Armstraße und das Armenwesen in Borbeck

Der Borbecker Bürgermeister Rudolf Heinrich war berüchtigt dafür, den Straßennamen in seiner Bürgermeisterei möglichst kurze Namen zu verpassen. Die „Zwergstraße“ und die auf den katholischen Friedhof an der Hülsmannstraße hinführende „Zielstraße“ sind schlagende Beispiele für des Bürgermeisters Hang zur Kürze, eine Mischung aus Verwaltungseffizienz, Funktionalität und Sparsamkeit. Vielleicht traute er auch der Lesefähigkeit seiner Borbecker nicht so recht über den Weg. Mit der Benennung Kreuzstraße (1891) und Armstraße (1897) war er seinem Anspruch gerecht geworden. Er ging schließlich zufrieden in Pension, jedoch nicht ohne zuvor aus der vielbuchstabigen Friedensstraße, der heutigen Hülsmannstraße, eine „Weidstraße“ gemacht zu haben. Irgendjemand muss dann im Zuge der Eingemeindung Borbecks nach Essen auf die Idee gekommen sein, die bestehenden Straßennamen im Stadtteil einer Revision zu unterziehen. Diesem Revisionsdrang fiel unter anderem die brave Kreuzstraße zum Opfer. Wer für die Umbenennung letztendlich verantwortlich war, mag im Dunkel der Geschichte bleiben. Fakt ist, dass sich die Bewohner der Kreuzstraße mit einem Mal „Am Ellenbogen“ wiederfanden. Nicht nur sie werden sich gefragt haben: Hä? Was soll das? Warum wohnen wir jetzt „Am Ellenbogen“?

Es ist nahezu ausgeschlossen, aus heutiger Sicht eine plausible Antwort zu finden. Doch ist es wohl einen Versuch wert. Nun denn, beginnen wir mit dem anatomischen Erklärungsansatz und der banalen Feststellung: Wo ein Ellenbogen ist, ist auch ein Arm. Und siehe da:  Gleich in der Nähe, sozusagen „umme Ecke“, liegt die Armstraße. Was lag also näher, als die Armstraße mit einem „Ellenbogen“ auszustatten. Nun besteht das Ellenbogen- oder Ellbogengelenk aus drei Teilgelenken, die untereinander verbunden sind. Das Gelenk aus Oberarm und Elle, das Gelenk aus Oberarm und Speiche und das Gelenk, das von Speiche und Elle gebildet wird. Schön erklärt und nachvollziehbar.

Aber wie lässt sich der anatomische Befund auf ein Straßenbild übertragen? Gibt es im Nebeneinander der in Frage stehenden Straßen so etwas wie Gelenkstellen, die im nichtanatomischen Sprachgebrauch Kreuzungen genannt werden? Schauen wir mal genauer hin. Gelenkstelle 1: Kreuzung Armstraße / Hülsmannstraße. Gelenkstelle 2: Kreuzung Weidkamp / Hülsmannstraße. Gelenkstelle 3: Kreuzung Weidkamp / Am Ellenbogen / Hülsmannstraße. Während man noch fieberhaft und akribisch nach einer Bestätigung des Straßenverkehrs-Ansatzes sucht, kommen auf einmal die Straßennamenexperten Erwin Dickhoff und Ludwig Wördehoff mit einem kategorischen „ätsch“ um die Ecke und sagen ziemlich verklausuliert:  An der Armstraße ist kein Arm dran, aber wer in dieser Straße wohnt, der ist arm dran. Damit machen sie aus dem anatomischen einen sozial-adjektivischen Befund. Ihre These lautet: Die Armstraße hat ihren Namen davon, dass hier ein Armenhaus gestanden hat. Und die Straße „Am Ellenbogen“ hat ihren Namen wegen der räumlichen Nähe zur Armstraße bekommen. Da muss man erst einmal tief durchatmen und die Sache ernsthaft von vorne bedenken.

Herkunft der Straßenbezeichnungen

Der Blick in Landkarten zeigt, dass Körperteile in Deutschland höchst selten zur Bezeichnung von geografischen Erscheinungen herangezogen werden. Von Kopf bis Fuß – Fehlanzeige. Keine Straßen mit Hirn, Kopf, Auge, Nase, Ohr, Hals, Schulter, Brust, Bauch, Magen, Schenkel, Knie, Wade, Fuß. Es hat den Anschein, als sei die Anatomie eine für Straßen, Berge, Gewässer verbotene Zone. Na gut, man hat den Nehrungshaken auf Sylt Ellenbogen genannt.

Auch Berge in der Rhön und im Pfälzer Wald und Stadtteile von Bodenkirchen bei Landshut und Leichlingen im Rheinisch-Bergischen Kreis tragen diesen Namen, vom Juristen Julius Ellenbogen (1878-1961) ganz zu schweigen. Eine Armstraße sucht man vergebens. In Regensburg soll es mal eine „Goldene“ Armstraße gegeben haben.  Aber ansonsten – Tabula rasa. Fakt ist ebenso: Es gibt die Armstraße und die Straße „Am Ellenbogen“. Nur eben nicht als Teile des  menschlichen Körpers., sondern – zumindest was die Armstraße betrifft – als Reflex auf die Zeit, als in Deutschland das Bettelwesen und das Hausieren grassierte und die staatliche Armenpflege aufkam.

Staatliche und kommunale Armenpflege

Im Zuge der Industrialisierung entstanden in den 1870er-Jahren in Deutschland staatlich organisierte sogenannte Armenverbände. Ihre Aufgabe bestand in der Übernahme der Pflegekosten für hilfsbedürftige Menschen und ihre Unterbringung in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Daneben entwickelten die Kommunen eigene Altenhilfen und Hilfsorganisationen. Sie alle dienten dem Zweck, die Bettler und Obdachlosen durch die Unterbringung und Versorgung in Arbeitshäusern und Armenanstalten aus der Öffentlichkeit zu entfernen. Gleichzeitig versuchte man neben der materiellen Unterstützung, Aufsässigkeit, Trunksucht und Arbeitsunwilligkeit zu bekämpfen und obdachlose und bedürftige Menschen zu Sesshaftigkeit und geregelter Arbeit zu erziehen.

Auf die sozialen Probleme, die die Industrialisierung mit sich brachte, fand man lange keine Antwort. In den staatlichen und städtischen Institutionen wuchs das Bewusstsein, wie mit der Armut umzugehen war, die durch Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten, Wohnungsknappheit und Arbeitslosigkeit aufkam, nur langsam. Es bedurfte eines langwierigen Lernprozesses der Akteure und Betroffenen. Erst 1871 trat das „Reichs-Gesetz über den Unterstützungswohnsitz“ in Kraft.

Eberfelder Modell

In den 1850er-Jahren entstand in Elberfeld ein Modellversuch zur Anpassung der kommunalen Armenverwaltung an die Bedingungen der Industriegesellschaft. Das zugrundliegende System basierte auf der Individualisierung der Unterstützungsleistung, der Dezentralisierung der Entscheidungskompetenz, der ehrenamtlichen Durchführung von Maßnahmen der öffentlichen Verwaltung und der Bestimmung von Zuständigkeiten nach rein räumlichen Kriterien. In der Phase der Hochindustrialisierung ging man wegen der Zunahme an Bedürftigen zu einer stärkeren Zentralisierung und Professionalisierung der Armenpflege über (Straßburger System).

Das Armenwesen in Borbeck

Armut hat es zu allen Zeiten gegeben. Hausierer, Bettler, fahrendes Volk, Gauner und Diebe bereiteten den Kommunen manche Sorgen. Für die Mitte des 19. Jahrhunderts ist im Stadtarchiv Essen ein Dokument aufbewahrt, das auf die Situation in Borbeck Bezug nimmt. Es handelt sich um das Protokoll des Borbecker Gemeinderats unter Bürgermeister Péan vom 21. März 1849. Darin ist die Rede davon, dass auf einem Grundstück des Grafen Recke-Volmerstein zu Berge arme Familien in Erdhütten wohnten, die mit ihren zahlreichen Kindern den Eingesessenen durch Betteleien zur Last fielen. Der Gemeinderat fasste daraufhin den Beschluss, die Familien zum schleunigen Verlassen der Hütten aufzufordern. Ob und wie das gelungen ist, ist nicht bekannt. [Borbecker Chronik 1, S. 62]. Am 5. Februar 1857 beschäftigte sich der Gemeinderat mit der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Bürgermeisterei. Nach einer harschen Kritik an den örtlichen Zechen- und Fabrikbesitzern, die  nur am Gewinn orientiert seien, befasste man sich mit der Folgen aus Entlassung und Arbeitslosigkeit. In den davon betroffenen Familien herrsche Armut, Kummer und Not und zu deren Linderung beanspruchten sie dann Unterstützung aus den Ortsarmen- oder Kommunalfonds. Das könnten die Ortsarmenfonds auf Dauer nicht leisten. [Borbecker Chronik 2, S. 103/104].

Bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Armenpflege eine Angelegenheit der Kirche, um die sich in Borbeck Pfarrer Legrand kümmerte. 1853 fanden Kommune (Bürgermeister Péan und Gemeinderatsmitglied Hoffstadt) und Pfarrei (Pfarrer Legrand und Vikar Arens) vorläufig eine einvernehmliche Lösung. Doch schon bald wurde das Armenwesen eine rein kommunale Angelegenheit. 1869 legte die Gemeinde Borbeck unter Bürgermeister Fähre eine Armenordnung fest, in der unter anderem vorgesehen war, dass es in den acht Ortschaften der Bürgermeisterei Borbeck jeweils einen Armenbezirksvorsteher aus dem Gemeinderat geben sollte. Unter Bürgermeister Heinrich (im Amt seit 1881) wurde die Armenpflege wegen der „Gleichgültigkeit“ und „Verkommenheit“ der Armen und Obdachlosen einer strengen Aufsicht und scharfen Kontrolle unterworfen. Schließlich wurde 1883 in der Bürgermeisterei Borbeck auf Betreiben von Bürgermeister Heinrich in der späteren Armstraße ein Armenhaus für einheimische Arme errichtet, dem eine „Station für mittellose Reisende“ angeschlossen war. Deren Notwendigkeit wurde so begründet:

„Hierdurch war den Einwohnern die Möglichkeit gegeben, die Bettler an den Türen abzuweisen, da jeder derselben im Armenhause Mittagessen bzw. Nachtessen, Schafstelle und Frühstück erhalten konnte, wenn er bereit war, hierfür einige Stunden zu arbeiten.“ [Zitiert nach Koerner, Armenwesen, S. 135].

Es ist wohl eher ein Zufall der Geschichte, dass im gleichen Jahr 1883 die Untersuchung des Oberamtmanns Huzel aus Blaubeuren zum System der kommunalen Naturalverpflegung armer Reisender zur Bekämpfung der Wanderbettelei erschienen ist. Dem Borbecker Armenhaus mit Naturalverpflegungsstation war ein landwirtschaftlicher Betrieb mit Gartenbau und Viehzucht angeschlossen. In Fachkreisen fand die Borbecker Einrichtung bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts hohe Wertschätzung und Anerkennung.

So also ist die Armstraße zu ihrem Namen gekommen und die Straße „Am Ellenbogen“ gleich mit.

Zur weiteren Geschichte des Armenhauses

1912 befand sich die Einrichtung von 1883 in einem katastrophalen baulichen Zustand. Der geplante Neubau fiel den Zeitumständen zum Opfer. 1927 musste das Armenhaus wegen der baulichen Mängel geschlossen werden. In den notdürftig hergerichteten Räumen wurden obdachlose Familien untergebracht. 1938 diente das Gebäude als HJ-Heim und nach 1945 als Bergarbeiter-Lehrlingsheim und Altersheim für Männer. Schließlich fand eine Kindertagesstätte der Stadt Essen hier ihren Platz. Inzwischen ist auch die Kita Armstraße in die Jahre gekommen. An ihre Stelle wird ein Neubau treten, der neben der Kita auch ein Jugendzentrum aufnehmen soll. Man rechnet mit einer Bauzeit von etwa vier Jahren. Baubeginn ist 2024. Alles wird neu – die Armstraße bleibt!

FJG

 

Quellen

Wikipedia: Artikel „Elberfelder System“ und „Armenpflege in Deutschland“ (abgerufen am 01.09.2024).

Koerner, Andreas: Artikel „Armenwesen“, in: Zwischen Schloss und Schloten. Die Geschichte Borbecks, Verlag Henselowsky Boschmann, Bottrop 1999.

Gewachsen in elf Jahrhunderten. Borbecker Chronik (Bde. 1-6), hrsg. von Walter Wimmer und Susanne Hölter, Borbeck 1980 bis 1993.

 

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