100 Jahre Frauenwahlrecht: Maria Schmitz

Mitglied der Weimarer Nationalversammlung

0 06.02.2019

100 Jahre Frauenwahlrecht: Bei zahlreichen Gelegenheiten wurde in den letzten Tagen dieses historischen Datums gedacht. Dass dazu aber auch Spuren nach Borbeck führen, ist Hans Werner Kreul vom Weidkamp wohl bekannt: Wenn er sein Familiengrab auf dem Pfarrfriedhof von St. Dionysius an der Hülsmannstraße in Essen-Borbeck besucht, wird er immer wieder daran erinnert. Denn hinter dem Grab steht ein großer Grabstein mit der Aufschrift „Maria Schmitz. 1916 bis 1953 Bundesvorsitzende des Vereins Deutscher Katholischer Lehrerinnen, 1919 Mitglied der Nationalversammlung.“ Maria Schmitz starb am 9. Juli 1962 im Alter von 87 Jahren und wurde in Borbeck neben ihrer langjährigen Sekretärin Regina Sersch beigesetzt. Der ehrenamtliche Archivar der Dionysius-Kirchengemeinde Hans Werner Kreul findet: Diese Borbecker Spur zu einem wichtigen Datum der deutschen Geschichte darf nicht vergessen werden.

Geboren am 5. Februar 1875, wuchs Maria Johanna Schmitz als älteste Tochter von vier Geschwistern eines Baumeisters in Aachen auf, der für die Zentrumspartei als Stadtverordneter aktiv in der Kommunalpolitik mitmischte. Sie absolvierte die höhere Töchterschule, machte eine Sprachausbildung im Ausland, 1892 ihr Lehrerinnenexamen und ging zunächst an eine Mädchenschule in Trier. Von 1900-1902 studierte sie Deutsch, Geschichte, Philosophie und Theologie in Münster, war 1903-1910 an der städtischen Lehrerinnenbildungsanstalt in ihrer Heimatstadt Aachen in der Ausbildung junger Lehrerinnen tätig und anschließend als Oberlehrerin bei den Ursulinen in Aachen. Schon in frühen Jahren hatte sie sich dem Dritten Orden des Hl. Franziskus angeschlossen – anders als zwei ihrer Schwestern, die in einen Orden eintraten, wollte sie ihrer Berufung außerhalb von Klostermauern folgen. Und das tat sie mit bemerkenswerter Konsequenz und Leidenschaft in der katholischen Frauenbewegung - auch in der Politik.

Mit 18 war Maria Schmitz bereits Mitglied im 1885 gegründeten „Verein katholischer deutscher Lehrerinnen“ (VkdL) geworden. Ihm blieb sie ihr ganzes Leben lang verbunden – wie auch dem von ihr 1907 mitgegründeten „Hildegardis-Vereins zur Unterstützung junger kath. Akademikerinnen“. Der älteste Verein zur Förderung von Frauenstudien in Deutschland unterstützt bis heute katholische Studentinnen mit einem zinslosen Darlehen und errichtete zahlreiche Studentinnenwohnheime. Ihm gehörte Maria Schmitz bis zum Lebensende als Mitglied des Vorstands an. 1908 wurde sie stellvertretende Vorsitzende des VkdL, wechselte 1912 darin hauptberuflich nach Berlin, übernahm die Schriftleitung der Verbandszeitschrift „Kath. Frauenbildung“ (bis 1922) und 1916 den VkdL-Vorsitz und rief 1917 ein Netz von Beratungsstellen für arbeitslose Junglehrerinnen ins Leben. Mit seinen rund 20.000 Mitgliedern genoss der VkdL hohes Ansehen und entfaltete große Aktivitäten. Nicht zuletzt durch die Leidenschaft der Vorsitzenden: Unentwegt und mit großem Einsatz plädierte Maria Schmitz für Mädchen- und Frauen-Ausbildung, für gleichberechtigte Qualifizierung, trat gegen Diskriminierungen in Bildung und Beruf ein und machte jungen Frauen Mut zum Studium. Denn sie selbst wusste nur zu gut, was das in Zeiten des nur Männern vorbehaltenen akademischen Bildungsmonopols bedeutete: Die Dissertation, die sie selbst der Universität Münster vorlegte, wurde mit der Begründung abgelehnt, dass ihr das Abitur fehle.

Für Gleichberechtigung warb sie auch in der Kirche: 1912 erhielt Maria Schmitz als erste Frau das Rederecht auf einem Katholikentag und nutzte die Gelegenheit, um für Frauen die Mitgliedschaft in der „Katholischen Schul-organisation“ zu fordern. Schließlich führte ihre Leidenschaft sogar in die Politik: Immer wieder hatte sie die Einführung des Frauenwahlrechts gefordert und wurde nun 1919 für den Wahlkreis 21 (Reg. Bez. Koblenz/Trier) als Abgeordnete der Zentrumspartei in die Weimarer Nationalversammlung gewählt, die bis 1920 die Verfassung ausarbeitete. In den Reichstag konnte sie bei der folgenden Wahl aufgrund eines schlechten Listenplatzes nicht einziehen, doch in der Arbeit der Reichsschulkonferenz stieß Maria Schmitz auf ihr Lebensthema: Hier arbeitete sie mit anderen erstmals gewählten katholischen Parlamentarierinnen aktiv an der Schulgesetzgebung mit. Zu ihnen gehörten Agnes Neuhaus, Gründerin des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF), die spätere NRW-Kultusministerin Christine Teusch, die Gründerin des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB) sowie spätere CDU-Politikerin Helene Weber und Maria Zettler. Durch die Initiative von Maria Schmitz entstand 1922 in Münster das Deutsche Institut für wissenschaftliche Pädagogik, eine Einrichtung zur Fortbildung katholischer Lehrerinnen und Lehrer, der sie als Vorstandsmitglied angehörte. Der später heiliggesprochenen Edith Stein, die 1942 von den Nationalsozialisten in Auschwitz ermordet wurde, verschaffte sie 1932 hier eine Dozentenstelle.

Die politischen Bedingungen standen jedoch auch für die katholischen Organisationen bereits auf Sturm: 1937 erzwang das NS-Regime mit seiner die Gleichschaltungspolitik die Auflösung des katholischen Lehrerinnen-Verbandes. Mit Mühe konnte sich Maria Schmitz in Berlin über Wasser halten, führte die Mitglieder durch eine schwierige Zeit, in der – auch in Borbeck - Schikanen und Berufsverbote für katholische Lehrerinnen an der Tagesordnung waren. Im Frühjahr 1945 floh sie nach Recklinghausen und begann gleich nach dem Krieg mit der Reorganisation des VklD. 1949 übersiedelte sie mit dessen Hauptgeschäftsstelle an den Hedwig-Dransfeld-Platz in Essen-Altendorf, blieb bis 1953 Bundesvorsitzende und war anschließend Ehrenvorsitzende. Auch in weiteren Organisationen blieb sie engagiert, so als Mitbegründerin des „Bundes katholischer Erzieher", als Mitglied im „Weltfriedensbund der Mütter und Erzieherinnen" und im Zentralvorstand des „Katholischen Deutschen Frauenbunds" (KDFB).

Maria Schmitz, die mit Entschiedenheit für christliche Werte in der Erziehung und Bildung eintrat, war als Pädagogin hochgeachtet. Manche ihrer Forderungen, wie die nach der Ehelosigkeit von Lehrerinnen, ist nur auf dem Hintergrund der Zeit und ihrer Persönlichkeit zu verstehen. Was sie aber mit großem organisatorischen Geschick auf die Beine stellte, wurde zu ihrer Zeit in vielfacher Weise gewürdigt: Dem Verdienstkreuz für Hilfe im Krieg, dem Malteserkreuz und dem Päpstlichen Verdienstorden „Pro ecclesia et pontifice", der Päpstlichen Verdienstmedaille „Benemerenti“ (1925) folgte 1955 das Bundesverdienstkreuz.

Die Grabstelle von Maria Schmitz in Borbeck wird noch heute vom VkdL gepflegt. Hier greift ihr Gedenkstein auf dem Friedhof an der Hülsmannstraße fast unscheinbar Motive auf, die sie in ihrem Leben begleitet haben. Wer genau hinschaut: Der wachsende Baum und die Blätter sind auch im frühen Abzeichen des katholischen Lehrerinnen-Verbandes sichtbar. Er schmückte sein erstes Logo mit dem Motto „Gott das Herz, Treue dem Vaterland, die Kraft der Jugend“. Vielen mag die Betrachtung ihres Lebensweges heute etwas schwer verständlich sein, doch er war geprägt von ihrer Zeit, von ihrem Milieu und den Lebensbedingungen, denen sich nicht zuletzt Frauen ausgesetzt sahen. So teilte Maria Schmitz das Schicksal vieler ihrer Zeitgenossinnen aus dem kirchlichen Umfeld, deren Verdienste heute fast weitgehend vergessen sind. Auch um das Frauenwahlrecht – wie der Borbecker Hans Werner Kreul aus gegebenem Anlass erinnert.

Maria Schmitz: 100 Jahre Frauenwahlrecht

100 Jahre Frauenwahlrecht: Bei zahlreichen Gelegenheiten wurde in den letzten Tagen dieses historischen Datums gedacht. Dass dazu aber auch Spuren nach Borbeck führen, ist Hans Werner Kreul vom Weidkamp wohl bekannt: Wenn er sein Familiengrab auf dem Pfarrfriedhof von St. Dionysius an der Hülsmannstraße in Essen-Borbeck besucht, wird er immer wieder daran erinnert. Denn hinter dem Grab steht ein großer Grabstein mit der Aufschrift „Maria Schmitz. 1916 bis 1953 Bundesvorsitzende des Vereins Deutscher Katholischer Lehrerinnen, 1919 Mitglied der Nationalversammlung.“ Maria Schmitz starb am 9. Juli 1962 im Alter von 87 Jahren und wurde in Borbeck neben ihrer langjährigen Sekretärin Regina Sersch beigesetzt. Der ehrenamtliche Archivar der Dionysius-Kirchengemeinde Hans Werner Kreul findet: Diese Borbecker Spur zu einem wichtigen Datum der deutschen Geschichte darf nicht vergessen werden.

Geboren am 5. Februar 1875, wuchs Maria Johanna Schmitz als älteste Tochter von vier Geschwistern eines Baumeisters in Aachen auf, der für die Zentrumspartei als Stadtverordneter aktiv in der Kommunalpolitik mitmischte. Sie absolvierte die höhere Töchterschule, machte eine Sprachausbildung im Ausland, 1892 ihr Lehrerinnenexamen und ging zunächst an eine Mädchenschule in Trier. Von 1900-1902 studierte sie Deutsch, Geschichte, Philosophie und Theologie in Münster, war 1903-1910 an der städtischen Lehrerinnenbildungsanstalt in ihrer Heimatstadt Aachen in der Ausbildung junger Lehrerinnen tätig und anschließend als Oberlehrerin bei den Ursulinen in Aachen. Schon in frühen Jahren hatte sie sich dem Dritten Orden des Hl. Franziskus angeschlossen – anders als zwei ihrer Schwestern, die in einen Orden eintraten, wollte sie ihrer Berufung außerhalb von Klostermauern folgen. Und das tat sie mit bemerkenswerter Konsequenz und Leidenschaft in der katholischen Frauenbewegung - auch in der Politik.

Mit 18 war Maria Schmitz bereits Mitglied im 1885 gegründeten „Verein katholischer deutscher Lehrerinnen“ (VkdL) geworden. Ihm blieb sie ihr ganzes Leben lang verbunden – wie auch dem von ihr 1907 mitgegründeten „Hildegardis-Vereins zur Unterstützung junger kath. Akademikerinnen“. Der älteste Verein zur Förderung von Frauenstudien in Deutschland unterstützt bis heute katholische Studentinnen mit einem zinslosen Darlehen und errichtete zahlreiche Studentinnenwohnheime. Ihm gehörte Maria Schmitz bis zum Lebensende als Mitglied des Vorstands an. 1908 wurde sie stellvertretende Vorsitzende des VkdL, wechselte 1912 darin hauptberuflich nach Berlin, übernahm die Schriftleitung der Verbandszeitschrift „Kath. Frauenbildung“ (bis 1922) und 1916 den VkdL-Vorsitz und rief 1917 ein Netz von Beratungsstellen für arbeitslose Junglehrerinnen ins Leben. Mit seinen rund 20.000 Mitgliedern genoss der VkdL hohes Ansehen und entfaltete große Aktivitäten. Nicht zuletzt durch die Leidenschaft der Vorsitzenden: Unentwegt und mit großem Einsatz plädierte Maria Schmitz für Mädchen- und Frauen-Ausbildung, für gleichberechtigte Qualifizierung, trat gegen Diskriminierungen in Bildung und Beruf ein und machte jungen Frauen Mut zum Studium. Denn sie selbst wusste nur zu gut, was das in Zeiten des nur Männern vorbehaltenen akademischen Bildungsmonopols bedeutete: Die Dissertation, die sie selbst der Universität Münster vorlegte, wurde mit der Begründung abgelehnt, dass ihr das Abitur fehle.

Für Gleichberechtigung warb sie auch in der Kirche: 1912 erhielt Maria Schmitz als erste Frau das Rederecht auf einem Katholikentag und nutzte die Gelegenheit, um für Frauen die Mitgliedschaft in der „Katholischen Schulorganisation“ zu fordern. Schließlich führte ihre Leidenschaft sogar in die Politik: Immer wieder hatte sie die Einführung des Frauenwahlrechts gefordert und wurde nun 1919 für den Wahlkreis 21 (Reg. Bez. Koblenz/Trier) als Abgeordnete der Zentrumspartei in die Weimarer Nationalversammlung gewählt, die bis 1920 die Verfassung ausarbeitete. In den Reichstag konnte sie bei der folgenden Wahl aufgrund eines schlechten Listenplatzes nicht einziehen, doch in der Arbeit der Reichsschulkonferenz stieß Maria Schmitz auf ihr Lebensthema: Hier arbeitete sie mit anderen erstmals gewählten katholischen Parlamentarierinnen aktiv an der Schulgesetzgebung mit. Zu ihnen gehörten Agnes Neuhaus, Gründerin des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF), die spätere NRW-Kultusministerin Christine Teusch, die Gründerin des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB) sowie spätere CDU-Politikerin Helene Weber und Maria Zettler. Durch die Initiative von Maria Schmitz entstand 1922 in Münster das Deutsche Institut für wissenschaftliche Pädagogik, eine Einrichtung zur Fortbildung katholischer Lehrerinnen und Lehrer, der sie als Vorstandsmitglied angehörte. Der später heiliggesprochenen Edith Stein, die 1942 von den Nationalsozialisten in Auschwitz ermordet wurde, verschaffte sie 1932 hier eine Dozentenstelle.

Die politischen Bedingungen standen jedoch auch für die katholischen Organisationen bereits auf Sturm: 1937 erzwang das NS-Regime mit seiner die Gleichschaltungspolitik die Auflösung des katholischen Lehrerinnen-Verbandes. Mit Mühe konnte sich Maria Schmitz in Berlin über Wasser halten, führte die Mitglieder durch eine schwierige Zeit, in der – auch in Borbeck - Schikanen und Berufsverbote für katholische Lehrerinnen an der Tagesordnung waren. Im Frühjahr 1945 floh sie nach Recklinghausen und begann gleich nach dem Krieg mit der Reorganisation des VklD. 1949 übersiedelte sie mit dessen Hauptgeschäftsstelle an den Hedwig-Dransfeld-Platz in Essen-Altendorf, blieb bis 1953 Bundesvorsitzende und war anschließend Ehrenvorsitzende. Auch in weiteren Organisationen blieb sie engagiert, so als Mitbegründerin des „Bundes katholischer Erzieher", als Mitglied im „Weltfriedensbund der Mütter und Erzieherinnen" und im Zentralvorstand des „Katholischen Deutschen Frauenbunds" (KDFB).

Maria Schmitz, die mit Entschiedenheit für christliche Werte in der Erziehung und Bildung eintrat, war als Pädagogin hochgeachtet. Manche ihrer Forderungen, wie die nach der Ehelosigkeit von Lehrerinnen, ist nur auf dem Hintergrund der Zeit und ihrer Persönlichkeit zu verstehen. Was sie aber mit großem organisatorischen Geschick auf die Beine stellte, wurde zu ihrer Zeit in vielfacher Weise gewürdigt: Dem Verdienstkreuz für Hilfe im Krieg, dem Malteserkreuz und dem Päpstlichen Verdienstorden „Pro ecclesia et pontifice", der Päpstlichen Verdienstmedaille „Benemerenti“ (1925) folgte 1955 das Bundesverdienstkreuz.

Die Grabstelle von Maria Schmitz in Borbeck wird noch heute vom VkdL gepflegt. Hier greift ihr Gedenkstein auf dem Friedhof an der Hülsmannstraße fast unscheinbar Motive auf, die sie in ihrem Leben begleitet haben. Wer genau hinschaut: Der wachsende Baum und die Blätter sind auch im frühen Abzeichen des katholischen Lehrerinnen-Verbandes sichtbar. Er schmückte sein erstes Logo mit dem Motto „Gott das Herz, Treue dem Vaterland, die Kraft der Jugend“. Vielen mag die Betrachtung ihres Lebensweges heute etwas schwer verständlich sein, doch er war geprägt von ihrer Zeit, von ihrem Milieu und den Lebensbedingungen, denen sich nicht zuletzt Frauen ausgesetzt sahen. So teilte Maria Schmitz das Schicksal vieler ihrer Zeitgenossinnen aus dem kirchlichen Umfeld, deren Verdienste heute fast weitgehend vergessen sind. Auch um das Frauenwahlrecht – wie der Borbecker Hans Werner Kreul aus gegebenem Anlass erinnert.

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