1945: Das Kriegsende in Borbeck

Notizen aus der Pfarrchronik von St. Dionysius

0 24.01.2020

„Februar: Die Fliegertätigkeit nimmt zu (...)“ – notiert vor fast genau 75 Jahren Pfarrer Johannes Brokamp lapidar in der Pfarrchronik von St. Dionysius. „Die Alliierten haben bei Unkel u. zwischen Wesel und Duisburg den Rhein überschritten“, schreibt er am 29. März 1945.: „Die Bevölkerung soll evakuiert werden; nur wenige leisten dem Befehl Folge.“ Am 4. April heißt es: „Weißer Sonntag: 2 Granaten schlagen während der Krankenmesse in das Krankenhaus ein“, eine Woche später: „12. April: Die Amerikaner rücken in Borbeck ein; alles atmet auf .... Ausgangssperre ab 16 Uhr abends.“

Kriegsende vor 75 Jahren

2020 jährt sich das Kriegsende am 8./9. Mai 1945 vor 75 Jahren. Bei zahlreichen Gelegenheiten wird nun an diese Zeit erinnert werden, an die grausamen Verbrechen, an den Tod von 60 Millionen Menschen, an die Ermordung von mehr als sechs Millionen europäischen Juden, an den Mord an Menschen mit Behinderung und politisch Andersdenkenden. 14 Millionen Deutsche suchten nach dem Krieg eine neue Heimat, 17 Millionen blieben verschollen, große Teile Europas waren zerstört.

1995, vor 25 Jahren, hatten die BORBECKER NACHRICHTEN an diese Jahre ausführlich erinnert: „Die letzten Tage des 1000-jährigen Reiches. Das Kriegsende in Borbeck“ lautete der Titel der Dokumentation, die Jörg Weiner damals zusammenstellte. Darin sammelte er Zeitungsnotizen und Tagebuchaufzeichnungen aus einer Zeit, die viele Zeitgenossen - damals 50 Jahre nach dem Krieg - selbst noch erlebt hatten. Heute fällt es immer schwerer, ihre Erfahrungen nachzuvollziehen, als sich schließlich die ehemaligen „Waffenschmiede des Reiches“ in eine einzige Trümmerwüste verwandelte.

Sturz der Diktatur

Fast 1,5 Millionen Bomben hatten Wohnungen, Straßen, Industrie und Infrastruktur zerschlagen. Durchhalteparolen befahlen den „Kampf bis zum letzten Mann“ noch bis zuletzt, Minderjährige und Alte sollten eine sinnlose Verteidigung der „Festung Ruhrgebiet“ übernehmen. Die alliierten Truppen erklärten auf Flugblättern das Ruhrgebiet zur Kampfzone und forderten die Zivilbevölkerung auf, sich in Sicherheit zu bringen. Am 1. April 1945 schlossen die Briten und Amerikaner den Ruhrkessel und rückten von Osten gegen die Stadt Essen vor. Am 9. April erreichen die Amerikaner Steele, am 10. April die Innenstadt. Am 11. April verhafteten sie NS-Oberbürgermeister Just Dillgardt (1889-1960), am 21. wurde April als letzter Stadtteil Überruhr besetzt - der Krieg war zu Ende.

Mit ihm stürzte endgültig auch die totalitäre Einparteienherrschaft der Nationalsozialisten, die den Krieg und Völkermord von Beginn an geplant hatte. Sie hatte das freie Wort verboten, Andersdenkende der Willkür und der Rechtsbeugung ausgesetzt. Der Terror der NS-Diktatur spülte mit seinem Rassenwahn und der alltäglichen Gewalt das Böse an die Macht. Jahrelang litten die Menschen vieler Länder unter Besatzung und Verfolgung, Millionen starben im Krieg, der sich in den letzten Jahren schließlich gegen die Heimat selbst wendete.

St. Dionysius: Eine Kriegschronik in Auszügen

Nüchtern schildern die von 1939-1945 durch Pfarrer Johannes Brokamp handschriftlich eingetragenen knapp 20 Seiten der Pfarrchronik von St. Dionysius die Ereignisse der Kriegsjahre. Sie dokumentieren zunächst vor allem die lokale religiöse Situation in der Pfarrei, die durch die staatlichen Maßnahmen und die Kriegseinwirkungen deutlich eingeschränkt wurde. Ab 1940, als auch die Auswirkungen des Krieges in Borbeck deutlich spürbar werden, nimmt die Lesbarkeit deutlich ab. Hier die Aufzeichnung in Auszügen:

1939

„1.9.: Hitler marschiert in Polen ein: das bedeutet den Krieg auch mit Frankreich und England. Die alten Leute werden eingezogen zur Bewachung der Westgrenze. Auch Küster Hoffmann wird Soldat.

3.9.: Verkündigung betr. Fliegergefahr Glockengeläute wird eingestellt. Leichen dürfen nicht, mehr am Hause abgeholt werden. Öffentliche Aufzüge (Prozessionen) werden untersagt. Die Kirche muß für Luftschutzräume sorgen. Abendandachten fallen aus. Aufforderung zum abendlichen Familiengebet.

15.9.: Krankenhaus ist als Hauptlazarett für Borbeck anerkannt. Die leitenden Ärzte Dr. Jünger, Dr. Segerath und einige Assistenzärzte werden eingezogen. Neue Hilfskräfte werden eingestellt. (...)

17.9.: (...) Bitte um Adresse der eingezogenen Soldaten, um ihnen Grüße der Heimat und Schriftwerke zu übersenden.

24.9.: Einführung einer Müttergebetsstunde an jedem Mittwoch Nachmittag. Die Mütter lassen jeden Freitag Morgen eine hl. Messe für die Soldaten feiern. (...)

19.10.: Reichsarbeitsminister a.D. Dr. Heinrich Brauns, früher Vikar in Borbeck, ist gestorben. Gedächtnisamt für ihn. (...)

14.11.: Kirchen vorstand schließt Vertrag mit der Luftschutzpolizei: Die früheren Aufbewahrungsräume im Pastoratsgarten an der Kirchplatzmauer werden zu Bunkern ausgebaut u. der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Luftschutzmaßnahmen in der Kirche werden getroffen. Luftschutzwart wird Lehrer Feiten. (...) Der Krieg war nach der Aufrüstung in dem Machtstreben Hitlers zwar voraus zu sehen, kam aber doch überraschend, ohne Kriegserklärung, ein kurzer Feldzug („Blitzkrieg“). Gegen England u. Frankreich sichert sich Hitler durch einen Vertrag mit Sowjet-Rußland, muß dafür einen Teil Polens abtreten. Noch liegen an der Westfront sich die Gegner tatenlos gegenüber, aber es bleibt Krieg mit der Furcht auf Krieg auch in der Luft. Die religiöse Einengung geht weiter: Gemeinschaftsschule, Einschränkung der Prozessionen. Der Krieg gibt neuen Anlaß: Verbot des Glockenläutens, der Abendandacht u.s.w.. Uns bleibt die Hoffnung und das Gebet.

1940

7.1.: Kriegswirtschaftsordnung verlangt von der Kirche große Abgaben: Daher Ersparnisse an Licht u. Wachs. (...)

31.3.: Wiedereinführung der hl. Messe um 6 1/4 Uhr für Berufstätige (...)

5.5.: Große Prozession muß ausfallen. Eucharistische Feier in der Kirche.

10.5.: Beginn des Feldzuges im Westen. Angriff auf Holland, Belgien u. Frankreich. Am 19.6. Einzug in Paris. Von jetzt ab Luftgefahr, Anordnung: Nur so viele Leute dürfen den Gottesdienst besuchen, als Platz in den Luftschutzräumen vorhanden ist Die „Katakomben'' Unterstellräume an der Mauer zum Kirchplatz werden eingerichtet. Mahnung an die Gläubigen, sich auf die hl. Messen zu verteilen. Verbot des Laufens wegen Luftgefahr.

12.5.: Ab Pfingsten wieder 5 Uhr hl. Messe.

14.5.: Glaubensfeier für die Kath. Jugend in St. Dionysius. (...)

7.7.: Religiöse Jugendwoche In den Pfarreien.

25.8.: Mit Rücksicht auf die Luftgefahr wird der Gottesdienst an Sonntagen verlegt: 6 - 12 stündlich. 6 und 7 Uhr keine Predigt. (...)

6.9.: Verbot von Exerzitien für die Dauer des Krieges. Marienfeier der Mädchen als Ersatz der Wallfahrt (...) Läutverbot

15.9.: Einkehrtag für Mädchen, die zum Arbeitsdienst eingezogen werden ...

29.9.: Einkehrtag für Mädchen und Jungfrauen (...)

1.11.: Allerheiligen-Prozession zum Friedhof. Segnung der Gräber durch den Priester wie im Vorjahr. Auf den Friedhöfen dürfen keine Lichter brennen.

16.9.: Anordnung der Militär-Behörde, daß nach Flieger-Alarm bis 13 Uhr keine Glocken läuten dürfen mit Rücksicht auf die arbeitende Bevölkerung und die Jugend.

24.11.: Weltgebetstag auf Anordnung des hl. Vaters: 1) für die gefallenen Soldaten, 2) für alle, die vom Krieg helmgesucht wurden, 3) zur Erflehung eines baldigen Friedens. (...)

8.12.: Abdunkelung der Lampen in der Kirche vorgeschrieben.

15.12.: Verfügung betr. Borromäus-Verein: Alle Bücher, die nicht ausdrücklich kath. Glaubensgut enthalten, müssen entfernt werden.

25.12.: Weihnachten wird wegen Fliegergefahr der Gottesdienst auf eine spätere Zeit verlegt. (...) In der Woche nur deutsche Lieder. (...)

1941

12.1.: staatl. Verordnung: Nach Flieger-Alarm darf nur noch 10 Uhr hl Messe gefeiert werden: Also Sonntags ab 10 Uhr alle 3/4 Stunde bis 13 Uhr.

29.1.: Ewiges Gebet, nur über Tag; nachts in einem Kölner Kloster. (...)

23.2.: Schulbeginn auf 6 Uhr angesetzt, also hl. Messe um 7, 7 1/2 u. 8.15 Uhr, letzte für die Kinder. Erleichterung des Nüchternheits-Gebotes vor der hl. Kommunion: Wer nach 10 Uhr zur hl. Kommunion geht, darf vorher etwas trinken, wer nach 13 Uhr kommuniziert, darf vorher feste Speisen zu sich nehmen. (...)

10.3.: Kardinal u. Erzbischof Karl Josef Schulte gestorben.

30.3.: Primiz Neupriester Josef Schraven aus der Genossenschaft der Priester zum Hl. Herzen Jesu. Schr. war während des Wintersemesters zur Fortsetzung der Studien beurlaubt, wird vor Weihnachten zum Diakon und in Freiburg zum Priester geweiht. Er geht wieder ins Feld und stirbt im russischen Gefangenenlager an Entkräftung. (...)

6.4.: Beginn des Feldzuges gegen Jugoslawien und Griechenland mit Eroberung Kretas durch Fallschirmjägertruppen. Aufstellung des Afrikakorps.

13.4.: Ostersonntag: Erstkommunionfeier, da nicht feststeht, ob die Väter am Weißen Sonntag arbeitsfrei haben. (...)

22.5.: Christi Himmelfahrt und Fronleichnam sind aufgrund staatl. Anordnung wie Wochentage zu feiern. Keine Arbeitsruhe. Zuwiderhandlungen werden mit Strafen bedroht

25.5.: Große Prozession: In der Kirche Hochamt m. sakramentalem Umzug. (.-)

22.6.: Beginn des Feldzuges gegen Rußland. Schnelles Vorrücken bis Moskau, dort steht der Vormarsch, dann Rückzug. (...)

6.7.: Tages-Alarm von 10.15-11.05. Verlesung des Hirtenbriefes der deutschen Bischöfe.

20.7.: Erlaubnis zu einer Nachmittagsmesse um 16 Uhr, auch wenn kein Alarm vorhergegangen ist, ebenso an Wochentagen nach Alarm um 19.30 Uhr. (...)

12.8.: Das Salesianerkloster in Borbeck u. das Jesuitenkloster in Essen werden geschlossen. Die Patres werden ausgewiesen nur Ausnahme die Pfarr-Rektoren u. die Seelsorger für die Salesianer. Der P. Direktor kommt später nach Dachau u. ist dort gestorben. Die Aschenurne ist auf dem Friedhof in der Salesianergruft beigesetzt worden (P. Hartz). (...)

7.9.: Maifeier der Jugend des Dekanates ... Wiederaufnahme der monatlichen Männerpredigten im Winter...

21.9.: Einkehrtag für Mädchen des Jahrgangs 1927

22.9.: Spendung der hl. Firmung durch Weihbischof Dr. Hammels

28.9.: Einkehrtag für Jungfrauen über 25 Jahren in Emmaus. Michaelsfeier der Jugend in der Münsterkirche.

22.10.: Pfarrpatrozinium mit Andacht Predigt u. Umzug in der Kirche

26.10: Christ-Königsfest der Jugend

21.11.: Vicar Hommerich wird zum Heeresdienst eingezogen als Sanitäter bei der Luftwaffe (...)

8.12. (Fest Maria Immaculata): Aufgrund staatl. Anordnung am Wochentag zu halten

25.12.: Weihnachten: Der hl. Vater gestattet eine hl. Messe schon am Vortage um 18 Uhr. (...)

31.12.: Der Pfarrkalender kann wegen Papier-Schwierigkeiten nicht erscheinen. Die Verhältnisse werden immer schwieriger. Die Kirche ist auf den inneren Kirchenraum angewiesen. ReIigions-Unterricht darf in der Gemeinschafts-Schule nicht mehr erteilt werden. Die Lehrer dürfen die Kinder nicht beaufsichtigen. (...) Der Gottesdienst wird häufiger durch Fliegeralarm in der Nacht gestört; die hl. Messe ist um 10 Uhr. Eine Aushilfe bietet die Abendmesse, die an Sonntagen regelmäßig gefeiert wird. Durch häufigen Alarm werden Frauen und Kinder in ruhigere Gegenden verlegt, z.T. zu Verwandten In ganz Deutschland zerstreut Kinder werden in Läger untergebracht, z.T. mit den Lehrern. Schließlich planmäßige Verschickung nach dem Süden (Schwabenland). Das Exerzitienhaus wird als Nebenstelle des Philippusstiftes zur Aufnahme von Kranken angemietet. (...)

1942

11.1.: Vicar Sarter wird zum Heeresdienst eingezogen (Sanitäter bei d. Marine). Zur Beaufsichtigung der Kinder beim Gottesdienst werden Väter u. Mütter gebeten.

15.1.: Das Priesterseminar in Bensberg wird beschlagnahmt. (...)

1.2.: Lichterfeier der Jugend in der Münsterkirche in Essen. (...)

15.2.: Die Glocken werden in der Woche abmontiert u. zu Kriegsdiensten verwandt. Es bleibt nur die kleine Glocke im Dachreiter.

1.3.: Zur Vertretung der eingezogenen Vicare Hommerich u. Sarter wird der Missionspriester (...?) aus der Genossenschaft der Missionare vom Hl. Herzen Jesu in Hiltrup gewonnen.

15.3.: (...) Bitte um Überlassung von alten Gebetbüchern für die Kommunionkinder, da neue nicht gedruckt werden. Bisher 46 Soldaten aus der Gemeinde gefallen. (...)

27.3.: Erster Bombenangriff auf Borbeck mit tödlichem Ausgang. Es starben (...) im Vereinshaus, (...) in der Wirtschaft Küpper am Germaniaplatz (..). Gemeinsame Exequien am 31.3. (...)

19.4.: Ludgerusfeier der Jugend in d. Münsterkirche (...)

1.5.: Wahl eines neuen Erzbischofs; Seminar-Regens Dr. Josef Frings. (...)

10.5.: Glaubensfeier der Jugend in M. Rosenkranz Bergeborbeck. (...)

14.5.: Christi Himmelfahrt: Gottesdienst wie an Wochentagen (...)

17.5.: Große Prozession: Anregung: Alle gehen zur hl. Kommunion u. tragen so den Heiland durch die Straßen zu ihrer Wohnung. (...)

4.6.: Fronleichnam: Gottesdienst wie an Wochentagen.

7.6.: Krankenhaus-Seelsorge wird erschwert. Seelsorger dürfen Kranke nur auf deren oder der Angehörigen Verlangen besuchen. Anordnung: Alle geben bei der Einlieferung in ein Krankenhaus ihr katholisches Bekenntnis ab. Die Angehörigen verlangen ausdrücklich den Besuch des Seelsorgers, die Eltern für ihre minderjährigen Kinder.

8/9.6.: Fliegerangriff auf Borbeck: Zahlreiche Brandbomben, 2 Brände in der Kirche: Sakristei, der bald gelöscht wird u. im Dachstuhl, (..) linken Seitenschiffes, der größere Schäden bewirkt. In der Zweigstraße 13 Tote durch eine Bombe. In der Kirche wird eine Brandwache eingerichtet.

21.6.: Konsekration des neuen Erzbischofs Dr. Josef Frings im Dom zu Köln.

28.6.: Die Heeresgruppe Süd setzt in Rußland von Charkow aus neu zum Angriff an, der bis in den Kaukasus getragen wird und später mit der Katastrophe von Stalingrad endet.

12.7.: Besuch des neuen Erzbischofs in Essen. 17 Uhr Andacht in der Münster-Kirche für die Eltern, 19 Uhr Gemeinschaftsmesse der Jugend in St. Engelbert. Große Beteiligung u. Begeisterung namentlich seitens der Jugend. Wallfahrten nach Hardenberg jeden Donnerstag in kleinen Gruppen und fahrplanmäßigen Zügen.

2.8.: Die Fliegeralarme nehmen zu. Predigt fällt aus.

6.8.: Landung der Amerikaner in Marokko u. Algerien. (...)

23.8.: Predigten wegen häufigen Fliegeralarmen nach der hl. Messe, damit diese nur in einer halben Stunde zu Ende sind. (...)

6.9.: Marienfeier der Jugend in der Marienkapelle am Düppenberg. Einführung der Luftwarnung (Vorwarnung); daher Predigt wieder in der hl. Messe

16/17.9.: Fliegerangriff auf Borbeck: Starke Beschädigung der Fenster z.T. wird das Stein-Maßwerk herausgerissen. Die Fenster werden durch freiwillige Kräfte notdürftig durch Holzverschalung geflickt. Auch an den kirchlichen Dienstwohnungen starke Schäden an Dach und an den Fenstern,

27.9.: Jugendfeier zu Ehren der Stadtpatrone Cosmas u. Damianus in St. Fronleichnam (...)

10.10.: P. Heithern (?) wird zum Heeresdienst einberufen (Sanitäter in Hann.) Ein Ersatz ist nicht mehr möglich, so daß der Pfarrer mit 2 Kaplänen die Pfarre verwalten muß. Luftvorwarnung muß
nach Verordnung in Lichtspielhäusern, Theatern u. Kirchen bekannt gegeben werden, damit, wer will, sich in die Luftschutzräume begeben kann. Im Krankenhaus beginnt man mit der Anlegung unterirdischer Luftschutzräume. (...)

1.11.: Segnung der Gräber durch den Priester (ohne Prozession) (...)

9.11.: Spendung der hl. Firmung durch Weihbischof Dr. Stock (...) nur am Nachmittag, da keine Befreiung vom Unterricht gewährt wird. Kinder, die nachmittags Schule haben, werden am Sonntag in Dellwig gefirmt.

15.11.: Kirchweihfest, besonders feierlich, da am 24.Mai 1867 neue Kirche durch Erzbischof Paulus Melchers (...) feierlich konsekriert wurde. Als 75jähr. Jubiläum. (...) Fortgesetzte Fliegerangriffe u. Alarme. Viele Zerstörungen an Wohngebäuden. Die kirchl. Dienstwohnungen nehmen Fliegergeschädigte auf. Die Caritas nimmt sich der Geschädigten an. Die Kinderseelsorge wird schwieriger, zumal viele Kinder verschickt wurden. Auch die Frauen schließen sich an. Die Jugend hält sich verhältnismäßig gut, Die Männer sind Soldat oder zu Kriegseinsatz(...). Es werden Gefangene oder Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten eingesetzt. Der Krieg geht weiter, mit neuer Härte u. mit bösen Folgen.

1943

3.1.: Fliegerangriff: 4 Tote (..)

10.1.: Der hl. Vater gewährt für die Dauer des Krieges allen einen vollkommenen Ablaß, die bei einem Luftangriff in unmittelbarer Lebensgefahr stehen: Maria, Jesus, Barmherzigkeit. (...)

7.3.: Für die Fastenzeit ist die Verpflichtung zu Fasten u. Abstinenz aufgehoben mit Ausnahme am Aschermittwoch und am Karfreitag.

12.3.: Fliegerangriff auf Essen, viele Zerstörung und Tote. In Borbeck 16 Tote in der Stolbergstraße (...) Viele verlassen Borbeck, vor allem ins Schwabenland.

14.3.: Der Erzbischof spricht zur Bevölkerung von Essen ein Trostwort und kommt selbst, um in St. Engelbert ein hl. Opfer für die Fliegergeschädigten zu feiern.

28.3.: Mahnung an die Eltern, vor der Aufnahme in Familien der Kinder und der Lagerleitung die religiöse Betreuung schriftlich zu verlangen. (...)

3.6.: Christi Himmelfahrt: Gottesdienst wie an Wochentagen der Erzbischof dispensiert, um Gewissenskonflikte zu vermeiden, alle von der Verpflichtung zum Besuch der hl. Messe und der Arbeitsruhe. (...)

29.6.: Fliegerangriff auf Köln. Der Dom stark beschädigt, die Wohnung des Erzbischofs, (...) sein Generalvikariat ist zerstört. (...)

2.-4.7.: Der Pastor besucht im Juli die Evakuierten im Schwabenland, wollte am 30. Juni den Erzbischof sprechen, fand aber nur zerstörte Häuser. (...) zunächst nach Augsburg, reist dann 14 Tage durch das Schwabenland (...) und spricht fast täglich (...) über die Betreuung der Frauen und Kinder, muß viele Klagen hören über die „Bomben(?)“, die nicht arbeiten, (...), ins Kino gehen und sonstige Schlechtigkeiten teilen. (...) eine rechte Gastfreundschaft (...) Bericht an den Erzbischof v. Köln mit der Bitte, Seelsorger in die württembergische Diözese zu senden (...)

25.7.: Fliegerangriff auf Borbeck (...), 5 Tote am Weidkamp. Exerzitienhaus hat große Schäden, die wieder ausgebessert werden können. Auf dem Friedhof 5 Bombentrichter. Krankenhaus und Kirche haben Dach u. Fensterschäden. (...)


Blick auf St. Dionysius: Bombenschäden vor dem Bahnhof, die Kirche steht noch - kurz darauf brennt auch sie ... (Foto: privat)

15.8.: Da viele durch Brand beim letzten Fliegerangriff ihr Gebetbuch verloren haben, bittet das Pfarramt um Überlassung von Gebetbüchern gegen Entschädigung.

5.9.: Erster Sonntag im 5. Kriegsjahr. Besonderer Gebetstag. (...)

12.9.: Geheime Staatspolizei hebt die Erleichterungen nach Alarm für den Gottesdienst wieder auf; also wieder 10 Uhr u. Sonntag-Abendmesse (...) Der Krieg wird verlustreicher. Mitte Juni Rückzug aus Staling. u. Donezbecken. Rückzug auch in Nordafrika. Italien scheidet im Juli aus dem Krieg aus. Mussolini gefangen. Die Heimat leidet immer mehr durch Fliegerangriffe. Hitler hat kein Einsehen. Die Belegung von Krankenhaus und Exerzitienhaus ist gut. Die Schäden nach Fliegerangriffen sind schnell repariert. (...) Das religiöse Leben ist im Berichtsjahr stiller geworden. Die Zahl der Kinder ist durch Evakuierung auf rd. 200 zurückgegangen. Auch viele Frauen sind in die Evakuierung gegangen, so daß die Zahl der verbliebenen Gläubigen stark gesunken ist. Es macht sich eine religiöse Erschlaffung bemerkbar. Die dauernden Kriegsgefahren haben die Menschen gleichgültig werden lassen. (...)

1944

27.1.: Gedächtnisamt für den in Italien gefallenen Kaplan (..)

25./26.3.: Fliegerangriff auf Borbeck. 10 Tote in der Klopstockstraße, darunter der Organist Franz Pothmann mit Frau und Sohn. Pothmann war 34 Jahre Organist, 25 Jahre Dirigent des Kirchenchores, hat das (...) komponiert und das Dionysiuslied. (...) Krankenhaus u. Handarbeitsschule haben große Schäden. Die Vicarie an der Germaniastraße ist völlig ausgebrannt. (...)

25.4.: Neuer Fliegerangriff mit vielen Zerstörungen. Keine Toten. (...)

2.6.: Landung der Engländer u. Amerikaner in der Normandie. (...)

2.7.: Gedächtnisamt für den in japanischer Gefangenschaft auf Neu-Guinea gestorbenen Bischof Franz Wolf (...), der am 25. Juli sein 25jähriges Bischofsjubiläum hätte feiern können. Er war 1914 vorgesehen als Bischof von Togo in Afrika, konnte aber wegen des l. Weltkrieges und der Besetzung Togos durch die Franzosen den Bischofsstuhl nicht einnehmen u. wurde später nach Neu-Guinea berufen. (...)

20.8.: Gedächtnisamt in St. Josef Frintrop für den in Rußland gefallenen (...) Jugendseelsorger, Kaplan Boss.

28.8.: de Gaulle zieht in Paris ein. (...)

1.10.: Als neuer Kaplan trifft Herr Martin Becker ein, früher deutscher Seelsorger in Brüssel. (...)

22.10.: Wegen dauernder Luftgefahr wird in Zukunft der Gottesdienst recht kurz gehalten. Nach Einleitungslied gleich die Verkündigungen. Wenn Vollalarm einsetzt, wird hl. Messe unterbrochen u. 5 Minuten nach Vorwarnung fortgesetzt.

23.10.: Nachtangriff auf Borbeck. Viele Brandbomben, die Scheune am Pfarrheim brennt aus. Eine Reihe Toter, vor allem Ecke Borbecker u. Fürstäbtissinstraße. Kirche hat erneut Schäden. Brand im Pfarrhaus kann gelöscht werden. Auf den Kirchplatz ist ein Blindgänger niedergegangen (...)

25.10.: Der Pastor wird 60 Jahre alt. Nachmittags großer Fliegerangriff auf Borbeck. Der Pastor steht bereit, die Kinder im Krankenhaus zu taufen. Da setzt Alarm ein: Schwer ziehen die Flieger über Borbeck weg. (...) hageln die Bomben. Die Kirche wird von 2 Bomben getroffen, eine vor dem Marienaltar, die andere vor dem Josefsaltar. Gewölbe und Dachstuhl stürzen ein und begraben alles unter den Trümmern. Das Allerheiligste wird nachher vom Pastor unter Beihilfe der (...) aus dem Tabernakel geholt und zunächst im Keller des Pfarrhauses, dann im Bunker des Krankenhauses sichergestellt. Die Kirche ist zerstört, der Turm steht noch, ebenso die Chorwand. In den Seitenwänden klaffen Löcher, der Grund der Verwüstung, Paramente (...) wenn auch beschädigt, aus dem Schutt der Sakristei gerettet.

Im Krankenhaus gehen ebenfalls 2 Bomben nieder (...) sämtliche Türen und Fenster sind herausgerissen (...) Die Handarbeitsschule u. der Kindergarten ist durch eine Bombe bis auf den Keller zerstört. In der Kapelle ist der Tabernakel umgestürzt (...) der Pastor tauft am Abend im Luftschutzbunker 12 Kinder. Marienheim ist zerbombt. Die Oberin hat das Allerheiligste gerettet u. in den Keller des Exerzitienhauses gebracht. Das Exerzitienhaus hat den (...) -flügel verloren, die Kapelle ist zerstört. Die Häuser Hülsmannstraße 14 u. 16 sind baufällig und müssen geräumt werden.

In der Umgebung der Kirche und des Krankenhauses sind 20 schwere Bombentrichter. In der Gemeinde viele Häuser zerstört. 41 Tote, vor allem in dem Bunker hinter dem Gymnasium und auf Zeche Neukölln. (...) Der Gottesdienst ist vorläufig im Luftschutzbunker des Krankenhauses. (...)

28.11.: Neuer Nachtangriff auf Borbeck. 3 Tote in der Neuweselstraße (...) Das Jahr 1944 war ein schlimmes Jahr. Der Krieg entwickelt sich immer mehr zu Ungunsten Deutschlands. Amerikaner u. Engländer kämpfen in Italien. Afrika ist vollkommen geräumt. Im Westen stehen die französischen Truppen an der Grenze (Hürtgenwald bei Düren u. Reichswald bei Cleve). Im Osten gehen die Truppen mehr und mehr zurück. Die Krim ist geräumt, die Russen stoßen vor nach dem Balkan. Es geht dem Ende zu, wenn auch Göbbels den totalen Krieg verkündet u. das letzte aus dem deutschen Volk herausholt.

Das religiöse Leben leidet unter den Kriegseinwirkungen. Durch die letzten Luftangriffe, die pausenlos über die deutschen Städte (...), werden nun mehr Frauen u. Kinder (...) nach Sachsen u. Thüringen evakuiert. Fast 75% der Wohnungen sind zerstört oder stark beschädigt. Nun haben wir auch unser schönes Gotteshaus verloren, aber wir beten und hoffen. (...) Wo der Herrgott auf der einen Seite schlägt, so hilft er auf der anderen Seite doch wieder. (...)

Von Luftminen getroffen und zerstört: Die Ruine von St. Dionysius in Borbeck-Mitte, Foto: privat

1945

Februar: Die Fliegertätigkeit nimmt zu (...) ;

29.3.: Die Alliierten haben bei Unkel u. zwischen Wesel und Duisburg den Rhein überschritten. Die Bevölkerung soll evakuiert werden; nur wenige leisten dem Befehl Folge. (...)

4.4.: Weißer Sonntag: 2 Granaten schlagen während der Krankenmesse in das Krankenhaus ein.

9.4.: Stadtdechant Schulte-Pelkum gestorben, wird im Garten des Franz Sales-Hauses beerdigt.

12.4.: Die Amerikaner rücken in Borbeck ein; (...) Ausgangssperre ab 16 Uhr abends.

16.4.: Von Montag ab Wiederbeginn der Seelsorgestunden.

22.4.: Ausgehverbot ab 20 Uhr. Die Gläubigen kehren zurück (...)

29.4.: Hirtenwort der Essener Geistlichen zur Lage.

30.4.: Hitler macht in Berlin seinem Leben durch Selbstmord ein Ende.

6.5.: Caritas-Aktion: Vinzenz- u. Elisabethverein sammeln Einrichtungsgegenstände, Kleider u. Bettzeug für Bedürftige, geringer Erfolg. Caritas-Kollekte in der Kirche, wegen Enge des Raumes kein Opfergang.

9.5.: Gesamtkapitulation. Damit hat der Krieg sein unglückliches Ende gefunden. Das deutsche Volk ist der Gnade seiner Bezwinger überlassen.

10.5.: Christi Himmelfahrt wieder Sonntags-Gottesdienst.

13.5.: Große Prozession noch nicht gestattet, die Gläubigen werden aufgefordert zur hl. Kommunion zu gehen. Aus Raummangel keine Feier im Kirchenraum.

20.5.: hl. Messen an Sonntagen stündlich von 6 - 12 Uhr, nachmittags 17Uhr.

25.5.: Besuch des Erzbischofs in Essen. Dechant Uerlichs zum Stadtdechanten ernannt. (...)

10.6.: Beginn der Schutträumung in der Kirche, von 18-21 Uhr durch freiwillige Helfer, anfangs gute Beteiligung, die später nachließ. Plan, Marienheim als Notkirche aufzubauen, scheitert an Material- und Arbeitermangel.

17.8.: Beginn einer Suchaktion des Caritas-Verbandes nach den in KL.V.-Lagern in Böhmen untergebrachten Kindern.

23.6.: Studien-Assessor Franz-Parsch, Rel. Lehrer an der Borbecker Mittelschule (* 23.9.95 in M.-Gladbach) stirbt im Krankenhaus u. wird in der Priestergruft neben Pfr. Ostermann beigesetzt... ."

75 Jahre nach Kriegsende:
„... den wahren Völkerfrieden begründen“

In den dokumentierten Auszügen aus der Borbecker Pfarrchronik hatte Pfarrer Johannes Brokamp mit Datum vom 29. April 1945 die Verlesung eines Hirtenwortes der Essener Geistlichen vermerkt. Verfasst wurde es am Tag nach der Besetzung von Überruhr durch die Amerikaner, denen die Stadt bereits übergeben war. Es sollte in allen katholischen Messen gelesen werden - als „priesterliches Wort in ernster Stunde":

„Schwere Tage liegen hinter uns; der Krieg ist ober unsere in den letzten Jahren so schwer geprüfte Heimatstadt hinweggerast. Wenn wir jetzt, vom schlimmsten Druck des Krieges befreit, wieder etwas freier aufatmen können, so laßt uns nicht vergessen, dem gütigen Gott, der in so mancher Not geholfen hat, von Herzen zu danken. (...)

Doch der Krieg ist noch nicht zu Ende; manches steht uns als Folge und Auswirkung des Krieges noch bevor. Wenn nicht alles täuscht, werden wir schweren Zeiten entgegengehen. Uns drückt die Sorge um unsere Lieben, unsere Brüder und Schwestern, unsere Frauen und Kinder, die fern der Heimat weilen. Da dürfen wir nicht kleinmütig werden. Da setzen wir unser ganzes Vertrauen auf den guten Gott, der bisher geholfen....

Darum laßt uns beten, daß alle Prüfungen, die vergangenen und kommenden, uns seelisch läutern, daß das Kreuz uns nicht niederdrückt, sondern aufrichtet, daß aus dem Leid des Krieges eine Welt erstehe, die Gott achtet und liebt, die ihm in Treue dient und sich so des wahren Gottesfriedens würdig macht. Wir wollen aber der kommenden Neuordnung nicht tatenlos zusehen; wir sind bereit, am Wiederaufbau der zerstörten Werte, vor allem auch der seelischen Werte mitzuwirken....

Darum laßt uns beten, der Herrgott möge alle mit dem rechten Geist erfüllen. Dieser Geist soll herrschen... im ganzen öffentlichen Leben, das von christlichen Grundsätzen getragen sein muß, in der Beziehung der Völker zueinander, die in gegenseitiger Achtung das gemeinsame Wohl fördern und so den wahren Völkerfrieden begründen.... gez. Zarth, Dechant“ (Quelle: ARCHIV STADTDEKANAT ESSEN, Dechantenkonferenzen etc.)

Christof Beckmann

Die Quellen wurden veröffentlicht in: Christof Beckmann, „12. April: Die Amerikaner rücken in Borbeck ein; alles atmet auf...“- Ein Blick in die Pfarrchronik von St. Dionysius (1939-1945)“, Borbecker Beiträge 1/1995,6-11


Blick ins Innere der zerstörten Dionysiuskirche

Bild unten: Auch die Evangelische Matthäuskirche hat es schwer getroffen. Sie kann erst 1954 wieder ein neues Richtfest feiern (Foto: privat)

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