Vor 100 Jahren: Von Spitzbuben und Paletotmardern ....

0 28.04.2023

Spitzbuben kennt man ja zu jeder Zeit. Aber „Paletotmarder“? Als vor 100 Jahren die Ordnung auf unserem Breitengrad aus den Fugen geriet, ging es nicht geklauten Klamotten oder mit falschen Dollars ab. Mord und Totschlag, Attentate und mehr füllten die Nachrichten. Was zu lesen war: Andreas Eickholt hat es für die Serie „1923: Vor 100 Jahren“ zusammengestellt.

Franzosen hissen die Trikolore mitten in Essen
Niederrheinische Nachrichten, Dienstag, 24. April 1923. Essen, 22. April. Die Franzosen haben heute mittag auf dem Haus des Kohlensyndikats, in dem sich die französische Kommandatur und das Hauptbüro der Ingenieurskommission befinden, die Trikolore gehisst. 

Prozess gegen Krupp-Direktoren: Großer Andrang der Presse erwartet
Der Prozess gegen die Direktoren Hartwig, Oesterlen und Bruhn von den Krupp-Werken wird nach neuerer Meldung Ende der Woche stattfinden. Die Verhandlung findet nicht wie sonst im Sitzungssaal des Schöffengerichts im Amtsgerichtsgebäude statt, sondern wird in dem größten Gesellschaftssaale Werdens abgehalten, weil die Franzosen einen außergewöhnlich starken Besuch der internationalen Presse erwarten.

Dollarschwindler verhaftet
Die Essener Kriminalpolizei machte einen guten Fang, indem es ihr gelang, einen Dollarschwindler festzunehmen, der in den Geschäften der Stadt außer Kurs gesetzte 20-Doller-Noten in Zahlung gab. Soweit bislang ermittelt worden ist, hat der Schwindler in mindestens vier Geschäften Erfolg gehabt.

Weidenkätzchen abschneiden verboten!
Niederrhein. Nachr., Mittwoch, 26. April. Schutz der Bäume. Nach der Polizeiverordnung des Herrn Regierungspräsidenten zu Düsseldorf vom 20. März 1921 über den Schutz der Weidenkätzchen ist das unbefugte Abpflücken oder Abschneiden von Weidenkätzchenzweigen in den Monaten April und Mai verboten. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafen bis zu 1500 Mk. oder mit Haft bestraft.

Diebesfrechheit im Landgerichtsgebäude
Welchen Grad die Dreistigkeit der Langfinger in der heutigen Zeit erreicht hat, erhellt daraus, dass die Diebe selbst im Gerichtsgebäude ihr Unwesen treiben, ohne sich durch den dort herrschenden lebhaften Verkehr abschrecken zu lassen. Vor kurzem wurde an einem Eingangstor der Messingdrücker abgeschlagen und gestohlen. Noch dreister ging ein Dieb vor, der gestern in der Toilette an den belebten Wandelgängen das Bleirohr abriss und damit verschwand. Erst als das Klosett unter Wasser stand, wurde man auf die Spitzbubenfrechheit aufmerksam.

Ausschreitungen in Katernberg: ein Toter
Essen, 24. April. In Katernberg wurde am 24. April, abends 11 Uhr, der Selbstschutz von einer Menge Arbeitsloser überfallen, wobei der Gehilfe Josef Krämer jr. getötet wurde. Sein Vater, der Kaufmann Josef Krämer, erhielt schwere Verletzungen. Weiter drangen die Ruhestörer in die Räume des Polizereviers ein und bedrohten die Beamten mit Schusswaffen. Beim Fortgang nahmen sie den Hausschlüssel, den Hörer des Telephons und den Privatrevolver eines Beamten mit und schlossen die Beamten ein.

Zigaretten für 25 Millionen beschlagnahmt
Niederrhein. Nachr., Donnerstag, 26. April. Essen, 25. April. Im Langendreer wurde gestern abend ein Automobil der Zigarettenfabrik Haus Bergmann mit Zigaretten im Werte von 25 Millionen Mark ohne Grund von den Franzosen beschlagnahmt.

Bis zum letzten Eisenbahner
In Mainz fanden Verhandlungen zwischen der französischen Eisenbahnregie und deutschen Eisenbahnbediensteten über die Wiederaufnahme des Eisenbahndienstes unter französischem Befehl statt. Dabei hat die französische Eisenbahnregie folgende Erklärung abgegeben: Die Massenausweisungen gehen unter allen Umständen bis zum letzten Eisenbahner weiter, wenn diese auf ihrem ablehnenden Standpunkt beharren sollten. Die deutschen Eisenbahner erklärten, dass sie nicht gewillt seien, ihren Diensteid zu brechen.

Tödlicher Unfall auf der Zinkhütte
In dem Betriebe der Borbecker Zinkhütte ereignete sich heute ein schwerer Unfall, bei dem leider ein Todesfall zu beklagen ist. Während der Reparatur einer Laufkatze der Erzhängebahn brach der Haken einer der Flaschenzüge. Die Laufkatze stürzte herab und verletzte den Klempner Gustv Rütter tödlich. Der Verunglückte ist 26 Jahre alt und hinterlässt außer seiner Ehefrau ein Kind.

Lokomotiven unbrauchbar – keiner hilft
Niederrhein. Nachr., Freitag, 27. April 1923. Bei Durchführung des Eisenbahnbetriebs auf den militarisierten Strecken haben die Franzosen große Schwierigkeiten in der Behandlung des Materials. Die bei der Besetzung der Bahnhöfe erbeuteten Lokomotiven sind durch die unsachliche Behandlung in kurzer Zeit so stark mitgenommen worden, dass sie für den Betrieb vollkommen unbrauchbar geworden sind. Vergebens bemüht sich die Regie, deutsche Schlosser zu gewinnen, die die notwendigen Reparaturen vornehmen sollen.

Attentat auf Personenzug am Segeroth
1 Million Mark Belohnung für die Ergreifung des Attentäters auf den Altenessener Personenzug. Amtlich wird mitgeteilt: Am 24. April abends gegen 11 Uhr, ist auf der Bahnstrecke Essen-Altenessen – Essen-Nord in der Nähe der Segeroth-Baracken ein Sprengkörper zur Explosion gebracht worden, als gerade ein Personenzug von Altenessen nach dem Bahnhof Essen-Nord fuhr. Auf die Ermittelung der Täter setzt die Staatsanwaltschaft eine Belohnung von einer Million Mark aus.

Probieren verboten
Niederrhein. Nachr., Samstag, 28. April 1923. Bei der Probe des Werdener Musikvereins in der Wirtschaft „Zum Drügen" erschienen zwei französische Militärpersonen, die die Probe untersagten und Mitgliederlisten mitnahmen.

Toter lag 14 Tage im Wasser
Leichenfund. Im Rhein-Herne-Kanal am Hafen der Zeche Prosper I wurde die Leiche eines unbekannten Mannes aus dem Wasser gezogen. Irgendwelche Papiere fanden sich bei dem Manne, der etwa 25-30 Jahre alt war, nicht vor. Die Leiche, die etwa 14 Tage im Wasser gelegen hat, wurde zum Gemeindefriedhof in Borbeck geschafft.

Ein Jahr Gefängnis für Paletotmarder
Eine empfindliche Strafe verhängte die Strafkammer über den Arbeiter Franz Krause aus Essen, der auf der Kirmes in Werden als Paletotmarder auftrat. Der Angeklagte besuchte die Wirtschaft Kirchholtes und setzte sich zu dem Kaufmann Weppner aus Lüdenscheid an den Tisch. Als der Kaufmann die Toilette aufsuchte, stahl ihm der Angeklagte den neuen Mantel und verschwand damit. Es gelang noch in der Nacht, den Dieb zu ermitteln und ihn zu verhaften. Die Strafkammer verurteilte den häufig und schwer vorbestraften Menschen zu 1 Jahr Gefängnis.

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