391. Große Borbecker Prozession

Ein Streifzug durch die Gemeinde und die Geschichte

0 24.05.2019

BORBECK. Es ist die 391. – nach offizieller Zählung: Am Sonntag, 26. Mai, beginnt die „Große Borbecker Gottestracht“ mit der Eucharistiefeier um 9.30 Uhr in St. Maria Rosenkranz. Und doch gab es im Vorfeld Diskussionen: Kann man den traditionellen Termin denn einfach so verlegen? Muss sie nicht – wie immer - am Sonntag vor Pfingsten durch die Straßen Borbecks ziehen? Schließlich gehe es bei diesem feststehenden Termin um eine außergewöhnliche Besonderheit, hieß es.

In der Pfarrgemeinde St. Dionysius nahm man die Sache durchaus ernst, doch verwies für die Terminänderung auf einen ganz praktischen Grund: „Das verlängerte Christi-Himmelfahrts-Wochenende wird heute von vielen Menschen zum Verreisen genutzt. Daher haben wir die Prozession auf den Sonntag vor Christi Himmelfahrt gelegt, um damit eben die heutige Lebenswirklichkeit der Menschen zu berücksichtigen“, hieß es bereits Anfang März in den Pfarrmitteilungen. Der Tag für die Prozession sei im Laufe ihrer Geschichte bereits im Jahr 1829 schon einmal grundsätzlich verlegt worden: „Dies machen wir nun 190 Jahre später erneut.“

Zu den Neuerungen gehört aber nicht nur der Termin, sondern auch der geänderte Gottesdienstort für die Messe zum Auftakt der Prozession: Sie beginnt nicht wie üblich in der Mutterkirche aller katholischen Gemeinden am Borbecker Dionysiuskirchplatz, sondern in St. Maria Rosenkranz. Es ist an diesem Tag die einzige Messe in der Pfarre, alle übrigen Sonntagsmessen entfallen. Noch vor dem Schluss-Segen zieht die Prozession von dort mit den Bannerabordnungen der Vereine und Verbände über die Germaniastraße, Zinkstraße, Flandernstraße, Grünanlage, Oskar-Pannen-Straße, Leimgardtsfeld, Stolbergstraße und Marktstraße zum Alten Markt. Dort wird der Schlusssegen mit der Monstranz erteilt. Im und vor dem Dionysiushaus wird es dann Gelegenheit zum Mittagessen und zur Begegnung geben.

Der Hinweis der Pfarre auf den kürzeren Weg und die gute Anbindung der Rosenkranzkirche an die Straßenbahnlinie zeigt: Man will allen die Teilnahme ermöglichen, bei dieser 391. „Gottestracht“. Die einst ganz anders begonnen hatte - mit der Unterschrift einer Fürstäbtissin.

1628: Kriegerische Zeiten

In einer am 26. Juni 1628 signierten Anordnung befahl „Ihro Fürstliche Gnaden“ Maria Clara von Spaur, Pflaum und Vallier (1590-1644) dem damaligen Borbecker Pastor Jacob Burrichter (1615-1636), die „Procession, wie von alters brauchlich gewesen ist, itzo wieder anstellen“ und am Sonntag abzuhalten. In einer kriegerischen Zeit: Zehn Jahre zuvor hatte der Dreißigjährige Krieg begonnen, wechselnde Besatzer suchten das Stiftsgebiet heim. Im Jahr zuvor, 1627, hatte die energische Fürstäbtissin, zugleich Äbtissin der Frauenstifte Nottuln und Metelen, 10 Kompanien Spanier zu Fuß und sechs Kompanien deutsche Kavallerie unter Kommando von Don Philipp de Sylva und Don Francesco de Medina in die Stadt einrücken lassen. Als daraufhin protestantische niederländische Truppen auf Essen vorrückten und sich die katholischen Truppen aus Essen wieder zurückzogen, flüchtete die Fürstin schleunigst nach Köln, den Stiftsschatz und die Kanzleiakten im Gepäck. Auch Borbeck wurde mehrmals geplündert, die kaiserlichen Soldaten brachen 1628 gar die Kirche auf und rauben die dort in der Sakristei deponierten Gelder der Armenstiftung. Keine einfachen Zeiten also, um schutzlos zu einer „Prozession“ durch das Kirchspiel auszuziehen.

Eine energische Frau

Maria Clara, aus streng katholischem Südtiroler Adel, sah das nicht ein. Sie stammte aus einem Freiherrngeschlecht mit engen Beziehungen zum Haus Österreich - und war trotzdem vielen im Stiftskapitel nicht vornehm genug. Allerdings hatte sie fünf Sprachen gelernt, war verwandt mit dem ehemaligen Fürstbischof von Brixen und wollte ihren Geschwistern auch sonst nicht nachstehen: Zwei Schwestern hinterließen bleibende Spuren als äußerst selbstbewusste Äbtissinnen im schwäbischen Buchau und in der Südtiroler Abtei Sonnenburg im Pustertal, drei Brüder machten Karriere im Kaiserlichen Heer der Liga. Maria Clara selbst hatte sich bei der hochpolitisch aufgeladenen Äbtissinnen-Wahl in Essen 1614 mit starker Unterstützung des Kaisers wie des Kölner Erzbistums gegen große Widerstände durchgesetzt und trat gegen die konkurrierenden protestantischen Gegnerinnen unter ihren Stiftsdamen mit klar gegenreformatorischen Zielen an. In der reformiert geprägten Stadt war sie alles andere als beliebt.

Maria Clara von Spur hat eine spannende Familiengeschichte: Die Familie mit dem Wappenspruch "Omnia suo tempore / Alles zu seiner Zeit" wurde erst 1637 in der Person ihres Bruders Dominikus Vigilius von Spaur (Bild rechts) in den Grafenstand erhoben. Er machte Karriere in der Armee der kaiserlichen Liga, war 1621 in der von bayerischen Truppen besetzten Pfalz, wurde Rittmeister in einem Kavallerieregiment und nahm mit seiner Kürassierkompanie an der Schlacht bei Wiesloch teil. 1625/26 war er Obristleutnant in bayerischen Diensten und nahm Pfingsten 1626 an der blutigen Erstürmung von Hannoversch Münden teil. Dominikus Vigilius wurde Erbschenk von Tirol und war von 1636 bis 1647 Tiroler Landeshauptmann.
Auch sein Bruder Ferdinand Ludwig von Spaur diente als Obristleutnant in der kaiserlichen Armee, traf 1638 in Essen ein, besetzte die Burg in Werden, erlebte dort Überfälle niederländischer Truppen und rückte nach Dortmund ab. 1640 meldete er seinem kaiserlichen Feldmarschall Melchior von Hatzfeldt den Tod seines Bruders Karl Christoph von Spaur, der durch einen Fähnrich ermordet worden war. 1645 soll Ferdinand Ludwig von Spaur bei der letzten großen Schlacht des Dreißigjährigen Krieges in Gefangenschaft geraten sein. Damals siegte ein schwedisch-protestantisches Heer über die Habsburgischen Truppen in der Schlacht bei Jankau südöstlich von Prag.

Ihre schwere Stellung im Verhältnis zur Stadt suchte Maria Clara offensichtlich im umliegenden katholischen Stiftsgebiet wettzumachen: 1615 hatte sie schon den Kapuzinerorden ins Land gerufen, förderte ihn wie die bereits in der Stadt ansässigen Jesuiten und erließ 1616 und 1624 restriktive Religionsordnungen. In diese Maßnahmen gehörte wohl auch die Borbecker Prozession, die sie 1628 als Landesherrin anordnete. Damit dabei alles seine Ordnung haben sollte, gab sie zugleich zu Protokoll, „dass der Frohne gegen solche Zeit die Wege räumen, und aufsicht haben soll, damit keine disordnung gehalten, und ungepürende insolentz causirt werde“.

Mit diesem Auftrag verband sie als weitere Anordnung: „... desgleichen sollen die Kirchmeister dem Pastorn ein Pferd bestellen, und nach vollendeter Procession Zwey Reichsthlr. für refection und zum zeyradt ein Reichsthlr. folgen lassen.“

Der Pastor hoch zu Pferd

Dass der Pastor für die Prozession mit der Monstranz in der Hand ein Pferd nutzen konnte, wird zumindest ihm entgegengekommen sein, denn es war für für alle Beteiligten ein langer Weg: Bis zu sechs Stunden lang zog die Prozession durch das gesamte Kirchspiel - zuerst über Vogelheim, Bochold, den Möllhoven und Schönebeck nach Bedingrade. Nach der Pause zog die Gottestracht weiter nach Frintrop und über die heute zu Oberhausen gehörende Lipperheide, dann nach Dellwig und Gerschede zurück nach Borbeck. Schützen eskortierten das reich geschmückte „pastorale“ Reitpferd mit dem Allerheiligsten und schossen nach dem Segen an jeder Station eine Salve.

Dass – wie hin und wieder zu lesen - Maria Clara von Spaur mit ihren Hofdamen in prachtvoller Kutsche mitreiste und nach der Festlegung dieses eigenen Termins für Borbeck dadurch auch bei der Essener Fronleichnamsprozession teilnehmen konnte, ist zumindest zweifelhaft: Für ihre meisten Nachfolgerinnen bis zur Auflösung des Stiftes mag das gelten, doch sie selbst war ja bereits im Jahr vor ihrer Anordnung ins sichere Köln geflüchtet. Erst 1629 wendete sich das Kriegsglück und sie kehrte im Schutz katholischer Truppen nochmals kurz nach Essen zurück – ein allerdings nur ein kurzes Zwischenspiel, das bis zum Eintreffen von verstärktem protestantischem Militär dauerte. Maria Clara begab sich nun ganz nach Köln, lebte im dortigen Kloster Mariengarten, gab aber die Ansprüche als Essener Äbtissin nicht auf. Am 14. Dezember 1644 starb sie in ihrem Exil. Soweit der Blick in diese Jahre, die nun bald vier Jahrhunderte zurückliegen.

Prozession als Politikum

Auch wenn seit 1628 durchgezählt wird: Die „Große Borbecker Gottestracht“ ist grundsätzlich älter als 391 Jahre. Dies zeigt die Formulierung zur „Procession, wie von alters brauchlich gewesen ist" - so steht es in der fürstlichen Anordnung von damals selbst. Mit großer Wahrscheinlichkeit geht die fromme Übung damit nicht nur auf die Prozession zu Fronleichnam zurück, sondern wohl schon auf die weit verbreiteten Flurprozessionen, wie sie an den drei Bitt-Tagen vor Christi Himmelfahrt üblich waren - verbunden mit der Grenzbegehung der Gemeinden und der Bitte um gutes Wetter, das Gedeihen der Feldfrüchte und um eine gute Ernte, von der auch im damals bäuerlich geprägten Borbecker Stiftsgebiet das Überleben abhing.

Die von Maria Clara neu begründete Prozession mit ihrem speziellen Termin wurde jedoch als öffentliches Glaubensbekenntnis mehr - und durchaus auch zum Politikum: Das zeigte sich viele Jahres danach spätestens in der Zeit des „Kulturkampfs“, der mitten in die Zeiten des großen Bevölkerungswachstums und in eine wichtige Phase im Ausbau der örtlichen Kirchenstrukturen fiel. 1876 wurde die Prozession von den Behörden schlichtweg verboten; zugleich verzichtete der Borbecker Pfarrer Johann Joseph Legrand (1796-1877) damals auf die anstehende feierliche Einweihung der zwei Jahre zuvor grundgelegten Kirche St. Josef in Frintrop – unbekannte Täter warfen zudem nachts alle zehn gestifteten Kirchenfenster ein. Erst ein Jahr später konnte für den 14. Oktober 1877 zur feierlichen Einweihung der Kirche geladen werden.

Prachtvolle Triumphstraßen

Als sich schließlich die auch in Borbeck spürbaren Auseinandersetzungen zwischen Staat und Kirche legten und weitere neue Pfarrgemeinden auf dem Gebiet der alten Bürgermeisterei entstanden, übernahm die Prozession eine wichtige Rolle als verbindendes Moment unter den Gemeinden: Sie wurde zum äußeren Höhepunkt einer zunehmend demonstrativ öffentlich gezeigten Frömmigkeit, die vor allem die Verehrung der Eucharistie in den Vordergrund stellte. Ihr war nicht nur der neue Hochaltar von St. Dionysius ausdrücklich gewidmet, sie zeigte sich ebenso im Auftreten von Bruderschaften und neuen Andachten, Aufrufen zu stärkerem Kommunionempfang, der neuen Herz-Jesu- und Christ-König-Verehrung, zudem in großen Wallfahrten, die mit wachsender Beteiligung nach Hardenberg (Neviges) und Kevelaer führten.

Parallel dazu kam es zur Gründung Eucharistischer Ehrengarden, die 1894 ihren Anfang in Essen nahmen und vor allem dem Schutz und der Förderung der Prozessionen gewidmet waren.  Schon 1896 folgten die Gründung und das erste Auftreten einer Garde in Borbeck, 1897 in St. Josef Frintrop, 1901 an St. Maria Rosenkranz und schließlich in den weiteren Gemeinden St. Antonius Schönebeck (1908), St. Michael Dellwig (1909) und Herz Jesu Unterfrintrop (1910). Dem 1921 gegründeten eigenen Borbecker Verband schloss sich 1922 eine weitere Ehrengarde in St. Fronleichnam Bochold an. Sie und alle Pfarrgruppierungen setzten mit dem kirchlichen Festtag dem prunkverliebten Wilhelminischen Kaiserreich die eigene, ausdrücklich katholische Variante entgegen und zeigten auch in der Weimarer Republik unübersehbar ihre Präsenz.


Leitmotiv für den von Pfarrer Joseph Hammels (1868-1944) geplanten Altar in St. Dionysius war die Johanneische Vision des himmlischen Jerusalem (Apok. 21,2-22,3). Hammels war seit 1912 Pfarrer in Borbeck, wechselte 1922 nach St. Gereon in Köln und wurde dort 1924 Weihbischof, Domkapitular und 1931 Domdechant. Dem Borbecker Altar widmete die in München erschienene Monatsschrift „Die Christliche Kunst“ 1915/1916 einen ausführlichen Aufsatz mit vielen Abbildungen.


Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war jedem klar: Die Zeiten ändern sich.

Sportlicher Wettstreit

Überall konkurrierten für die Gottestracht bald zahlreiche neue Pfarrorganisationen und zahlreiche Komitees um die Ausstattung des Prozessionswegs, für dessen Ordnung gewählte Brudermeister die Verantwortung übernahmen. Mehrere „Fahnenvereine“ in den Nachbarschaften wetteiferten beim Schmücken der Segensaltäre und in der Begleitung eines möglichst prächtigen Prozessionszuges, die männliche Pfarrjugend baute riesige Ehrenbögen über den Straßen. Anzeigen örtlicher Geschäfte warben für zahlreiche „Fronleichnamsartikel“ wie Girlanden, Fahnen, Sprüchen, Schildern, Palmen oder Tragkissen, auf denen Erstkommunionkinder christliche Symbole trugen. Der Schmuck von Schaufenstern und übrigen Fenstern verstand sich von selbst und Militärkapellen sorgten für die musikalische Begleitung durch die die „Triumphstraßen“. Zahlreiche vorbereitende Besprechungs- und Versammlungstermine sowie gedruckte Aufstellungsordnungen der verschiedenen Pfarrgruppen mit strengen Vorschriften zum Verhalten während der Prozession zeichnen das Bild einer hochorganisierten Veranstaltung. Ihr prächtiger Höhepunkt: Das sorgfältig inszenierte Schlussbild aller Teilnehmer zum eucharistischen Schluss-Segen auf dem Kirchplatz. 1921 schrieb der Korrespondent der Essener Volkszeitung, „kaum eine schönere Prozession in den größten Städten der Rheinprovinz oder Westfalens gesehen zu haben.“


Die Große Prozession" - der Schlusssegen vor der 1946 noch kriegszerstörten St.Dionysius-KIrche

100 Jahre später

Auch fast ein Jahrhundert später wird von der Pfarrei St. Dionysius nun zur Prozession eingeladen – freilich unter anderen Bedingungen. Nicht nur, was den Termin angeht oder die Kirche, in der die Messe zum Auftakt beginnt. Denn auch die Pfarrei und die Kirche selbst hat ihr Gesicht erneut verändert. Der Weg der „Großen Borbecker Gottestracht“ von früher ist inzwischen deutlich kürzer als in ihrer Entstehungszeit, der einst fast verschwenderische Aufwand zeigt sich heute deutlich nüchterner. Trotzdem dürfen die Anwohner des Prozessionsweges ihre Häuser und Straßen auch 2019 gerne schmücken, teilte die Pfarrei in dieser Woche mit. Und zu Essen und zu Trinken gibt es nach dem Schlusssegen am Dionysiuskirchplatz auch.

Im Mittelpunkt des Prozessionsgeschehens: Die Monstranz, entworfen von dem Kölner Architekten Hermann Neuhaus B.D.A. und ausgeführt durch das Atelier des Hof- und Stiftsgoldschmieds August Witte in Aachen. Sie war vor rund 100 Jahren Teil der Neuausstattung von St. Dionysius und dient bis heute auch in der Anbetungskapelle der Kirche einem einzigen Zweck: In der Mitte der Monstranz ist das Altarsakrament, die runde Hostie, aufbewahrt - Zeichen für die lebendige Anwesenheit Christi. Sie wird bei der Prozession unter einem baldachinartigen "Himmel" getragen und von der ganzen Gemeinde begleitet.

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