2020: Fronleichnam mal anders

Keine Prozessionen in Groß-Borbeck

0 10.06.2020

BORBECK. Fronleichnam – „Leib des Herrn“ wird es übersetzt. Und man mag daran sofort erkennen, wie alt das Fest ist, das morgen auf dem Kalender steht. Es ist gesetzlicher arbeitsfreier Feiertag in den den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland sowie in ausgewählten Gemeinden in Sachsen und Thüringen mit mehrheitlich katholischer Bevölkerung. Doch was eigentlich gefeiert wird, wenn der christliche Glaube auf die Straße getragen wird, erschließt sich heute nicht mehr so leicht.

Ein missverstandenes Wort

Das Wort „Fronleichnam“ leitet sich von zwei alten Ausdrücken aus dem Althochdeutschen ab, die im Festnamen zusammengefasst sind: So steht der erste für „fro“ oder „fron“ für „Herr“ oder „Gott“, das in alten Überlieferungen noch vor dem 9. Jahrhundert gebraucht wird. Es ist bis heute im Ausdruck „Fronarbeit“ oder „Frondienst“ geläufig, das als „vrondienest“ die Bedeutung von „Herrendienst“ hat. Und wenn jemand seinem Hobby oder seiner Leidenschaft „frönt“, ist es dasselbe Wort, das sich vom „dienen“ ableitet. Der andere Wortteil stammt von „lich“ bzw. „licham“, das schon vor dem 8. Jahrhundert als Ausdruck für „Körper“, „Gestalt“, „Leib“ oder besser noch als „Gefäß des Lebens“ gebraucht wird. Insofern erklärt sich auch das Wort „Leiche" oder „Leichnam“, das im übertragenen Sinn auch für den toten Körper verwandt wird.

Auf unserem Breitengrad entstanden

Seit nun fast 750 Jahren mittlerweile wird das Fest mit diesem Namen begangen, das aus der tiefen Frömmigkeit des schaufreudigen Mittelalters stammt. Nach dem Ende der Kreuzzüge hatte die Menschen auf dem Kontinent damals ein ungeheure Glaubenssuche erfasst, überall traten Mystiker, Einsiedler und Asketen auf, neue Orden wie die Franziskaner entstanden. Und es verbreitete sich eine besondere Verehrung der Eucharistie: Ausgelöst durch eine Vision der später heiliggesprochenen Augustinernonne Juliana von Lüttich im Jahr 1209, wurde 1246 das spezielle Fest zu Ehren des Sakraments zum ersten Mal im Bistum Lüttich gefeiert, Papst Urban IV. führte es 1264 als allgemeines Kirchenfest ein. In unserer Region ist es erstmals 1279 in Köln belegt und 1317 legte Papst Johannes XXII. den Donnerstag als Festtag fest, an dem bis heute Prozessionen mit der geweihten Hostie in der Monstranz durch die Straßen ziehen - als Zeichen für den real anwesenden lebendigen Leib Christi. Dabei verband es sich an vielen Orten mit älteren Bittprozessionen oder Flurumgängen und wurde zum festen Termin im Jahr.

Kritik, Protest und Demonstration

Doch so sehr - oder auch eben weil - das Fest einen zentralen Bestandteil des Glaubens berührt: Bald schieden sich daran die Geister. Denn große Volksaufläufe, Aufführungen und Prozessionsspiele waren damals schon auch Anlass für manche kirmesartigen Begleiterscheinungen. Ebenso gab es zu Inhalt und Form des Festes bald Kritik. Für den Reformator Martin Luther, einen ausdrücklichen Gegner des Fronleichnamsfestes, waren diese Prozessionen einfach unbiblisch und Gotteslästerung. Es sei „wider Christi Ordnung und Einsetzung. Denn er es nicht befohlen hat also umherumtragen. Darum hütet euch vor solchem Gottesdienst!“, schrieb er 1521 in seinen Tischreden.

Für die katholische Kirche gab es damit nach dem Konzil von Trient (1545 und 1563) noch einen Grund mehr, umso deutlicher auf den demonstrativen Charakter des Festes zu setzen: Es folgten barocke Pracht, große Inszenierungen, aber auch heftige Kritik und strenge staatliche Verbote. Als öffentlicher Protest gegen die preußische Einflussnahmen in der Kulturkampfzeit oder im Nationalsozialismus bekamen die Prozessionen dagegen noch einmal einen ganz besonderen Schub. Gerade die Große Borbecker Gottestracht, die seit 1628 an einem eigenen Termin im Jahr läuft, erhielt seit dem Kulturkampf eine außerordentliche Bedeutung und gehörte um die Wende zum 20. Jahrhundert „zu den größten und prächtigsten im ganzen Rheinland“, wie damals berichtet wird.

Der Konflikt zwischen den Konfessionen ist heute zwar kaum noch spürbar und nicht selten sind auch evangelische Gemeinden mit Segensstationen beteiligt. Ein wirklich ökumenisches Fest ist es mit Blick auf das theologische Verständnis des Abendmahls trotzdem nicht. Katholische und evangelische Christen aber teilen das biblische Bild vom „wandernden Gottesvolk“, dessen Mitte Christus als das „Brot des Lebens“ ist.

Gemeinden laden zu Messen ein

In ganz Nordrhein-Westfalen sind die traditionellen Prozessionen an Fronleichnam in diesem Jahr durchweg abgesagt – sie sind „nicht kategorisch ausgeschlossen“, doch haben die Bistümer angesichts umfassender Sicherheitsbestimmungen weitgehend zum Verzicht geraten. Vielerorts gibt es stattdessen Gottesdienste unter freiem Himmel – mit Einhaltung des gebotenen Mindestabstands und der Hygieneregeln.

In Borbeck, wo die Große Prozession bereits coronabedingt ausgefallen ist, sind auch die anderen Fronleichnams-Prozessionen in den Gemeinden St. Fronleichnam, St. Michael und in der ganzen Pfarrei St. Josef abgesagt – ein Festtag also diesmal ohne Lieder, Musik, Fahnen, Weihrauchdüfte und ohne Altäre mit Segensstationen in den Borbecker Straßen. Doch das kirchliche Hochfest wird trotz allem gefeiert. Mit den geltenden Abstandsvorgaben laden die Gemeinden der Pfarrei zu Eucharistiefeiern in die Kirchen ein.

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