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Die Vorgeschichte: Beim Durchblättern der Süddeutschen Zeitung vom 9. Oktober 2018 stoße ich auf eine Traueranzeige in den Blick, die mich stutzig werden lässt. Zum einen, weil der Name des Verstorbenen ungewöhnlich ist, zum anderen, weil er einen Erinnerungsimpuls auslöst: Dr. Nardo Maria Saes steht da. Nardo Maria Saes? Moment mal. Der Name kommt mir bekannt vor. Aber woher? Woher nur?
Und dann macht es das berühmte „klick“ und nun weiß ich: Es kann sich nur um jenen Nardo Maria Niedergesäß handeln, Handlungsfigur im Roman „Die Schwarzfüße“, den ich vor vielen Jahren im Deutschunterricht behandelt hatte. Um sicher zu gehen, setze ich mich hin, schreibe dem Romanautor Jo Pestum, dessen wahrer Name und aktuelle Anschrift (Johannes Stumpe, Billerbeck) im Internet zu finden sind, einen Brief mit der Frage, ob der Nardo Maria Saes der Traueranzeige mit dem Nardo Maria Niedergesäß des Romans identisch sei. Und tatsächlich schreibt Johannes Stumpe aus Billerbeck unter dem 15. Oktober 2018 ausführlich zurück:
„Ja, ja, er ist/war es in der Tat! Ich habe von Nardo Maria Saes nur einen Teil seines Namens und sein Erscheinen in der Trümmerindianerszene in Rüttenscheid entlehnt, alles andere ist erfunden. Aber ich glaube, er hätte sich wiedererkannt (nicht nur wegen des Namens), wenn er das Buch gelesen hätte. Ähnliches gilt auch für andere Protagonisten der Geschichte. Mit Nardo Maria war ich dann noch ein paar Jahre zusammen in der Klasse in der Goetheschule (vermutlich bis Untertertia), er war enorm gut in Mathematik, daran erinnere ich mich. Die Familie Saes zog dann nach Mülheim, der Vater arbeitete dort für RWE. Nardo (das „Maria“ mochte er nicht hören) verschwand dann aus meinem Leben – und nun ist er ganz verschwunden.“
Die Suche im digitalisierten Adressbuch von Essen für das Jahr 1941 ergibt, dass Nardo Maria Saes mit seinen Eltern (der Vater Bernhard wird als Betriebsassistent geführt) in der Johannastr. 50 in Rüttenscheid gewohnt hat.

Und dann erwähnt Johannes Stumpe in seinem Schreiben abschließend etwas, was ihn lose mit Borbeck verbindet. Er erinnert sich daran, auf Einladung einer Schulklasse des Gymnasiums Borbeck zu einer Lesung nach Borbeck gekommen zu sein. Er habe gute Erinnerungen an diesen Besuch und an die von den Schülerinnen und Schülern inszenierten Textstellen aus seinem Roman. Das wäre also der erste Borbecker Bezug.
Der zweite Bezug findet sich im Lebenslauf von Johannes Stumpe. Demnach war er mit Doris Knüppel verheiratet, Tochter des Kirchenmusikers Gregor Maria Knüppel (*1908 in Altenessen, +1973 in Billerbeck). Der wiederum war der Sohn des Anton Friedrich Alexander Knüppel (*1880 in Billerbeck, +1940 in Stoppenberg), der von 1906/07 bis 1936 Organist und Chorleiter an der Herz-Jesu-Kirche in Altenessen war. Damit sind wir Borbeck wieder ein Stück näher gekommen und zwar über Hermann Hagedorn, der mit Anton Friedrich Alexander Knüppel, der sich auch als Komponist betätigte, in einem regen Austausch mit (vgl. den Beitrag zu Knüppel im Lexikon auf borbeck.de). Das wäre also der zweite Borbecker Bezug.
Bei der Rückkehr zu Jo Pestum und seinen „Schwarzfüßen“ stößt man auf den nächsten Borbecker Bezug. Denn wer schrieb 2021 das Nachwort zur Neuauflage des Romans? Ein gewisser Dirk Hallenberger. Und dieser Dirk Hallenberger stammt aus Borbeck und hat 1975 am Gymnasium Borbeck das Abitur gemacht. Das wäre der dritte Borbecker Bezug.
So kommt man, wie man redensartlich sagt, unvermutet vom Hölzchen aufs Stöckchen und begreift: Borbeck ist überall! Nun aber zurück zum Ausgangspunkt, dem Jugendroman von 1990 und zu seinem Autor Jo Pestum.

Jo Pestum heißt eigentlich Johannes Stumpe. Er ist am 29. Dezember 1936 als Sohn von Johannes Stumpe (*1897 in Wuppertal-Elberfeld, + im Dezember 1974 im Krupp-Krankenhaus) und Henriette Stumpe, geb. Plettenberg (*09.12.1898 in Essen-Holsterhausen,) in Essen-Rüttenscheid (Emmastraße 13) geboren. Die Familie wohnte zunächst in der Kruppschen Arbeitersiedlung Friedrichshof in Essen-Holsterhausen/Südviertel (erbaut zwischen 1899 und 1906) und verzog dann nach Rüttenscheid in die Emmastraße 13 (laut Essener Adressbuch 1941).
Der Vater war von Beruf Maschinenschlosser und als Facharbeiter in der Kruppschen Gussstahlfabrik, zuletzt in der Straßenbahn-Meisterei, beschäftigt. Neben dem Sohn Johannes hatte das Ehepaar noch die Kinder Mechthilde und Heribert. Die Eltern starben beide im Dezember 1974 innerhalb von zwei Tagen. Jo Pestum heiratete wie erwähnt Doris Knüppel und bekam mit ihr zwei Kinder – die Tochter Sarah (Schriftstellerin und Ghostwriterin von Fünf-Freunde-Büchern) und den Sohn Stefan (Kreativdirektor Text bei einer Werbeagentur in Münster). Die Ehefrau Doris Stumpe, Enkelin von Anton Alexander Knüppel und Tochter von Gregor Knüppel, ist im Januar 2001 gestorben. Johannes Stumpe starb am 11. August 2020.
Sein Nachlass ist spärlich. Wie Tochter Sarah Bosse verriet, war ihrem Vater stets daran gelegen, von seinem Privatleben nur das Nötigste preiszugeben. Es sei sein Wunsch gewesen, die Welt bei seinem Ableben still und leise zu verlassen. Die Korrespondenz mit Freunden und Kollegen habe er nach kurzer vernichtet. Sein Nachlass bestünde insofern nur aus seinem Haushalt und seinen vielen tausend Büchern.
Nach der Volkschule, dem Abitur an der Goetheschule und dem Besuch einer Malklasse an der Folkwang Schule studierte Jo Pestum Malerei in Düsseldorf. Vorher bzw. zwischendurch unternahm er lange Reisen. Sein Studium finanzierte er als Bauarbeiter, Barkeeper, Nachtportier, Barkeeper, Taucher und Trucker. Er arbeitete zeitweilig als Karikaturist und Kirchenmaler und ab 1970 als Film-, Funk- und Fernsehautor. Viele seiner Kinder- und Jugendbücher, Romane, Krimis, Drehbücher und Hörspiele wurden in andere Sprachen übersetzt, mit Literaturpreisen ausgezeichnet und verfilmt.
Jo Pestum war Mitglied des PEN, des Kuratoriums im Förderverein Deutscher Kinderfilm und der Jury des Gustav-Heinemann-Friedenspreises. Auf dem Dortmunder Schriftstellerkongress am 20./21. Mai 1977 wurde er als Beisitzer in den Bundesvorstand des Verbands deutscher Schriftsteller gewählt. Er behielt dieses Amt bis 1983. Jo Pestum hat zahlreiche Autorenlesungen in Schulen gehalten. Den Anstoß dazu gab ihm der Friedrich-Boedecker-Kreis.
In seinen Jugendromanen mit lokalem Bezug, dazu zählen „Heinrichs Geheimnis“ (1992) und „Der Hurone“ (1996), verzichtet Jo Pestum auf Pathos und Dramatik, er bevorzugt einen lakonischen Stil mit ironisch-frechem Unterton (vgl. das Nachwort von Dirk Hallenberger in der Neuauflage des Romans „Die Schwarzfüße“ von 2021). Häufig weisen seine Romane zeitgeschichtliche, (sozial)kritische Bezüge auf. Das gilt insbesondere für den Roman „Die Schwarzfüße“, in dem Pestum die Nachkriegszeit in der Trümmerlandschaft seiner Geburtsstadt Essen mit Schwarzmarkt, Denunzierung, Arbeitslosigkeit, Hunger, Entnazifizierung und Demontage beschreibt. Er bringt die Risse und Widersprüche dieser Zeit auf den Punkt.
Es war tatsächlich eine schwierige Zeit damals in Essen, die der junge Johannes Stumpe damals erlebt hat und von der er den Ich-Erzähler Georg bzw. Schorsch berichten lässt. Fast sechzig Prozent der Wohngebäude in Essen waren völlig zerstört, annähernd die Hälfte der Straßen zerbombt, das Gas-, Wasser- und Leitungsnetz sowie die Kanalisation waren kaputt und die Ernährungs-, Wohnungs- und allgemeine Versorgungslage der Bevölkerung war katastrophal. Im März 1946 wurde die Brot- und Nährmittelration um die Hälfte reduziert. Die Folgen der Verknappung auf dem Ernährungssektor waren Plünderung von Geschäften, Schwarzmarkt und Hamsterkäufe. Der Zustand der Bevölkerung war bestimmt von Zerstörung, Hunger, Denunziation, Nachwirkungen der Nazi-Zeit, Wohnungselend, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Gleichzeitig gab es einen Anstieg der Kriminalität. (vgl. Thomas Dupke, in: Essen. Geschichte einer Stadt, hrsg. Ulrich Borsdorf, Ruhrlandmuseum Essen, Bottrop 2002 S. 418 f.).

Die Handlung spielt in Essen, genauer in und um Rüttenscheid. Sie führt den Leser in die unmittelbare Nachkriegszeit 1946, heute vor 80 Jahren. Sechs Jungen, alle um die zehn bis 12 Jahr alt, gründen mit dem Ich-Erzähler Schorsch den Indianerstamm „Schwarzfüße“. Sie heißen Köttel Schraa, Horsti, Pidder, Hotta, Kalla und Nardo Maria. Sie haben in den Ruinen eines Hauses in der Kunigundastraße einen Pueblo eingerichtet. Hier träumen sie sich in eine Phantasiewelt hinein, Gegenentwurf zu einer Alltagsrealität, die von Armut und Zerstörung geprägt ist. Sie suchen in zerstörten Häusern nach Gegenständen (Schmuck, Tafelsilber), die sie auf dem Schwarzmarkt gegen Lebensmittel und Tabak „kompensieren“. Als beim Einstieg in die Ruine der „Ballhausen-Villa“ Hotta ums Leben kommt, ist das Indianer-Leben mit einem Schlag vorbei.
Die Romanhandlung ist eine Mischung aus Erdachtem und Erlebtem, aus Traum und Wirklichkeit. Am Ende der Traumreise in das „endlose Land der Schwarzfüße tief im Wilden Westen“ hat sich viel verändert. Der Sehnsucht nach einem Traumland ist der ernüchternde Blick auf die harte Realität gefolgt. Es ist schwierig, ohne Verlust aus der schwierigen Zeit herauszukommen. Pestums Botschaft an die jungen Menschen, die er im Roman „Der Hurone“ exemplarisch formuliert hat, lautet:
„Lass dir deine Träume nicht rauben, pass dich nicht einfach an, entscheide selber über deine Zukunft, lebe dein Leben, steh zu deinen Entscheidungen, auch wenn es Schwierigkeiten gibt.“ (zitiert nach Hallenberger S. 190).
Diese Botschaft ist aktuell wie eh und je! Seine Tochter Sarah Bosse über ihren Vater: „Wenn seine Geschichten noch möglichst lange in dieser Welt weilen und weitergetragen werden, wäre er darüber sicher sehr glücklich.“ (E-Mail an den Verfasser vom 11.07.2023).
FJG
Kommissar Katzbach (14 Bände)
Luc Lucas (10 Bände)
N & K. Die Detektive (7 Bände)
Geschichten vom Paul (4 Bände)
Der Pferdehof im Münsterland (6 Bände)
Die Großstadtfüchse (6 Bände)
Weihnachtskrimi-Reihe (15 Bände)
Bilderbücher (22 Titel)
Hörspiele für die Reihe „Der grüne Punkt“ des SDR (ca. 20 Stück)
Weitere Kinder- und Jugendbücher (76 Titel)
1970: Bestenliste des Deutschen Jugendbuchpreises für „Kater und die rote Katze
1974: Preis der Akademie für Jugendliteratur (Arbeitsstipendium)
1977: Bestenliste des Deutschen Jugendbuchpreises für „Zeit der Träume“
1990: Adolf-Grimme-Preis für die Fernsehserie „Brausepulver“ des ZDF
2001: Rheinischer Literaturpreis Siegburg