Am Ende gab‘s Eierpfannkuchen für alle

0 13.04.2019

Ostern: Sechs Buchstaben, eine Offenbarung. Ostern begann die Gartensaison. Nicht, dass wir Kinder uns so nach frischer Luft gesehnt hätten, aber draußen zu spielen, das war etwas ganz anderes. Unser Garten war groß und an ihn grenzte ein noch größerer, verwilderter Garten. Wir hatten darin das Gefühl unsichtbar zu sein für die Augen der Erwachsenen.

Ostern: Wenn ich Glück hatte, durfte ich an diesen Feiertagen zum ersten Mal Kniestrümpfe tragen. Mutter blickte auf das Thermometer und wenn es morgens bereits zehn Grad zeigte, legte sie die blütenweißen bereit. Die blieben natürlich nicht lange so weiß, aber das war mir egal. Hauptsache die engen, kneifenden Wollstrumpfhosen blieben in der Schublade. Nach jedem Waschen schienen sie kleiner geworden und ständig rutschen sie. "Papa! Bitte einsacken“ flehte ich meinen Vater an, wenn der Schritt wieder einmal zwischen den Kniekehlen hing. Vater hob mich dann am Bund in die Luft und schüttelte mich wie einen Sack Kartoffeln bis die Strumpfhose vorschriftsmäßig saß.

Schon die Zeit vor Ostern begeisterte mich mächtig. Es wurde gebastelt und gemalt. Mutter blies die Hühnereier aus. Das war spannend. Ich hatte immer ein wenig Angst um sie, wenn sie ihre Wangen aufblähte und rot anlief. Manchmal zerbrach dabei ein Ei. Dann konnte sie richtig sauer werden. Am Ende gab dann Eierpfannkuchen für alle.

Bemalt wurden die Eier für den Osterstrauß mit Wasserfarben, später mit Filzstift. Ich war begeistert von meinen Kunstwerken. Und wenn wir Kinder es nicht zu doll trieben, hatten einige dieser Schönheiten sogar die Chance, Ostern zu erleben.

In der Kirche wurden die Lieder immer trauriger. Ich fand sie trotzdem wunderschön. Die Melodien hatten so viele Schnörkel und Verzierungen, die man voller Inbrunst richtig schön leiern konnte. Ostern gingen wir in aller Herrgottsfrühe in die Kirche. Anschließend gab es Frühstück für jeden ein bunt gefärbtes Osterei und den ersten Streit. Nachdem mein Bruder eine Menge Stuten mit Leckerfleisch (er meinte Kasseler Aufschnitt) verdrückt hatte, begannen wir mit dem Eier-Kutschen. Derjenige, dessen Osterei dem Kistchen standhielt, durfte das beschädigte behalten. Natürlich kannte ich noch nicht den Trick und hielt meinem Bruder das Ei mit dem stumpfen Ende hin. Klar, dass ich mein Ei schnell los und das Geheul groß war.

Doch nun ging es in den Garten, Ostereier suchen. Wann der Osterhase all die bunten Köstlichkeiten versteckt hatte, war mir völlig schleierhaft. Meine Brüder, fünf und acht Jahre älter als ich, wussten natürlich schon, dass mein Vater Osterhase spielte. Der Futterneid war groß und so versuchte jeder von uns Kindern möglichst schnell, möglichst viel zu finden. Offenbar konnte unser Osterhase auch klettern. Viele Nester fanden wir in luftiger Höhe in den Astgabeln oder in den hohlen Stämmen der alten Pappeln ganz hinten im Garten.

Dem Nester suchen im Kindergarten sah ich aber eher mit gemischten Gefühlen entgegen. Neben dem Kindergarten stand ein Altenheim, das um die Jahrhundertwende eine Gastwirtschaft war und im Krieg ein Krankenhaus. Man konnte noch zu meiner Kindergartenzeit das große rote Kreuz auf weißem Grund erkennen, das man zum Schutz vor Luftangriffen auf das Dach gepinselt hatte. Jetzt, und das wussten wir aus sicherer Quelle, lebten jede Menge Hexen mit wirren Haaren und ganz langen Wackelzähnen in dem Haus. Ostern versteckten die Nonnen, die Altenheim und Kindergarten leiteten, auf dem riesigen Gelände kleine Nester. Wir Kröten mussten überall suchen und kamen dabei an einem weiteren unheimlichen Gebäude vorbei. Uns war sonnenklar, dass hier die Hexen ihren Backofen hatten und dass sie nur darauf warteten, eins von uns Kindern zu fangen und zu rösten. Wir konnten doch schon zwei und zwei zusammenzählen! Und nur im Märchen können Kinder Hexen verbrennen. Doch alle Kinder kamen wohlbehalten zurück und jedes hatte ein eigenes Nest, gefüllt mit diesen klebrigen, kleinen süßen Dingern. Mit den roten Eierchen versuchten wir prompt, uns die Lippen anzumalen - mit mäßigem Erfolg. Trotzdem war der Jubel groß.

Ein schönes Osterfest wünscht Ihnen und Euch Monica

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