Vor 100 Jahren: Der Terrassenfriedhof wird gebaut

Und 200 Männer singen beim Chorkonzert im Schlosspark

0 23.08.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die damals in zeitgenössischen Zeitungen erschienen.

Bahnhof Rüttenscheid besetzt

Essener Allgemeine Zeitung, Freitag, 17. August 1923. Der Bahnhof Essen-Rüttenscheid ist gestern Nachmittag um 3 Uhr von den Franzosen besetzt worden. Die Bahnbeamten mussten ihren Namen angeben und durften dann den Betrieb verlassen.

Küchen beschlagnahmt

In den Möbelgeschäften Schmidt und Gebrüder Becker in der Rottstraße in Essen wurden am 16. August 17 vollständige Schlafzimmer und 12 vollständige Küchen beschlagnahmt. Von diesen Möbeln waren einige Einrichtungen schon verkauft. Trotz des Einwandes des Geschäftsleiters wurden auch die schon verkauften Möbel mitgenommen. Weitere Beschlagnahmungen haben die Franzosen in Aussicht gestellt.

Kabelklau nimmt weiter zu

Die Diebstähle an unedlen Metallen, besonders von Drähten und Kabeln aus Telegraphen- und Fernsprechanlagen, haben in den letzten Jahren sehr zugenommen. Die glatte Abwicklung des Telegraphen- und Fernsprechbetriebes wird dadurch ernstlich gefährdet. Ein besonderes Gesetz über den Verkehr mit unedlen Metallen wird den Gefahren entgegenwirken. Die in Betracht kommenden Dienststellen der Post und Telegraphenverwaltung sind jetzt angewiesen worden, sich mit den Bestimmungen des Gesetzes eingehend vertraut zu machen.

Kumpels fahren wieder ein

EAZ, Samstag, 18. August 1923. Rückkehr zur Arbeit. Die Absicht gewisser Kreise, die passive Resistenz der Bergarbeiterschaft fortzuführen und diese zum Generalstreik zu hetzen, ist völlig gescheitert. Nachdem schon am Donnerstagnachmittag die Belegschaften einer größeren Anzahl von Zechen in zum größten Teil stürmisch verlaufenden Versammlungen gegen den Willen kleiner, aber radikaler Minderheiten beschlossen hatten, unter allen Umständen die passive Resistenz aufzugeben und am Freitag beschlossen zur Arbeit zurückzukehren, haben sich die noch ausstehenden Belegschaften diesen Beschluss angeschlossen. Am Freitag sind auf allen Zechenanlagen die Belegschaften wieder zur gewohnten Arbeit zurückgekehrt, mit Ausnahme von denen, wo Beschlüsse vorliegen, die aufgrund von Eingriffen der Franzosen entstanden sind und wo die Arbeit deshalb ruht.

Der Terrassenfriedhof entsteht

Essener Allgemeine Zeitung, Sonntag 19. August 1923. Der dritte Essener Zentralfriedhof. Unter der Leitung des Gartenbaudirektors Korte hat sich die Stadtverwaltung entschlossen, das ganze Friedhofswesen umzugestalten. Die zahlreichen Friedhöfe sollen, wenn es nicht schon geschehen ist, allmählich dem Begräbniszweck entzogen und so zu Parkfriedhöfen, Grünanlagen, Stadtlungen umgeändert werden.

Um das Ziel zu erreichen, war es notwendig, außerhalb des Weichbildes der Stadt drei große Zentralfriedhöfe zu bilden. Zuerst wurde der Südwestfriedhof mit dem Ehrenfriedhof fertiggestellt. Die Arbeiten für den 260 Morgen großen Huttroper Friedhof nach Steele zu sind fast vollendet.

Die dritte Anlage, die jetzt in Angriff genommen ist, befindet sich im Nordosten (sic!) der Stadt und wird von der Heißener Straße, der Herbrüggenstraße und Kaldenhoverbaum begrenzt. Der Friedhof hat den Namen Essen-Schönebeck und ist in der Hauptsache für Essen-Altendorf, Essen-West und so weiter bestimmt.

Die Arbeiten für den Schönebecker Friedhof, der 85 Morgen umfasst, werden selbstverständlich nach einem sorgsam entworfenen Plan ausgeführt. Eine gewaltige Aufgabe ist zu erledigen. Es müssen die Straßenverbindungen nach dem Friedhof eingerichtet werden, auf dem Friedhof selbst sind Wege anzulegen, die die einzelnen Quadrate oder Rechtecke aufschließen. Wasserleitungen sind zu bauen, Pflanzungen vorzunehmen. Es ist ein Werk zu schaffen, das Jahrhunderte dauern soll.

Billionen über Billionen

Die Steigerung der Banknotenerzeugung nimmt von Tag zu Tag zu immer erschreckenderen Umfang an. Während die Reichsbank am Montag 10 Billionen in den Verkehr brachte, waren es am Dienstag bereits über 12 und weiter jeden Tag etwa 3 Billionen mehr. Donnerstag hat die Papiergeldfabrikation den Stand von 18 Billionen erreicht. Die Produktion soll bereits in den nächsten Wochen verdoppelt werden, so dass Anfang der nächsten Woche 30 Billionen je Tag hergestellt werden sollen.

Angesichts der weiteren Geldentwertung hat man auch die Herstellung von 100-Millionen-Scheinen bereits ins Auge gefasst und diese Note im Entwurf herstellen lassen. Anstelle der weißen Millionenscheine werden in der nächsten Woche farbige Millionenscheine herauskommen. Die weißen Millionenscheine sollen nach dem 1. Oktober aufgerufen werden.

EAZ, Dienstag, 21. August 1923. Der Dollar amtlich 4,2 Millionen.

Öfen und Herde requiriert

EAZ, Mittwoch, 22. August 1923. Die Franzosen haben in Essen im Herd- und Ofengeschäft Scheepers Öfen und Herde beschlagnahmt und abtransportiert. Die Beschlagnahme von Möbeln nimmt ihren Fortgang. Sogar in einzelnen Wohnungen, wahrscheinlich von Staatsbeamten, haben die Franzosen die Möbel beschlagnahmt und fortgeschafft. So wurde am gestrigen Morgen am Hauptbahnhof in Essen ein Auto entladen und die Möbel auf dem Platz aufgestellt, die dann wahrscheinlich von Angehörigen der Besetzung in Gebrauch genommen werden.

Opfersinn hält an

Auf der Straßenbahn Steele - Gelsenkirchen spielte sich eine Szene ab, die den Opfersinn der Ruhrbevölkerung für die Familien der ausgewiesenen Eisenbahner beleuchtet. Der Frau eines aus Herten ausgewiesenen Eisenbahners war auf der Fahrt aus dem Rheinland nach Gelsenkirchen, dem Wohnort ihrer Eltern, das Geld ausgegangen. Eine im Straßenbahnwagen veranstaltete Sammlung ergab einen nennenswerten Betrag. Ein Reisender spendete allein 10 Millionen.

Der Dollar amtlich 5,5 Millionen.

Kampf um Kartoffeln

EAZ, Donnerstag, 23. August 1923. Essener Wochenmarkt am 22. August 1923. Auf dem Wochenmarkt gab es wieder etwas mehr Gemüse, insbesondere Weiß- und Rotkohl war reichlicher vorhanden. Auch Eier wurden wieder, wenn auch nur in recht geringen Mengen, angeboten. Butter war nicht zu sehen. Um die Kartofeln gab es förmliche Kämpfe, bis die Polizei Ordnung in die langen Käuferreihen brachte. Der Fleischpreis hatte sich nicht wesentlich erhöht, dagegen hat das Gemüse wieder beträchtlich im Preise angezogen.

Ein gefährlicher Kinderfreund

Vor der Ferienstrafkammer hatte sich gestern der Bergmann Hubert B. aus Borbeck zu verantworten. Dem Angeklagten, einem verheirateten Mann von 32 Jahren, wird zur Last gelegt, in Abwesenheit seiner Ehefrau wiederholt Mädchen im noch nicht schulpflichtigen Alter in seine Wohnung gelockt zu haben. Er bestreitet entschieden die ihm vorgeworfenen Verfehlungen, wird aber durch die Beweisaufnahme überführt. Die Strafkammer verurteilt den Angeklagten wegen Sittlichkeitsverbrechen zu einem Jahr 6 Monaten Gefängnis und ordnet seine sofortige Verhaftung an.

Gartenkonzert im Schlosspark Essen-Borbeck

EAZ, Freitag, 24. August 1923. Das Vokal- und Instrumentalkonzert, das wegen ungünstiger Witterung am vergangenen Samstag ausfiel, findet nunmehr am kommenden Samstag, dem 25. August, abends 6 Uhr statt. Ausführende sind der über 200 Mann starke Gesangschor des christlichen Metallarbeiterverbandes unter Leitung des Herrn Franz Hengstenbeck und das Schlossorchester Essen-Borbeck unter Leitung des Herrn Kapellmeister Klausewitz. Der erste Teil des Programms ist dem gegenwärtigen Zeitcharakter angepasst. Der zweite Teil sieht heitere Gesangsspenden vor.

Zum Bild oben: Das Haus des Kohlensyndikats diente den Franzosen als Hauptquartier in Essen. (Sammlung A. Eickholt)

Quelle: Haus der Essener Geschichte / www.zeitpunkt.nrw - zusammengestellt und bearbeitet von Andreas Eickholt

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