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Diese Kurzbiografie wäre ohne die großartige Vorarbeit des allzu früh verstorbenen Andreas Koerner in dieser Form nicht möglich gewesen. Ihm sei diese Darstellung gewidmet.
August Gunkel wurde am 30. September 1885 in Weißkirchen (heute: Stadtteil von Oberursel) im Obertaunus geboren. Nach Abschluss seines Studiums am Lehrerseminar in Montabaur kam er nach Borbeck. Auf Vorschlag von Direktor Dr. Joseph Cüppers wählte das Schulkuratorium August Gunkel mit Wirkung vom 1. April 1912 zum Elementarlehrer am Gymnasium Borbeck.
Bei seinen Schülern galt der Naturkundelehrer August Gunkel mit seinem gewaltigen Kaiser-Wilhelm-Bart, selbst Vater von sechs Kindern, als liebenswerter Pädagoge und geübter Vogelstimmenimitator. Als engagierter Heimatkundler und Naturschützer leistete er Pionierarbeit. Über seine ungewöhnlichen Kenntnisse in der Vogelwelt schrieb seinerzeit der Dellwiger Heimatdichter Hermann Hagedorn in der Essener Volkszeitung vom 14. November 1934:
„Auguß kennt jeden Vuegel, da Flüegelkes hett on’n Stättken achtern, an’n Gesang, dät es stadtbekannt!“ – „August kennt jeden Vogel, der Flügel hat und hinten ein Schwänzchen, das ist stadtbekannt!“
Die emotionalen Art, in der sich August Gunkel der Natur verbunden fühlte, schlägt sich zuweilen in der Sprache nieder, beispielsweise in seinem Artikel „Der Vogelzug im Essener Gebiet“ (In: Essener Volkszeitung vom 29. September 1931, abgedruckt in: Koerner S. 67/69), in dem er sich einiger Versatzstücke aus völkischer Ideologie und preußischem Militarismus bedient. Der schwarz-weiße Trauerfliegenschnäpper ist bei ihm ein „kleiner Preuße“ und der Buntspecht wegen seines schwarz-weiß-roten Gefieders der „große Reichsvogel“. Die Wildtaubenschwärme bilden eine „leichte Kavallerie“ und die Buchfinkenmännchen lassen ihre „weißen Uniformspiegel“ aufblitzen. Das „Krähenheer“ löst sich auf und bildet „Linienregimenter“. August Gunkels abgrundtiefer Seufzer:
„Das ist ein Ziehen hier oben. Tief in die germanische Seele packte die Sehnsucht.“
Ob die morgendliche Vogelschau auf dem Sportplatz des Gymnasiums Borbeck zwischen 8 und 10 Uhr, von der Gunkel an anderer Stelle schwärmt, auch seine „Quintaner“ (heute: Jahrgangsstufe 6) ergriffen hat und ob deren Augen und Arme beim Flug der Kraniche tatsächlich Richtung Zeche Neukölln flogen, sei dahingestellt. Lehrer Gunkel jedenfalls ist davon fest überzeugt: „Das war ein Morgen! Ein Erlebnis für die Jungens!“ Mitnehmen ins Leben konnten sie auf jeden Fall die von Gunkel mittels Stoppuhr ermittelte Fluggeschwindigkeit der Vögel: 10 Sekunden für 80 Meter.
1927 gründete August Gunkel den Borbecker Verein der Heimat- und Naturfreunde. 1928 veröffentlichte er einen Artikel zum Thema „Heimat und Naturschutz in der Schule“. 1931 verfasste er eine „Denkschrift zur Errichtung einer städtischen Zentrale für die Heimatpflege“. Darin forderte Gunkel eine stärkere Ausnutzung der vorhandenen Kulturschätze, die durch eine ehrenamtlich geführte Zentralstelle an die Unterbezirke der Stadt weitergeleitet werden sollten. Das Projekt scheiterte am Widerstand der etablierten Essener Heimatforscher, die - wie der damalige Vorsitzende des Historischen Vereins für die Geschichte von Stadt und Stift Essen Karl Mews in seinem Beitrag im Dortmunder Generalanzeiger vom 10. September 1931- die Auffassung vertraten, dass Heimatgefühl nicht von einer „Zentrale“ amtlich vermittelt werden könne:
„Heimatgefühl kann nicht von einer ‚Zentrale‘ amtlich übermittelt werden, es will erlebt und erarbeitet sein unter der Führung von heimatkundigen und heimatliebenden Menschen, die opferfreudig, ehrenamtlich, aus uneigennütziger Liebe zur Sache Dienst am Volke tun.“
Der umtriebige August Gunkel ließ sich dadurch nicht beirren. Er hielt weiterhin Vorträge, organisierte Ausstellungen und meldete sich mit immer wieder neuen Ideen zu Wort. Im September 1931 berichtete die örtliche Presse von Gunkels Plan, im Borbecker Schlosspark eine Vogelzucht- und Vogelschutzstation sowie ein Heimatmuseum einzurichten. Auch ein Geflügelhof, Volieren, der Bau einer Jugendherberge und die Durchführung von Borbecker Heimattagen, Schulfesten, Turnspielen und Ausstellungen gehörten zu seinen Ideen, über die ein lebendiges Heimatgefühl – insbesondere in der Arbeiterschaft – vermittelt werden sollte. Da ist es nicht verwunderlich, wenn der Schulleiter Wilhelm Vollmann einen solchermaßen engagierten Lehrer nicht weggeben mochte.
Zur amtlich vorgesehenen Versetzung von August Gunkel schrieb der Direktor im März 1935, man möge davon Abstand nehmen, weil dieser „in besonders erfolgreicher Weise hier den Gedanken des Natur- und Heimatschutzes seit 20 Jahren geweckt und gefördert hat (…).“ Direktor Vollmanns Einsatz war vergeblich. Im März 1936 wurde der Oberschullehrer August Gunkel im Zuge der Arbeitsbeschaffung für Studienassessoren an die heutige Dionysiusschule (damals katholische Volksschule Borbeck I versetzt). Dass ein so leidenschaftlicher Naturschützer und Heimatpfleger auch mal übers Ziel hinausschießen und sich dadurch Feinde machen konnte, belegt Gunkels Einlassung zum Bau der Gimkenhof-Siedlung, durch die seiner Meinung nach die neben dem Schlosspark einzige größere Borbecker Grünfläche, die „Lunge der Gemeinde“ am Düppenberg und Reuenberg, zerstört werde. Sein böser Kommentar:
„Eine lockere, landhausmäßige Siedlung hätte weder das Landschaftsbild zerstört noch das Gelände entwertet und den Spaziergang verleidet. Und jetzt will man, ausgerechnet als Abschluss in unsere einzige größere Grünfläche auf die Höhe eine Primitivsiedlung setzen. (…) Eine Siedlung ohne ausgebaute Wege, ohne Kanalisation, ohne Licht und Wasser ist im Bereich der Großstadt und erst recht im Gelände des Reuenbergs ein Negerdorf in deutscher Heimat.“
Das „Negerdorf“ nahm man ihm in der Siedlung noch lange übel.
Seine Lehrerlaufbahn führte August Gunkel von der kath. Volksschule Borbeck I zunächst zur Evangelischen Volksschule Borbeck III in der Borbecker Str. 20 (Wolfsbankschule), wo er um 1941 unterrichtete. Aus seiner Personalakte geht hervor, dass er in der NS-Zeit einige einschlägige Aufgaben übernommen hat. Sie war er in einer NS-Kulturgemeinschaft Referent für Heimat und Volkstum und von 1934 bis 1936 Kreisreferent für Volksbildung und Schulung in der Deutschen Arbeitsfront. Gleich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten will Gunkel in seinen Erinnerungen aus der Zeit nach 1945 einem NS-Funktionär kräftig die Meinung gesagt haben:
„Ich hatte im Mai 1933 dem Propagandaredner des Nationalsozialistischen Lehrerbundes – Pg. Hillebrand – im öffentlichen Lokale wegen der Beleidigung ‘Du Zentrumslump hast gar nichts mehr zu sagen‘ nach vorheriger Warnung gründlich geohrfeigt. Es folgte ein Verfahren wegen Staatsgefährlichkeit ohne Erfolg.“
Vermutlich wurde Gunkel während des Krieges und auch noch kurz danach in der Kinderlandverschickung eingesetzt. Jedenfalls war er 1946 als Lehrer für evakuierte Schüler aus dem Ruhrgebiet in Kempten (Allgäu) beschäftigt. Im gleichen Jahr erfolgte seine Ernennung zum Rektor einer Volksschule in Bork, Kreis Lüdinghausen. Dort ist August Gunkel am 19. Juni 1952 im Alter von 66 Jahren gestorben. Die Volksschule, an der der Naturliebhaber August Gunkel, unterrichtet hat, ist heute eine Grundschule und heißt „Auf den Äckern“.
Franz Josef Gründges
Quellen:
Lindemann, Klaus: Das Gymnasium Borbeck seit der Kaiserzeit. Essen 2005.
Gründges, Franz Josef: Gymnasium Borbeck 1905-1980. Essen 1980.
Koerner, Andreas: Auguß kennt jeden Vuegel – über die Naturschützer August Gunkel und Karl Oberkirch. In: Borbecker Beiträge 2/2005, S. 64-69 (Gunkel).