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Zuweilen ist es richtig spannend, die Lebenswege von Menschen zu verfolgen, die in Borbeck ihren Ausgang genommen haben. Zu den Persönlichkeiten, die weite (Um-) Wege gegangen sind, gehört zweifellos Albert Britten vom Orden der Oblaten der Makellosen Jungfrau Maria (O.M.I.), Ihn hat es im Laufe seiner knapp 74 Lebensjahre auf verschlungenen Wegen aus der damals noch selbstständigen Gemeinde Borbeck an seinem Lebensabend in ein kleines Gebirgsdorf im Salzkammergut verschlagen.
Geboren wurde Albert Britten am 20. April 1883 als Sohn des Nicolaus Britten, Station-Assistent am Bahnhof in Essen-Borbeck, und der Magdalene, geborene Gross, wohnhaft laut Geburtsurkunde in Borbeck, Station I No. 31. Der Straßenname ließ sich leider nicht ermitteln. Die Schulausbildung absolvierte Albert Britten wegen der dienstlichen Versetzungen des Vaters an wechselnden Orten: in Borbeck, Altenkirchen (Westerwald), Mehrerau (Kloster in Bregenz, Österreich) und zuletzt von 1896-1902 im Juniorat der Oblaten in St. Karl bei Valkenburg (Niederlande). 1902 trat er in den Orden der Oblaten ein, absolvierte das Noviziat in den Jahren 1902/1903, legte 1903 in St. Gerlach bei Valkenburg die ersten Gelübde und 1904 in Hünfeld die ewigen Gelübde ab. Nach den obligatorischen philosophisch-theologischen Studien in Hünfeld wurde er dort 1908 zum Priester geweiht.

1909 und 1910 verschlug es P. Britten als Auslandsseelsorger in die „Katholische Deutsche Mission“ (ein Gesellenhaus) in Brüssel (Belgien). 1910 kehrte er nach St. Karl zurück und wirkte dort bis 1917 als Lehrer für die Ordensjugend. Von 1917 bis 1921 war er – mit einer Unterbrechung 1918/1919 als Feldgeistlicher in Frankreich – vom böhmischen Warnsdorf aus (heute Varnsdorf/Tschechien) als Volksmissionar tätig. Er übernahm die Schriftleitung der Zeitschrift „Jugendsturm“ und war zeitweise Präses des „Verbands der katholischen deutschen Jugend des Sudetenlands,“ der vor dem Krieg von P. Schwane O.M.I. gegründet worden war.
Von 1921 bis 1926 war P. Britten als Volksmissionar wieder in der deutschen Provinz tätig und zwar vom Nikolauskloster bei Neuss aus. In dieser Zeit tauchten – möglicherweise als Folge der Kriegserlebnisse – erste psychische Störungen auf, über die allerdings nichts Näheres bekannt ist. P. Britten soll jedenfalls zuweilen Behauptungen aufgestellt haben, die jeglicher Grundlage entbehrten. Von 1926 bis 1931 war er in Maria Engelport bei Treis-Karden tätig, in Essen-Borbeck übernahm er in dieser Zeit die Aufgabe des Exerzitienleiters.

Exerzitienhaus am Germaniaplatz: 1920 erwarb die Ordensgemeinschaft der Oblaten der Makellosen Jungfrau (O.M.I.) die ehemalige Leimgardt-Villa samt Parkgelände. Das Haus für geistliche Auszeiten machte Borbeck deutschlandweit bekannt und viel genutzt - bis 1927 allein kamen rund 15.000 Kursteilnehmer. 1941 machte dem die Gestapo ein Ende. Gegen die drohende Enteignung richtete man hier kurzfristig eine Zweigstelle des Philippusstifts mit OP-Sälen ein, drei Jahre später wurde das Exerzitienhaus bei einem schweren Luftangriff fast völlig zerstört. Nach dem Wiederaufbau lief der Kursbetrieb wieder an, doch 1969 wurde das Borbecker Exerzitienhaus abgerissen. Heute ist auf dem Grundstück der Mehrgenerationenpark.
1931 kehrte er als Volksmissionar und Ökonom von Altwasser (heute Stará Voda, Tschechien, 1930 ca. 350 Einwohner)) im Karlsbader Land ins Sudetenland zurück. Hier war er als knausriger Ökonom gefürchtet und zugleich als Leiter des Kirchenchors beliebt. In Altwasser verfasste er das St. Anna-Wallfahrtsbuch und leitete vorübergehend die Missionszeitschrift „Der Missionsfreund“.
Von 1933 bis 1939 war P. Britten Superior in Warnsdorf, wo er schon einmal vier Jahre tätig gewesen war. Er kümmerte sich in dieser Zeit um den Bau eines Klosters und um den Klostergarten. Beliebt waren seine Predigten und die Aufführungen des Kirchenchors in der örtlichen St. Karlskirche, bekannt als „Kirche ohne Turm“.
Nach der Zeit in Warnsdorf übernahm er mit Beginn des Krieges 1939 von Altwasser aus die Seelsorge als Pfarrer in den Gemeinden Schönwald (heute Krásny Les/Tschechien) und Rudelzau (heute Rudoltovice/Tschechien). Gegen Ende des Krieges erlebte er in Altwasser die Einquartierung und den Vandalismus von russischen Soldaten im Pfarrhaus, den Brand des Klosters in Altwasser und die Vertreibung aus dem Sudetenland ins Salzkammergut nach Österreich. Auf die schlimmen Erfahrungen in dieser schweren Zeit ist wohl die ausgeprägte Russenphobie zurückzuführen, mit der P. Britten fortan zu kämpfen hatte.
Die erste Unterkunft und Beschäftigung nach dem Krieg fand er 1946 im niederösterreichischen Markt Pottenbrunn nahe St. Pölten. Danach war er in Hallstadt im Salzkammergut und ab 1947 in Steyr-Münichholz als Kaplan und Ökonom tätig. Hier stand er dem damaligen Pfarrer Josef Meindl SJ. nach der Übergabe der Pfarrei an die Oblaten beim Bau des Jugendheims (1948) und des Pfarrhauses (1949/50) zur Seite.
Als sich sein Gesundheitszustand merklich verschlechterte, bat der herzkranke und starken Gemütsschwankungen unterworfene P. Britten um seine Versetzung in das ruhige, in einem weltverlorenen Winkel des Dachsteingebietes gelegene Lauffen bei Bad Ischl an der Traun (Österreich) mit seinen damals knapp 200 Einwohnern und der Wallfahrtskirche „Maria im Schatten“. Über Lauffen heißt es in einem Blog über das Salzkammergut: „Es gibt Orte, die möchte man wachküssen. So einer ist Lauffen“. In dieser kleinsten Pfarre im Dekanat Bad Ischl wirkte P. Britten von 1950 bis 1953. Dann zog es ihn auf eigenen Wunsch nach Gosau, wo er bis zu seinem Tod 1955 die Seelsorge in der kleinen Pfarre übernahm und seine Predigten in der dem hl. Sebastian geweihten Dorfkirche hielt. In Gosau führten „Kreuzschwestern“ ein Haus für Waisen- und Flüchtlingskinder. P. Britten lebte in dem kleinen, leeren Pfarrhaus wie ein Einsiedler seine Mahlzeiten nahm er im Pfortenzimmer des Waisenhauses ein.
Gosau war zu dieser Zeit ein kryptoprotestantischen Dorf mit wenigen Katholiken am Rande des UNESCO-Kulturerbes Hallstadt-Dachstein-Salzkammergut. In diesem Dorf hatte sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine fast geschlossene evangelische Gemeinde entwickelt. Noch heute gibt es in der Nähe den sogenannten „Bibelweg“ von Goisern nach Gosau aus der Zeit der Gegenreformation. Der Weg führt unter anderem zur Kalmooskirche, einer Felshöhle unweit der Goiserner Hütte, in der die Protestanten heimlich Gottesdienste abhielten.
In diese abgelegene Diaspora hatte sich der kranke P. Britten zurückgezogen. Alle zwei Wochen besuchte er, wenn die Wege frei waren, per Autobus seinen Mitbruder in Lauffen. In den Wintermonaten waren sie selten frei. Tatsächlich hat Gosau bis heute den Ruf eines „Schneelochs“, wo Neuschneemengen von bis zu knapp zehn Meter Höhe keine Seltenheit sind. Neben den seelsorgerischen Pflichten widmete sich P. Britten der Musik und Schriftstellerei. Beispielsweise arbeitete er an der Zusammenstellung des Hünfelder Gesangbuchs mit, später machte er sich um die Herausgabe der Werke von P. Simon Scharsch (OMI-Provinzial von 1895 bis 1904) verdient.
Nach zwei Jahren in Gosau brach P. Britten am 16. Januar 1955 nach dem Sonntagsgottesdienst zusammen. Der Pfarrer von Goisern (Traunviertel, Salzkammergut) brachte ihm nach einem langen Marsch über die Berge die letzte Ölung. Kurze Zeit später ist P. Britten am 31. Januar 1955 im Krankenhaus in Ischl (Salzkammergut) gestorben. Begraben wurde er auf dem Friedhof von Lauffen, dessen Friedhofskreuz dem vorbeifahrenden Dichter Nikolaus Lenau angeblich die Anregung zu seinem Gedicht „Lieblich war die Maiennacht“ gegeben haben soll.
FJG
Quellen:
Archiv der Hünfelder Oblaten
Missionsbrief der Oblaten 84.Jg./ Nr. 291 v. März/Sept. 1957 (Northwestern University, Evanson, Illinois)
Archiv im Haus der Essener Geschichte (Stadtarchiv)
Homepage der Gemeinde Gosau (gemeinde@gosau.ooe.gv.at)
Homepage der katholischen Pfarrgemeinde (pfarre.gosau@dioezese-linz.at)