Heinz-Horst Deichmann und Borbeck - heute wäre er 100 Jahre alt geworden

Ein dankbarer Blick zurück an seinem 100. Geburtstag am 30. September 2026.

0 30.09.2026

Borbeck. Über Heinz-Horst Deichmann wurde schon viel gesagt und geschrieben. Zu seinem 100.Geburtstsag soll daher der Blick darauf gerichtet werden, welche Verbindungen es zwischen ihm und Borbeck gegeben hat. Dabei spielt das Gymnasium Borbeck eine nicht unbedeutende Rolle.

Heinz-Horst Deichmann, geboren am 30. September 1926 in Borbeck als Sohn des Schuhmachers Heinrich Deichmann und seiner Ehefrau Julie, wechselte nach dem Besuch der Evangelischen Schule Bochold III im Schuljahr 1937/38 auf das Gymnasium Borbeck in der Prinzenstraße. In  und außerhalb der Schule kam er mit dem Nationalsozialismus in Berührung. Die Novemberpogrome am 9. November 1938 – die „Reichskristallnacht“ – erlebte der Zwölfjährige unmittelbar mit. In der Nacht warfen Nazis Steine gegen das Schaufenster des „Judenfreunds“ Deichmann und gegen jüdische Geschäfte in Borbeck. Im Interview mit der Zeitschrift „Bild der Frau“ erinnerte Deichmann daran:

„Es war in der Reichskristallnacht. Mein Vater stieg mit mir über die Dachböden, um verängstigten jüdischen Nachbarn Brot und Trost zu bringen. ‘Überall, wo du bist‘, hat er damals zu mir gesagt, ‘muss ein klein wenig vom Licht Gottes sichtbar werden.‘“ [1] [2]

Das Schulleben wurde zunehmend von nationalsozialistischer Einflussnahme auf das Schulleben bestimmt. Direktor Wilhelm Vollmann versuchte die Zugriffe des NS-Regimes auf seine Schule so gering wie möglich zu halten. Davon und auch vom „Direktor in schwierigen Zeiten“ berichtet Klaus Lindemann in seinem Buch über das Gymnasium Borbeck ausführlich. Der Krieg veränderte manches. Die Luftangriffe auf Essen führten im März 1943 zur Schließung aller Schulen, Beginn der Kinderlandverschickung (KLV). Schon Mitte Februar waren die Schüler der Klassen Untersekunda bis Prima, die für die KLV in Frage kamen, als Luftwaffenhelfer verpflichtet worden, unter ihnen auch Heinz-Horst Deichmann aus der Obersekunda. Nach einem sechswöchigen Schnellkurs verrichtete er mit seinen Klassenkameraden, eingekleidet in die blaue Uniform der Flieger-HJ, täglich von 8 Uhr (Batterieexerzieren) bis zum Zapfenstreich um 21 Uhr Dienst in der Flakstellung 4./462 am Frintroper Wasserturm. In der Kantinenbaracke der Flakstellung erhielten sie von den nicht zur Wehrmacht eingezogenen Lehrern jeden Tag von 14 bis 17 Uhr einen vierstündigen Unterricht. Wegen der schweren Luftangriffe wurde der tägliche Ablauf  mehr und mehr  beeinträchtigt. Zwei Schüler des Gymnasiums Borbeck kamen beim Großangriff der Royal Air Force am 5. März 1943 ums Leben.

Im Februar 1944 wurde der damals 17-jährige Obersekundaner Heinz-Horst Deichmann, in den auf zwölf Wochen verkürzten Reichsarbeitsdienst (RAD) einberufen. Im Laufe der Jahre war zwischen ihm und Direktor Vollmann eine enge Bindung entstanden. Ein anrührendes Beispiel dafür ist der Briefwechsel, von dem das Antwortschreiben von Direktor Vollmann erhalten geblieben ist.

„Lieber Heinz-Horst Deichmann,

heute will ich wenigstens mit der Antwort auf Deinen Brief vom 26.2. beginnen, nachdem die amtliche Post erledigt ist. Du hast sogar Zeit für einen langen Bericht genommen, und ich wie, dass man im RAD – besonders in der ersten Zeit – nicht so verschwenderisch mit den Stunden umgehen kann und darf. Inzwischen wird die praktische Handarbeit begonnen haben, und ich könnte mir denken, dass zunächst Muskelkater und dann langsam Schwielen Dich erinnern, dass die Schulbank vorerst hinter Dir liegt. Die beiden Seile, die Dich halten und an denen Du Dich hältst – Gott und Deine Mutter –  sind stark genug, um in jeder Lage einen festen Halt zu geben. (…) Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich annehme, dass Du im Besitz eines zuverlässigen Erbguts, einer überdurchschnittlichen Veranlagung und eines festen Willens im Wesentlichen bereits auf dem Weg bist, den Du im Leben gehen wirst. (…) Grüße mir bitte die Ehemaligen, und Du persönlich sollst nicht glauben, Du seist mir Dank schuldig. Ich tat nur eine Pflicht an Dir, d.h. das Selbstverständlichste von der Welt.

Mit verbindlichem Gegengruß

Dein Vollmann.“ [3]

Im Anschluss an den RAD wurde Heinz-Horst Deichmann zum Militär einberufen und zwar zu einer Flakscheinwerfer-Einheit in Krems-Mautern an der Donau. Die Vorstellung von einer spannenden Spezialausbildung im Kopf meldete er sich freiwillig zum Einsatz bei einer Fallschirmjäger-Einheit am Fliegerhorst Salzwedel. Gegen Ende des Jahres 1944 kam er auf Heimaturlaub nach Borbeck. Dabei machte er eine tiefgreifende Erfahrung:

„Gegen Ende des Jahres durfte ich wegen Bombenschäden einen Urlaub zu Hause verbringen. Während dieser Zeit sah ich eines Morgens gegen fünf Uhr einen langen Zug von Zwangsarbeitern in gestreifter Sträflingskleidung und in Lumpen, begleitet von Wachsoldaten mit Karabinern, vor unserem Wohn- und Geschäftshaus vorbeiziehen. Einige zogen flache Handwagen hinter sich her, auf denen tote und gehunfähige Gefährten lagen. Auf einmal war hier und da von Gräueltaten der Nazis zu hören. Insbesondere der Direktor meiner Schule, dem ich sehr verbunden war, sprach von schrecklichen Vorkommnissen. Das war die Zeit, als mein Freund und ich begannen, unseren Dienst in der Wehrmacht als unmoralisch, als geradezu verwerflich zu empfinden.“ [4]    

Im März 1945 erhielt Deichmann den Marschbefehl Richtung Angermünde an der Oder.  Bei einem Infanterieeinsatz gegen russische Einheiten traf ihn der Splitter eines MP-Geschosses an der Schulter, drang in den Hals ein und blieb neben dem Kehlkopf stecken. Nach seiner Erinnerung hat er sich damals geschworen:

„Du bist in Gottes Hand. Dir ist dein Leben noch einmal geschenkt worden, und wenn du hier rauskommst, dann muss dein Leben der Hilfe für Menschen gewidmet sein.“ [5]

Im Hauptverbandsplatz wurde er operiert und gelangte nach dem Zusammenbruch der Front im Osten mit einigen Marinesoldaten nach Schwerin, geriet in russische Kriegsgefangenschaft, flüchtete und schlug sich nach Hamburg durch. Britische Soldaten lasen ihn auf einer Landstraße auf und brachten ihn ins Diakonissenkrankenhaus Hamburg-Stellingen. Hier versorgte man seine Verletzungen. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus lief er über viele Hundert Kilometer zwei Wochen lang zu Fuß nach Hause ins Ruhrgebiet. So erzählte es Deichmann im Dezember 2005 in einem Interview mit dem „Handelsblatt“. [6]

Zu Hause angekommen absolvierte er im November 1945 im stark zerstörten Schulgebäude in der Prinzenstraße einen sogenannten „Sonderlehrgang“ und legte 1946 das Abitur am Gymnasium Borbeck ab mit dem „Vermerk über kriegsbedingte Schulunterbrechung 1944/45 durch Einberufung in die Wehrmacht“. Von den besonderen Bedingungen der Sonderlehrgänge berichtete der Altschüler des Gymnasiums Borbeck Rolf Becker, Absolvent des zweiten Lehrgangs 1947:

„Einige Mitschüler waren zuletzt noch in der Wehrmacht, in die letzten Kämpfe gezogen worden, einige waren für kurze Zeit sogar in Gefangenschaft geraten, einige trugen umgearbeitete, gefärbte Uniformstücke. Sie waren gedrillt worden und hatten Geschütze bedient, jetzt warfen sie mit Papierkügelchen nach dem Lehrer, der über den ‘Faust‘ sprach (. . .). [7].

Nach dem Abitur studierte Heinz-Horst Deichmann Theologie in Bonn und Medizin in Düsseldorf, promovierte 1952 zum „Dr.med.“ und  war bis 1956 als Orthopäde im Bethesda-Krankenhaus Essen-Borbeck tätig. Nach der Übernahme der Unternehmensleitung im gleichen Jahr hängte er den Arztberuf an den Nagel und widmete sich mit ganzer Kraft dem Familienunternehmen.

Für seine Heimatstadt Essen und für den Stadtteil Borbeck hat Deichmann viel getan. Als er 1997 die Auszeichnung „Offizieller Umweltpartner der Stadt Essen“ erhielt, sagte der Geehrte in seiner Replik auf die unvermeidlichen Laudationes schlicht:

„Ich bin schon als Kind mit meinen Eltern durch den Schlosspark spaziert und wohne ja auch bis heute in Borbeck. Deshalb war es mir schon ein Bedürfnis etwas zu tun. Es wäre seltsam, wenn ich mich für die eigene Vaterstadt nicht engagieren würde.“ [8]

Deichmann hatte zugesagt, pro Jahr 40.000 Mark zweckgebunden für die Pflege des Schlossparks und der benachbarten Residenzaue zu spenden. Dabei ist es nicht geblieben. Es gab Zuwendungen für ein Biotop in Frintrop, für die Sanierung der Dubois-Sarena und die Unterstützung des Ferienspatz-Programms. Mit der Dürerschule war er durch eine Tochter und einen Enkel eng verbunden. Mit anderen Unterstützern bewahrte er die Schule vor der drohenden Schließung und sorgte dafür, dass die Schule eine moderne Sportalle erhielt. Musikförderung hatte stets einen hohen Stellenwert. So unterstützte er das Förderprojekt „Cardellino“ für junge Musikerinnen und Musiker im Schloss Borbeck. Auch für das Schönebecker Jugend-Blasorchester hatte Heinz-Horst Deichmann stets ein offenes Ohr und eine offene Hand. Beim Empfang zum 80. Geburtstag im Parkhaus Hügel brachte ein SJB-Ensemble dem Jubilar ein Ständchen, der Förderkreis für das SJB ernannte ihn zum Ehrenmitglied und zeichnete ihn mit der goldenen Vereinsnadel aus. Das sozial-orientierte Begegnungszentrum Zug um Zug (ZUZ) im Bahnhof Borbeck, an dessen Entstehung neben der Freikirchlichen Gemeinde auch das Gymnasium Borbeck wesentlich mitgewirkt hat, konnte sich auf die finanzielle Unterstützung von Heinz-Horst Deichmann verlassen. Bis heute hat die Einrichtung, in der seinerzeit Stadtsanierung, Jugendhilfe und Schule zusammenfanden, regen Zulauf. [9]

Zeichen der Heimatverbundenheit von Heinz-Horst Deichmann ist die Standorttreue des Unternehmens. Deichmann kam aus Borbeck und ist  bis heute am Ort geblieben. Anfang 2026 wurde das neue Hauptverwaltungsgebäude der Deichmann SE auf dem Deichmann-Campus an der Aktienstraße eröffnet, Ausdruck des nachhaltigen Bekenntnisses zum Heimatstandort Borbeck/Schönebeck.

„Manche mögen mich für einen ‘Sonderling‘ oder ‘verhinderten Missionar‘ halten, für jemanden, der nicht so recht in diese Welt passt. Seien Sie unbesorgt. Ich stehe hier in meinen eigenen Schuhen und bewahre mir einen weiten Blick“. [10]

So geht ein Jahrhundert nach seiner Geburt ein besonderer „Borbecker Dank“ an einen außergewöhnlichen Menschen, der sich zeitlebens als Christ und Unternehmer und als Borbecker verstanden hat.

FJG

 

Einzelnachweise

(1) Mirko Schwanitz: Wer viel Geld hat, muss Menschen in Not helfen. In „Bild der Frau“ vom 20. Juli 2000. (Christ und Unternehmer S. 346-348).
(2) Bewahrung in schwerer Zeit. In: „Jahrgang 1926/27 – Erinnerungen an die Jahre unter dem Hakenkreuz“, Hg. Alfred Neven DuMont, Köln 2007. (Christ und Unternehmer S. 228-234)(3) Sykorra S. 50.
(4) Bewahrung in schwerer Zeit. In: „Jahrgang 1926/27 – Erinnerungen an die Jahre unter dem Hakenkreuz“, Hg. Alfred Neven DuMont, Köln 2007. (Christ und Unternehmer S. 228-234)
(5) „Solange wir gute Geschäfte machen, helfen wir.“ Sybille Wilhelm im Gespräch mit Heinz-Horst Deichmannin : FAZ vom 17. September 2007. (Christ und Unternehmer S. 432-435).
(6) Peter Brors und Christoph Hardt: „Die Firma muss dem Menschen dienen“. In: Pioniere der Wirtschaft, Handelsblatt vom 1. Dezember 2005. (Christ und Unternehmer S. 398-405).
(7) Lindemann S. 272/73.
(8) Frank Stenglein: Dank für Deichmanns „Selbstverständlichkeit“. Schuhunternehmer jetzt „Umweltpartner der Stadt“. In:  NRZ vom 24. Oktober 1997. (Christ und Unternehmer S. 326-327).
(9) Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Lokalausgabe Essen, vom 17. Juni 2025].
(10) Heinz-Horst Deichmann: Rede anlässlich der Auszeichnung mit dem Deutschen Handelspreis, gehalten am 30. Oktober in Berlin. (Christ und Unternehmer S. 152-155).

 

Literatur

  • Deichmann, Heinz-Horst: Mir gehört nur, was ich verschenke. Christ und Unternehmer. SCM R. Brockhaus im SCM-Verlag, Witten, 2. Erweiterte Auflage 2008.
  • Sykorra, Wolfgang: Von der Penne in die Welt. Borbecker Porträts. Edition Rainuhr, Essen 2013.
  • Lindemann, Klaus: „Dies Haus, ein Denkmal wahrer Bürgertugend“. Das Gymnasium Borbeck seit der Kaiserzeit. Geschichte einer Schule im Kontext gesellschaftlichen Wandels. Klartext Verlag, Essen 2005.

 

 

 

 

 

Zurück

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Was ist die Summe aus 3 und 8?