Vor 100 Jahren: Ein Streichholz von 422 Mark

und drei Bergleute wurden lebendig begraben.

0 14.09.2023

Ein Streichholz zu 422 Mark

Essener Allgemeine Zeitung (EAZ), Dienstag, 11. September 1923. Was heute ein Streichholz kostet. Auf die Zündwaren ist eine neue Steuer gekommen, die 2800 Mark für die Schachtel beträgt. Der Verkaufspreis für eine Schachtel ist gegenwärtig 22.000 Mark. Da etwa 60 Hölzer in einer Schachtel sind, kostet ein Holz 375 Mark. Dazu kommt die neue Steuer mit 47 Mark, macht 422 Mark für ein Streichholz. 

Ev. Gemeinde Altendorf ehrt Gefallene Der Bahnhof Kray-Nord um 1920 (Sammlung Krayer Archiv)

Der Altendorfer Gemeindebezirk veranstaltete am Sonntag eines der beliebten Gemeindefeste in der Waldschenke Borbeck. Während in den Vorjahren der Reinertrag der Feste für die neuen Glocken der Christuskirche bestimmt war, ist der Ertrag dieser Veranstaltung für die in der Christuskirche errichtete Gedenkhalle für die gefallenen Helden des Gemeindebezirks vorgesehen. Da die Gedenkhalle bereits fertiggestellt ist, soll die Einweihung am kommenden Sonntag, dem 16. September, vormittags 10 Uhr stattfinden. Für die Angehörigen der Gefallenen werden Plätze freigehalten.

Ein zweifelhafter Kostgänger 

EAZ, Mittwoch, 12. September 1923. Vor der Ferienstrafkammer hatte sich der Kesselheizer Gustav I. aus Bottrop wegen schwerer sittlicher Verfehlungen zu verantworten. Der Angeklagte wohnte als Kostgänger bei einer Witwe, zu der er enge Beziehungen unterhielt. Er ließ sich verleiten, sich wiederholt an der 6 Jahre alten Tochter seiner Kostgeberin in der schamlosesten Weise zu vergreifen. Die Strafkammer schickte den verwahrlosten Menschen auf ein Jahr 3 Monate ins Gefängnis.

Osterfelder Wald entgeht knapp der Axt

Die Stadt Osterfeld sollte bis zum 1. September die herrlichen Waldungen zwischen Bottrop und Osterfeld zu beiden Seiten der Chaussee bis zu einer Tiefe von 50 Meter abholzen, weil aus dem Walde heraus auf ein durchfahrendes Automobil geschossen worden sei. Die Vorstellungen bei der Militärbehörde waren von Erfolg. Die Abholzung braucht nicht zu erfolgen, doch soll das Unterholz - niedriges Gestrüpp - beseitigt werden. Die Waldungen der Städte Bottrop und Osterfeld werden daher von einer tief bedauerlichen Verstümmelung bewahrt. 

Hauptquartier zieht um

2000.000 Mark Briefporto: Im September 1923 das neue Normal. Die Post kommt mit dem Druck neuer Marken nicht hinterher, alte Marken werden kurzerhand mit neuem Aufdruck versehen.

EAZ, Donnerstag, 13. September 1923. Besatzungsnachrichten. Das Hauptquartier der 77. Division, welches sich augenblicklich im Bredeneyer Rathaus befindet, wird nach Essen, Friedrichstraße, in das Gebäude des Bergbaulichen Vereins verlegt.

Das Pfund Butter zu 21 Millionen 

Essener Wochenmarkt am 12. September 1923. Der Mittwochsmarkt war wieder gut beschickt, besonders waren genügende Mengen Kartoffeln angefahren, die zum Preise von 170.000 Mark (pro Pfund) willige Abnehmer fanden. Der Pilzmarkt war mit erstklassiger Ware versorgt, Butterpilze, Steinpilze, Waldchampignons, Pfifferlinge waren reichlich vorhanden. Es scheint, als ob die letzten Nachrichten über Pilzvergiftungen die Käufer zurückhalten. Das ist unberechtigt, denn die auf dem Markte angebotenen Pilze konnten und können auch in Zukunft unbesorgt erstanden werden, da die Händler selbst wie auch die Marktpolizei sich als gute Kenner ausweisen können. Auch das Fischangebot fand nicht genügend Beachtung und doch sollte dieses Nahrungsmittel mehr in Anspruch genommen werden. (...) Butter und Mettwurst stritten sich um den Vorrang, die höchste Stufe auf der Preisleiter erklommen zu haben. Der Butterpreis von 21 Millionen entspricht einem Dollarstand von 84 Millionen. Man darf also hier von einer Überforderung sprechen, der Einhalt geboten werden müsste. (...)

Gebühr für ein Ortsgespräch: 250.000 Mark

EAZ, Freitag, 14. September 1923. Postgebühren. Vom 20. September an beträgt die Gebühr für den einfachen Fernbrief 250.000 Mark, für die Fernpostkarte 100.000 Mark, für die Drucksache der ersten Gewichtsstufe 50.000 Mark. Vom 16. September an sind für gewöhnliche Telegramme zu entrichten eine Grundgebühr von 400.000 Mark und eine Wortgebühr von 200.000 Mark. Im Fernsprechverkehr kostet ein Ortsgespräch 250.000 Mark. In ähnlichen Verhältnissen erfahren auch die meisten übrigen Gebühren eine Heraufsetzung. Der Druck der entsprechenden Marken ist bereits im Gange.

Brot bis zu fünfmal teurer

Infolge Heraufsetzung der Abgabepreise der Reichsgetreidestelle für Getreide und Mehl auf das Zehnfache der bisherigen Preise und infolge erneuter Steigerung der Produktionskosten ist eine weitere Erhöhung der Preise für Markenbrot notwendig geworden. Es ist etwa das Fünffache der bisherigen Preise zu zahlen.

Drei Bergleute lebendig begraben

EAZ, Samstag, 15. September 1923. Aus Rheinland und Westfalen. Rotthausen. Lebendig begraben waren seit Mittwoch Mittag auf der Zeche Dahlbusch die Bergleute Goßmann, Ellefeld und Schimanowski. Durch herabstürzende Erdmassen waren sie eingeschlossen und von der Außenwelt völlig abgeschnitten. Die Rettungsarbeiten, die sofort aufgenommen wurden, waren zunächst dadurch erheblich erschwert, dass fortgesetzt neue Einstürze erfolgten. Gestern morgen ist es gelungen, die Eingeschlossenen unversehrt zu bergen. Über 40 Stunden waren sie eingeschlossen.

Kur für unterernährte Kinder

EAZ, Sonntag, 16. September 1923. Im Kinderheim des Landkreises Essen zu Berg-Dievenow an der Ostsee sind für die nächste Kur noch einige Plätze für unterernährte und erholungsbedürftige Kinder beiderlei Geschlechts frei. Die Kur beginnt am 22. September, der Abfahrtstag der Kinder ist auf Freitag, den 21. des Monats, festgesetzt worden. Die Verpflegung ist bekannterweise ausgezeichnet, unter anderem erhalten die Kinder täglich ein Liter Milch. Anmeldungen werden spätestens Dienstag, den 18. September, vormittags auf dem Wohlfahrtsbüro des Landkreises Essen, Realgymnasium Heinickestraße, Hintergebäude, Zimmer 2, entgegengenommen; daselbst wird auch nähere Auskunft erteilt.

Nach Anschlag: Verkehrssperre in Kray

Der Stadtverwaltung ging vom Besatzungskommando folgende Mitteilung zu:

In der Nacht zum 14. September ist an der Bahnlinie Essen - Kray Nord ein Attentat begangen worden, das große Folgen hätte haben können. Infolgedessen werden an der Bahnlinie Essen - Kray Nord ab 16. September bis auf weiteres folgende Sanktionen verhängt: Die Straßenbahnlinien Nummer 7 und 8 werden an der Bahnunterführung Essen-Altenessen und Stoppenberg Westausgang unterbrochen, die Linie Kray – Steele bis zum Nordausgang von Steele und dem Südausgang von Rotthausen unterbrochen.

In der Gegend, die wie folgt bengrenzt ist: Im Osten durch die Gleise Essen – Altenessen, im Norden durch die Straße Essen - Stoppenberg – Schonnebeck - Südausgang Kray, im Westen durch die Straße Kray – Steele, im Süden durch die Gleise Steele-West – Essen, ist der Verkehr von Lastautos mit Ausnahme derjenigen, die Lebensmittel oder Medikamente transportieren, untersagt.

Ferner ist untersagt der Verkehr von Automobilen und Motorfahrrädern mit Ausnahme derjenigen, für welche die Kommandanten glauben, einen besonderen Verkehrsschein bewilligen zu dürfen (Ärzte, Geistliche und Hebammen).

 

Gemeinsame Anzeige der jüdischen Kaufleute Essens: Die Geschäfte bleiben wegen des jüdischen Neujahrsfestes geschlossen. 

 


Bilder:

  • Der Bahnhof Kray-Nord um 1920 (Sammlung Krayer Archiv)
  • Gemeinsame Anzeige der jüdischen Kaufleute Essens: Die Geschäfte bleiben wegen des jüdischen Neujahrsfestes geschlossen.
  • 2000.000 Mark Briefporto: Im September 1923 das neue Normal. Die Post kommt mit dem Druck neuer Marken nicht hinterher, alte Marken werden kurzerhand mit neuem Aufdruck versehen.

 

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