Vor 100 Jahren: Schon einhundert Todesopfer zu beklagen

Und in Neu-York schließen die Kinos wegen der Hitze

0 16.08.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die damals in zeitgenössischen Zeitungen erschienen.

Schon einhundert Todesopfer

Essener Allgemeine Zeitung (EAZ), Samstag 11. August 1923. Aus einer amtlichen Liste ist zu entnehmen, dass die Zahl der bis zum 8. August dem Ruhreinbruch zum Opfer gefallenen 100 beträgt, die von den Franzosen oder Belgiern erschossen wurden.

Der 50-Millionen-Schein kommt

EAZ, 11. August 1923. In diesen Tagen werden, wie die Reichsbankdirektion mitteilt, der Öffentlichkeit 3 neue hochwertige Banknoten übergeben werden. Da die 5-Millionen-Scheine bei der Geldentwertung nicht mehr genügten, werden Noten von 10, 20 und 50 Millionen erscheinen.

Borbecker kassiert höchste Geldstrafe

EAZ, 11. August 1923. Die höchste Geldstrafe, die bislang von den Essener Gerichten aufgrund des Geldstrafengesetzes gegen Angeklagte ausgesprochen worden ist, verhängte gestern das Schöffengericht über den Kraftwagenführer Max Donner aus Borbeck. Der Angeklagte hatte sich wegen eines Diebstahls, der hart an Leichenflederei grenzt, zu verantworten. In einer Wirtschaft hatte er einem angetrunkenen Bergmann, mit dem er zusammen an einem Tische getrunken, aus dem Mantel die Brieftasche mit 100000 Mark Inhalt weggenommen. Das Gericht verurteilte ihn wegen Diebstahls zu 20 Millionen Geldstrafe, ersatzweise für je 500000 Mark zu je einem Tag Gefängnis.

Diebische Elster geschnappt

EAZ, 11. August 1923. Ein Kaufmann B. hatte an einem Abend im Juni nach einem Zechgelage auf der Straße die Bekanntschaft der Ehefrau Auguste Backini aus Borbeck gemacht. Er suchte mit ihr eine Wirtschaft auf, wo beide animiert dem Alkohol zusprachen. Bei dieser Gelegenheit zog die Begleiterin dem unternehmungslustigen Herrn eine kostbare Brillantnadel aus der Krawatte, die damals schon einen Wert von etwa 3 Millionen Mark hatte. Der Gerupfte merkte den Diebstahl erst, als er zu Hause war. Später gelang es ihm, die Diebin verhaften zu lassen, aber die Brillantnadel blieb verschwunden. Die Backini, die schon zweimal in der Arbeitsanstalt Brauweiler war, erhielt vom Schöffengericht 6 Monate Gefängnis.

Eier waren nicht zu sehen

EAZ, Sonntag,12. August 1923. Essener Wochenmarkt am 11. August 1923. Alle Wochenmärkte waren gleichmäßig schlecht beschickt. Zu Hunderten umlagerten die Käufer die leeren Kartoffelstände, die ersten zu 60000 das Pfund angebotenen Kartoffeln waren im Nu vergriffen. Dann gab es eine Weile Kartoffeln zu 80000 Mark und der Rest wurde zu 88000 Mark abgegeben. Mit jeder neuen Zulieferung änderte sich der Preis. Auf dem Weberplatz wurden die Kartoffeln mit 85000 Mark das Pfund verkauft. Das Gefrierfleisch kostete in den Läden 320000 Mark, auf dem Markte verlangte man 540000 Mark. Eier waren nicht zu sehen. Sie wurden in einigen Läden mit 35000 Mark das Stück abgegeben. Das Nähgarn ist bereits auf 250000 Mark für 200 Meter gestiegen.

Ärger über sinnloses Peitschenknallen

EAZ, Dienstag, 14. August 1923. In der letzten Zeit mehren sich in der Bevölkerung, wie uns von berufener Seite berichtet wird, die Klagen über mancherlei Rücksichtslosigkeiten, die der Allgemeinheit gegenüber begangen werden. Eine arge Ruhestörung verursachen vielfach junge Fuhrleute, die in den frühesten Morgen unter sinnlosem andauernden Peitschengeknall zu einer Zeit, wo alles noch im tiefsten Schlafe liegt, von ihrer Arbeitsstelle ausrücken. Unter dieser üblen Angewohnheit werden die Anwohner der Straßen, die die Peitschenknallenden durchfahren empfindlich in ihrer Nachtruhe gestört und vor allen Dingen leiden darunter die Kranken. In die Peitschenknallerei mischt sich dann noch das Hundegebell und das Hahnengeschrei in den Hühnerställen. Die Hundeplage war nie so groß wie in den heutigen Zeiten der Not.

Dollar amtlich 3,7 Millionen.

Eine Billion für die Ruhrhilfe

Essener Allgemeine Zeitung, Mittwoch, 15. August 1923. Die deutsche Kolonie in Buenos Aires hat bis Mitte Juni die Summe von 750000 Pesos, das sind nach dem heutigen Stande mehr als eine Billion Mark, durch freiwillige Sammlungen aufgebracht und der Ruhrhilfe zur Verfügung gestellt.

Amalie fordert: Gleiches Recht für alle!

EAZ, 15. August 1923. Uns wird geschrieben: Aufgrund dessen, dass sämtlicher Alkoholausschank verboten ist, beantragt die Belegschaft von Schacht Amalie Schließung sämtlicher Weinlokale und Cafés sowie die vorhandenen Schlemmerlokale. Die vorhandenen Lebensmittel und Weine sind zu beschlagnahmen und den Krankenhäusern zuzuführen.

Mädchen ertrinkt in der Ruhr

EAZ, 15. August 1923. Am Montagnachmittag forderte die Ruhr wieder ein junges Menschenleben. In der Nähe der Baldeneyer Fähre innerhalb einer der Inselbuchten, die von den Badenden viel benutzt wird, ertrank 15-jähriges Mädchen. Sofort angestellte Tauchversuche der anwesenden Schwimmer waren erfolglos. Später griffen Mitglieder des Kruppschen Ruder- und Wassersportvereins und anderer Rudervereine tatkräftig mit ein. Den vereinten Bemühungen gelang es schließlich, das Mädchen zu bergen, leider nur als Tote. Da die Leiche an einer Stelle gefunden wurde, die nicht tief war, muss man annehmen, dass das Mädchen einem Schlaganfall zum Opfer gefallen ist.

Das Ende der Tabakspfeife

EAZ, 15. August 1923. Vor 2 Wochen sind die Zigarrenladeninhaber in ganz Deutschland in einen eintägigen Proteststreik wegen der Bevorzugung der Tabakindustriellen durch das Finanzministerium getreten. Die Raucher schlossen sich aus Solidarität in der Hoffnung an, ein billigeres Kraut zu erhalten. Die Enttäuschung setzte sofort nach dem Proteststreik ein und ist jeden Tag mit den Preisen gestiegen. Am 11. August machte der Verband deutscher Zigarrenladeninhaber, Sitz Hamburg, bekannt, dass bei einem Dollarstand von 4 800000 die Herstellerverbände folgende Preise bestimmt hätten: 24 Mark für die einfache Strangzigarette, bessere Qualitäten entsprechend höher, 480000 Mark für ein Paket Tabak von 100 Gramm mitteler Qualität, 120000 Mark für eine Rolle Kautabak.

Mancher Raucher wird die Mutz resigniert in die Ecke legen, nachdem er schon vor langer Zeit auf die Zigarre verzichtet hat. Die Pfeife des kleinen Mannes wird der Geschichte, der Sage angehören. Es ist schade, denn die kurze und lange Pfeife verbreiteten Gemütlichkeit und Behaglichkeit. Aber wer fühlt sich in dem jetzigen Deutschland noch gemütlich und behaglich? Die Leute, die es tun, rauchen entweder Importen oder Zigaretten. Sie werden sich in ihrem Genuss nicht stören lassen, wenn die Preise noch so hoch klettern.

Lohnraub von der Lokomotive

EAZ, Donnerstag, 16. August 1923. Den Franzosen sind beim Öffnen des Tresors der Essener Reichsbank 13 Milliarden Mark in die Hände gefallen. - Am 9. des Monats mittags gegen 1 Uhr sollten Lohngelder für die im Kruppschen Hafengelände beschäftigten Angestellten und Arbeiter mittels Lokomotive nach Bahnhof Horl gebracht werden. Die Lohngelder im Gesamtbetrage von 584 Millionen Mark waren in Lohndüten, die den Namen der Empfänger trugen, eingezählt und in Kisten verpackt. In der Abzweigung der Hafenbahn zwischen Segeloh und Hövelstraße wurde die Lokomotive von 2 französischen Kriminalisten in Zivil und 6 Soldaten gestellt und die gesamten Gelder beschlagnahmt. Firma und Arbeiterrat haben wegen dieses Vorgangs bei dem stellvertretenden Divisionsgeneral Vorstellungen erhoben. Um ernste Beunruhigung in der Arbeiterschaft zu vermeiden, ist zu hoffen, dass die zuständige französische Stelle dem Antrage auf Freigabe der Lohngelder entsprechen und Vorkehrungen treffen wird, dass derartige Eingriffe künftig unterbleiben.

Nur noch kümmerliche Reste

EAZ, 16. August 1923. Essener Wochenmarkt am 15. August 1923. Der Markt wies diesmal nur kümmerliche Reste seiner sonstigen Herrlichkeit auf. Wenige Fleischbuden mit geringem Angebot, nur ganz kärgliche Mengen von Gemüse, wenig Früchte. Kartoffeln waren in genügender Menge da, jedoch nur an 2 Ständen, die infolgedessen wieder von großen Menschenmengen belagert wurden. Während in den Läden die Preise teilweise herabgesetzt worden waren, war von einer solchen Preisminderung auf dem Markte nichts zu spüren. Auch sonst macht Essen eine unrühmliche Ausnahme in der Preisgestaltung, beispielsweise kostete vom 13. August ab die Vollmilch in Berlin 50000 (hier 1350000), Magermilch 20000 (hier 65000).

Kripo hatte alle Hände voll zu tun

EAZ, 16. August 1923. Die hiesige Kriminalpolizei hat im Monat Juli eine sehr rege und umfangreiche Tätigkeit entfaltet, wie aus folgenden Ziffern hervorgeht: Bearbeitet wurden im Berichtsmonat 2435 Anzeigen, von denen 1554 neu erstattet waren. In Frage kommen hierbei fast sämtliche im Strafgesetzbuch verzeichneten Straftaten. Festgenommen wurden zum Teil mit Hilfe der neuen blauen Polizei 259 Personen, von denen 15 den Gerichtsbehörden überstellt wurden. In nicht weniger als 64 Fällen unnatürlichen Todes musste die Kriminalpolizei im Monat Juli Ermittlungen anstellen. Aufgrund vorliegender Steckbriefe sind im Berichtsmonat 13 und aufgrund von Haftbefehlen 17 Personen verhaftet worden. Ferner wurden 6 Selbstmordfälle polizeilich gemeldet.

Kino-Pleite in New York

Neues aus aller Welt. Massenschließung von Kinos in Neu-York. In Neu-York und den umliegenden Vororten haben 200 Lichtspieltheater schließen müssen. Die Ursache ist in dem Mangel an wirklich guten Filmen und in dem ungewöhnlich heißen Sommer zu suchen.

Postkarten-Porto im August 1923: 8000 Mark.

Quelle: Haus der Essener Geschichte / www.zeitpunkt.nrw - zusammengestellt und bearbeitet von Andreas Eickholt

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