60 Jahre Stoetzelweg

An der Wiege des Ruhrbergbaus

0 05.03.2026

BORBECK / SCHÖNEBECK. Ein schönes „Fundstück“ hatten wir am 1. März auf diesen Seiten: Dr. Wolfgang Sykorra erinnerte zum Auftakt einer kleinen Serie über Kneipen in der alten Bürgermeisterei Borbecker an ein denkwürdiges Gelage im „Stammhaus Kaldenhoff“ an der Aktienstraße 140, zu dem es hieß: „30 Bergleute verzehrten in ausgelassener Stimmung gemeinsam 17 Kannen Branntwein sowie Unmengen an Bier, Weißbrot und Käse, wie die Rechnung des Wirts auswies.“ Die Rechnung für die Zecherei am 3. April 1834 im reservierten „Tanzzimmer“ listete neben 10 Portionen Kaffee noch einige zerbrochene Gläser auf – es zeichnete der Wirt „Schonebeck (!), den 12. April 1834, Kaldenhoff“ aus einer Familie Kaldenhof, die hier von einem jahrhundertealten Hof stammte und die Gaststätte Kaldenhoff noch bis in die 1960er Jahre selbst bewirtschaftete.

Start für den Tiefbergbau

Grund für die offensichtlich gelungene Festivität war die Ende März 1834 erstmals geglückte Durchstoßung der Mergelschicht in über 100 Metern Tiefe, für die der Unternehmer Franz Haniel (1779-1868) seinen Leuten diese ordentliche Sause genehmigte. Das Ereignis markierte nichts weniger als den offiziellen Beginn des Tiefbergbaus an der Ruhr überhaupt. Ihm folgten der Einsatz der Dampfmaschine, viele Investitionen aus dem In- und Ausland, zahllose technische Innovationen und der Ausbau einer Großindustrie, von der die ganze Region mehr als 150 Jahre lang - und auch bis heute noch - geprägt werden sollte.

„Bergmann Stoetzel“

Entscheidend bei dieser Tat war der Einsatz des „Bergmanns Stoetzel“, von dem nicht einmal sein Vorname bekannt ist. Er gilt als enger Mitarbeiter und Vertrauensmann des Unternehmers Franz Haniel aus Ruhrort beim Abteufen der beiden Bergbauschächte Franz und Kronprinz in Schönebeck. Und an sich ist es ein Wunder, dass diesem ganz praktischen Bergbaupionier Stoetzel erst am 15. Juni 1966 ein kleines Denkmal gesetzt wurde. An diesem Tag wurde die eher unscheinbare Stichstraße „Stoetzelweg“ benannt. Sie zweigt kurz hinter der Frintroper Straße von der Straße Im Wulve nach links in Richtung Gewerbegebiet Aktienstraße mit Hellweg und Deichmann ab. Franz Josef Gründges stellte sie im Borbeck-Lexikon vor und verwies auf „eine hochinteressante Namensgebungsgeschichte. Und die geht nach Ludwig W. Wördehoff etwa so:

Hüttenbesitzer Franz Haniel suchte zu Beginn des 19. Jahrhunderts wegen der großen Nachfrage nach Kohle im In- und Ausland nach einer Möglichkeit zum Abbau von Kohle unterhalb der kalkhaltigen Mergelschicht. Das war ein in der damaligen Zeit durchaus schwieriges Unterfangen, für das man eine Genehmigung des zuständigen Bergamtes brauchte. Haniel hatte für sein Vorhaben ein Flurstück im Bereich Kaldenhofer Busch/Grenze Mülheim vorgesehen. Nachdem ihm das Bergamt am 10. März 1832 das erforderliche Schürfrecht erteilte hatte, beauftragte er den Obersteiger Pape mit der Requirierung von Arbeitern.

Unter den Arbeitern, die der Steiger auftreiben konnte, befand sich auch der Bergmann Stoetzel. Beim Aufteufen, d.h. beim Ausheben eines senkrecht nach unten führenden Schachtes, erwies sich dieser Stoetzel als so geschickt und zuverlässig, dass er das Vertrauen von Franz Haniel gewann. Nach dem Abteufen von Schacht Franz und Schacht Kronprinz ernannte ihn Haniel zum Grubenaufseher. Stoetzel standen für die Arbeiten an den auszumauernden Versuchsschächten sieben Hauer, sechs Haspelzieher (ein anderes Wort für Seilwinde) und zwei Maurer zur Verfügung. Am 27. November 1833 konnte er seinem Auftraggeber melden, dass man eine Schachttiefe von 54 m erreicht habe. In den Stolz über diese Leistung mischte sich Ärger über die Arbeitskolonne, die zum Teil aus Mülheim kam und von Stoetzel aus welchen Gründen auch immer als „rohes Mülheimer Gesindel“ bezeichnet wurde.

Die Arbeiten gingen trotzdem weiter voran. Am 27. März 1834 stießen Stoetzel und seine Leute nach einem Querschlag von über 26 m und einem Blindschacht von 2 m auf die erste abbaubare Kohlenschicht. Ein großer Erfolg, denn man hatte unter dem Mergel das erste Flöz im ganzen Ruhrgebiet gefunden. Das musste gefeiert werden. Dies tat die Abteufkolonne ausgiebig in einem Tanzsaal beim Wirt Kaldenhoff. Dabei sollen 17 Kannen Branntwein getrunken worden sein. Vermutlich ging die Feier auf Kosten von Haniel. Der musste nur wenig später weit tiefer in die Tasche greifen. Denn er hatte 10.000 Taler an Schürfkosten für einen Schacht zu bezahlen, der in der Tiefe immer enger wurde und daher aufgegeben werden musste.“

Der Ruhrbaron und der Bergmann

Auch wenn diese Teufung zuletzt nicht die großen Erwartungen erfüllte: Haniel machte dennoch sein Glück. Der energische Unternehmer, seit 1806 mit der vermögenden Es­se­ner Rats­herrntochter Frie­de­ri­ke Huys­sen (1785-1867) ver­hei­ra­tet, betrieb mit der Kohle zunächst seinen Koh­len­han­del und benötigte die Erschließung spezieller Fett­koh­le­f­lö­ze spä­ter auch zur Ver­sor­gung sei­ner Ei­sen­schmel­zen mit Hoch­ofen­koks. Auch weitere Ze­chen wie die Ze­che Zoll­ver­ein (1847) und die ers­te links­rhei­ni­sche Ze­che mit Na­men Rhein­preu­ßen (1851) gehen auf seine Initiative zurück, durch die er von der Roh­stoff­ge­win­nung bis zum Trans­port und Ver­kauf der Pro­duk­te schließlich al­le Glie­der einer Wert­schöp­fungs­ket­te in einer Hand hielt. Der sozial engagierte Unternehmer, der sich mit vielen Einrichtungen dem Ge­mein­wohl ver­pflich­tet sah, wurde mit zahlreichen Eh­run­gen ausgezeichnet und seine Er­ben schufen mit ihrer Offenen Han­dels­ge­sell­schaft (OHG) Franz Ha­ni­el & Co. einen der großen Ruhr-Konzerne.

So viel Ehre und gar Erfolg war dem Bergmann Stoetzel, dem Haniel nach vielen Fehlschlägen in Schönebeck zuletzt so viel zu verdanken hatte, nicht vergönnt. Auch die ehemalige Zeche ist dort nicht mehr zu sehen. „Wie dieser Schacht so verschwand auch Bergmann Stoetzel auf Nimmerwiedersehen. Lebensdaten von ihm sind nicht bekannt. Wer zufällig oder mit Bedacht über den nach ihm benannten Weg schreitet, möge einen kurzen Moment an ihn denken“, resümierte Franz Josef Gründges.

C. Beckmann

Quellen:

Zurück

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte rechnen Sie 8 plus 9.