Vor 100 Jahren: Was nicht fortgeschleppt wurde, ist zerstört

Besatzer verwüsten Oberhausener Hauptbahnhof

0 22.03.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die in der damals weit verbreiteten Essener Volkszeitung erschienen.

Besatzer verwüsten Oberhausener Hauptbahnhof

Essener Volkszeitung, 24. März 1923. Der Hauptbahnhof Oberhausen, der von Belgiern und Franzosen vom 23. Januar bis 16. März besetzt gehalten wurde, befindet sich nach den jetzt vorliegenden amtlichen Feststellungen in einem derartigen Zustande der Zerstörung und Verwüstung, dass der Betrieb vorläufig noch nicht wieder aufgenommen werden kann. Sämtliche Bureaueinrichtungen, Maschinen usw sind planmäßig zerstört, alle Akten zerstreut, die Fenster- und Türscheiben eingeschlagen, die Gepäckstücke in den Gepäckaufbewahrungsräumen und die Güter in den Güterschuppen sind verschwunden, auch die großen Lagerhallen des Güterbahnhofs sind leer. Was nicht fortgeschleppt wurde, ist zerstört. Bonbons, Waschpulver und Kautabak liegen zentnerweise im Schmutz.

Widerstand muss weitergehen!

EVZ, 24. März 1923. Aufruf der Bergarbeiterverbände: Ruhrbergleute! Fast zehn Wochen setzt der französische Imperialismus und Militarismus seine Gewaltpolitik fort. Waffenlos aber unbeugsam verharrt die Ruhrbevölkerung im Abwehrkampf. Mit allen Mitteln versuchen die Franzosen, den Widerstand zu brechen. Durch rosige Versprechungen soll die Arbeiterschaft eingefangen werden. (...) Kameraden! Wie erst würde es uns ergehen, wenn Poincaré seine Ziele erreichen würde? Er wird sie nicht erreichen. An unserem Willen, gestützt auf unser Recht, muss die brutale Gewalt zerschellen. Frankreich wird auch weiterhin keine Kohle und keinen Koks bekommen, und der Versuch, die Haldenbestände abzufahren, wird ein Misserfolg bleiben. Kameraden! Wir bleiben fest im Abwehrkampf für unser Recht und unsere Freiheit.

Trauerzug für getöteten Buchdrucker

EVZ, 26. März 1923. Ein imposanter Trauerzug bewegte sich Samstag nachmittag von der Leichenhalle der Städtischen Krankenanstalten durchs Mühlbachtal zum Zentralfriedhof in Essen-Fulerum. Der einer Patrouille der Besetzung in der Herkulesstraße zum Opfer gefallene Buchdruckereibesitzer Kurt Schulte von der Rosastraße in Essen-Rüttenscheid wurde zur letzten Ruhe bestattet.

Für 10 Millionen Holz beschlagnahmt

Für zehn Millionen Mark Holz wurden in der Holzhandlung Heinr. Conrad in der Gerswidastraße durch die Besatzungstruppen beschlagnahmt.

Goldpreis stabil

Der Ankauf von Gold für das Reich bleibt unverändert zum Preise von 85 000 Mark für ein Zwanzigmarkstück, 42 500 für ein Zehnmarkstück. Reichssilbermünzen werden unverändert zum 1500fachen Betragen des Nennwertes angekauft.

Waffengewalt gegen Feuerwehr

Eine von ihrem Manne getrennt lebende Fleischersfrau, die mit ihren zwei kleinen Kindern bei ihrer Mutter in Essen-West Zuflucht gefunden, erhielt dieser Tage den Besuch ihres Mannes, als dieser wieder einmal dem Alkohol stark zugesprochen hatte, und die Absicht äußerte, Frau und Kinder und sich selbst erschießen zu wollen. Nach Einbruch in die Wohnung wollte er sein Vorhaben in die Tat umsetzen, zum Glück versagte jedoch die Schusswaffe. Der inzwischen herbeigerufenen Feuerwehr gelang es dann, den Menschen, der auch ihr gegenüber eine drohende Haltung annahm, festzunehmen und nach dem Krankenhaus zu schaffen, wo man ihn in einer Isolierzelle unterbrachte. Hier spielte er den Tobsüchtigen, so dass man ihn in die Zwangsjacke stecken musste. Bei seiner Festnahme hatte er sich selber ein Auge ausgeschossen, da bei seiner Widersetzung die Waffe plötzlich losgegangen war.

Zum Bild oben: Blick auf die Krupp'schen Werke, um 1920. Postkarten wie diese wurden zu Tausenden von Besatzungssoldaten aus dem Ruhrgebiet nach Frankreich gesandt. (Sammlung A. Eickholt)

 

Quelle: Haus der Essener Geschichte / www.zeitpunkt.nrw - zusammengestellt und bearbeitet von Andreas Eickholt

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