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0 15.01.2026
Der Rothirsch (Cervus elaphus) ist Deutschlands größte Hirschart. Ursprünglich waren Rothirsche in steppenähnlichen Landschaften zu Hause, doch der Mensch hat die Tiere nach und nach in die Wälder verdrängt. Heute darf die Art vielerorts nur in gesetzlich ausgewiesenen sogenannten Rotwildbezirken existieren, vor allem in den südlichen Bundesländern. Der Grund: Man fürchtet land- und forstwirtschaftliche Schäden durch den Rothirsch. Der mangelnde Austausch zwischen den einzelnen Vorkommen ist mittlerweile zu einer echten Herausforderung für den Artenschutz geworden. Die Deutsche Wildtier Stiftung setzt sich seit ihrer Gründung für mehr Lebensraum für den Rothirsch ein. Jetzt wurde der Rothirsch zum Wildtier des Jahres 2026 gekürt.
Der ausgewachsene Rothirsch ist mit einer Schulterhöhe von bis zu 150 Zentimetern und einem Gewicht von maximal 250 Kilogramm das größte regelmäßig an Land vorkommende heimische Wildtier. Der Name der Art leitet sich vom rotbraunen Sommerfell ab. Im Winter ist das Fell graubraun.
Wie bei fast allen Hirscharten tragen auch beim Rothirsch nur die männlichen Tiere ein Geweih, das jährlich abgeworfen und neu gebildet wird. Seine Stirnwaffen setzt der Rothirsch ein, um Artgenossen zu imponieren, sich das Paarungsvorrecht zu erkämpfen und manchmal auch um sich zu verteidigen, zum Beispiel gegen Wölfe. Je nach Lebensalter verlieren die Hirsche ihr Geweih jedes Jahr zwischen Februar und April. Unmittelbar danach wächst aus den beiden Abbruchstellen, den sogenannten Rosenstöcken, das neue Geweih, das nach etwa 140 Tagen fertig ist. Während dieser Zeit wird es von einer behaarten Haut, in der Jägersprache Bast genannt, mit Nährstoffen versorgt. Ältere Hirsche bilden auf diese Weise in jedem Jahr neue Knochensubstanz von durchschnittlich sechs bis sieben Kilogramm aus. Alle Hirscharten gehören zu den sogenannten Stirnwaffenträgern – ebenso wie Rinder, Schafe, Ziegen und Giraffen.
Anders als Rehe bilden Rothirsche Rudel, die ihnen Sicherheit geben. Die Größe der Rudel ist abhängig vom Lebensraum und von der Wilddichte, also der Zahl der Individuen dieser Art in einem Gebiet. In reinen Waldbiotopen sind die Rudel meist kleiner als in offeneren Lebensräumen. Rotwildkälber kommen von Mai bis Juni zur Welt und werden etwa zehn Monate lang gesäugt. Vor der Geburt vertreibt die Hirschkuh, das sogenannte Alttier, das Kalb des Vorjahres aus ihrer Nähe. Die einjährigen Weibchen bleiben aber meist in der Umgebung und schließen sich nach der Geburt des Kalbs wieder ihrer Mutter an. Auf diese Weise kommt es oft zu typischen Mutterfamilien, die sich zu Rudeln zusammenschließen – in der Jägersprache werden sie Kahlwildrudel genannt. Die Alttiere eines Kahlwildrudels sind oft miteinander verwandt, und das Leittier hat immer ein Kalb. Verliert ein Kalb im ersten Lebensjahr seine Mutter, zum Beispiel durch Jagd, verkümmert es und wird aus dem Rudel verstoßen. Manchmal schließen sich die Waisen zu einem eigenen Rudel zusammen. Männliche Tiere leben vor allem im Frühjahr und Sommer in Rudeln. Zwischen Juni und August fressen sie sich Fettreserven für die Brunft an. Im September und Oktober folgen die männlichen Hirsche den Weibchen auf die traditionellen Brunftplätze.
Rothirsche fressen Baumknospen und ziehen die Rinde von Bäumen ab. Was den Tieren zur Ernährung dient, ist aus Sicht der Ökologie ein wichtiger Dienst an den Ökosystemen: Die Fraßeinwirkungen können die Artenvielfalt im Wald erhöhen, weil dadurch offene Bereiche entstehen, die Raum für lichtliebende Pflanzenarten bieten. In Bäumen, die durch Verbiss stärker verzweigen und dichter wachsen, finden manche Vogelarten Nistplätze. In ihrem Fell, über Kot und an ihren Hufen transportieren große Wildtiere wie Rothirsche verschiedenste Pflanzensamen – bei einer Wanderung zu den Brunftplätzen teilweise mehr als 100 Kilometer weit. Und wenn sie sich suhlen und feuchten Boden aufwühlen, entstehen neue Lebensräume für Wasserinsekten oder Laichplätze für Libellen. Selbst das ausfallende Winterfell findet seine Abnehmer – viele Vogelarten nutzen es für den Nestbau. Abgeworfene Geweihstangen sind wegen ihres hohen Kalzium- und Phosphorgehalts vor allem bei Nagetieren beliebt. Und auch der Tod hat seine Funktion: Die Kadaver verendeter großer Wildtiere dienen vielen anderen Arten als Nahrung.
Aber jetzt kommt das GROSSE ABER: Fast alle Wälder in Deutschland werden intensiv für die Holzproduktion genutzt. Für den Forstbetrieb sind Rothirsche Schädlinge, denn sie fressen die Knospen der nachwachsenden Baumgenerationen, die dadurch langsamer wachsen. Oder sie schälen, vor allem im Winter, die Rinde der Bäume. An solchen Schälstellen dringen Pilze in den Baumstamm, der dadurch stark an wirtschaftlichem Wert verliert. Selbst wenn die Bestandsdichte in einem großen Gebiet insgesamt eher gering ist, kann ein Rudel Rothirsche lokal in kurzer Zeit einen bedeutenden Einfluss auf die Waldvegetation nehmen. Nicht zuletzt um die wirtschaftlichen Schäden im Wald zu reduzieren, werden in Deutschland jährlich rund 70.000 Rothirsche erlegt. Ganz nebenbei gewinnen wir ohne Massentierhaltung oder Tiertransporte mit dem Wildfleisch ein wertvolles natürliches Lebensmittel. Allerdings trägt die Art und Weise der Jagd an vielen Stellen zu einer Verschärfung der Konflikte zwischen Rothirsch und Forstwirtschaft bei: Werden die Tiere permanent durch Jäger beunruhigt, ziehen sie sich in immer dichtere Waldbereiche zurück und müssen ihren Hunger dort notgedrungen mit Baumrinde stillen.
Deutsche Wildtier Stiftung
Foto oben: Die Stirnwaffen setzten männliche Rothirsche auch ein, um die Weibchen zu beeindrucken. Foto: Thomas Martin
Foto im Text: Die "Frau" des Rothirschs ist kein Reh, sondern eine Hirschkuh. Foto: Thomas Martin
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