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1 06.03.2026
Gemunkelt wurde in Dellwig und Gerschede schon immer hinter vorgehaltener Hand über die mysteriösen Umstände des Todes von Hermann Hagedorn. Dabei sprach man immer wieder davon, dass wohl Alkohol im Spiel gewesen sein müsste. Die Gerüchteküche wollte auch von einem „Tod auf Schienen“ wissen, dem der beliebte Heimatdichter im sauerländischen Fretter zum Opfer gefallen sei. Franz Josef Gründges, mit Hermann Hagedorn durch die Familie seine Mutter verwandtschaftlich verbunden, wollte genau wissen, was damals passiert ist. Dazu hat er sich verschiedener Quellen bedient und sich in Fretter zusammen mit seinem Bruder selbst auf Spurensuche begeben. In diesem Jahr, am 7. März, jährt sich der Tod von Hermann Hagedorn zum 75. Mal. Anlass genug, das Ergebnis der Nachforschungen offenzulegen.

Das Dorf Fretter im Sauerland
Hermann Hagedorn (*20.08.1884) Rektor der Stifterschule in Unterfrintrop, ließ sich am 1. Mai 1943 wegen „Schwerhörigkeit“, so die offizielle Begründung, in den vorzeitigen Ruhestand versetzen, heiratete am 8. Juni 1943 die Lehrerin und Kollegin Elli Schmidt (*01.08.1904) und zog sich mit ihr in eine Waldhütte in der Nähe der Ortschaft Fretter im Sauerland zurück. Am 6. Juni 1944 erfolgte der Einzug in eine umgebaute Jagdhütte, die er liebevoll „Heeme“ (Heimat) nannte. Hier wurde er mit seiner Frau sesshaft, umgeben von dichten Wäldern, mit eigenem Wasseranschluss aus der vorbeifließenden Larmecke, mit einem reich ausgestatteten Garten und allerlei Tieren, darunter Hunde, Ziegen, Gänse und Hühner.

Bauzeichnung der Hütte
Hermann Hagedorn nutzte die neue Umgebung für ausgedehnte Waldspaziergänge und für Besuche in der Dorfkneipe. Er war – davon legen viele seiner Gedichte und Prosatexte Zeugnis ab – in wahrer Naturliebhaber und ein ausgewiesener Kenner der Vogel-, Pflanzen- und Tierwelt. Bei den Dorfbewohnern galt er als hilfsbereiter, zugänglicher, freundlicher und kommunikativer Zeitgenosse ohne „Doktorallüren“. Gerne saß er in der Dorfkneipe im angeregten Plausch mit den Stammgästen zusammen, um dann manches Mal erst in den frühen Morgenstunden den knapp drei Kilometer langen Heimweg zur Heeme-Hütte und zu seiner Frau anzutreten. Hier unter einfachen Menschen, fernab von jeglichem Großstadtrummels, fühlte sich Hermann Hagedorn richtig wohl:
„Viele Fälle könnte ich berichten, die mich unter diesen einfachen Leuten so menschlich tief berührt haben. An wie viel Tischen habe ich gesessen und herzhaft mitgetan! Wie viel Zuspruch wurde mir, Verständnis, Trost, von großen und kleinen Leuten, die in den Bergen wohnen. Wie viel anständige Jungen habe ich kennen gelernt und brave Mädchen, und in wie viele patriarchalische Familienverhältnisse auf Bauernhöfen und in Bürgerhäusern habe ich hineingeschaut. Wie viel Freunde habe ich gefunden! Würde ich mich hier wohlfühlen als Heimatdichter einer fremden Landschaft, wenn die Bewohner des Sauerlandes nicht gut, wenn sie nicht „Menschen“ wären?“

„Gasthof zur Post“ in Fretter
Hagedorns Stammkneipe war die Gaststätte „Post-Schulte“, benannt nach der Witwe Maria Schulte, die hier von 1932 bis 1958 eine Poststelle verwaltete. In dieser Kneipe, die laut Adressbuch von 1927 „Gasthof zur Post“ hieß (Inhaber Josef Schulte), saß Hermann Hagedorn sehr oft, führte launige Gespräche und spielte Karten, unter anderem mit Josef „Jupp“ Funke, Prokurist bei den Kalkwerken in Fretter. Genauso so bekannt wie sein Herrchen war in Fretter der weiße Polarspitz „Schneemann“, dem Hagedorn in seiner kleinen Prosaskizze „Tiere“ liebevolle Zeilen gewidmet hat. Er war Hagedorns ständiger Begleiter. Ab und zu stromerte „Schneemann“ sehr zum Ärger der Förster und Jäger alleine in der freien Natur herum und sorgte dabei für Unruhe unter den Tieren des Waldes. Zeitweilig hatten die Hagedorns einen zweiten Polarspitz mit Namen Teddy; er wurde dann irgendwann an gute Bekannte verschenkt.

Leider war es Hagedorn nicht lange vergönnt, die heimatliche Umgebung ausgiebig zu genießen. Am 8. März 1951 erschien in der Westfälischen Rundschau vom 8. März 1951 eine kurze Meldung mit der Schlagzeile „Vom Zug überfahren“. Darin hieß es:
„Serkenrode. Als der schwerhörige 66jährige Dr. Hagedorn, der in der Nähe von Fretter ein Jagdhäuschen bewohnt, in den Morgenstunden des gestrigen Mittwoch seinen gewohnten Heimweg über den Bahnübergang ging, wurde er von dem aus Finnentrop kommenden Personenzug überfahren und tödlich verletzt.“
Über die genauen Umstände seines Todes liegen bis heute keine verlässlichen Informationen vor. Für den tödlichen Unfall gab es keine Zeugen. Als gesichert kann gelten, dass sich Hermann Hagedorn am frühen Morgen des 7. März 1951 nach einem langen Abend in seiner Stammkneipe auf dem Weg nach Hause befand und dabei allem Anschein nach wie gewohnt eine Abkürzung über die Bahngeleise nahm. Beim Versuch, die Gleise in Höhe des am Ortsausgang gelegenen Kalkwerks zu überqueren, wurde Hermann Hagedorn im Frühnebel von einem Zug erfasst. Laut Sterbeeintrag der Gemeinde Finnentrop wurde der
„Schriftsteller, Rektor in Ruhe, Doktor der Philosophie Hermann Hagedorn, gottgläubig“ am 7. März 1951 um 06.40 Uhr „in Fretter am Bahnkörper bei Bahnkilometer 9,1 + 50 tot aufgefunden.“
Als Tag und Stunde seines Todes gab man in der schriftlichen Anzeige der Polizeibehörde des Regierungsbezirks Arnsberg, Polizeistation Eslohe K 205/51, den 7. März 1951, 05.20 Uhr an. Zur Todesursache hieß es im Sterbeeintrag lapidar:
„Unglücksfall, vom Zug erfasst und auf Gleiskörper geworfen, Abriss der Schädeldecke.“
Die Differenz zwischen Todeszeitpunkt und Zeitpunkt des Auffindens von einer Stunde und zwanzig Minuten lässt sich vermutlich damit erklären, dass das Zugpersonal den Unfall nicht bemerkt hatte. Bei der Festsetzung des Todeszeitpunkts hat man dann wohl auf die fahrplanmäßige Durchfahrzeit des Zugs zurückgegriffen. Bei persönlichen Recherchen vor Ort konnte die vermutliche Unfallstelle ziemlich genau bestimmt werden.

Da der Bahnhof Fretter (Bild oben), dessen altes Gebäude heute noch steht, 9,4 Bahnkilometer von Finnentrop entfernt ist und der Tote bei Bahnkilometer 9,1 gefunden worden ist, ist Hermann Hagedorn etwa 350 m vom Bahnhof Fretter entfernt unter den Zug geraten. Genau hier befindet sich das Gelände des damaligen Kalkwerks. Es sieht so aus, als habe Hermann Hagedorn nicht den üblichen (weiteren) Weg über den Bahnübergang am Bahnhof zu seiner Hütte genommen, sondern eine Abkürzung gewählt, die zwischen der Bahnstrecke und dem tiefer gelegenen Fretterbach entlang am Kalkwerk vorbeiführte. Einen gesicherten Übergang gab es an dieser Stelle nicht. Das wurde ihm zum Verhängnis. Über die Gründe, warum er den entgegenkommenden Zug nicht bemerkt hat, lässt sich nur spekulieren. Äußere Einflüsse wie Nebel und Dunkelheit, aber auch Schwerhörigkeit und Alkohol könnten dabei eine Rolle gespielt haben.
Am 12. März 1951 wurde Hermann Hagedorn auf dem Parkfriedhof in Essen beigesetzt. Zu seiner Beerdigung kam auch eine Abordnung von Bewohnern und Förstern aus Fretter und Umgebung, Ausdruck der Achtung vor einem Mann, der ihnen im Laufe der Jahre in seiner Heeme-Hütte und im Dorf zum Freund geworden war.

Larmecke-Teich
Die Heeme-Hütte, an die Larmecke, ein kleiner Bachlauf, vorüberfloss, gibt es längst nicht mehr. Sie wurde wegen des geplanten Baus einer Kläranlage für das Dolomit-Kalkwerk am 28. August 1968 abgerissen. Wo früher das Anwesen und der große Garten der Hagedorns war, umgeben von Fichten und Tanne, befindet sich heute der Larmecke-Teich. Die 35.5 km lange eingleisige Nebenbahnstrecke von Finnentrop nach Wennemen, die Hermann Hagedorn zum Verhängnis wurde, wurde 1996 stillgelegt und ist heute ein Teilstück des Sauerland-Radrings. Der alte Bahnhof ist ein Anschlussbahnhof für den Busnahverkehr geworden. Das Kalkwerk ist seit 1971 außer Betrieb. Heute wird das Gelände gewerblich genutzt. Der Gasthof, umgebaut und erweitert, steht noch an der gleichen Stelle wie zu Hagedorns Zeiten.
Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes stand Elli Hagedorn mit 56 Jahren allein und ohne Einkünfte da. Eine Witwenrente bekam sie nicht, weil die Heirat mit Hermann Hagedorn erst nach dessen Pensionierung erfolgt war. Allein die Hütte war ihr geblieben. Um sie zum Andenken an ihren verstorbenen Mann erhalten zu können, vermietete sie das Anwesen zur Deckung der Instandhaltungskosten bis in die 1960er-Jahre als Ferienhaus für Verwandte und Bekannte. Sie selbst war zu ihren Geschwistern nach Essen gezogen und ist dort am 22. Januar 1996 gestorben. Ihr Tod jährt sich in diesem Jahr zum 30. Mal.

links: Zeichnung der Hütte
Viel wurde nach seinem Tod über ihn geschrieben. Ludwig Wördehoff hat seinen ehemaligen Rektor als einen offenherzigen, freundlichen, humorvollen und allen Menschen herzlich zugewandten „Seelenfänger“ in Erinnerung, der bei allen, die ihn kannten, beliebt war und geachtet worden sei. Auf das weibliche Geschlecht habe der „Schwerenöter“ (so Wördehoff) offenbar einen besonderen Reiz ausgeübt, die Frauen seien nur so auf ihn geflogen. Dass Hagedorn dem Leben auch sonst lustvoll zugewandt gewesen ist, belegen die zahlreichen Hinweise auf seine Trinkfreude und Trinkfestigkeit.
Erich Bockemühl weiß von einem Manne zu berichten, der zuweilen wie ein „trinkfester mittelalterlicher Troubadour“ agierte, der „bedenkenlos fröhlich“ war und „im froher Zecher Kreise manchmal keine zeitliche Begrenzung finden konnte“. Augustin Wibbelt attestiert Hagedorn ein „kindlich warmes, frohes Gemüt“, gepaart mit „inniger Naturseligkeit“, einer „gesunden Frömmigkeit, die schalkhaft zu lächeln versteht“ und einem „volkstümlich kräftigen Humor“.
Andere, wie Hagedorns Schwager Heinrich Schmidt, heben seinen „köstlichen Mutterwitz“ und gesunden Humor hervor und lassen nebenbei anklingen, dass Hagedorn den Schalk im Nacken gehabt habe. Ähnliches findet sich in einem Zeitungsartikel aus dem Jahre 1941, in dem Hagedorn ein „deutsches Gesicht“ zugeschrieben wird – „aus dem blaue Augen schauen“, in denen es ständig von „Schelmereien“ blinkt und blitzt. Andere haben Hagedorn als einen Menschen erlebt, der mit seinem „auf der Güte seines Herzens“ beruhenden Humor „wie zur Freundschaft geboren“ gewesen sei. Dieses Urteil findet eine Entsprechung in Erich Bockemühls Charakterisierung von 1953:
„Wenn er auch zum Dr. phil. promovierte, so war er doch bei all seinem Wissen und philosophischen Erkennen ein einfacher Mensch geblieben, der die Eigenschaft hatte, jedem anständigen Kerl gegenüber oft überraschend schnell vom Sie zum Du zu wechseln.“
In den öffentlichen Nachrufen der örtlichen Presse wird Hagedorn als ein „urwüchsiger Mensch von ansteckend froher Sinnesart“ bezeichnet, „der allen wohl wollte, die ihm auf der Lebensbahn begegneten“ (WAZ vom 09.03.1951) und der sich durch seine „heitere Lebensart, seinen unversieglichen Humor und die Fröhlichkeit seines Gemüts“ viele Freunde erworben habe (Essener Tageblatt vom 09.03.1951). Als herausragenden Charakterzug heben die Apologeten gerne Hagedorns Verlässlichkeit, Treue, Freundschaft und Hilfsbereitschaft hervor. Elli Hagedorn mahnte einmal – damals noch als (eifersüchtige) Elli Schmidt – ihren Hermann:
„Dein Herz, Hermann. Ach, ich glaube, Du musst Dir noch finstere Falten angewöhnen und wirst Dir das Lachen und das freundliche Wesen zu allen frechen Leuten abgewöhnen müssen.
Und Borbecker Rektor Ruhrmann betont in seiner Würdigung Hagedorns „Liebe zur Heimat, seine umfassende Bildung, sein fröhliches Wesen, sein mitfühlendes Menschentum und seine Volksverbundenheit.“
Das letzte Wort soll Hermann Hagedorn selber haben: „Wen man ans Herz nimmt, der kann nicht mehr schlagen.“

Hermann Hagedorn 1884-1951

Die Geschichte vom Leben und Tod des Hermann Hagedorn mag mit dem kleinen plattdeutschen Gedicht „Gebätt“ zu Ende gehen, das schon 1930 in der Gedichtsammlung „Hatte on Heeme“ erschienen ist (abgedruckt in den Borbecker Nachrichten Nr. 19/05.05.1961).
„Du leiwen Gott, ick loop hi so heröm,
on komm mi so välooten vüe…
Wat gäff ick dröm,
steits Du dä Hemmelsdüe
son ganz klein betschen los,
dat ick Di seihen könn.
On ’n Engelken, ät bruck kän grot dä si’en,
met ’t allerkleinste wö ick al defri’en,
mök bemm, bemm, bemm -
wie ’n Klöcksken müch dät lüen – ,
dat ick mi nech väloopen könn.
On dann, wenn ick do bowen stönn,
köms Du am bessen söwers,
pöcks mi an’e Hand,
on leiens mi so lisam en Din Land!
Amen!“
„Du lieber Gott, ich lauf hier so herum
Und komm mir so verlassen vor…
Was gäb ich drum,
würdest du mir die Himmelstür
so ein klein bisschen aufstoßen,
damit ich dich sehen könnte.
Und ein Engelchen, es braucht kein großes zu sein,
mit dem allerkleinsten wär ich schon zufrieden,
machte bemm bemm bemm
– wie ein Glöckchen müsste es läuten – ,
damit ich mich nicht verlaufen kann.
Und dann, wenn ich da oben stünde,
kämst du am besten selber,
nähmst mich an die Hand
und leitetest mich behutsam in Dein Reich!
Amen!“
Franz Josef Gründges
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Kommentar von Andrea Reichart |
Sehr schön geschrieben und beeindruckend recherchiert!
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