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0 22.08.2026
BORBECK. Skandalös. Eine Frau zu Pferde, aber nicht im vorgeschriebenen Damensitz. Sondern im grünen Jagdkostüm mit Dreispitz auf einem Herrensattel, der mit leichter Hand geführte Schimmel bäumt sich zur Levade. So lässt sich nur darstellen, wer ein großes Selbstbewusstsein und etwas zu sagen hat. Zumal als Frau, denn eine solche Darstellung war ausschließlich Männern vorbehalten. Maria Kunigunde, Königliche Hoheit, Prinzessin von Polen, Litauen und Sachsen, letzte regierende Fürstäbtissin des Stiftes Essen, hatte ein solches Selbstbewusstsein. Um 1775 ließ sie sich in dieser Pose von Johann Kaspar Benedikt Beckenkamp darstellen, der als Hofmaler des Kurfürsten Clemens Wenzeslaus von Sachsen am Kurtrierer Hof in Ehrenbreitstein viele bedeutende Persönlichkeiten seiner Zeit im Rheinland portraitierte.
Eine selbstbewusste Frau
Maria Kunigunde, am 10. November 1740 in Warschau geboren, war jüngstes der 14 Kinder des Kurfürsten Friedrich August II. von Sachsen, der als August III. König von Polen wurde. Auch über ihre Mutter Maria Josepha, die Tochter Kaiser Josephs I. war „Cucu“ – so ihr Spitzname - mit dem europäischen Hochadel verwandt. Mit der Regentschaft als Fürstäbtissin des vornehmsten Reichsstifts Essen sorgte Kaiserin Maria Theresia nach einem gescheiterten Heiratsvorhaben mit ihrem Sohn, dem späteren Kaiser Joseph II., für eine angemessene Entschädigung der sächsischen Prinzessin. Seit 1775 Koadjutorin der regierenden Fürstäbtissin Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach, wurde Maria Kunigunde 1776 einstimmig zur Äbtissin gewählt und nahm 1777 gemeinsam mit ihrem Lieblingsbruder Clemens Wenzeslaus in Essen die Huldigungen entgegen.
Trotz ihres aufklärerisch geprägten Engagements für die Gesundheitsfürsorge, die Verbesserung des Schulwesens und Neuorganisation des Justizwesens gab es immer größere Auseinandersetzungen mit der Stadt Essen, die auf ihr Selbstverwaltungsrecht gegenüber dem Stift pochte. Die mit Sitz und Stimme im Reichstag ausgestattete reichsunmittelbare Fürstäbtissin ließ sich davon zwar wenig beeindrucken, ging jedoch der direkten Konfrontation in ihrem Territorium aus dem Weg. Sie lebte weitgehend in der prächtigen Hofhaltung der kurfürstlichen Residenz ihres Bruders in Ehrenbreitstein/Koblenz und hielt sich seit 1792 gar nicht mehr in Essen auf.
Die beträchtlichen Einnahmen ihres Stifts und ihre wirtschaftlichen Aktivitäten ermöglichten ihr ein sorgenfreies Leben. Sie war eine leidenschaftliche Reiterin, wurde 1770 gar Schützenkönigin von Ehrenbreitstein, besuchte Bälle, Theateraufführungen und Konzerte, konzertierte und sang selbst und beschäftigte sich mit Malerei und Literatur. Auch über die Auflösung des Stiftes 1803 hinaus konnte sie mit einem günstigen Abfindungsvertrag ihre Bezüge sichern. Über Augsburg, Marktoberdorf im Allgäu und Schloss Neuburg an der Donau kehrte sie nach Dresden zurück, wo sie am 8. April 1826 im hohen Alter von 85 Jahren starb und in der neuen Gruft der Dresdner Hofkirche beigesetzt wurde.

Maria Kunigunde, Königliche Hoheit, Prinzessin von Polen, Litauen und Sachsen, letzte regierende Fürstäbtissin des Stiftes Essen, Gemälde von Johann Kaspar Benedikt Beckenkamp, Original in Schloss Bürresheim, um 1775.
Als offizieller „FrauenOrt NRW“ präsentiert Schloß Borbeck im Jubiläumsjahr 2026 die drei letzten Essener Herrscherinnen des Fürstentums Essen. Denn in diesem Jahr jähren sich gleich mehrere Ereignisse, die mit den letzten drei gefürsteten Äbtissinnen des Stifts Essen zu tun haben. Es sind der 300. Todestag der Fürstin-Äbtissin Bernardine Sophia von Ostfriesland und Rietberg (1654-1726) 1726 und der Regierungsbeginn Franziska Christines von Pfalz-Sulzbach (1696-1776), die vor 250 Jahren starb. In diesem Jahr 1776 trat Maria Kunigunde von Sachsen (1740-1826) ihr Amt an, die vor 200 Jahren als letzte Herrscherin in der über 1000-jährigen Stiftsgeschichte das Zeitliche segnete.
Über ein Jahrhundert lang haben die letzten drei residierenden Fürstinnen auf Schloss Borbeck die Geschicke von Stift und Stadt bestimmt. Bernardine Sophia regierte seit 1691 und verteidigte unnachgiebig ihr Fürstentum gegen Brandenburg-Preußen und die protestantische Stadt Essen, sie fördert die Mädchenbildung und gilt als größte Wohltäterin der B.M.V.-Schule. Franziska Christine regierte in Thorn seit 1717, in Essen seit 1726 und gründet das Waisenhaus in Steele, die heutige Fürstin-Franziska-Christine-Stiftung. Zudem erweiterte und baute sie Schloß Borbeck um. Ein ganz ungeplantes Schicksal widerfuhr der gebürtigen „Königliche Hoheit“ Maria Kunigunde, die in Essen und Thorn 1776-1803 regierte: Sie trat vor ihrem Amt in Essen in Dresden als erfolgreiche Opernsängerin auf, war für einen ganz anderen Lebenslauf bestimmt, vertrat aufgeklärte Ideen in Politik und Pädagogik und förderte als Fürstin die beginnende Industrialisierung.
Die Geschichtsschreibung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hat sie lange verachtet, verkannt und diffamiert, doch inzwischen hat sich das Urteil über sie gewandelt. Bislang unbeachtete Quellen wie z.B. private Briefe und Dokumente bieten neue Perspektiven auf diese Frauen. Sie beleuchten ihre Selbsteinschätzung und ihre Interessen, vor allem in der Kunst und Musik, ihre Herausforderungen und Errungenschaften. Darüber hinaus zeigen sie ihre Fürsorge und Verdienste um die Politik ihres kleinen Territoriums in Bezug auf Bildung, Religion und Verbesserung des Lebensstandards.
Jetzt werden diese drei Fürstinnen und Äbtissinnen als eigenständige Frauen zum ersten Mal im Mittelpunkt einer gemeinsamen Ausstellung stehen. „Ihr wollt diese drei Powerfrauen näher kennen lernen?“, heißt es vom Kulturamt der Stadt Essen: „Dann besucht die Ausstellung!“
Jubiläumsausstellung 2026
Eröffnung: Donnerstag, 27. August 2026, 18 Uhr
Ausstellungsdauer: bis 10. November 2026
Öffnungszeiten: Mittwoch – Sonntag 14 – 18 Uhr
Veranstaltungsort: Städt. Galerie - Schloss Borbeck, Schlossplatz 1, 45355Essen

Grafik © Stadt Essen, Kulturzentrum Schloß Borbeck; Fotos (v.l.n.r.): Bernardine Sophia von Ostfriesland und Rietberg © Fotoarchiv Ruhr Museum; Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach © Thorn Abteikirche, Kapitelsaal, Niederlande; Maria Kunigunde von Sachsen © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Foto: Hans-Peter Klut
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(v.l.) Bernhardine Sophia von Ostfriesland und Rietberg (* 1654; † 14. August 1726 auf Schloss Styrum) war 1691-1726 Fürst-Äbtissin des Stifts Essen; ihre Nachfolgerin Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach (* 16. Mai 1696 in Sulzbach; † 16. Juli 1776 in Essen) regierte 1726–1776 und gründete das Waisenhaus in Essen-Steele. Maria Kunigunde von Sachsen (10. November 1740, 8. April 1826), Prinzessin von Polen, Litauen und Sachsen aus dem Hause der albertinischen Wettiner, Äbtissin von Thorn (Limburg), regierte in Essen von 1776 bis zur Aufhebung des Stifts 1802 und starb 1826 in Dresden. Collage: borbeck.de
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