ort für Gedenkveranstaltungen. Doch blieb dem Mahnmal gegen Gewalt und Hass selbst die Zerstörung nicht erspart: So wurde der Christus-Korpus 1986 fast vollständig verstümmelt, schon einen Tag nach seiner Wiederherstellung erneut. Seit 1994 ist er durch einen Bronzekorpus ersetzt, der mit Farbe beschmiert und 2012 wiederhergestellt wurde.

Gedenken am 3. Mai wird verschoben

Daran, dass vor 75 Jahren vor diesem Kreuz erstmals um Frieden gebetet wurde, wollten Mitglieder der Gemeinde jetzt am 3. Mai im Beisein von Oberbürgermeister Thomas Kufen, Stadtdechant Jürgen Schmidt und Superintendentin Marion Greve erinnern. Die geplante Gedenkveranstaltung ist nun wegen der Corona-Pandemie auf den 11. Oktober verschoben worden. Doch zum Jahrestag der Kreuzerrichtung erschien eine Publikation im Verlag für Regionalgeschichte in Bielefeld, in der die wechselhafte Geschichte des Kreuzes nachgezeichnet wird. Herausgeber sind Hubert Röser, Pastor Gerd Belker und Volker Niehusmann, Kulturpreisträger der Stadt Essen. Er komponierte eigens für die Gedenkveranstaltung am 11. Oktober ein Stück, das an dem Tag seine Uraufführung erleben wird.

Oberbürgermeister Thomas Kufen schrieb in seinem Geleitwort: „Ich danke allen Menschen, die das Kreuz und sein Umfeld in den vielen Jahren seit seiner Errichtung gepflegt haben. Diese Menschen setzen sich dafür ein, dass das Altendorfer Friedenskreuz und seine Bedeutung nicht vergessen werden. Sie zeigen, dass die Erinnerungskultur in unserer Stadt lebendig ist. Sie sind gewillt, das Erinnern mit Leben zu füllen und in den Alltag einzubinden.“

Die 44-seitige Broschüre „Ich will, dass ihr in Frieden lebt. 75 Jahre Altendorfer Friedenskreuz" (ISBN 978-3-7395-1245-7) ist bei Hubert Röser (Tel. 0157/85598867) kostenlos erhältlich. Der Druck wurde durch Unterstützung des „Vereins der Freunde und Förderer St. Clemens Maria Hofbauer“ und der Wohnungsgenossenschaft Essen-Nord ermöglicht.

Die Bilder auf dieser Seite stammen aus der o.a. Broschüre (Buchtitel, Friedenskreuz an der Noeggerathstraße).

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