Vor 100 Jahren: Der schlimmste Zwischenfall passierte auf der Altendorfer

Besatzer beschlagnahmen sogar Brieftauben

0 29.03.2023

Kriegsfolgen, Ruhrbesetzung und Hyper-Inflation - 1923 war für die leidgeprüfte Bevölkerung vor allem im Revier ein schwarzes Jahr. Wir bringen in loser Folge Kurznachrichten aus der Zeit vor hundert Jahren, die damals in zeitgenössischen Zeitungen erschienen.

Wer den Hut nicht abnimmt, wird verhaftet

Bochum, 27. März 1923. (Essener Volks-Zeitung) Der französische Zivilkommandant der Stadt richtete an die Bochumer Geschäftswelt, die seit vier Wochen als Protest gegen die Requisition (Beschlagnahmung von zivilen Sachgütern für Heereszwecke) der Franzosen die Läden geschlossen hält, die Aufforderung, bis zum 1. April wieder alle Läden zu öffnen, widrigenfalls die leitenden Personen der Geschäfte oder deren Inhaber mit Gefängnis nicht unter einem Jahr bestraft würden. Ferner haben die Franzosen damit gedroht, den Warenverkauf selbst vorzunehmen.

Die Absperrung der Stadt wird neuerdings wieder sehr rücksichtslos gehandhabt. Um die Bevölkerung zu demütigen, wird von den männlichen Personen verlangt, dass sie beim Vorzeigen des Ausweises ihre Kopfbedeckung abnehmen.

Die Franzosen verhafteten heute morgen in Bochum etwa zehn Zivilisten, weil sie beim Passieren der das Stadtinnere einschließenden Absperrungslinie nicht ihren Hut gezogen hatten.

Auf dem am Sonntag besetzten Anlagen der Zechen Rheinbaben und Schlägel und Eisen 3 und 4 beginnen die Belgier mit den Vorbereitungen für den Abtransport von Koks, indem sie Schienen legen, Waggons beschlagnahmen usw.

Brieftauben beschlagnahmt

Essen, 28. März 1923. (EVZ) Dem Herrn Kalthoff, Vorsitzender des Taubenzuchtvereins Haarzopf, sind am vergangenen Samstag 180-200 Brieftauben von den Franzosen beschlagnahmt worden. Es wurde bemerkt, dass Kontrollringe angelegt und die Tauben am folgenden Tag zurückgegeben würden. Die Rückgabe der Tauben ist bisher nicht erfolgt. Nach Erkundigungen bei den französischen Taubenwärtern in Bredeney wurde mitgeteilt, die Tauben seien "parti Mainz".

Mädchen vergewaltigt: Kriegsgericht

Essen, 29. März 1923. Sonntag abend wurde auf dem Wege, der die Lührmannstiftung mit dem Mühlbachtal verbindet, ein 15einhalbjähriges Mädchen von zwei Franzosen vergewaltigt.

Das junge Mädchen, das sich in Begleitung eines jungen Mannes befand, wurde von den Soldaten, die beide betrunken waren, angehalten; der junge Mann wurde mit Revolver und Seitengewehr bedroht und gezwungen, sich zu entfernen. Das junge Mädchen wurde am Halse gewürgt und man drohte demselben, es zu töten, falls es schreien würde.

Der junge Mann kehrte in Begleitung von sechs französischen Soldaten zurück. Hier wurden die beiden Franzosen noch bei der Vergewaltigung vorgefunden. Sie wurden beide festgenommen.

Das Mädchen wurde inzwischen wiederholt vernommen und musste ihre Aussagen eidlich bekräftigen. Wie ihr mitgeteilt wurde, werden die beiden Täter vor ein Kriegsgericht gestellt werden.

Hehlerbörse am Hauptbahnhof

Essen, 29. März 1923. Unter dem Drucke der heutigen schweren Not, die auf der Ruhrbevölkerung lastet, tauchen auch in unserer Stadt immer mehr unsaubere Elemente auf, die aus dem allgemeinen Unglück persönliche Vorteile zu erzielen bestrebt sind. Auf der sogenannten Hehlerbörse am Hauptbahnhof entfalten die zweifelhaften Existenzen, die die starke Polizeiaufsicht gelockert wähnen, eine regere Tätigkeit.

Zu einer wahren Landplage ist in den letzten Wochen der wilde Straßenhandel geworden, der sich in allen Teilen unserer Stadt breitgemacht hat, und der sich auf allen Gebieten betätigt.

Die Kriminalpolizei geht diesen wilden Händlern jetzt rücksichtslos und mit Strafen zu Leibe.

Festgeschlossene Abwehrfront

Karfreitag, 30. März 1923. Die französische Regierung ist über ihr Vorgehen im Ruhrgebiet schwer enttäuscht. Die Nervosität steigert sich fortgesetzt, Poincarés Ratlosigkeit ist offenkundiges Geheimnis. In Frankreich selbst beginnt man zu begreifen, dass gegenüber dem unbeugsamen Widerstand der festgeschlossenen Abwehrfront ein Erfolg unmöglich geworden ist. Man hatte sich den militärischen Spaziergang in seinem Ergebnis anders vorgestellt, weil man allzu sehr auf die bezahlte Berichterstattung getraut hatte. Den kerndeutschen Sinn der Einwohnerschaft des Ruhrgebietes, das starke Freiheits- und Unabhängigkeitsgefühl, der alte Sachsentrutz sind Momente, die nicht in Rechnung gestellt worden sind.

Blutiger Zusammenstoß in Essen

(Rhein- und Ruhrzeitung, Duisburg/Mülheim an der Ruhr)

Karsamstag, 1. April 1923. Letzte Nachrichten. Heute früh wurde die Kraftwagenhalle der Kruppschen Gußstahlfabrik von den Franzosen besetzt. Die anwesenden Arbeiter wurden vertrieben, worauf die Sirenen ertönten. Die Kraftwagenhalle 3, in die die Franzosen ebenfalls eingedrungen waren, wurde von ihnen bald wieder geräumt. Infolge Sirenengeheuls hatten sich die Werksangehörigen vor den Wagenhallen versammelt und umstanden in dichten Massen die französische Besatzung, die aus 1 Offizier und etwa zehn Mann bestand. Die Franzosen machten ein Maschinengewehr schußbereit, verhielten sich aber zunächst ruhig. Da sie sich dann aber durch die immer größer werdende Menge bei ihrem Abzug bedroht glaubten, eröffneten sie mit dem Maschinengewehr das Feuer. Einige tote und mehrere schwer verletzte Fabrikarbeiter blieben auf dem Platze. Darauf zogen die Franzosen ab. Ein von den Franzosen besetztes Personenauto wurde von der erregten Menge angehalten und zerschlagen. Die Insassen wurden verprügelt. Die Erregung unter den Fabrikarbeitern ist sehr groß.

Quelle: Haus der Essener Geschichte / www.zeitpunkt.nrw - zusammengestellt und bearbeitet von Andreas Eickholt

 

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