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0 08.08.2026
BORBECK/DELLWIG. Wer einen russischen Leser fragt, ob ihm der Name „Dellwig“ etwas sagt, bekommt meist ein klares Ja. Der Grund ist allerdings nicht der Essener Stadtteil, sondern eine Adelsfamilie gleichen Namens, deren Mitglieder nach Russland auswanderten und dort Geschichte schrieben.
Besonders bekannt ist bis heute der Dichter Anton Delwig (1798-1831/Bild rechts), ein Freund und Zeitgenosse des großen russischen Schriftstellers Alexander Puschkins. Doch auch zahlreiche andere Delwigs machten als Militärs, Beamte oder Ingenieure Karriere im Russischen Reich.
Stammen diese Delwigs tatsächlich aus Essen? Hinweise darauf gibt es sowohl in unserer Stadt als auch in Dortmund. In Dortmund-Lütgendortmund wird bereits 1238 ein Ritter Heremanns de Dalewick als Herr von Haus Dellwig erwähnt. In Essen besaß die Familie die Güter Haus Horl und Haus Heck. Mit Haus Horl wurde sie 1506 belehnt, Haus Heck gehörte vor 1557 Melchior von Delwig.
Schon im 15. Jahrhundert zog es Angehörige der Familie nach Osten. Johann von Delwig erscheint 1423 im Baltikum, Melchior von Delwig folgt 1454 nach Livland. Dort gehörten die Delwigs zur Ritterschaft, die sich in der Tradition des Schwertbrüderordens und des Deutschen Ordens sah. Einige Familienmitglieder traten zudem in schwedische Dienste, denn Schweden war damals die führende Macht im Ostseeraum.
Das Baltikum bot hervorragende Chancen: fruchtbare Böden, große Wälder, reiche Fischgründe und bedeutende Handelsstädte wie Reval (Tallinn), Dorpat (Tartu) und Riga. Über die Hanse waren sie eng mit Europa verbunden. Für jüngere Söhne deutscher Adelsfamilien, die kaum Aussicht auf ein Erbe hatten, eröffneten sich dort attraktive Perspektiven.
Essen dagegen blieb bis ins 19. Jahrhundert eine kleine Stadt mit wenigen tausend Einwohnern. Zünfte begrenzten den wirtschaftlichen Aufstieg, und der langjährige Konflikt zwischen Fürstäbtissin und Bürgerschaft hemmte die Entwicklung. Während das Ruhrgebiet später Menschen aus aller Welt anzog, war die Region zuvor eher von Abwanderung geprägt.
Mit den deutschen Einwanderern gewann das Baltikum eine starke deutsche kulturelle Prägung. Die Delwigs behielten zugleich ihre Verbindungen zur alten Heimat. Das zeigt sich sogar im Familienwappen, dessen markanter Querbalken über die Jahrhunderte erhalten blieb.

Als Kurt Schweder in den 1980er Jahren ein Wappen für den Essener Stadtteil Dellwig entwarf, griff er dieses Motiv auf und deutete es als den gewundenen Lauf der Emscher.
Eine neue Epoche begann, als Peter der Große dem Russischen Reich den Zugang zur Ostsee sicherte. Livland, Estland und weitere Gebiete wurden russisch. Zwar wurde Russisch Staatssprache, doch der deutsch geprägte Adel behielt zunächst weitreichende Rechte.
Ein Teil der Familie zog nach Moskau. Dort war der Vater des späteren Dichters Anton Delwig stellvertretender Kommandant des Kremls. Anton selbst besuchte das Kaiserliche Lyzeum in Zarskoje Selo, eine Eliteschule für den künftigen Staatsdienst. Zu seinen Mitschülern gehörten der Dichter Alexander Puschkin und der spätere Außenminister Alexander Gortschakow.
Anton von Delwig ist bis heute als Lyriker bekannt, dessen Texte von bedeutenden Komponisten vertont wurden. Besonders beliebt blieb die Romanze „Die Nachtigall“ mit Musik von Aljabew. Gemeinsam mit seiner Frau führte er in St. Petersburg einen literarischen Salon, der zu den wichtigsten Treffpunkten der kulturellen Elite zählte. Über seinen frühen Tod 1831 kursieren bis heute Spekulationen; möglicherweise belastete ihn eine Drohung der Geheimpolizei mit Verbannung nach Sibirien.

Auch andere Familienmitglieder machten später Karriere. Zu ihnen gehörte Andrej Iwanowitsch Delwig (1813–1887), Ingenieur-General, Senator und Experte für Wasserbau, Straßen- und Eisenbahnbau. Im Verkehrsministerium übernahm er führende Aufgaben. Besonders eng ist sein Name mit Nischnij Nowgorod verbunden. Die Einwohner von Essens Partnerstadt erinnern bis heute an ihn: Seit 2009 trägt ein Zug zwischen Moskau und Nischnij Nowgorod seinen Namen, und ein Brunnen im Zentrum der Stadt erinnert an sein Wirken. Delwig plante die städtische Wasserversorgung, wirkte am Ausbau wichtiger Verkehrswege mit und spielte eine entscheidende Rolle beim Bau der Eisenbahnlinie zwischen Moskau und Nischnij Nowgorod.
Heute leben die Nachfahren der Familie überall auf der Welt - in Deutschland, Russland, England, Belgien und den USA.

Dr. Martin Schneider ist Autor und Vorsitzender des Vereins Rhein-Ruhr-Russland. Am Montag, 17. August, spricht er zum Thema „Borbeck, Krupp und Zwangsarbeit – ein fast vergessenes Kapitel der Ortsgeschichte“ um 18:00 Uhr in der Alten Cuesterey. Im Mittelpunkt steht die wenig beachtete Geschichte der Zwangsarbeit in Borbeck während der NS-Zeit. Tausende Menschen wurden dort unter menschenunwürdigen Bedingungen zur Arbeit gezwungen. Dr. Martin Schneider wird die historischen Hintergründe einordnen und lokale Bezüge aufzeigen.
Die Bilder zeigen von oben nach unten:
Haus Dellwig in Dortmund
Anton Delwig
Wappen der Familie Delwig
Wappen des Stadtteils Dellwig
Delwig-Zug Moskau-Nishnij Nowgorod
Dellwig-Brunnen in Nishnij Nowgorod
Dr. Martin Schneider ist Autor und Vorsitzender des Vereins Rhein-Ruhr-Russland. Am Montag, 17. August, spricht er zum Thema „Borbeck, Krupp und Zwangsarbeit – ein fast vergessenes Kapitel der Ortsgeschichte“ um 18:00 Uhr in der Alten Cuesterey. Im Mittelpunkt steht die wenig beachtete Geschichte der Zwangsarbeit in Borbeck während der NS-Zeit. Tausende Menschen wurden dort unter menschenunwürdigen Bedingungen zur Arbeit gezwungen. Dr. Martin Schneider wird die historischen Hintergründe einordnen und lokale Bezüge aufzeigen.
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