1900-1950: Kaiserreich und Kriege

Borbeck verändert sein Gesicht

Trotz wirtschaftlichen Krisen entwickelt sich Borbeck im 1871 gegründeten Kaiserreich stürmisch und verändert sein Gesicht: Große moderne Geschäftshäuser entstehen, die vor allem von jüdischen Familien rund um den Borbecker Markt errichtet werden. Die Gemeinde greift für prestigeträchtige Bauten tief in die Tasche: 1879 wird das Amtsgericht errichtet, 1900 das Gymnasium, 1913 das Lyzeum, es werden Straßen gepflastert und mit Gasbeleuchtung versehen. Ab 1906 nimmt in Essen die Königliche Kanalbaudirektion die Arbeit auf, um den 38 km langen Rhein-Herne-Kanal zu bauen.

Er schafft viele neue Arbeitsplätze, wird am 17. Juli 1914 in Betrieb genommen und für die Stadt Essen zum Anlass, die Eingemeindung von Borbeck und von Altenessen voranzutreiben. Auch die Fa. Krupp Druck übt Druck auf die Stadt Essen, weil sie Zugang zum eigenen Krupp-Kanalhafen will. Gegen eine Teileingemeindung Vogelheims, wo die Stadt heimlich Grundstücke erwirbt, kann sich Borbeck anfangs noch wehren, wird aber aus wirtschaftlichen Interessen „überzeugt“: Die Bürgermeisterei selbst ist zu notwendigen Investitionen für Hafenanlage, Straßenausbau und Kanalisierung finanziell nicht in der Lage. Nach langwierigen (1906-14) Verhandlungen erfolgt zum 1. April 1915 die Eingemeindung Borbecks nach Essen.

Der kurze Aufschwung in der Gemeinde ist da bereits verflogen. Der Erste Weltkrieg geht jetzt in sein zweites Jahr und bis April 1915 sind schon 300 Borbecker gefallen. Nahrungsmittel und Rohstoffe werden knapp, Frauen müssen als Arbeitskräfte die Männer an vielen Stellen ersetzen. Mühsam erkämpfte Arbeitsschutzrechte werden aufgehoben und mit jedem Kriegsjahr verschlechtert sich die Lage. Bei Kriegsende herrschte Unterernährung, Tuberkulose, hohe Säuglingssterblichkeit. Ab 1920 verteilten amerikanische Quäker und die „Holländische Hilfe für das Deutsche Kind" Mahlzeiten an Essener Kinder. Die unter Hochdruck laufende Kriegsproduktion bricht zusammen und auf Druck der Siegermächte müssen bei Krupp über 40 Prozent der Arbeitsmaschinen zerstört werden. Das Unternehmen stellt die Produktion auf die Herstellung von Lokomotiven und Lastautos um, am Rhein-Herne-Kanal in Vogelheim wird die Kruppsche Hütte mit Martinwerk (1917), Walzwerk (1922) und Hochöfen (1929) errichtet.

Schwerer Start in die Republik

Die politische Situation in der jungen Weimarer Republik ist instabil: Der Kapp-Lüttwitz-Putsch fordert auch in Borbeck Todesopfer: Am 7. April 1920 werden die Borbecker Bergleute Hermann Riesner und Friedrich Lichtenauer am Fliegenbusch durch Freikorps-Soldaten ermordet. Am 11. Januar 1923 besetzen französisch-belgische Truppen das Ruhrgebiet, um Reparationen für Kriegsschäden einzutreiben. Franz Wüstenhöfer, der Generaldirektor der Bergwerksgesellschaft „König Wilhelm", wird mit anderen Wirtschaftsführern verhaftet. Es herrscht Belagerungszustand, doch Walter Knieling, ein erfolgreicher Bergeborbecker Turner, durchbricht heimlich die Absperrung. Er schwimmt nachts mit der Vereinsfahne um den Bauch durch die Ruhr und bringt sie stolz zum Deutschen Turnfest nach München.

1929 verliert Borbeck mit dem Gelände der bis zur Emscher reichenden Zeche Prosper I und der Prosperkolonie weitere Gebiete, die bislang zu Gerschede und Vogelheim zählten. Dies geschieht auf Druck der Rheinstahl AG, die ihre Zechen Prosper I, II, III und Arenberg in der Betriebsabteilung Arenberg organisiert. Dadurch steht Prosper I wie alle anderen Prosperzechen und die Prosper-Hauptverwaltung nun auf Bottroper Boden. Statt der Emscher wird der hier verlaufende Rhein-Herne-Kanal zur neuen Stadtgrenze. Das Gebiet der Zeche Prosper I gehört jetzt als neuer südlicher Stadtteil Bottrops nicht mehr zum Rheinland sondern zu Westfalen, seine Arbeiterkolonie Prosper erhält den neuen Stadtteilnamen „Ebel“, eine alte Flurbezeichnung in der Borbecker Mark.

Nur langsam kommt die wirtschaftliche und soziale Lage wieder in den Tritt: In den 1920er und -30er Jahren entstehen eine Reihe von Siedlungen, die noch für das heutige Borbeck charakteristisch sind, so 1926 an der Matthäuskirchstraße, 1927/28 an der Stolbergstraße (Krupp), 1938 an der Flurstraße (Krupp) und 1939 die Gimkenhofsiedlung. Doch 1926 schließen die Phoenixhütte und der Sammelbahnhof Frintrop, 1927 die Borbecker Maschinenfabrik und 1931 stellt die Zinkhütte ihre Produktion fast ein. Doch obwohl die Zahlen der Arbeitslosen und Wohlfahrtsempfänger ständig steigen, können dies die Nationalsozialisten in Borbeck nicht in große Wahlerfolge ummünzen. Ihren größten Wahlerfolg erringen sie am 12.3.1933 zu den Stadtverordnetenwahlen. Sie erhalten in Borbeck 28,7 Prozent der Stimmen, das Zentrum 41,6 Prozent.

Der Zweite Weltkrieg

Nach der Machtübernahme gehen die Nationalsozialisten brutal und rücksichtslos mit ihren Gegnern um. Widerstandskämpfer und Opfer kommen aus den Reihen der Borbecker Kommunisten, Sozialdemokraten und den Kirchen. In der Reichspogromnacht 1938 werden auch die jüdischen Geschäfte rund um den Markt in Borbeck mutwillig zerstört, jüdische Mitbürger bedroht und zahlreiche in der folgenden Zeit ermordet. Als sich der Zweite Weltkrieg wieder seinem Ausgangspunkt nähert, richten Bomberflotten erhebliche Zerstörungen an. So sterben bei einem Großangriff der alliierten Luftstreitkräfte am 12.3.1943 150 Menschen, darunter 82 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, die vom Schutz in Bunkern ausgeschlossen sind.

Bei Kriegsende sind 45 Prozent der Gebäude in Borbeck total oder schwer beschädigt. Es herrschen Wohnungsnot, Mangel an Heizmaterial, Nahrungsmitteln, allen Dingen des täglichen Bedarfs. Auch das soziale und politische Leben muss sich erst wieder neu formieren. Dazu bilden sich antifaschistische Bürgerausschüsse. Wilhelm Wimmer, 1. Vorsitzende des Borbecker Bürgerausschusses, gründet 1949 die Borbecker Nachrichten, eine streng lokal ausgerichtete Wochenendzeitung, bis 2018 eine starke Säule Borbecker Identität. Aus dem Bürgerausschuss wird 1975 die heutige Bezirksvertretung.

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