100 Jahre Weidkamp-Kreuz

Spende aus den USA ermöglichte den Bau 1922

0 20.05.2022

BORBECK. Wenn am Sonntag, 22. Mai, wieder die Große Borbecker Prozession durch die Straßen zieht, kann am Wegesrand zugleich auch ein rundes Jubiläum begangen werden. An der Strecke von Dellwig nach Borbeck-Mitte liegt ein Denkmal, das vor 100 Jahren in seiner heutigen Form errichtet wurde: Das Weidkamp-Kreuz von 1922. Dass es damals überhaupt errichtet werden konnte, ist der großzügigen Spende eines Auswanderers in die USA zu verdanken.

Vorläufer von 1854 für die Große Prozession

Im Grunde ist das Denkmal eigentlich fast 70 Jahre älter: Denn an dieser Stelle am Kreuzungspunkt mehrerer Straßen war bereits 1854 ein großes Holzkreuz errichtet worden, das aus Eichenbalken gezimmert war. Initiator war damals Pfarrer Johann Joseph Legrand (1798-1877), der nach der Priesterweihe im Jahr 1830 als Vikar an St. Dionysius tätig war und von 1840 bis zu seinem Tod 1877 als Pfarrer in Borbeck amtierte. Er weihte das Kreuz auf dem Flurstück „der Weidkamp“ in Sektion II/29 im heutigen Kreuzungsbereich von Hülsmannstraße, Am Ellenbogen und Weidkamp als feste dritte Segensstation für die traditionsreiche Borbecker „Hilligendracht“. Sie war durch Fürstäbtissin Maria Clara von Spaur 1628 gestiftet worden und zog jährlich am Sonntag vor Pfingsten durch das Gemeindegebiet – eine terminliche Besonderheit und damit ein überregionales Alleinstellungsmerkmal unter den Flurprozessionen um Christi Himmelfahrt und den üblichen Prozessionen zur Fronleichnam.


Weidkampkreuz 2022

Zur Pflege und Erhaltung des Kreuzes riefen die Anwohner des Weidkamp und umliegender Straßen 1858 eine eigene Vereinigung ins Leben, die vor allem für die Ausschmückung des dortigen Segensaltars bei der Borbecker Gottestracht sorgte. Die nachbarschaftliche Organisation mit eigenen Statuten, Vorstand, Festfahne und Beerdigungsfahne stand am Beginn einer zunehmend intensiveren Ausformung der Prozessionen, die zugleich Ausdruck der Frömmigkeit, aber auch Zeichen des lokalen Selbstbewusstseins der katholischen Bevölkerung wurden. Denn die öffentlichkeitswirksamen Auftritte entwickelten sich im Kulturkampf zwischen Staat und Kirche – u.a. mit den Auseinandersetzungen um die Wiederbesetzung der vakanten Pfarrerstelle in Borbeck - zugleich zu einem Ausdruck der Selbstbehauptung.

Komitees sorgen für prachtvolle Ausschmückung

Der 1. Paragraph der 1902 gedruckten Statuten des Fahnen-Vereins Weidkamp hielt fest: „Unter der Bennennung „katholischer Fahnen-Verein Weidkamp“ hat sich ein Verein gebildet, welcher seinen Sitz zu Weidkamp, Bürgermeisterei Borbeck, hat und der den Zweck verfolgt, bei kirchlichen Anlässen, wie Prozession, einholen des Bischofes usw., zur Verschönerung mitzuwirken, sowie bei Sterbefällen von Mitgliedern letztere zu Grabe zu geleiten.“

Um die nach strenger Ordnung durchgeführten Prozessionen auch an anderen Wegstationen in besonders prachtvoller Weise möglich zu machen, wurden neben dem Fahnenverein Weidkamp weitere Fahnenvereine und Ausschmückungskomitees gegründet, die sich in Sitzungen und Versammlungen bereits Wochen zuvor um die Vorbereitungen kümmerten. So entstanden der Fahnenverein Möllhoven (1911) für die Segensstation am Möllhovenkreuz, der Verschönerungsverein Borbeck-Fliegenbusch (1911) und der Fahnenverein Gerschede (1912). Für die Ausschmückung und Ordnung der Prozession sorgte ein zuständiger „Brudermeisterverein“, Fahnenschmuck in Kirchenfarben, Hausaltäre, Ehrenbögen und große Triumphtore aus Tannengrün über den Prozessionswegen gehörten zur Ausstattung der Prozession im schaufreudigen Kaiserreich. Selbst Schaufenster und Hausfenster entlang der Wegstrecke wurden mit frommen Motiven dekoriert - die Schmuckartikel dazu waren von den örtlichen Geschäften zu beziehen.


Prozessionsaltar am Weidkampkreuz 1923 (Archiv KHV)

Die Bürgermeisterei Borbeck wurde 1915 in die Stadt Essen eingemeindet und für die Prozession knüpfte man bald nach der Überwindung der unmittelbaren Not nach dem Ersten Weltkrieg an die alten Formen die „Triumphstraßen“ der Vorkriegszeit wieder an. Man gründete weitere Vereinigungen wie den Verschönerungsverein Germaniastraße vom Germaniaplatz bis Wirtschaft Borges und der anliegenden Straße (1919), die Vereinigung der Katholiken der Flur-, Fürstäbtissin-, Neuweseler-, Schloß-, Moosstraße, des Rabenhorsts und Grafenwegs (1919), den Borbecker Fahnenverein (Borbeck-Mitte 1931) und das Ausschmückungskomitee Borbecker Straße. Alle Vereinigungen frequentierten für ihre Sitzungen eigene Lokale: Der „Fahnenverein“ Bezirk Möllhofen tagte etwa 1911 in der Flora, die Anwohner der Kirch- und angrenzender Straßen trafen sich bei Wirt Borgers, Kirchstraße, für den Bezirk Flurstraße fand die Versammlung bei Wirt Gimken, Schlossstraße, statt. Der Bezirk Wilhelmstraße traf sich bei Wirt Vogelpoth, der Bezirk Kirchstraße bei Wirt Thiemann, der Bezirk Schloßstraße bei Wirt Braukmann, Essener Straße (KB 1(1911), 23 vom 30.4. und 26 vom 21.5.) und der Verschönerungsverein Borbeck (Fliegenbusch) in der Waldschenke. (KB 2(1912),13 vom 31.3.).

„Kaum eine schönere Prozession in den größten Städten“

Als die Eucharistische Ehrengarde 1921 ihr Fest zum 25-jährigen Vereinsbestehen mit großem Aufwand beging, sprach der Berichterstatter der Essener Volkszeitung (EVZ) davon, dass er gestehen müsse, „kaum eine schönere Prozession in den größten Städten der Rheinprovinz oder Westfalens gesehen zu haben.“ (EVZ, Nr.11 vom 13.5.1921)

Und die Begeisterung für die Prozession hielt weiter an. So veröffentlichte das Kirchenblatt 1931 einen Aufruf zur Gründung des Borbecker Fahnenvereins, in dem es hieß: „Unsere große Prozession ist immer ein Ereignis für Borbeck und Umgebung. Mit großer Liebe geben sich die Ausschmückungskommissionen ihrer Aufgabe hin, die Straßen und besonders die Segensaltäre in würdiger Weise für den Triumphzug des eucharistischen Heilandes zu schmücken. (…) Es darf erwartet werden, zu dieser Versammlung recht viele erscheinen, um ihren Beitritt zu erklären, da es Ehrensache Borbecks sein dürfte, den Altar, der der Glanzpunkt der Prozession ist, in der bisherigen Weise zu erhalten“ (KB 21(1931),25 vom 21.6.).


Prozessionsaltar am Weidkampkreuz 1923 (Archiv KHV)

Das Weidkampkreuz muss erneuert werden

Am 30. August 1891 hatte die Bürgermeisterei Borbeck die Parzelle mit dem „Weidkämper-Kreuz“ auf Antrag der Kirchengemeinde St. Dionysius der Pfarrei als Eigentum überlassen. Das Kreuz selbst aber hatte inzwischen fast 70 Jahre lang Wind und Wetter getrotzt, als man 1921 im Fahnenverein Weidkamp über eine dauerhafte Lösung diskutierte: Es war morsch geworden und musste überholt werden.

Im April 1921 lud man darum über das Kirchenblatt alle katholischen Bewohner des Weidkamps ins Lokal von Theo Kleine-Möllhoff - früher Taschemäker - zu einer wichtigen Besprechung der Mitglieder des Fahnenvereins. Auch für Sonntag, 17. Juli, war zur Beratung in das Vereinslokal zur Beratung eingeladen: „Betrifft Errichtung eines neuen Kreuzes, wozu die Mitglieder und alle Interessen dringend eingeladen werden.“ Der Kirchenvorstand beschäftigte sich ebenfalls mit der Sache und gab schließlich 1922 ein steinernes Monument in Auftrag, mit dem das Holzkreuz ersetzt werden sollte. Doch die Weltwirtschaftskrise stoppte das Projekt: Gelder fehlten und die Inflation zehrte die erste Anzahlung der Kirchengemeinde auf. Sie musste sich wegen der dramatischen Finanzlage damals sogar mit Spendenaufrufen an die Gläubigen wenden.

Hilfe kommt aus den USA

Damit schienen auch für das Kreuz-Projekt an der Kreuzung Weidkamp / Hülsmannstraße nun alle Hoffnungen begraben. Doch dann kam plötzlich Hilfe wie aus heiterem Himmel: Im Sommer 1922 besuchte Pater Jakob Tekath aus den USA seine Verwandten der Familien Mennekes/Tekath in Borbeck. Pater Tekath war am 5. Mai 1889 hier geboren, in der Jugend über den großen Teich ausgewandert und hatte sich im von vielen Deutschstämmigen bewohnten Mittleren Westen der USA den „Missionaries of the Precious Blood“ / Missionare vom Kostbaren Blut angeschlossen (lat. Congregatio Missionariorum Pretiosissimi Sanguinis Domini Nostri Jesu Christi“ / Congregatio Pretiossimi Sanguinis, Abk. C.PP.S.) Gegründet wurden die auch „Sanguinisten” genannten Volksmissionare 1815 in Italien von Gaspare del Bufalo (1786-1837), der 1904 selig- und 1954 heiliggesprochen wurde. Die Gemeinschaft förderte insbesondere die Verehrung der eucharistischen Frömmigkeit und hatte ab 1845 auch unter den deutschen Siedlern am Ohio in Mercer County ihre Mission aufgenommen - bis heute führen sich ein Drittel der Einwohner des US-Bundestaates auf deutschsprachige Einwanderer zurück.


Pater Jakob Tekath aus Ohio/USA 1922 beim Heimaturlaub im Kreis seiner Familie in Borbeck (Familie Mennekes/Tekath, Bild: Archiv Kreul)

Heimaturlaub in Borbeck

Jakob Tekath, der in den USA den Namen James Tekath annahm, wurde am 1. Juni 1918 in Carthagena/Ohio zum Priester dieser Gesellschaft apostolischen Lebens geweiht. Bei seinem Heimaturlaub 1922, der möglicherweise mit der zeitgleichen Erhebung der vier Niederlassungen im Fürstentum Liechtenstein, Österreich und Deutschland zur Deutschen Provinz im Zusammenhang stand, erfuhr er nun vier Jahre später von dem Borbecker Kreuz-Projekt und von der finanziellen Not seiner Heimatpfarrei. Und der damals 33-Jährige zögerte offensichtlich nicht lange: Kurzerhand sandte er eine „Depesche" an den Superior seiner Genossenschaft in den USA und bat um eine großzügige Spende. Die Schilderung des Zwecks traf sich wohl offensichtlich auch ganz mit den Anliegen der Ordensgemeinschaft und schon nach wenigen Tagen war die angeforderte Geldsumme überwiesen. Pater Tekath übergab sie an Pfarrer Brock - unter der Bedingung, die Spende nicht bekannt zu geben.

Mitte August 1922 lud das Kirchenblatt den Weidkämper Fahnenverein „aus Anlaß der Errichtung des neuen Kreuzes, mit Vortrag des hochwürdigen Herrn Pater Tekath“ zur Festversammlung bei Kleine-Möllhoff. Auch zur Generalversammlung im September 1922 „wegen Weidkamp-Kreuz“ galt „Erscheinungspflicht.“

Zweifellos ging man nun sehr schnell an die Umsetzung des ursprünglichen Plans – auch wenn zu dem gesamten Vorgang keine Rechnungen, Arbeitsunterlagen oder Schriftverkehr im Pfarrarchiv von St. Dionysius, aus dem Erzbistum Köln oder dem Stadtarchiv Essen vorliegen. Das gusssteinerne Kreuz, angefertigt von Steinmetz Wessling, erhebt sich seitdem über einem von Voluten geschmückten Sockel und trug ursprünglich einen steinernen Korpus. Das gesamte kleine Gelände wurde zur Einrichtung der jährlichen Segensstation mit einem über mehrere Stufen zu erreichenden Altar, mit einem wandartigen Hintergrund sowie mit Fahnen, Blumen, Palmen und Blumenteppichen geschmückt. Dekorative Holzscheiben, die bis heute erhalten sind, zeigten in einem Strahlenkranz die Christus-Symbole IHS, Chi Rho oder Alpha und Omega. Die Gläubigen zogen in fester Ordnung mit Musik begleitet an der Segensstation vorbei zum Schlusssegen Richtung Marktplatz, während mit der Monstranz in alle Himmelsrichtungen gesegnet wurden.


Prozessionsaltar am Weidkampkreuz 1953 (Archiv KHV)

Vollständige Renovierung 2013

In der Nachkriegszeit verlagerten sich zunehmend die Wegstrecken und Stationen der Prozession. Straßenschilder klemmten das kleine Gelände ein und viele Jahre blieb das Kreuz auf der von starkem Verkehr umfahrenen Insel in den letzten Jahrzehnten weitgehend sich selbst überlassenund nahm erheblichen Schaden durch die Umwelteinflüsse. Dies wurde im Zuge einer vom Germania-Verein 2009 veranlassten umfassenden Renovierung festgestellt: Die Arme des Korpus konnten nicht mehr gerettet werden.

Fast vier Jahre dauerte die Neubeschaffung: Pfarrer Dr. Jürgen Cleve von St. Dionysius konnte schließlich einen passenden gusseisernes Christus-Korpus von einem alten Friedhofskreuz bei Steinmetz Frank-Peter Georges in Duisburg-Hamborn erwerben und am 2. Juni 2013 das nun wieder vollständige Kreuz am Weidkamp einweihen. Steinmetz Stefan Königsfeld führte die Sanierung aus, Germania-Verein und Dionysiusstiftung trugen die Kosten. Auch die originalen Gitter wurden bei der Sanierung wieder hergerichtet und die Fläche neu bepflanzt.

Neueinweihung des Weidkampkreuzes nach der Sanierung im Juni 2013 durch Pfarrer Dr. Cleve

Große Prozession 2022

1854 erstmals errichtet – 1922 neu aufgesetzt: So erklärt sich nun auch die Inschrift mit den beiden Jahreszahlen am Sockel unter der Inschrift: „Christus ward gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze“ - Phil. 2,8. Pater Jakob Tekath, dessen Initiative die Errichtung des Kreuzes zu verdanken war, galt als redegewandter Prediger und wirkte erfolgreich in verschiedenen Staaten der USA. Am 20. Mai 1962 verstarb er im Loretto-Hospital in Neu-Ulm/Minnesota (USA). Nun zieht - fast auf den Tag genau 60 Jahre nach seinem Tod - am Sonntag, 22. Mai 2022, die Große Borbecker Prozession durch die Straßen Borbecks.

Der Prozessionstag beginnt um 9:30 Uhr mit der zentralen Eucharistiefeier in St. Michael Essen-Dellwig, alle anderen Messen finden an diesem Vormittag nicht statt. Anschließend geht die Prozession über Langhölterweg, Kraienbruch, „Altes Ziegeleigelände“, Münstermannstraße, Bischof-Franz-Wolf-Straße zur Hülsmannstraße. Den Schmuck des Weidkampkreuzes und Aufbau des Segensaltares auf dem benachbarten Spielplatzgelände hat in diesem Jahr die Kolpingsfamilie Essen-Borbeck übernommen. Anschließend geht es über die Marktstraße zum Schluss-Segen auf dem Alten Markt. Zum Mittagessen und zur Begegnung versammelt man sich zuletzt im und vor dem Dionysius-Haus am Dionysiuskirchplatz.

Herzlich sind alle Mitglieder aus den Gemeinden der Pfarrei zur Teilnahme eingeladen, auch alle Vereine und Verbände mit ihren Bannerabordnungen. Anwohner am Prozessionsweg sind gebeten, die Straßen und Häuser zu schmücken. Fahnen kann man über Herr Kreul (Tel. 680604) erhalten oder am 18. Mai um 10 Uhr in der Sakristei von St. Dionysius entgegennehmen, so die Pfarrei.
cb

Quellen:
Beckmann, Christof: Katholisches Vereinswesen im Ruhrgebiet. Das Beispiel Essen-Borbeck 1900-1933. Diss., Münster 1990, hier: Große Prozession / Fahnenvereine in St. Dionysius, Borbeck

Freres, Paul: Kreuze am Wege. Geschichte der Wegekreuze, Heiligenhäuschen und Gedenksteine im Dekanat Borbeck. Essen 1983
Gründges, Franz Josef: Borbeck-Lexikon, Einträge: Weidkamp, Weidkamp-Kreuz
Knapke, Paul J.: History of the American Province of the Society of the Precious Blood, Carthagena 1958, 2. Bde; History of the American Province of the Society of the Precious Blood, Carthagena 1968
Kreul, Heinz-Werner: Die Geschichte vom Wegekreuz am Weidkamp. In: Borbecker Beiträge 1/2014, S. 7-10.
Kreul, Heinz-Werner: Private Dokumentation zum Weidkamp-Kreuz
Pfarrbrief Nr.22., 02.06.2013, 9. Sonntag im Jahreskreis

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Christussymbole der Segensstation, renoviert 2012; unten: Das Kreuz ohne den alten Steinkorpus, rechts: Neuer Eisen-Korpus aus Duisburg-Hamborn

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