Franz Josef Gründges: Walter Wimmer

0 05.04.2019

Walter Wimmer, geboren 1926, hätte in diesem Jahr, wäre er nicht am 21. Oktober 2015 von dieser Welt gegangen, seinen 93. Geburtstag feiern können. Sein papiernes Kind, die Borbecker Nachrichten, wäre, lebte sie noch, in diesem Jahr 70 Jahre alt geworden. Beide, Walter Wimmer und sein Kind, sind nicht tot. Beide leben in der Erinnerung vieler Menschen weiter, lebendig wie eh und je. Zwar hört und sieht man sie nicht mehr, den Mann und seine Zeitung, aber sie haben tiefe Spuren hinterlassen, auf denen man ihnen folgen kann.

Die dicken Jahresbände der Borbecker Nachrichten, inzwischen wohl aufbewahrt im Ruhr Museum und im Archiv des Kultur-Historischen Vereins Borbeck, sind sein Vermächtnis. Wie viele Kommentare auf Seite 2 der BN stammen aus Walter Wimmers Feder – wohlwollende, beißend-ironische, parteiergreifende, liebevolle, nachdenkliche, aggressive und versöhnliche Einmischungen. Standpunkte, Bedenkenswertes, Vorschläge und Urteile. Stets deutlich in der Sache, klar im Wort, unmissverständlich im Urteil. Niemals verletzend.

Das war Walter Wimmer. Ein Patriarch ohne Machtanspruch, Geltungssucht und Weisungsdrang. Ein gütiger, begnadeter Menschenfreund. Ein generöser Gentleman, ein seriöser Journalist, unbestechlich, nur der Wahrheit verpflichtet. Fake News wären ihm fremd geblieben. Er war streitbar in der Sache, versöhnlich gegen Menschen. Ein honoriger Humanist und gütiger Mentor. Repräsentant eines kritischen, seriösen Journalismus. Stets mit offenen Augen und Ohren unterwegs. Rastlos-aufmerksam, den Finger am Puls der Zeit. Ein heimatliebender, nachsichtiger, warmherziger Analytiker, ein Mensch und Journalist mit Herz und Verstand. Zukunftsorientiert, vorausschauend. Ein Rufer in der Wüste, der Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges konstruktiv zu verbinden wusste. Legte den Finger auf die Wunden und hielt gleichzeitig ein Pflaster bereit. Prangerte offen an, was faul war. Lobte enthusiastisch, was er für gut hielt.

Er war die laute und große Stimme des kleinen Mannes. Ein wunderbarer Zuhörer, zutiefst aufmerksam und leidenschaftlich zugewandt. Ein Wanderer durch die Welt. Tief verwurzelt in seinem Borbeck, das ihm zur Heimat geworden war. Ging forschend durch die Straßen. Litt an der Erkenntnis, Rufer in der Wüste zu sein und ohnmächtig gegenüber Eigeninteressen und Kommerz. Ein aufrechter Demokrat. Parteigänger der Zukurzgekommenen, Benachteiligten. Was er im Nachruf für seinen Freund Hermann Hagedorn sagte, gilt auch für ihn: „Eines ist gewiss, dass von ihm ein Leuchten ausging, das viele Menschen, die ihm begegneten, gewärmt hat.“

Gerne hätten wir dem Mann der sich so nachdenklich und nachsinnend wie kein anderer den weißen Bart zupfen konnte, noch länger zugehört. Seine wärmende Nähe fehlt. In Borbeck ist es ohne ihn ein wenig kälter geworden.

Was Walter Wimmer als kritischer Journalist geschrieben hat, mögen einige Beispiele aus seinen Kommentaren zum Brauk verdeutlich.

1955: „Eingekeilt und eingeengt von einst mächtigen, heute brachliegenden Industrieanlagen, fühlt sich die Bevölkerung wie auf ein Abstellgleis gestellt, vergessen und abgeschrieben von Ämtern und Behörden und dem Rate unserer Stadt, die sich von Rechts wegen um die Menschen in dieser verlassenen Gegend kümmern sollte, die heute die Folgen der industriellen Expansion zu tragen haben.“

1960: „Der Rennanlagenstahl wird mit der Gesundheit von Tausenden erkauft, die im Bannkreis des dreckspeienden Giganten leben müssen. Das ist ein Preis, den niemand ungestraft fordern kann.“

1970: „Gut, dass es Menschen in diesem zerschundenen Gebiet gibt, die sich nicht unterbuttern und abschreiben lassen. Mögen sie auch hier und dort anecken und schief über die Schulter angesehen werden: sie kämpfen für ihr gutes Recht, und das wird ihnen niemand wehren.“

1971: „Wieviel Geld, wieviel Tränen, wie viel Unglück und Verbitterung hätte man den Menschen auch in unserer Gegend ersparen können, wenn Krupp, Gewerkschaften und Stadtverwaltung klug und überlegt gemeinsam gehandelt hätten. Dann wäre es zu den blutsaugerischen Zwischengeschäften etlicher Profitgeier nicht erst gekommen. Dann wäre auch, das muss auch einmal gesagt werden, das Ansehen unseres demokratischen Rechtsstaates nicht in Mitgliedschaft gezogen worden. Die Kleinen werden, wie ehedem, als erste gehängt. Die Großen lässt man laufen, weil sie die Lücken im Gesetz kennen. Der mit dem Namen Kaußen verknüpfte Sozialskandal ist noch nicht zu Ende.“

1972: „Auf sehr handgreifliche Art wird dem Bürger klargemacht, dass innerhalb der Stadtvertretung oft die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut! Der kleine Mann steht wieder einmal da wie der dumme August!“

Franz Josef Gründges

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