Vor 100 Jahren: Preise steigen um das Zehnfache

0 02.11.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die damals in zeitgenössischen Zeitungen erschienen.

Preise steigen um das Zehnfache

Essener Allgemeine Zeitung (EAZ), Donnerstag, 1. November 1923. Der Essener Wochenmarkt bot, soweit es sich um das Warenangebot handelte, am Mittwoch wieder ein erfreuliches Bild. Weniger angenehm waren die ganz gewaltigen Preissprünge, die seit Samstag wieder zu verzeichnen sind. Auch das Fehlen von Kartoffeln wurde unangenehm empfunden. Am schärfsten haben neben den Pflaumen diesmal die Seefische angezogen. Schellfisch wurde zu 8 und 10 Mrd gegen 2 und 2,5 am Samstag angeboten. Auch die Eier sind um das Doppelte gestiegen, sie wurden mit 2 verkauft, auf dem Samstagmarkt mit 1. Die zu 5 und 6 Milliarden angebotenen Pflaumen fanden zu diesem Preise wenig Käufer. Die Steigerung umfasst das Zehnfache und dürfte auch nicht gerechtfertigt sein, zumal die Ware im Allgemeinen nicht einwandfrei war. Grüne Bohnen sind von 2 Milliarden auf 4 Milliarden gestiegen.

Jeder dritte Zug fällt aus

EAZ, Freitag, 2. November 1923. Die Verschärfung der allgemeinen wirtschaftlichen Notlage und die Pflicht zu ernster Sparsamkeit zwingt die Reichseisenbahn alsbald, einschneidende Einschränkungen in Personenverkehr vorzunehmen. Die vom Reichsverkehrsminister bereits angekündigten Maßnahmen werden nach dem bereits festgelegten Plane, der auf die gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse abgestimmt ist, von Montag, 12. November, ab durchgeführt. Etwa ein Drittel der Züge des Fahrplanes vom 1. Oktober dieses Jahres fällt damit aus.

Krupp und Besatzer vor Einigung

EAZ, Samstag, 3. November 1923. Nach einer Mitteilung der Firma Krupp haben die zwischen der Friedrich Krupp AG und der französischen Kommission in Düsseldorf in letzter Zeit gepflogenen Verhandlungen am Donnerstag zu einem Abkommen geführt. Es ist nunmehr zu erwarten, dass die durch die Besatzung entstandenen Hemmungen, welche die Aufrechterhaltung der Betriebe erschwert und in letzter Zeit ernstlich gefährdet haben, zum großen Teil in Kürze beseitigt werden.

Postkarte kostet 200 Millionen

Wir teilten bereits mit, dass am 5. November eine Verzehnfachung der eben in Kraft getretenen Gebühren erfolgen soll. Es werden dann kosten die Postkarte im Ortsverkehr 200 Millionen, im Fernverkehr 500 Millionen, der 20-Gramm-Brief im Ortsverkehr 500 Millionen, im Fernverkehr eine Milliarde, das 5-Kilo-Paket je nach der Zone dreieinhalb, 7 und 17 Milliarden.

Essen-Borbeck. Eine evangelische Gemeindeversammlung findet Sonntag (4 Uhr, Ende 6 Uhr) im großen Saal der Waldschenke unter Mitwirkung der verschiedenen Vereine der Gemeinde in instrumentalen, vokalen und deklamatorischen Darbietungen aus Anlass des Reformations- und Gustav-Adolf-Festes auf Veranlassung des Presbyteriums statt. Die Vortragsfolge, welche die Gemeindeglieder und Glaubensgenossen zum Eintritt berechtigt, ist zum Preise von 100 Millionen Mark zu haben.

Kartoffeln, Butter und Eier Fehlanzeige

EAZ, Sonntag, 4. November 1923. Von den Wochenmärkten ist nicht viel zu berichten. Nur spärliche Reste der früher sich drängenden Verkaufsstände waren vorhanden und auch auf diesen nur wenig Ware. Auf dem Gerlingplatz waren jedoch zahlreiche Fischhändler angefahren, die guten Absatz fanden, aber doch einen erheblichen Teil des Angebotes wieder mit nach Hause nehmen mussten, was bei der wirklich guten Nahrung recht bedauerlich ist. Kartoffeln, Butter und Eier fehlten gänzlich. Die Fleischer auf dem Kopstadtplatz hatten nur so geringe Mengen zur Verfügung, dass bei etwaigen Überfällen kein großer Schaden entstehen konnte. Um das Gemüse gab es häufig unangenehme Drängeleien mit erregtem Wortwechsel. Obst war fast gar nicht vorhanden.

Aus Versehen erschossen

EAZ, Mittwoch, 7. November 1923. Das leichtsinnige Hantieren mit einer Schusswaffe hat in Essen wieder einmal ein junges Menschenleben vernichtet. Der Schmied Karl Schwanke, Rüselstraße 5, war mit der Reinigung einer Armeepistole, die er rechtswidrig im Besitz hatte, beschäftigt. Ohne sich zu überzeugen, ob die Waffe geladen war, hantierte er damit sehr unvorsichtig. Plötzlich krachte ein Schuss. Die Kugel traf unglücklicherweise seine in der Nähe befindliche Ehefrau, die mit lautem Aufschrei zusammenbrach. Die schwerverletzte Frau starb wenige Augenblicke später in den Armen ihres Mannes. Das Unglück ist umso tragischer, als der unvorsichtige Mann erst wenige Monate verheiratet ist.

Zum Bild oben: "Die Fleischer auf dem Kopstadtplatz hatten nur so geringe Mengen zur Verfügung, dass bei etwaigen Überfällen kein großer Schaden entstehen konnte", schreibt die Essener Allgemeine. In der Vorwoche war es rund um den Platz zu Plünderungen gekommen. (Foto: Slg. A. Eickholt)

Quelle: Haus der Essener Geschichte / www.zeitpunkt.nrw - zusammengestellt und bearbeitet von Andreas Eickholt

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