Hunke, Heinz

Von Borbeck über Afrika nach Rom – der verschlungene Lebensweg eines Borbecker Jungen

Im Folgenden soll der Lebensweg eines Borbecker Jungen nachgezeichnet werden, der im Januar 1937 in der Haus-Berge-Straße in Bergeborbeck begann und nach einem Umweg über Namibia in die Via Tunisi in Rom führte, wo er im Februar 2025 zu Ende ging. Er verließ Borbeck als katholischer Messdiener in St. Dionysius, wurde Ordenspriester und Missionar im Orden der Makellosen Empfängnis Maria (O.M.I.), verließ den Orden, heiratete und lebte zuletzt als Stadtführer und Reiseleiter in Rom. Hier nun der Weg im Detail.

Biografische Angaben bis zum Beginn der Missionstätigkeit

Heinz Hunke wurde am 21. Januar 1937 als Sohn der Eheleute Hermann und Agnes Hunke geb. Westrup in der Haus-Berge-Straße 63 in Essen- Bergeborbeck geboren. Die Eltern hatten am 13.08.1935 geheiratet. Ein Jahr nach Sohn Heinrich (Heinz) kam im Juli 1938 die Tochter Gertrud zur Welt. Der Vater war Dreher bei Krupp. Später zog die Familie in die Krupp-Siedlung in der Johann-Kruse-Straße in Essen-Borbeck. In Borbeck ging Heinz Hunke zur Volksschule. In Borbeck erlebte er auch die Schrecken des Krieges und die Nöte der Nachkriegszeit. Seinen Eltern lag das Wohl und die Zukunft ihres Sohnes am Herzen. Sie waren nicht gerade arm, lebten aber doch in eingeschränkten finanziellen Verhältnissen. Viele Familie versuchten damals, die finanzielle Belastung dadurch zu verringern, dass sie ihre Kinder einem geistlichen Orden anvertrauten.

Dass sie ihren Sohn zum Orden der Oblaten schickten, hat möglicherweise damit zu tun, dass es schon einige aus Borbeck stammende Jungen gegeben hatte, die Oblaten geworden waren, beispielsweise die Brüder Johannes (1907-1980) und Rudolf Maria Koppmann (1913-2007). Zudem war der Orden der Hünfelder Oblaten in Borbeck durch das Kloster St. Immaculata und das Exerzitienhaus St. Augustinus in Borbeck schon lange präsent. Das alles könnte die Eltern Hunke bewogen haben, ihren elfjährigen Sohn in die Obhut der Oblaten zu geben. Ob der Sohn an dieser Entscheidungsfindung beteiligt war, ist nicht bekannt.

Am 12. April 1948 verließ Heinz Hunke das Elternhaus im beschaulichen Borbeck und begann eine lange Reise durch die Welt mit wechselnden Stationen. Die erste Station war das Oblaten-Konvikt in Schiefbahn bei Krefeld, aus dem später das St. Bernhard-Gymnasium wurde. Hier begann 1948 für den Sextaner Heinz Hunke die gymnasiale Schullaufbahn. Er blieb bis zur Oberprima Schüler des Konvikts, wechselte ans Städtische Gymnasium in Borken (Westfalen) und machte dort das Abitur. Das war im Jahr 1957. Im Mai des gleichen Jahres trat der frischgebackene Abiturient Heinz Hunke in Maria Engelport bei Treis-Karden an der Mosel in den Orden der Hünfelder Oblaten ein.

Nun begann der übliche Ordensweg. 1958 legte er die Ersten Gelübde und nach philosophisch-theologischen Studien zunächst in Hünfeld und dann an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom 1961 mit Abschluss als Lizentiat der Theologie die Ewigen Gelübde ab. 1964 wurde er in Rom zum Priester geweiht. Die Primiz feierte er 1965 in seiner Heimatgemeinde St. Dionysius in Essen-Borbeck. Da war P. Heinz Hunke 28 Jahre alt.

Ob es immer schon sein Wunsch gewesen ist, Missionar zu werden, ist nicht bekannt. Vielleicht hat dabei P. Rudolf Maria Koppmann eine Rolle gespielt, der bereits 1939 als Missionar nach Südwestafrika (Namibia) gegangen war und 1961 im Rang eines Bischofs zum Apostolischen Vikar der Diözese Windhuk ernannt worden war. So oder so – 1965 schickte der Orden den jungen P. Hunke für ein Jahr nach Südwestafrika, das 1968 offiziell in Namibia umbenannt wurde, um dort Erfahrungen zu sammeln und zu prüfen, ob er als Missionar im fernen Afrika seine Erfüllung finden könnte.

Offenbar mit Erfolg. Jedenfalls rief ihn der Orden zur weiteren Ausbildung nach Deutschland zurück. Von 1966 bis 1968 absolvierte er in München und in der Katholischen Hochschulgemeinde in Köln spezielle Aufbaustudien. Nach Abschluss der Studien begann Anfang des Jahres 1969 für P. Heinz Hunke das Abenteuer Namibia. Da war er gerade mal 32 Jahre alt.

Mit welchen Erwartungen und Hoffnungen P. Hunke seine Mission in Afrika begonnen hat, ist nicht bekannt. Es ist ziemlich sicher, dass er sich in dieser Hinsicht an P. Rudolf Maria Koppmann orientiert hat. Wie sein späterer Weg offenlegt, hat er vieles von dem, was Bischof Koppmann anlässlich seiner Bischofsweihe am 11. Mai 1957 zur politischen Situation in Südwestafrika (Namibia) gesagt hat, auf die Fahne geschrieben.

„Eine Apartheit im Sinne der Regierung machen wir nicht mit. Denn ein schwarzer Priester ist genauso Priester wie ein weißer. Die Regierung duldet aber nicht, dass schwarze und weiße Priester zusammen an einem Tisch sitzen. Nicht einmal darf ein einheimischer Bischof an einem Bankett der Weißen teilnehmen. Auch dass keine getrennten Gottesdienste von Schwarzen und Weißen in der gleichen Kirche nacheinander stattfinden dürfen, geht zu weit. Dagegen steht das Gesetz Christi, dagegen steht der Geist der Liebe.“

Die Jahre in Namibia

P. Hunke nahm sich diese programmatischen Worte des Bischofs zu Herzen. Er machte sie zum Maßstab seines Handelns. 1970 war er als Lehrer an einer Katechismus-Schule in Tondoro tätig, einer Siedlung in der Region Kavango West im Norden Namibias, unmittelbar am Fluss Okavango, der die natürliche Grenze zu Angola bildet. Die Missionsstation im Norden Namibias liegt etwa 20 km südöstlich von Nkurenkuru. Gegründet wurde sie 1927 vom Hünfelder Oblaten P. Weilhöfer. 1973 wurde er zum Provinzial der Ordensprovinz ernannt. Er lernte die Sprache der einheimischen Bevölkerung und setzte sich wiederholt für politische Gefangene ein, die von der südafrikanischen Regierung gefoltert wurden und mit dem Tode bedroht waren. Damit machte er sich bei den Machthabern, der weißen Bevölkerung und den Befürwortern der Apartheid innerhalb der katholischen Kirche höchst unbeliebt. Er fand in Namibia politische, soziale und wirtschaftliche Verhältnisse vor, die seiner christlichen Grundüberzeugung und seinem missionarischen Ethos diametral entgegenstanden.

Politische und soziale Situation in Namibia

Die Fragen, mit denen er sich auseinandersetzte, hießen: Wie geht die katholische Kirche in und mit einem politischen System um, das auf Rassismus und Unfreiheit basiert? Kann und darf sich das Christentum auf ein politisches System einlassen, das Rassentrennung praktiziert und Menschenrechte verweigert? In den kirchlichen Institutionen herrschte zu seiner Zeit in Namibia noch der Geist eines „imperialen Christentums“ und eines „christlichen Nationalismus“, der für die Politik der Apartheid empfänglich war. Das lag an der damals herrschenden Grundauffassung der Kirche, dass man die gesetzlichen Bestimmungen der Apartheid-Politik nicht grundsätzlich in Frage stellen, sondern versuchen sollte, sie „menschlich“ umzusetzen und sie den Schwarzen gegenüber als beste alle Lösungen zu „verkaufen“. So konnte man vor sich und der Welt behaupten, es gebe in Namibia keine Rassendiskriminierung, sondern nur eine Rassentrennung.

Nach Auffassung von P. Hunke stimmte die katholische Kirche bei aller Kritik an einzelnen Missständen im Bemühen um verträgliche Beziehungen mit der Apartheidpolitik der Regierung grundsätzlich überein. Mit seiner engagierten und öffentlichen Kritik an den bestehenden Apartheid-Strukturen und insbesondere an der latenten Rechtsunsicherheit im Lande musste P. Hunke über kurz oder lang mit der weltlichen Obrigkeit und mit der zur „Versöhnung“ tendierenden Kirche kollidieren. Im „Offenen Brief“ aus dem Jahre 1971 an den südafrikanischen Premierminister Vorster stellte sich die lutherische Kirche erstmals öffentlich gegen die Anwendung der Apartheid-Doktrin in Namibia. Die Verfasser des Briefes nannten die Apartheid-Doktrin eine grobe Verletzung der Menschenwürde, da sie die Not der einheimischen Menschen in Südwestafrika zur Folge habe. Man wollte sich nicht länger mit den Symptomen beschäftigen, die das Apartheidsystem am Leben hielten, vielmehr sollte es um die Aufdeckung der strukturellen soziopolitischen und sozioökonomischen Ursachen des Unrechtsystems gehen.

Auch die katholische Mission wandte sich öffentlich gegen die Regierung von Südafrika. Bischof Koppmann bekundete im August 1971 die Solidarität der katholischen Kirche mit den schwarzen lutherischen Kirchenführern. Damit war ein erster vorsichtiger Schritt aus der scheinbar politischen Neutralität hin zu einer politischen, realitäts- und praxisorientierten Mission vollzogen, die ihren Blick auf den situativen soziopolitischen Kontext richtete. Es dauerte aber noch lange, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, dass Apartheid nicht von „bösen“ Menschen ausgeht, sondern eine institutionalisierte und auf bürokratischem Wege gleichsam „legal“ erfolgende Ungerechtigkeit und Unterdrückung war. Das hatte P. Hunke längst erkannt und das machte ihn für das Regime und auch für die Kirche, in der das längst nicht alle so sahen, zum erklärten Gegner. Ihm ging es nicht um eine Humanisierung des Systems der Rassentrennung, sondern um dessen Bekämpfung.

P. Hunkes Kampf gegen die Apartheid

Als es 1974 an der Nordgrenze Namibias zu Unruhen kam und man bewaffnete Angriffe der Volksbefreiungsarmee Namibias (PLAN) befürchtete, kam es auf dem ersten Provinztag der Oblaten-Missionare in Döbra (Missionsstation in den Erosbergen, ca. 25 km nördlich von Windhuk, Zentrum des Widerstands gegen die Apartheid) zu heftigen Diskussionen über die sozialen und politischen Implikationen der Evangelisierung in Namibia diskutiert. Zusammen mit anderen Priestern und Missionaren unterzeichnete P. Hunke auf der Schlussfeier des Heiligen Jahres am 1. Advent 1975 in Windhuk das „Manifest der Versöhnung“, das eine entscheidende Wende in der Haltung der Oblaten-Mission zur Apartheid signalisierte.

In diesem von einer Gruppe von Priestern und Missionaren verfassten Manifest bekannten die Unterzeichner, ihre missionarische Aufgabe nicht dem Auftrag des Evangeliums gemäß erfüllt zu haben. Erstmals forderten Repräsentanten der katholischen Kirche Namibias öffentlich freie, allgemeine und kontrollierte Wahlen und gleiche Rechte für allen Menschen im Lande. Der Aufruf sorgte in der katholischen Kirche für heftige Diskussionen und für eine Polarisierung zwischen „politischen“ und „unpolitischen“ Gruppierungen. Ein Jahrzehnt später äußerte sich der damalige Generalvikar der Diözese Windhuk, P. Bernhard Nordkamp, in seiner Rede vom 26. Juli 1985 zum Verhältnis der katholischen Kirche zur Politik folgendermaßen:

„Es ist nicht Aufgabe der Kirche als politische Partei zu fungieren und zu operieren, aber es entspricht durchaus ihrer prophetischen Sendung und Verpflichtung, sich dort in die Parteipolitik ‘einzumischen‘, wo die Würde, die Freiheit und die fundamentalen Rechte des Menschen auf dem Spiel stehen.“ [Jura 580].

Ein Streitpunkt, der den Konflikt zusätzlich verschärfte, war der sogenannte Swakopmunder Prozess“ vom November 1975. P. Hunke hatte sich als Gefängnisseelsorger für sechs Namibianer, Angehörige der Befreiungsbewegung SWAPO, eingesetzt, die in einem Schauprozess wegen Terrorismus und Beteiligung an einem Mord angeklagt und verurteilt worden waren, zwei von ihnen zum Tode: Aaron Mushimba und Hendrik Shikongo. Die Gespräche mit den Häftlingen und detaillierte Berichte über ihre Folterungen veranlassten P. Hunke, öffentlich für eine offizielle Untersuchung der Anklagen einzutreten. Die Nutzung des Vorplatzes der Kathedrale in Windhuk für seine Protestaktion wurde ihm von den zuständigen kirchlichen Amtsträgern verweigert.

Zur Vermeidung eines offenen Konflikts mit der Regierung und einer Eskalation innerhalb der Kirche berief Bischof Koppmann auf Vorschlag von P. Hunke eine Priesterkonferenz des Vikariats Windhuk in Grootfontein ein. Auf dieser Priesterkonferenz im Juli 1976 sollte gemäß Tagesordnung unter anderem über die politische Dimension des Missionsauftrags der Oblaten diskutiert werden.

Dazu kam es jedoch nicht, weil das heiße Thema der Tagung „Die politische Implikation in unserem Missionsauftrag in dieser Zeit und die pastorale Situation und Planung für die Zukunft“ nach scharfer Kritik an den „politisierenden“ Geistlichen per Mehrheitsbeschuss von der Tagesordnung abgesetzt wurde. P. Hunke empfand den Mehrheitsbeschluss der Synode als Misstrauensvotum an seiner Amtsführung als Provinzialoberer und bot der Generalverwaltung in Rom seinen Rücktritt an. Diese lehnte das Angebot jedoch ab. Als Zwischenergebnis der internen Diskussion teilte Bischof Koppmann in einem Hirtenschreiben vom November 1976 an die weiße Gemeinde mit:

„Nach den gefassten Beschlüssen, in kurzer Zeit eine mehrrassige Interimsregierung zu bilden, müssen wir uns nun Gedanken machen, wie wir unsere öffentlichen Einrichtungen weiterführen sollen, um die bisher noch geltenden Praktiken des Apartheidsystems auszuschalten. Es ist allerhöchste Zeit, wenn wir als Kirche hier im Lande und vor der Weltmeinung überhaupt noch glaubwürdig bleiben wollen. Mit Rücksicht auf die Weißen haben wir bisher mit dem Apartheidsystem leben müssen, obwohl es von der südafrikanischen Bischofskonferenz wiederholt als unchristlich verworfen wurde. Können wir es deshalb noch weiterhin verantworten, unsere öffentlichen Einrichtungen nur auf „Druck von oben“ hin auch weiterhin nur einer bevorzugten Bevölkerungsgruppe zur Verfügung zu stellen? Überall öffnen sich neue Wege und Möglichkeiten. Sollen wir als Kirche immer hinterher hinken und uns von anderen weltlichen Einrichtungen rechts überholen lassen? Nein, wir müssen unsere Einrichtungen grundsätzlich allen ohne Unterschied der Hautfarbe zugänglich machen.“ [Hunke: Namibia. Mission der Oblaten 174].

Ausweisung 1978 und Reaktionen

P. Hunke, der zunehmend zum Einzelkämpfer wurde, ließ in seinem Einsatz für die Armen und Unterdrückten nicht nach. Seine öffentliche Kritik an der Regierung Südafrikas führten schließlich dazu, dass der damalige Generaladministrator Namibias Marthinus Theunis Steyn (1920-1998) am 14. Juli 1978 den Ausweisungsbefehl erteilte. Innerhalb weniger Stunden musste P. Hunke das Land verlassen.

Sein Abschiedsbrief vom 19. Juli 1978 (s. Anhang) ist das eindrucksvolle Zeugnis seines Mutes und seiner Standhaftigkeit. Es ist zugleich ein klares Bekenntnis zu Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Den Grund für alle Verleumdungen und Anfeindungen gegen sich und seine Mitstreiter sah P. Hunke im immer noch andauernden Kolonialkrieg, der durch eine überkommene Form eines imperialistischen Christentums gerechtfertigt werde, das die Wirklichkeit verdrehe und eine unterdrückte Bevölkerung der Gewalt und der Rebellion beschuldigte. Dem Vorwurf, er sei „Kommunist“ gewesen, erteilte P. Hunke eine klare Absage:

„Ich verabscheue alle Formen des Faschismus, ob der Rechten oder der Linken: Sie spielen sich nur gegenseitig in die Hände, klagen sich gegenseitig an und rechtfertigen sich gegenseitig.“

P. Hunke schloss seinen Abschiedsbrief mit den Worten: „Ich suche ein anderes Christentum. Auf Wiedersehen! Gott lebt!“

Dann verließ P. Hunke Namibia. Am 18. Juli 1978 nahm er schon in Zivil mit Anzug und Krawatte Abschied von den Mitbrüdern, Mitschwestern und Gläubigen. Sie protestierten stumm gegen die Ausweisung. Auf einem Plakat stand: „Kindern, Müttern, Gläubigen wurde ein Seelsorger weggenommen“.

Die Reaktionen auf seine Ausweisung ließen nicht lange auf sich warten. Bischof Koppmann machte in seinem Hirtenbrief vom August 1978 deutlich, dass sich P. Hunke zu keiner Zeit in die Politik eingemischt habe. Ihm sei es ein Anliegen gewesen, den Unterprivilegierten, den unter ungerechten Gesetzen Leidenden und den zu Unrecht Inhaftierten menschlichen Beistand und priesterliche Hilfe zuteilwerden zu lassen. Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende der Südafrikanischen katholischen Bischofskonferenz in einer Presseerklärung. Darin kritisierte er die ohne jede Begründung erfolgte Ausweisung. Wörtlich sagte er:

„Ich kannte Pater Heinz Hunke rund zwanzig Jahre, und alles, was ich von ihm weiß, weist darauf hin, dass er ein vollkommener aufrichtiger und ehrlicher Mann Gottes ist; zugestandenermaßen ein unangenehmer Mann, wenn es um Gerechtigkeit und Quälereien geht, und sich jene, die die Autorität besitzen, ungenügend damit befassten.

Es nützte alles nichts. P. Hunke flog zunächst zur Berichterstattung beim Generalrat der Oblaten nach Rom, reiste von dort zur Zentrale der deutschen Ordensprovinz in Mainz, wo er am 25. Juli 1978 den Provinzial P. Norbert Hötzel über die Vorgänge informierte. Am Tag darauf fuhr er weiter zum Exerzitienhaus der Oblaten „Augustinum“ in seiner Heimatstadt Essen, wo er Zeit fand, darüber nachzudenken, wie es mit ihm weitergehen könne. Das Ergebnis seines Nachsinnens war ein radikaler Schnitt – der Bruch mit der katholischen Kirche und dem Orden der Oblaten.

Zeit nach der Laisierung

1979 stellte P. Hunke den Antrag auf Laisierung (Rückversetzung in den Laienstand), die 1995 rechtskräftig wurde. Am 25. April 1979 verzog er nach Rom. Hier lernte er eine Italienerin kennen, Tochter der traditionsreichen römischen Hoteliersfamilie Alimandi, und heiratete sie. Die Familie Alimandi führte unter anderem das Hotel Alimandi Tunisi im Stadtteil Prati in unmittelbarer Nähe zu den Vatikanischen Museen, das später in „Hotel Museum“ umbenannt wurde.

In Rom soll Heinz Hunke nach seiner Liaisierung in einem „Institut für Afrikanische Theologie“ tätig gewesen sein, über das nichts Näheres bekannt ist. Später hat er viele Jahre als staatlich geprüfter Fremdenführer und Reiseleiter abseits des Massentourismus für Rom und Umgebung gearbeitet. Rom bezeichnete Heinz Hunke als seine Wahlheimat. Auf der Homepage des Zentrums für Stadtführer und Reiseleiter (CAST) schrieb er über sich selbst:

„Aus dem Essener Kohlenrevier. Seit über 30 Jahren Bürger Roms, mit großer Leidenschaft für diese Stadt, die ich jeden Tag neu erlebe, vor allem wenn ich es mit vielen Menschen, die Auge, Ohr und Herz offen haben, gemeinsam tue. Es ist mein Ehrgeiz, sie auf eine Fährte zu setzen und dabei zu begleiten, die über 3000 Jahre alt ist und ihre Spuren überall hinterlassen von einer Vergangenheit, die nie vergangen ist, darum zu Recht die ewige Stadt.“

Dort ist Heinz Hunke im Februar 2025 ist gestorben. Er wurde auf eigenen Wunsch eingeäschert. Die Asche wird von seiner Frau Anna aufbewahrt.

Er ist aufrecht und unbeirrbar einen weiten Weg gegangen von Essen-Borbeck über den Norden Namibias bis nach Rom. Hier hat er bleibenden Eindruck hinterlassen. Das bezeugt das Schreiben von Paolo Alimandi, dem Bruder von Hunkes Ehefrau Anna:

Guten Abend von der Familie Alimandi.

Vielen Dank für Ihr Interesse an Herrn Heinz Hunke. Leider haben wir nicht viele Informationen über seine Biografie, da unsere Schwester Anna Alimandi (91 Jahre), die Ehefrau von Heinz Hunke, in einem schlechten Gesundheitszustand ist und sich nicht mehr an ihre Vergangenheit erinnern kann. Wir können nur bestätigen, dass er ein ausgezeichneter Reiseleiter war und über ein umfangreiches Wissen über die römische, mittelalterliche und Renaissance-Geschichte sowie über die Religion verfügte. Wir glauben, dass er etwa 35 Jahre lang ausschließlich in Rom als Reiseleiter tätig war. Alle schätzten seine Menschlichkeit und Gelassenheit, mit der er klar und lehrreich erklärte. Er war ein einfacher und unabhängiger Mensch, aber immer bereit, zahlreiche Gruppen von Touristen und Pilgern durch die Ewige Stadt zu führen. Er starb am 18. Februar 2025 nach nur etwa 25 Tagen im Krankenhaus an Atemversagen. Seit etwa zwei Jahren hatte er sich bereits als Reiseleiter zurückgezogen. Wir werden ihn immer in liebevoller Erinnerung behalten als einen großartigen, einfachen, aber sehr intelligenten Menschen.
Die Familie Alimandi

Dem ist nichts hinzufügen.

Franz Josef Gründges

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Anhang: Abschiedsbrief von Pater Heinz Hunke

Der General-Administrator hat mir befohlen, ‘das Territorium binnen 96 Stunden nach Erhalt dieser Verfügung zu verlassen‘. Die meisten weißen Bewohner dieses Landes freuen sich darüber. Ich verstehe das, ich sympathisiere mit ihnen. Aber einige haben wohl auch Verständnis für mich. Ich habe ihre Unterstützung und Freundschaft erfahren, seit die Ausweisung der Öffentlichkeit bekanntgegeben wurde. Ich möchte all denen danken, die Ausweisung von Rev. Ed Morrow, seiner Frau Laureen, seiner Tochter Lydia und mir als eine Ungerechtigkeit betrachten. Was kein Diktator, diesem Land von einer ausländischen Macht aufgezwungen, nie deportieren kann, ist das mächtige Beweismaterial der Wahrheit.
Ein Aspekt der Gesamtwahrheit dieses Landes ist z.B., dass ich mich an demselben Morgen, an dem ich meinen Ausweisungsbefehl erhielt, mit Bewohnern dieses Landes traf, die von Sicherheitspolizisten in Windhoek gefoltert worden waren. Einige davon sind bereit, vereidigte Aussagen zu denen hinzuzufügen, die sich schon in den Händen landestreuer Anwälte befinden. Einige Opfer wurden aber gezwungen, Erklärungen abzugeben und zu unterschreiben, während sie sich noch in den Händen ihrer Peiniger befanden, in denen sie versprechen mussten, dass sie niemals bekanntmachen würden, was ihnen widerfahren ist. Diese erniedrigende Verzerrung der Wahrheit und Gerechtigkeit hat in Windhoek, in Uukwangula, in Otavi stattgefunden.
Gerade jetzt ist die ganze zivilisierte Welt über die Gerichtsverfahren und Verurteilungen der mutigen russischen Dissidenten und Verfechter der Menschenrechte Orlov, Ginsburg und Shcharansky, entsetzt. Die russische Regierung hat aufs neue bewiesen, dass aller staatlicher Kommunismus aus seiner inneren Logik heraus notwendigerweise immer stalinistisch, unterdrückend und unmenschlich ist. In unserem Teil der Welt herrscht ein anderes Machtsystem mit einer gegensätzlichen, mit Christentum vermischten Ideologie. Der brutale, unterdrückende und unmenschliche Charakter dieser Mischung unterscheidet sich aber in keiner Weise von dem der UdSSR, außer in den Statistiken. Ich verabscheue alle Formen des Faschismus, ob der Rechten oder der Linken: Sie spielen sich nur gegenseitig in die Hände, klagen sich gegenseitig an und rechtfertigen sich gegenseitig. Menschen wie Leonid Breschnew müssen sich freuen, dass andere von Seiten der unmenschlichen, unterdrückenden Rechten in Wirklichkeit zu der Verbreitung der kommunistischen Heilsbotschaft beitragen, die Botschaft, die oft die einzige Hoffnung derer ist, die von allen anderen im Stich gelassen wurden. Es gibt so viele Menschen in diesem Land, denen ich immer dankbar sein werde, die mit mir gelebt und mir geholfen haben, das zu werden, was ich bin. Ich möchte die Männer und Frauen, die in dem Swakopmunder Prozess angeklagt wurden, erwähnen. Aaron Mashimba, Hendrik Shikongo, Andries Nangolo, Rauna Naminga, Anna Ngihondjwa, Naimi Namboha, Kaino Malwa, Evan Mwandingi, Johannes Zacharias, Sam Shivute. Ich werde immer Viktor Nkandi und seine Frau im Gedächtnis behalten. Nachdem ich die Hölle, durch die sie gegangen sind, verstanden habe, war ich für immer gezeichnet.
Niemand hat mich je zu einer politischen Ideologie oder Partei bekehrt, ich kam nur mit einer ganz anderen Seite der menschlichen Wirklichkeit in Berührung. Seitdem habe ich versucht, die Wahrheit der menschlichen Gegebenheiten anderen mitzuteilen, vor allem denen in verantwortlichen Stellungen. Sie zuckten mit den Schultern, gaben ironische oder zynische Antworten, zweifelten meine Motivierung an, beschuldigten mich der Rachsucht, logen Ausländer unter dem Deckmantel ihres Ehrenwortes an, erklärten, dass ich vom Kommunismus geblendet sei, verbotene Dokumente und detailliertes Beweismaterial besitzen würde und brachten letzten Endes den Ausweisungsbefehl. Um der Wahrheit aus dem Weg zu gehen, klassifizierten sie mich als Kommunisten, weil ich ihnen das Recht absprach, sich wie stalinistische Kommunisten zu benehmen.
Vorläufig bleibt Namibia ein Land, wo systematische Folterungen ein alltäglicher Aspekt des Sicherheitsdienstes sind, wo menschliche Wesen in unbeschreiblicher Weise erniedrigt werden, wo die Einwohner des Landes Entführungen befürchten müssen, wo sie von Landminen getötet oder von unidentifizierten Mördern im Freien erschossen werden können. Der Grund für all dies ist der andauernde Kolonialkrieg, gerechtfertigt durch eine veraltete Form des imperialistischen Christentums, das zynischerweise eine unterworfene Bevölkerung der Gewalt, der Rebellion und des Hilfsappells an Außenseiter beschuldigt Ich suche ein anderes Christentum. Auf Wiedersehen! Gott lebt!

Schriften von Heinz Hunke:

  • Torture, a cancer in our society: A report on torture in SWA (Namibia), hrsg. Catholic Institute for international Relations in cooperation with British Council of Churches, 1978.
  • Namibia. The strength oft the powerless, Rom 1980 (Dossier).
  • Namibia. Ein Jahrhundert der Unterdrückung. Die Rolle der Kirche in Namibia. In: CNN-Information 1/1985; wieder abgedruckt in: VEM- Mitarbeiterbrief 11/1985, S. 7 ff. [VEM – Vereinigte bzw. Vereinte Evangelische Mission].
  • In Südafrika „Theologie machen“. Das Evangelium aus Veruntreuung befreien. In: Wendekreis 1985 (August/September) 1985, S. 12.
  • Kirche in Namibia. Die Kirche wird mit dem Volk identisch. In: Wendekreis (August/September) 1985, S. 16.
  • Namibia. Mission der deutschen Oblaten im Spannungsfeld von Kolonialismus und Befreiungsbewegung. In: Und die gingen sind seinen Weinberg. 10 Jahre deutsche Ordensprovinz der Oblaten der Makellosen Jungfrau Maria (Hünfelder Oblaten), hrsg. v. P. Josef Krasenbrink OMI, Mainz 1995 (S.138-182).
  • Church and state: The political context of the 100 years of catholic mission in Namibia, hrsg. Roman Catholic Church, Windhoek 1996.

 

Quellen

  • Hunke, Heinz: Namibia. Mission der deutschen Oblaten im Spannungsfeld von Kolonialismus und Befreiungsbewegung. In: Und sie gingen in seinen Weinberg. 10 Jahre deutsche Ordensprovinz der Oblaten der Makellosen Jungfrau Maria (Hünfelder Oblaten), hrsg. v. P. Josef Krasenbrink OMI, Mainz 1995 (S.138-182).
  • Kurzbiografien von P. Hunke und Bischof Koppmann, in: Archiv des Klosters der Hünfelder Oblaten.
  • Jura, Guido: Deutsche Spuren in der Kirchen- und Gesellschaftsgeschichte Namibias. (Dissertation), Bochum 2004. (https://hss-opus.ub.ruhr-uni-bochum.de – abgerufen am 29.06.2025).
  • Andreas E. Eckl: Konfrontation und Kooperation am Kavango. (Dissertation), Köln 2004. (https://kups.ub.uni-koeln.de – abgerufen am 08.06.2025)
  • Pittl, Sebastian: Die deutsche Mission und der Völkermord in Namibia. Institut für Weltkirche und Mission, 2025. (https://iwm.sankt-georgen.de/die-deutsche-mission-und-der-voelkermord-in-namibia - abgerufen am 24.06.2025).
  • Die Geschichte der Oblaten in Deutschland von 1895 bis 1995. Broschüre zur Ausstellung, zusammengestellt von P. Günther Kames OMI, Mainz 1995.
  • Borbecker Nachrichten vom 02. Juli 1965: Bericht über die Primizfeier von P. Hunke.
  • Borbecker Nachrichten vom 21. Juli 1978:Bericht über die Ausweisung von P. Hunke.

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