Berghaus, Fritz

Fritz Berghaus ist 1929 in Essen zur Welt gekommen. Hier erlebte er die Zeit des Nationalsozialismus und erfuhr hautnah die Schrecken des Krieges in seiner Heimatstadt. Als die Schulen in Essen im März 1943 geschlossen wurden, kam der junge Fritz Berghaus im Rahmen der sogenannten Kinderlandverschickung in das damalige Protektorat Böhmen und Mähren und anschließend bis Kriegsende in die Uckermarck. Nach der Rückkehr aus der Kinderlandverschickung besuchte er wieder eine Schule in Essen. 1950 machte er am Gymnasium Essen-Borbeck das Abitur. Danach absolvierte Fritz Berghaus ein Studium der Theologie. Die erste Tätigkeit in seinem Vikariat war die eines Schiffsseelsorgers. Anschließend war er in Oberhausen-Osterfeld und in Oberhausen-Schmachtendorf als Gemeindepfarrer tätig.

Zusammen mit der Oberhausener Oberbürgermeisterin Luise Albertz initiierte Fritz Berghaus eine Initiative, die am 6. Juli 1967 zur Gründung des Vereins „Aktion Friedensdorf e.V.“ führte. Der Verein setzte sich zum Ziel, denjenigen Kindern ärztliche Hilfe und pädagogische Betreuung zukommen zu lassen, die zu Opfern von Kriegen, insbesondere des Kriegs in Vietnam geworden waren. Mit dieser Hilfsaktion wollte man überdies ein wichtiges friedenspolitisches Zeichen setzen. Gründungsmitglied Fritz Berghaus übernahm in den ersten Jahren den Vorsitz des Vereins.

Im Sommer 1967 wurden die ersten 18 kriegsverletzten vietnamesischen Kinder mit einer Sondermaschine der Bundesluftwaffe zur medizinischen Behandlung nach Deutschland ausgeflogen. Einige Kinder kamen zu Pfarrer Fritz Berghaus in das gerade erst gegründete „Friedensdorf“ in Oberhausen. Ihre Ankunft warf Fragen auf: Was würde mit den Kindern geschehen, wenn die medizinische Behandlung abgeschlossen war? Wer würde ihre Betreuung übernehmen, bis sie wieder nach Vietnam zurückgeflogen werden könnten?

Überlegungen, Kinder in privaten Familien unterzubringen, wehrte Pfarrer Berghaus damals ab, wie sich Richard David Precht erinnert:

„Pfarrer Berghaus war ein großer Mann, Mitte vierzig, und seine nette ruhige Art war so freundlich wie geübt. Er erklärte meiner Mutter, dass sie kein Kind in ihre Familie holen konnte. Die Kinder sollten im Friedensdorf bleiben, hier waren sie unter sich, und für alle medizinische Versorgung und nachträgliche Betreuung war gesorgt.“

Auf einem Gelände, das die Hüttenwerke Oberhausen AG in Schmachtendorf zur Verfügung gestellt hatte, entstanden mit Hilfe vieler ehrenamtlicher Kräfte nach und nach Unterkünfte für Kinder, die nach der ärztlichen Behandlung weitere Betreuung benötigten, sodass schon im Dezember 1967 die ersten vietnamesischen Kinder in das Friedensdorf einziehen konnten.

Neben der Einzelfallhilfe für verletzte und kranke Kinder übernahm das Friedensdorf die Planung und Organisation von Hilfsprojekten in Kriegs- und Krisengebieten zur Verbesserung der medizinischen Versorgung vor Ort. So entstanden in verschiedenen Krisengebieten orthopädische Lehrwerkstätten und andere Einrichtungen für die medizinische und humanitäre Versorgung.

Am 20. November 1975 konnte Pfarrer Berghaus Bundespräsident Walter Scheel im Friedensdorf begrüßen. Nach dem Rundgang sagte der Bundespräsident tief beeindruckt: „Die Aktion Friedensdorf ist ein Gütezeichen unseres Landes.“

Im gleichen Jahr geriet das Friedensdorf nach dem Ende des Vietnamkriegs in eine bedrohliche Krise. Es ging dabei um die Frage, was mit den etwa 120 vietnamesischen Kindern nach dem Abschluss ihrer medizinischen Behandlung in Deutschland geschehen sollte. Durfte man in ein Land schicken, das nach der Wiedervereinigung unter nordvietnamesischer kommunistischer Führung stand? Fritz Berghaus nahm in dieser auch ideologisch geführten Frage den Standpunkt ein, dass unter den gegebenen Umständen kein Kind gegen seinen Willen nach Vietnam geschickt werden dürfe.

Als der Konflikt eskalierte und der Spendeneingang dramatisch zurückging, entschloss man sich auf der Grundlage einer neuen Organisations- und Leitungsstruktur dazu, die Kinder in Deutschland zu integrieren und ihnen gleichzeitig die heimatliche Kultur zu erhalten. Das war ein ehrgeiziger Weg und schwieriger Spagat, der nicht immer gelang, wie der langjährige Dorfleiter Ronald Gegenfurtner am Tag des 40. Geburtstags des Friedensdorfs im Juli 2007 selbstkritisch äußerte: „Heute müssen wir sehen, dass wir in vielen Fällen die Kinder zerrissen haben.“

Das Friedendorf Bildungswerk ist heute anerkannter Träger der Familienbildung in Nordrhein-Westfalen mit den Arbeitsschwerpunkten Friedenspädagogik, Entwicklungspolitik, interkulturelle Begegnungen und globales Lernen für Familien, Schulklassen und Erwachsene. 2001 wurde die Friedendorf Stiftung ins Leben gerufen. Aus ihren Zinserlösen werden Hilfsprojekte in Krisengebieten unterstützt.

Seit der Gründung lebt der Verein von Spenden. In einem der ersten Spendenaufrufe war zu lesen: „Eine Schachtel Zigaretten weniger rauchen – eine Zeitschrift nicht kaufen – zwei Biere weniger trinken – einmal im Monat an das Kinderdorf im Brink denken. Hilf mit! Mit einer Mark bist Du dabei! Werde Mitglied!“

Aktuell (Mitte 2020) bangt das Friedensdorf um seine Existenz. Um weiterarbeiten zu können, benötigt es rund 5 Millionen Euro an Zuschüssen und Spenden, um die Kinder, die heute überwiegend aus Afrika, Zentralasien und Afghanistan kommen, medizinisch zu versorgen, zu betreuen und in ihre Heimat zurückzuführen.     

Fritz Berghaus, der von 1967 bis 1976 Gründungsvorsitzender und anschließend bis zu seinem Tod Präsident des Friedensdorfs gewesen ist, starb 1985 im Alter von 56 Jahren, nachdem er drei Jahre zuvor auf eigenen Wunsch aus dem Pfarrdienst ausgeschieden war. (FJG)

Quellen: www.friedensdorf.de  - (20.06.2020) – Wolfgang Sykorra: Von der Penne in die Welt. Borbecker Porträts, hg. v. Lothar Böning. Essen 2013. – http://de.wikipedia.org./wiki/Friedensdorf_International. (Abgerufen am 20.06.2020). – Richard David Precht: Lenin kam nur bis Lüdenscheid. Meine kleine deutsche Revolution. Berlin 2011.

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